„Und wie geht‘s vom Kopf her?“

Zum ersten Mal seit Monaten ich nun wieder Arzttermine wahrnehmen. Nach einem Zahnarzttermin stand am Freitag, den 3.11. nun der Allgemeinmediziner auf dem Plan. Neben den Vorsorgeuntersuchungen, die ich eigentlich in den Semesterferien im August längst erledigt haben wollte, soll es bei diesem Termin auch um die Beantragung einer Kur gehen.

Es dauert eine Weile, bis das Gespräch mit der Oberstabsärztin in Gang kommt. Ich muss begründen, warum ich eine jährliche Blutuntersuchung machen lassen will und warum ich bereits im Alter von 38 Termine zur Darmkrebsvorsorge mache.

Irgendwann dann die Frage „Und wie geht‘s vom Kopf her?“. Ich bin irritiert. Alle äußeren Merkmale sind vorhanden. Rechts und links ein Ohr, halbwegs symetrisch platziert. Auch die Nase sitzt zwischen den Augen und oberhalb des Mundes. Ich bleibe kooperativ und gehe davon aus, dass die Ärztin nach dem Stand der Behandlung beim Psychotraumazentrum fragt.

Schon eingangs betonte sie, es ginge ihr um offene Kommunikation. „Sie können mich hier auch mal anschreien. Wir müssen nicht einer Meinung sein.“ Mir ist auch drei Tage nach dem Gespräch nicht klar, was sie sich von „anschreien“ verspricht. Ich neige eher zu Sachlichkeit und betont ruhiger Kommunikation.

Wir klären auch die wichtige Statusfrage. Bin ich Berufssoldat, Reservist oder Zeitsoldat. Ich erkläre, dass ich versorgungsrechtlich derzeit in der sogenannten Schutzzeit bin. Ein offizielles Dienstzeitende gibt es daher nicht – nur die Obergrenze von 5 Jahren, die die Schutzzeit maximal dauern darf. Davon sind nun seit dem 15.03.2015 – Stand heute – nun 966 Tage vergangen … also nur ein wenig mehr, als die Hälfte der Zeit, die mir zur Verfügung steht für die gesundheitliche und berufliche Rehabilitation.

„Bei der Kur muss ich noch einmal Rücksprache halten.“

Kuren gibt es bei der Bundeswehr aus zwei Gründen. Wiederherstellung der Einsatzfähigkeit und präventiv zum Erhalt der Einsatzfähigkeit. Für Irritation scheint weiterhin zu sorgen, dass ich offen angebe, mir keinen Dienst bei der Bundeswehr mehr vorstellen zu können. Das liegt wesentlich an den Erfahrungen, die ich am 27.09.2008 und in den Tagen danach gemacht habe. Zusätzlich dazu dann auch am Schweigen der Verantwortlichen.

Die Ärztin erklärt mir, welchen Maßstab sie bei einem Kurantrag anzulegen hat. Naiv wie ich bin ging ich davon aus, dass ich über die Notwendigkeit mit dem Facharzt des Psychotraumazentrums hinreichend reflektiert habe und dass auch die Einbindung in die weiteren Therapiemaßnahmen (ambulante EMDR ab März 2018) geklärt ist.

Nach jetzigem Stand muss ich davon ausgehen, dass mit Abschluss der Masterarbeit etwa nächstes Jahr um diese Zeit auch die Schutzzeit endet. Mein behandelnder Arzt im Psychotraumazentrum hält es für angemessen nach Abschluss des Masterstudiums eine Belastungserprobung zu machen – also einen Einarbeitungsphase an einem Arbeitsplatz mit Rückfalloption. „Es bringt ja nichts, wenn Sie wenige Wochen nach Ende des Studiums dann wieder mit Problemen hier vorstellig werden müssen.“.

Ruhig höre ich mir die Begründung der Ärztin an, warum Sie bei der Bewilligung der Kur an diesem Tag Hindernisse sieht.
„Wissen Sie, wir dürfen Kuren im letzten Jahr der Dienstzeit nicht einfach so bewilligen. Das ist ja schließlich eine Investition ins Personal, die sich ja auch für die Bundeswehr rechnen muss.“ Da müsse ich Verständnis haben, meint die Ärztin. Ich entgegne, dass es aus gutem Grund kein festgelegtes Dienstzeitende gibt, da ich aufgrund einer Einsatzschädigung versorgt werde.

Die Ärztin will dazu nun nochmal Rücksprache mit dem Facharzt halten. Zielsicher pickt sie aus den zwei Optionen, die ich als Kurkliniken ausgewählt habe (Malente in Schleswig Holstein und Möhnesee) die Klinik aus, in die häufig Soldaten geschickt werden. Ich entgegne nochmal, dass es mir sowohl bei der Kurklinik, als auch bei der psychotherapeutischen Begleitung ab März darum geht, ein möglichst ziviles Umfeld zu haben. Eine Ansicht, die auch der Therapeut im Psychotraumazentrum mitträgt.

Interessenkonflikt

Vorschriften, Richtlinien, Weisungen – ich habe Verständnis dafür, dass die Oberstabsärztin ihren Dienst nach den Vorgaben verrichtet, die ihr so gemacht werden. Vorgaben, die allerdings darauf abzielen die Behandlungskosten zu drücken, sollten indes dringend hinterfragt werden.

Ich schildere ihr, dass ich nach meinem zweiten Einsatz in Afghanistan um eine Präventivkur gebeten habe. Anlass war auch der mit 36 von 40 Punkten recht hohe Wert, den eine Befragung zu psychischem Stress nach der Rückkehr aus dem Einsatz ergeben hat. Die Ärztin in Koblenz lehnte eine Präventivkur 2008 mit der Begründung ab, dass zu viele Soldaten aus unserem Bataillon eine solche Kur in Anspruch genommen hätten und deswegen keine Präventivkuren mehr bewilligt würden.

Abstrus bleibt auch, dass ich trotz anerkannter Einsatzschädigung nun angeblich nach den gleichen Kriterien behandelt werden soll, wie aktive Zeitsoldaten. Und selbst für diese wäre eine solche Regelung abstrus: wenn fachärztlich ein Kurbedarf befürwortet wird, dann sollte es egal sein, ob das zwei Jahre oder zwei Monate vor Ende der Dienstzeit ansteht.

Papier ist geduldig

Die Oberstabsärztin bat nach Durchsicht der Gesundheitsakte darum, ich möge über 2014 erfolgte Therapiemaßnahmen noch Abschlussberichte nachreichen. Es würde ihr bei der Beurteilung generell helfen.

2014 habe ich in einer sehr schwierigen Phase ein Coaching in Anspruch genommen. Damals endete das Dienstverhältnis. Ich hatte keinen Zugang zu einer bezahlbaren Krankenversicherung. Die Einsatzschädigung war noch nicht anerkannt, ich war noch ohne Berufs- / Studienabschluss und hing völlig in der Luft. In dieser Zeit habe ich dann begonnen mit Hilfe einer Heilpraktikerin die Trauma Release Exercise zu erlernen. Eine Methode zur Stressbewältigung, die die Bundeswehr mittlerweile selbst anbietet und u.a. vom Standortpfarrer in Berlin Mitte durchführen lässt.

In den vergangenen zwei Jahren gab es weder im Psychotraumazentrum, noch im SanBereich Wedding die Forderung nach einem Abschlussbericht. Auch nicht nach Übernahme in die Schutzzeit, als die Bundeswehr die Kosten aus den Maßnahmen nachträglich erstattete. Mit dem Abstand von mehr als zwei Jahren nun Abschlussberichte einzufordern zeugt aus meiner Sicht davon, dass es kein Konzept gibt, wie mit Einsatzgeschädigten wirklich zu verfahren ist.

Konzeptlosigkeit

Aus meiner Sicht wäre es ratsam, die Federführung bei der Dokumentation des Behandlungsverlaufes in die Hände einer neutralen Instanz, wie z.B. dem Sozialdienst zu legen, der Rücksprache mit der Facharztebene hält und fachärtzlich befürwortete Maßnahmen dann durch den Truppenarzt umsetzen lässt. Umsetzen, aber nicht entscheiden.

Es ist perfide, dass der Schädiger den Behandlungsumfang so beinflussen kann oder immer wieder impliziert, die Behandlung der Einsatzschädigung müsse das Ziel haben, dass am Ende wieder ein funktionsfähiger Soldat dabei herauskommt. Die Pflicht zur Fürsorge besteht über das Ende der Dienstzeit hinaus.

Gesprächsatmosphäre

Das erste Gespräch mit der Ärztin dauerte rund eine Stunde. Ich weiß nicht, was sie auf Basis der vorangegangenen Kommunikation rund um den Arztwechsel für eine Person erwartet hat. Ich habe ihr deutlich gesagt, wie sich das Erlebnis mit dem letzten Arzt ausgewirkt hat und warum ich letztlich den Wehrbeauftragten und das Büro des Beauftragten für Einsatzschädigung involviert habe.

Statt der geforderten Abschlussberichte der Behandlungen aus 2014, werde ich den Verlaufsbericht aus der Onlineschreibtherapie in meine Akte geben. Das ist zielführender.

Die Ärtzin fragte dann auch, was ich nach Abschluss des Studiums machen würde. Ich schilderte, dass ich irgendwie im Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder dem Journalismus Fuß fassen muss. Schließlich kann ich nichts anderes. Darauf meinte die Oberstabsärztin: „Das ist aber schon sehr stressig. Kommen sie damit klar? Wäre es nicht besser ein Buch zu schreiben?“

Klärungsbedarf

In den letzten zweieinhalb Jahren hat sich einiges getan. Nicht nur der Bachelorabschluss, sondern auch das fortgeschrittene Masterstudium kann ich auf der Haben-Seite verbuchen. Die journalistische Arbeit am NSA-Untersuchungsausschuss zählt ebenso dazu, wie die Praktika im Rahmen des Studiums. Doch gab es leider auch immer wieder Rückschläge, die mir Grenzen aufgezeigt haben. In den nächsten Monaten muss sich aus meiner Sicht vor allem klären, in wie weit die Schädigung mich dauerhaft einschränken wird und was ich tun kann, um die Folgen halbwegs abzufedern.

Zu klären wäre auch, ob meine Berufsunfähigkeitsversicherung greift und eine eventuelle dauerhafte Einschränkung zumindest ansatzweise kompensieren kann.

Auszug aus dem Verlaufsbericht der Onlineschreibtherapie

Herr Daniel Lücking, geb. am xx.xx.xxxx wohnhaft in Berlin, nahm vom 06.12.2016 bis zum 17.05.2017 an einer Onlineintervention zur Reduktion der posttraumatischen Belastungssymptomatik teil (https://therapie.ptzbw.org/content/).

1. Rahmenbedingungen

Die Intervention wurde durchgeführt im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie zur Wirksamkeitsprüfung der Intervention für die Zielgruppe der Bundeswehrsoldaten. Die Studie wird durchgeführt am Bundeswehrkrankenhaus Berlin unter Aufsicht von OFA XXX und in Kooperation mit der Freien Universität Berlin, Arbeitsbereich Prof. Dr. Christine Knaevelsrud.

1.1 Ablauf und Studiendiagnostik

Die Teilnehmer werden nach Anmeldung zunächst in einem telefonischen Kurzscreening zur Symptomatik befragt und geben ihre Symptombelastung auf einer Checkliste für Posttraumatische Symptome (PCL) an. Sie erklären sich einverstanden mit der zufälligen Zuteilung zu einem der beiden Interventionsstränge (Onlineintervention beginnt sofort oder nach einer
Wartezeit von 6 Wochen).

Vor Beginn der Onlineintervention erfolgt eine (bzw. für die Teilnehmer der Wartegruppe
zwei) zweitägige Aufnahmeuntersuchung(en) am Bundeswehrkrankenhaus Berlin. Diese Untersuchung wird von Kolleginnen und Kollegen aus der Arbeitsgruppe von Prof. Knaevelsrud durchgeführt. Sie sind Master-PsychologInnen und speziell für die Durchführung wissenschaftlicher Studieninterviews und –untersuchungen ausgebildet. Es erfolgt auch eine ärztliche Abklärung des Vorhandenseins posttraumatischer Belastungssymptome und möglicher Suizidalität.

Eine weitere Untersuchung wird unmittelbar nach Abschluss der Onlineintervention durchgeführt. Ein letzter Termin einer Live-Untersuchung erfolgt drei Monate nach Abschluss der Onlineintervention.

1.2 Online-Schreib-Intervention

Die Onlineintervention basiert auf geprüften und bereits in anderen internationalen Studien als wirksam evaluierten Grundsätzen onlinetherapeutischer und verhaltenstherapeutischer Interventionen.
In der Onlineintervention sind über ca. sechs Wochen hinweg 10 Schreibaufträge zu absolvieren. Der Teilnehmer erhält nach erledigten Schreibaufträgen jeweils eine schriftliche Rückmeldung durch seine Bezugstherapeutin und eine Anleitung zur Fortsetzung des Schreibens. Die Onlineintervention besteht aus festen Bausteinen, die für alle Teilnehmer identisch sind: Zunächst erfolgt eine biographische Einordnung der traumatischen Erlebnisse, dann folgt eine Expositionsphase, in der sich der Teilnehmer mit den Erinnerungen, Intrusionen und anderen Symptomen auseinandersetzt. In der Abschlussphase werden Möglichkeiten der Neubewertung und des Aufbaus anderer Perspektiven auf die Geschehnisse erarbeitet.

2. Diagnostik und Verlauf

2.1 Status bei Aufnahme

Herr Lücking erfüllte zum Zeitpunkt der Aufnahme 4 von 7 Kriterien der
Clinician-Administered PTSD-Scale for DSM-V (CAPS):
– [Trauma Kriterium]
– [Wiedererleben]
– [Zeitkriterium]
– [Klinisch bedeutsames Leiden]

2.2 Status bei der Nachuntersuchung

Herr Lücking hat die auf sechs Wochen angelegte Onlineintervention vollständig absolviert. In der Nachuntersuchung drei Monate nach Ende der Schreibintervention erfüllte Herr Lücking 6 von 7 Kriterien der Clinician-Administered PTSD-Scale for DSM-V (CAPS), d.h. 2 Kriterien mehr als zum Aufnahmezeitpunkt:
– [Trauma Kriterium]
– [Wiedererleben]
– [Vermeidung]
– [Symptome erhöhten Arousals]
– [Zeitkriterium]
– [Klinisch bedeutsames Leiden]
Es ist zum Zeitpunkt der Nachuntersuchung von einer gegenüber dem Beginn verschlechterten Symptomatik auszugehen.

3. Weiterbehandlung / Primärbehandlung

Herr Lücking ist nach Abschluss der Onlineintervention primärärztlich bei seinem Truppenarzt weiterhin angebunden. Um ein Fortbestehen/eine Verschlechterung der Symptomatik zu verhindern
werden geeignete Anschlussbehandlungen intern geklärt.

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Wasserstandsmeldung

Seit nunmehr 1,5 Jahren läuft die sogenannte Schutzzeit, in der mein Lebensunterhalt gesichert ist und eine Krankenversorgung durch die „Freie Heilfürsorge“ gewährleistet ist.

In dieser Zeit war ich in der Lage einen Berufsabschluss (Bachelor) zu erlangen und ich kann nun im Rahmen der vorgesehenen Rehazeit das Masterstudium absolvieren. All das vollfinanziert und zunächst unter scheinbar idealen Bedingungen.

Licht und Schatten

Winter_2

Im letzten Jahr gab es mit dem Abschluss des Bachelors eine deutliche Entlastung zu verzeichnen. Auch die Nominierung des Podcast-Projektes zum NSA-Untersuchungsausschuss für den Grimme-Online-Award war ein tolles Erlebnis.

Neben dem Masterstudium war ich zu mehreren Gelegenheit als Redner zu Bundeswehr- und Antikriegsthemen auf Podien und Veranstaltungen der Linksfraktion unterwegs und fand ein halbwegs zumutbares Maß an Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Negativ fallen allerdings immer wieder platzende Termine ins Gewicht.

Zu zwei Gelegenheiten war ich als Redner in Schulklassen eingeladen. Schulen, an denen zuvor Jugendoffiziere der Bundeswehr gewesen sind und an denen es von Seiten der Eltern und Schüler den Wunsch gab, dass auch jemand zu Wort kommt, der die andere Seite des Dienstes und der Sicherheits- und Außenpolitik erläutert. Beide Termine kamen leider nicht zu Stande.

In Fall 1 war es eine 7:9-Entscheidung im Elterngremium und im anderen Fall wurde kurzfristig wenige Tage vor dem abgesprochenen Termin von Seiten der Schulleitung abgesagt – eventuell ist ein weiterer Versuch in den nächsten Monaten möglich.

Therapie und Genesung

Mit Einstieg in die Schutzzeit wurde mir auferlegt, mich entweder in die Hände von Bundeswehrtherapeuten zu begeben oder die Therapiemaßnahmen selbst zu tragen. Die Klärung der angestrebten Kostenübernahme zog sich – bundeswehrtypisch – wieder über Monate hin und gipfelte in einer Begutachtung, die angeblich notwendig gewesen sei und die mit den Worten begann: „Ja, die Therapiemethode wird nicht übernommen – so viel ist klar.“

Gegenstand der Trauma-Release-Exercise-Sitzungen (TRE) war eine Kombination aus Therapeutengespräch und Übungen zur Tiefenentspannung. Die Methode selbst ist zwar prinzipiell auch allein ausführbar, jedoch entfällt dann das Therapeutengespräch und die Reflexion über Stressoren und belastende Themen.

Das Angebot, die TRE-Übungen mit einem Bundeswehrpfarrer in Räumlichkeiten der Bundeswehr durchzuführen, statt mit der Therapeutin, mit der bereits eine Vertrauensebene bestand, lehnte ich ab.

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich nun auf mich selbst gestellt. Das Maximum an Medikamenten, das ich bereit war zuzulassen war hochdosiertes Johanniskraut (LAIV 900). Damit lösen sich – für mich – keine Probleme. Immerhin wurden die Auswirkungen der Depressionen abgemildert. Seit Dezember 2015 ist auch das LAIV 900 abgesetzt.

Immer wieder bemerke ich, dass ich in Stressphasen absacke. Zum Semesterende im Januar / Februar 2016 war wieder eine dieser Phasen, die mich für zwei bis drei Wochen sehr stark einschränkte und es erforderte viel Kraft, den Tagesablauf halbwegs aufrecht zu erhalten.

Eine ähnliche Phase ergab sich im Mai/Juni 2016. Der Stresslevel in einem ingesamt überplanten und zeitlich deutlich kürzeren Sommersemester forderte seinen Tribut und brachte zumindest die Erkenntnis, dass eine Kur sinnvoll ist, die aber vermutlich nicht vor April 2017 möglich wird.

Grund dafür ist, dass ich ein Urlaubssemester an der Hochschule einlegen muss, was unweigerlich dazu führt, dass ich in der Zeit, in der ich nicht in einer Kurmaßnahme bin zum Dienst in die Kaserne erscheinen müsste. Etwas, das mir nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr möglich ist. Weder in Zivilkleidung, noch und ganz besonders nicht in Uniform.

Dringend erforderlich ist aber nicht nur die Kur. Eine Ruhephase ohne Studienverpflichtungen oder Existenzkampf gab es in den letzten 4 Jahren nicht. Ebenso wichtig, wie die Kur ist eine sinnvolle Beschäftigung für den Rest des Urlaubssemesters. In der nächsten Woche kann ich hoffentlich mit dem zuständigen Berater ein geeignetes Konzept ausarbeiten.

Umgang mit Stress

Egal, ob emotionaler Stress oder Arbeitsstress – mit zunehmender Belastung gerate ich wieder im Tagesablauf aus dem Tritt. Die Ernährung wird unregelmäßig und ungesund, die Schlafphasen unregelmäßiger und ausgedehnter. Routineaufgaben im Haushalt werden belanglos. Auch, wenn das Gefühl von „Ich funktioniere nicht“ an Bedeutung verloren hat, mündet es im Gegensatz zu den Jahren 2013/2014 nicht mehr in Verzweiflung. Symptome, wie Anhedonie bestimmen den Alltag. Ich ziehe mich weitestgehend von sozialen Aktivitäten zurück, was insbesondere mein nächstes Umfeld belastet.

Camp KUNDUZ 2006 - Innenstadt - Lehmmauer - Blech- und Sperrholzbuden.

Camp KUNDUZ 2006 – Innenstadt – Lehmmauer – Blech- und Sperrholzbuden.

Die Erinnerung an die Einsätze und die traumatisierenden Erfahrungen hat in diesen Phasen weiterhin mehr Raum, als ich das will. Manche Handlungsmuster aus der Zeit der Depression in 2013/2014 kehren wieder zurück und fressen sich in mein Leben. Mitunter sind die Stresserlebnisse aus den Einsatzzeiten Teil der nächtlichen Träume und sorgen für eine verminderte Qualität des Schlafes.

Rückschritt

Mittlerweile liegen die Einsätze mit den traumatisierenden Erlebnissen mindestens 8 bis 16 Jahre zurück. Die Hochstressphase, die zur Trauamtisierung führte (Afghanistan-Zeit) spielte sich vor 11 bis 8 Jahren zwischen 2005 und 2008 ab. Diese Erlebnisse fressen sich meist dann wieder in mein Leben,wenn Stress in Beruf, Beziehung und Alltag überhand gewinnt.

Dass ich mein Masterstudium nicht in der Regelstudienzeit abschließen werde, ist absehbar. Dass ich es nicht zwingend muss, ist eine große Entlastung. Die Frage aber ist, wieviel davon ganz verschwinden wird und was letztlich bleibt.

In den nächsten Wochen stehen das Beratungsgespräch „Urlaubssemester“, sowie die Kontaktaufnahme mit den leider notwendigen Bundeswehrärzten an, um eine Kur auf den Weg zu bringen. Das bedeutet dann – leider – wieder die Auseinandersetzung mit Bundeswehrstrukturen.

Bundeswehrstrukturen

Im Oktober 2015 fand die letzte Begutachtung statt. Im Therapeutengespräch erwähnte ich belastende Aspekte, mit denen ich im Alltag immer wieder konfrontiert bin. Die Reaktion des Bw-Arztes: „Seien sie nicht so nachtragend.“

Mit der zuständigen Dienststelle, die mich als Personalangelegenheit zu verwalten hat (mehr will ich auch nicht), gab es Mitte August auch ein kurzes Gespräch. Der Personalverantwortliche wollte zunächst wissen, wie ich klar komme und wo eventuell Unterstützung nötig ist.

Die freundliche und hilfsbereite Haltung dort war nicht belastend. Der Hinweis darauf, ich solle keine militärischen Geheimnisse preisgeben wurde zwei bis drei Mal zwanglos und pflichtbewusst eingestreut.

An die Kritiker

Positiv ist, dass das Mobbing aus Bundeswehrkreisen, das vom Reservisten bis hin zum Generalanwärter in den letzten Jahren immer wieder abstruse Intensitäten annahm mittlerweile nicht mehr sichtbar zu verzeichnen ist. Grund dafür dürfte auch mein Rückzug aus Facebook sein.

Mein Umgang mit Bundeswehrthemen sorgte bisher für keinerlei Anlass mich dienstrechtlich zu belangen, wie es auf dem Papier möglich wäre. Telefonanrufe beim zuständigen Chef des Stabes können sich daher all diejenigen sparen, die Kritik an der Bundeswehr nicht aushalten und argumentieren „Er wird versorgt – er soll die Klappe halten.“

Da ich keinen Zugang zu Dienstgeheimnissen habe und vom militärischen Dienst freigestellt bin, verhalte ich mich in allen Belangen rund um das Thema Bundeswehr, wie es für einen Journalisten angemessen ist. Das schließt Kritik mit ein und ist in Zeiten von schillernder Bundeswehrwerbung und hunderten von Jugendoffiziersbesuchen in Schulen mehr als nötig. Keine Bezahlung der Welt wird mich davon abhalten. Das trenne ich deutlich voneinander.