Ein Jahr zwischen zwei „Urlauben“

Dieser Beitrag wird wieder sehr persönlich. Persönlicher, als ich das unter Klarnamen tun sollte, denn zu viele Leute lesen hier mit, die eigentlich keinen Anspruch auf diese Informationen haben. Doch vor genau diesen Menschen habe ich mich seit 2013 exakt mit diesem Blog und dem offenen Umgang mit der Erkrankung geschützt. Der Blog war Ventil für Druck, der auf mich ausgeübt wurde und immer wieder auch Entlastung, wenn anonyme Menschen Zuspruch gaben oder wichtige Tipps, wenn ich eine Fehlberatung oder ein seltsames Verhalten dokumentiert hatte. Danke den Bekannten und Unbekannten.

U-R-L-A-U-B

Kaum zu fassen: ich habe gerade so etwas, wie Urlaub. Dieses „Urlaub“ macht recht phantastische Dinge mit mir – aber dazu später mehr. Wie dringend Urlaub dran war, zeigt das letzte Jahr. Es begann mit einem Urlaub Ende August 2016. So mit verreisen, wie normale Leute das tun. Die Erholung tat gut – dass eine Beziehung in die Brüche ging (wieder mal) in die ich große Hoffnungen gesetzt hatte eher nicht so. Aber das war wohl unvermeidbar und bestimmte auch die Prägung, die der September 2016 daraufhin erfuhr. Immerhin eine positive Entwicklung ergab sich: in Absprache mit dem Berufsförderungsdienst konnte ich mir Rückendeckung verschaffen. Der Stress im Sommersemester hatte dazu geführt, dass ich wesentliche Anteile des Semesters nicht bewältigen konnte. Im ohnehin überstraffen Zeitplan des Studiengangs fehlten mir die Reserven.Selbst 10 Jahre jüngere Kommilitonen (ohne Erkrankungen oder vergleichbare Herausforderungen) gerieten an ihre Grenzen. Nach einigen Wochen der Korrespondenz und Prüfung gestand man mir zu, dass ich das Studium wohl nicht in der Regelstudienzeit erfüllen können würde. Eine Entlastung. Endlich.

Der Oktober 2016 war mit einem Redaktionspraktikum voll ausgeplant. Am liebsten wäre ich direkt dort geblieben. Die Regelmäßigkeit am Arbeitsplatz tat gut und vieles lief so gut, dass es geeignet war, wieder vertrauen in meine Fähigkeiten zu finden. Unschön war allerdings, dass ich wieder auf „Vorgesetzte“ stieß. Eine Eskalation entlang eines kontroversen Themas – Ober sticht Unter – dazu noch cholerisches Verhalten, das ich auszuhalten hatte. Die letzten beiden Wochen des Praktikums waren geprägt von Überwindung und Rückzug. Exakt in dem Moment, wo ich dachte: „Prima, ich funktioniere!“ Anders, als zuvor führte diese Erfahrung allerdings nicht zu wochenlangen Depressionen und Rückzug. Es blieb bei einigen wenigen Tagen. Tagen mit Konzentrationsproblemen. Orientierungsproblemen im Redaktionssystem. Selbst gelernte Handgriffe saßen nicht mehr. Tagen, an denen auch zu Hause schon das Maximum erreicht war, wenn ich regelmäßig aß und saubere Kleidung hatte.
Immerhin war ich in der Lage, das Praktikum abzuschließen.
Geschrieben habe ich seither allerdings nichts für diese Redaktion – trotz des Angebots. Einerseits liegt es an der Erfahrung dort – wesentlicher aber war, dass die folgenden Monate es nicht zuließen.

Im November 2016 stieg ich in das Semester ein. Die Zielsetzung war, dass Printprojekt abzuschließen. Es war noch ein Artikel aus dem Redaktionspraktikum in der Mache – es gab eine Deadline und ich schaffte es auch, diese einzuhalten. In der Woche wurde mir allerdings deutlich, dass eine laufende Recherche zu einem Thema während der Semesterkurse kaum zu machen ist. Zu den Arbeitszeiten in Kursen sitzen, rauslaufen um Anrufe entgegen zu nehmen, Sachstand im Kopf behalten, irgendwie am Kurs weiter teilnehmen – nicht wirklich förderlich. Anderen mag das gelingen – mir nicht. Doch nach dem Artikel liefen die Kurse und Projekte gut an.

Wo Licht ist, lauert auch der Schatten. Der vielversprechende Lauf im Studium dauerte gut eine Woche, bis ein Routinearzttermin wieder alles auf den Kopf stellt. Ein leitender Arzt sollte mich zum weiteren Therapiebedarf befragen, blies aber ein Hallali zur Jagd auf den angeblichen Simulanten, der da vor ihm saß und erklärte mich kurzerhand für ärztlich nicht führbar. Damit „bewirkte“ er, dass ich eine für März / April 2017 geplante Therapiemaßnahme in den Dezember 2016 vorverlegen musste.

Bis zum Beginn der Therapiemaßnahme, war der psychische Druck kaum auszuhalten. Ich versuchte im Studium zu funktionieren, um nicht erneut ein Semesterprojekt aufschieben zu müssen oder nicht zu schaffen. Ohnehin war Winterzeit. Zu wenig Tageslicht und damit war selbst ohne „ärztlichen Druck“ die Gefahr groß, wieder mit Depressionen zu kämpfen. Kurz vor Weihnachten absolvierte ich die ersten drei Schreibsessions und nahm mir dann bis in den Januar 2017 eine Auszeit, um Weihnachten durchzustehen. Konfrontation mit Familie – die Kids im Ausnahmezustand. Entspannung gab es da nicht. Ein wenig Ausgleich bot der alljährliche Hackerkongress des Chaos Computer Clubs zwischen Weihnachten und Silvester. Ein Rettungsanker, um nicht wieder Sozialkontakte wegen der psychischen Anspannung zu verlieren.

Im Januar 2017 kostete die Onlineschreibtherapie sehr viel Kraft. Ging es in den ersten drei Sessions noch um Kindheit und Jugend, folgten ab Session vier nun die Einsatzerlebnisse. Schreiben – absenden – Rückmeldung abwarten – Rückmeldung lesen – repeat. Rückhalt gab mir in dieser Zeit vor allem die Arbeit am Thema NSA-Untersuchungsauschuss. Die Teilnahme an den Sitzungen und die Podcasts im Anschluss bedeuteten vor allem selbstbestimmt arbeiten zu können, während weder Studium, noch Therapie dafür den Raum ließen.

Mit einer Schlussbegutachtung im Februar 2017 ging die Onlineschreibtherapie zu ende. Auch der NSA-Untersuchungsausschuss endete im Februar. Zeitgleich mit dem Semester, in dem ich immerhin das Semesterprojekt abschließen konnte. Statt der vorgegebenen 30 Creditpoints erlangte ich immerhin 20. In der zweiten Februarhälfte begann dann wieder ein Praktikum. Semesterferien sind in nahezu allen Studiengängen mittlerweile Raum für Praktika und Hausarbeiten. Das Wort „Ferien“ ist eigentlich grundlegend falsch.

Zwei Wochen im Februar 2017, den kompletten März 2017 und die ersten Tage des April 2017 hatte ich nun wieder einen geregelten Tagesablauf in einer Redaktion. Keine doppel- oder dreifach Belastung, wie in den Monaten zuvor. Raum für ein Sozialleben. Raum für Struktur. Die wenigen Tage im April, die bis zum Beginn des Sommersemester blieben, schaffte ich es, einen Vortrag über den NSA-Untersuchungsausschuss vorzubereiten und in Darmstadt zu halten. Dann blieb noch eine Woche, in der mich einer meiner Söhne in Berlin besuchen konnte, bevor nach dem Osterwochenende das Sommersemester begann. Besuche von und Reisen zu meinen Söhnen sind für uns mittlerweile emotionale Ausnahmezustände, da wir uns quasi jedes Mal neu kennenlernen müssen, weil ein gemeinsamer Alltag nicht existiert.

So brachte auch der Mai 2017 mit der Geburtstagsreise zu meinem jüngsten Sohn wieder eine Herausforderung. Hinzu kam ein letzter Screening-Termin im Rahmen der Onlineschreibtherapie, der in diesen Monat fiel. Entlastend war die Teilnahme an der Bloggerkonferenz re:publica und der Fakt, dass ich einige Kurse des Sommersemesters schon absolviert hatte.

Mit Ansage wurde der Juni 2017 ein mehr als stressiger Monat. Das Pfingstwochenende gehörte meinem jüngsten Sohn, der zu Besuch kam. Für das Studium wollten nicht nur Abgabetermine, sondern auch die Produktionsphase des Semesterprojektes gestemmt werden. Redaktionssitzungen, Drehtage, aber auch Seminarteilnahmen, eine Konzertbesuch und die anschließend abzugebende Kritik. Entlastend war wieder die Arbeit rund um den NSA-Untersuchungsausschuss, der sein Abschussergebnis präsentierte.

Zwischen dem 29. Juni und dem 10. Juli diktierte das Videoprojekt meinen Tagesablauf. Inklusive der Wochenenden. Nicht nur die Arbeit an einem Beitrag, sondern auch die Moderation der Sendung standen für mich an. Zwischenzeitlich Besprechungen mit dem Dozenten, der den Beitrag freizugeben hatte und die Organisation von Studiogästen für das Magazin. In dieser Phase gab es wieder kaum Sozialkontakte, die nicht mit dem Projekt zu tun hatten. Selbstbestimmtes Arbeiten ging dann erst wieder am 11. und 12. Juli, als ich Zeit im Tonstudio verbringen konnte um einer Freundin bei ihrem Masterarbeitsprojekt als Sprecher zur Verfügung zu stehen. Bis zum feierlichen Semesterabschluss am 20.07. – auch hier wollte eine Moderation nicht den Weg um mich herum nehmen – waren es dann nur noch zwei Abgaben, die auf der Liste standen. Eine davon schaffte ich – die andere wurde zum Problem.

In den sehr, sehr diffusen Arbeitsplan mischte sich dann auch noch der Fakt, dass meine Gesundheitsakte verloren zu sein scheint. Seit dem 17. Juli 2017 ist dieser Sachverhalt nun wieder mal ein Fall für den Wehrbeauftragten, der sich nach gut 14 Tagen auch mit einem Schreiben als bearbeitend zu erkennen gab. An sich wäre es mir egal, wo meine Akte ist. Doch es wird dringend Zeit, dass ich mich um Arztbesuche kümmere, die im letzten Jahr nicht stattgefunden haben. Vorsorgeuntersuchungen sind überfällig, Impfungen aufzufrischen – alles Programm, was ich für im August 2017 angehen wollte. Denn neben diesem ominösen Urlaub, ist auch derzeit eine Kur zu planen, die im November 2017 / Dezember 2017 stattfinden soll.

Eine große Herausforderung war dann noch die letzte Abgabe des Semesters. Eine Altlast aus dem Sommersemester 2016. Den Abgabetermin im Juli konnte ich nicht einhalten. Den allerletzten Abgabetermin überschritt ich um 21 Stunden, nachdem mir die Kursleiterin diesen Ausweg noch eröffnet hat. Nicht zuletzt, weil ich in der Woche zuvor noch die Chance wahrgenommen habe, in der Talkshow Dunja Hayali zu einem Bundeswehrthema aufzutreten.

An diesem Punkt spüre ich bereits, dass die Eiferer der mitlesenden Dienst oder aus Bundeswehrkreisen jubilieren und mir sogleich diese Zeilen vorhalten wollen als Beweis dafür, ich würde mein Studium vernachlässigen. Sei es drum: rufen Sie gern wieder beim Chef des Stabes an, petzen Sie nach Herzenslust.

Oder aber ersparen Sie sich die Blamage. Denn das Ziel der Schutzzeit, in der ich mich gerade befinde ist, mich für den Berufseinstieg zu qualifizieren. Eigene Projekte, wie die Berichterstattung aus dem NSA-Untersuchungsausschuss oder die Möglichkeiten unter Live-Bedingungen in TV-Studios als Experte zu einem Thema zu sprechen sind Gelegenheiten, die ich nicht auslassen darf, denn reale Arbeitsbedingungen können im Studium nur an wenigen Stellen geboten werden.

Auf der Habenseite dieses Semesters stehen nicht nur Creditpoints oder Kursleistungen, sondern auch TV-Studioerfahrung bei der Deutschen Welle, einem internationalen Nachrichtensender und zuletzt nun auch beim ZDF.

U-R-L-A-U-B

Wie schon erwähnt: dieser Urlaub macht interessante Dinge mit mir. Um eine Wochenstruktur zu haben löuft seit gut 14 Tagen mein Marathontrainingsplan. Mittlerweile ist es wieder die Lust am Laufen, statt die rationale Entscheidung, dass ich Struktur brauche, die mich in die Laufschuhe treibt. Ich schaffe es, mich um Garten und Haushalt zu kümmern, was leider in den letzten Monaten nicht durchgängig der Fall war. Kognitiv ist wieder Kapazität vorhanden, um Bücher zu lesen, Ausstellungen und Kulturveranstaltungen zu besuchen, öfter zu kochen und zu bloggen. Alles recht banale Dinge, aber eben Dinge, die Entlastung schaffen. Eine Entlastung, die normalerweise neben dem Alltag auch regelmäßig stattfinden sollte, doch leider keine Selbstverständlichkeit ist.

Wieder einmal habe ich fast eine Woche gebraucht um überhaupt zu merken, dass ich Urlaub brauche, weil Belastung vorhanden war die ich nicht ausreichend kompensiert habe. Ich habe nicht wirklich erkannt, wie viel im vergangenen Jahr kritisch lief und wie oft ich auf Überlastung hinsteuerte.

Daher ist auch die Kur im November notwendig, um noch einmal vor Beginn der Masterarbeit im März 2018 für Ruhe und Ausgleich zu sorgen.