Protest gegen US-Africom im Stuttgart

In Stuttgart betreibt die US-Armee seit Jahrzehnten eine Militäreinrichtung, die als Kommandobehörde für Europa fungiert. Seit 2007 ist in den Kelley-Barracks darüber hinaus das US-Africom untergebracht. Über US-Africom werden die Operationen in afrikanischen Ländern, wie Somalia gesteuert.

Basis für die Drohnenangriffe sind oft nur die Daten aus der Mobilfunknutzung der Menschen, die mit Drohnen beschossen werden. Daten, die oft fehlerhaft und nicht eindeutig sind. Daten, die auch von deutschen Geheimdiensten, wie dem Bundesnachrichtendienst BND oder dem Bundesamt für Verfassungsschutz BfV an die US-Dienste weitergeleitet werden. Eine Garantie dafür, dass die Daten für den Drohnenkrieg genutzt werden gibt es nicht. Von deutscher Seite aus begnügen sich die zuständigen Bearbeiter im Verfassungsschutz, dass sie schreiben „Nur zur Nachrichtendienstlichen Verwendung“.

Trifft eine Drohne dann doch einmal den Inhaber einer Rufnummer, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz weitergeleitet wurde, so lautet die Hausmeinung, man sie nicht unmittelbar, allenfalls mittelbar beteiligt.

Drohnenraketen, die immer wieder auch unschuldige Zivilisten treffen. In Afghanistan, Pakistan, Somalia, Jemen und vielen anderen Ländern der Welt. Drohnentötungen, die mehr Menschen gegen uns aufbringen, als wirkliche Gefährder zu töten.

Nach rund drei Jahren Arbeit am Thema IT-Sicherheit und Überwachungstechnologie, sowie auch meiner Arbeit an den Hintergründen der US-Militäreinsätze nach 9/11, ist meine Haltung zu diesen Einsätzen klar. Zum Jahrestag des Endes des zweiten Weltkriegs am 8.5.2016 protestierte ich daher gemeinsam mit rund 300 Friedensaktivisten gegen die US-Militäreinrichtung, gegen ihren Auftrag und gegen die Methoden, mit denen der angebliche Krieg gegen den Terror geführt wird.

Ausdrücklich nicht protestiere ich gegen amerikanische Bürger, die auf das Verhalten ihrer Regierung ebenso wenig Einfluss haben, wie die meisten Deutschen auf das Kanzleramt oder die meisten Afghanen auf die korrupten Politiker in ihrem Land.

 Bericht auf den Seiten der Stuttgarter Nachrichten

Redebeitrag: „Wir haben da etwas vergessen“

Willy Brandt brachte es auf den Punkt: „Vom deutschem Boden darf nie
wieder Krieg ausgehen.“
Aber mit der Wiedervereinigung haben wir einen notwendigen Schritt
verpasst, den wir dringender denn je nachholen müssen.
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Das „Adlon“-Gespräch – warum die Pause nötig war

Nach nur wenigen Artikeln über den Fortgang der Therapie greife ich das Thema Trauma nun wieder auf. Die Aufarbeitung läuft anders, als 2013 – aber nicht weniger intensiv. Kritikern, die mir vorhalten: „Geh studieren und such dir eine Arbeit!“ kann ich derzeit nur mit meinem Assistenten begegnen. Manche habe ich auch schlichtweg aus dem Freundeskreis entfernt.

Kritik aus Reihen der Einsatzgeschädigten

Die Schlagzahl der Artikel hier hat sich ein wenig reduziert. Vereinzelt kam Kritik auf „Ja, Ja, die finanzielle Situation ist gesichert – schon hast du kein Interesse mehr am Thema!“ Diese Einschätzung ist schlichtweg falsch. Die Aufarbeitung der Erlebnisse kostet Kraft und Energie, die nicht immer gleichmäßig vorhanden ist – nicht zuletzt, wenn Druck auf mich ausgeübt wird.

Meine Konzentrationsfähigkeit schwankt sehr stark und die Rahmenbedingungen, um zu schreiben und Texte zu entwickeln sind nicht immer vorhanden. Schreiben – noch dazu wenn es einen Menschen selbst betrifft – ist kein Wasserhahn, den man aufdreht und schon fließen die Worte.

Das Thema verliere ich aber nicht aus den Augen. Weder für mich, noch für andere.

Adlon-Gespräch: Die eigene Strategie: „Ich mache weiter!“

In einem Phoenix-Interview habe ich thematisiert, wie ich derzeit meine Arbeit schützen muss. Über den Ablauf des „Adlon-Gespräch“ gebe ich im Text dann Auskunft.

Im Dezember griff mich ein „Regierungsmitarbeiter“ während meines Protests auf der Straße vor der britischen Botschaft ab und lud mich ein: „Da kann ja mal der eine Reservist dem anderen einen Kaffee ausgeben.“

In dem rund dreistündigen Kaffeegespräch drehte er mit mir eine kleine Runde durch die politischen Strukturen Berlins und gab mir einen intimen Einblick in die Arbeitsabläufe und mit welchen Kräften ich mich da derzeit anlegen würde.

Er riet mir, Facebook, Twitter und Blogaktivitäten einzustellen und war auch der Auffassung, dass das Thema meiner Bachelorarbeit nicht von allgemeinem öffentlichen Interesse sei.

Er: „Sie wollen doch keine „Kaderakte“ haben.“
Ich: „Was ist denn eine Kaderakte?
Er: „Da steht alles drin, was sie online so machen. Und noch das, was man so dazu erfinden kann.“

Schon zum Selbstschutz kündigte ich an, dass ich nicht etwa Islamkarrikaturen, Trauma oder Menschenrechtsverletzungen im Auslandseinsatz thematisieren würde, sondern Journalisten einen Überblick über notwendige Schutzmaßnahmen für die redaktionelle Arbeit geben will.

Im Gespräch zückte der Regierungsmitarbeiter irgendwann seinen Truppenausweis und meinte:

„Das Ziel muss doch sein, dass sie wieder so etwas bekommen.“ Ich entgegnete, dass er sich gar nicht vorstellen könne, wie sehr ich NICHT mehr Teil der militärischen Hierarchie sein will:

„Das einzige, was ich mir in Bezug auf eine Tätigkeit beim Bund noch vorstellen könnte wäre, im Büro des Wehrbeauftragten die Verfehlungen der Truppe zu verfolgen.“

Ein Widerspruch in sich

Wo genau der „Regierungsmitarbeiter“ mit mir hin wollte kann ich nur mutmaßen. Zunächst bescheinigte er mir, dass ich zu intelligent für eine normale Bundeswehrlaufbahn sei :
„Sie nehmen zu viel wahr und hinterfragen das dann. Das hätte die Offizierbewerberprüfzentrale feststellen müssen und sie gar nicht zum Offizier zulassen sollen. Solche Leute sucht man dort eigentlich nicht.“

So recht passt es nicht zu seiner Aussage, ich müsse doch wieder einen Truppenausweis bekommen.

Ich nahm prompt die Auswahlkommission in Schutz. Mein Abiturzeugnis legt mit einem Durchschnitt von 3,5 in der Tat nahe, dass ich nicht das hellste Birnchen am Weihnachtsbaum wäre.

Trauma-Exkurs

Der Regierungsmitarbeiter war bereit, mir ein paar hilfreiche Hinweise zu geben, was meine Traumatisierung angeht. Offenbar geschichtlich bewandert begann er seine Trauma-Deutung mit den Kriegszitterern im ersten Weltkrieg und der Feststellung, das im zweiten Weltkrieg das Phänomen seltener aufgetreten ist.

Der Aspekt (Todes-)Angst und Lebensgefahr über einen längeren Zeitraum ausgesetzt zu sein spielt offenbar eine wichtige Rolle für das Trauma. In meinen Einsatzerlebnissen ist dies häufiger zu finden. Insbesondere die Lager-Situation habe ich nach den Erlebnissen in Tetovo als belastend empfunden.

Ein Camp in der Innenstadt – im Wissen, wo das in Tetovo geendet ist, war schon die Einfahrt in das alte Camp in Kunduz eine Einstimmung auf die bedrückenden Gefühle, die ich aus dem März 2001 kannte. Eine ehemalige Gärtnerei mit Lehmmauern im Bereich der Stadt – die Parallelen waren eindeutig und stießen mir sofort unangenehm auf.

Mit der Verschärfung im Januar 2006 wurde das Camp dann im Februar 2006 zum Präsentierteller, der wohl nur durch Glück nicht zum Mittelpunkt einer gewalttätigen Demonstration wurde, wie das Camp in Meymaneh, Frayab.

Kein Ausweichen möglich

Auch in den späteren Einsätzen waren die Situationen belastend, in denen es keine Möglichkeit gab, mich in Sicherheit zu bringen. Die beiden Fahrten zu denen ich mit wenig oder schlicht falschen Informationen aufgebrochen bin waren dabei ebenso belastend, wie die Einbindung in die militärische Hierarchie.

Wenn eine fachlich korrekte Entscheidung auf Basis von „Eichenlaub auf der Schulter“ negiert wird, dann nimmt es gleichermaßen den Raum, das Richtige zu tun, wie das Festsitzen in einem Jeep, der ungeschützt in eine nicht angekündigte Tagesfahrt unterwegs ist.

Provokation am laufenden Band

Der „Regierungsmitarbeiter“ unternahm immer wieder Versuche mich zu provozieren. Konservative Ansichten ertrage ich in der Regel – über schwulenfeindliche oder antisemitische Äußerungen, wie sie in dem Gespräch passierten kann ich nicht hinweg sehen.

Als sich der Mitarbeiter am Ende des Gespräch vor der US-Botschaft von mir verabschiedete, stand am Pariser Platz gerade der achtarmige Leuchter – ein jüdisches Symbol.

Regierungsmitarbeiter: „Das Ding kennen Sie, oder?“

Worauf er mit der Frage hinaus wollte, war mir zunächst nicht klar, aber ich sollte die Information gleich erhalten:

„Dieses Facebook – das ist auch von so einem Juden gemacht.“

In einem späteren Mailkontakt ergänzte der Regierungsmitarbeiter sein Profil noch um einige weitere Einschätzungen. Passend zu einer „Tornisterkarte“ von 1941 ( heute heißen solche Karten für Soldaten „Taschenkarten“) ordnete er in der Mail ein, dass er die Einwanderungspolitik der letzten 30 bis 40 Jahre für verfehlt halte.

140126-Mail_1

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Ich habe mich nach über einem Monat jetzt dazu entschlossen, diese Dinge öffentlich zu machen. Eigentlich kein guter Stil für einen Journalisten private Nachrichten zu veröffentlichen – aber wie bereits erwähnt: die antisemitischen Äußerungen aus dem Gespräch, wie auch die weiteren Provokationen nehme ich nicht hin.

Ich habe weitestgehend anonymisiert – Rückschlüsse auf die Person sollten nicht möglich sein. Dienstliche Nachteile dürften sich auch nicht ergeben – nach eigenem Bekunden ist der Verfasser der eMail kurz vor Ende seiner Dienstzeit und denkt auf einem Buch herum, dass weitere intime Blicke in die Berliner Regierungsarbeit gibt.

Na, da kann ja mal der eine „Noch-Reservist“ dem anderen „Reservisten“ doch einmal Starthilfe geben und Werbung machen für das, was da irgendwann kommt.

Trennen? Nicht möglich.

Immer wieder wurde ich auch von Kommentatoren aufgefordert, das Traumathema aus meiner Arbeit heraus zu nehmen. Ich denke, mit der Erfahrung, die ich gesammelt habe, ist das nicht möglich.

Ich muss davon ausgehen, dass Kritiker mir in Zukunft bei jeder möglichen Gelegenheit das Trauma vorhalten und Recherchen, Artikel und Äußerungen damit entkräften wollen. Diverse Facebook-Diskussionen nahmen bereits diesen Verlauf.

Das, was ich erlebt habe hat – neben all den belastenden Aspekten, die mein Leben stark beeinträchtigen (Depression, erhöhte Wachsamkeit, Unfähigkeit zu Vertrauen) auch ein paar Vorteile, die ich hoffentlich bald für mich nutzen kann.

Bis ich dazu in der Lage bin, bitte ich mein Umfeld um folgendes:

1. Wenn weitere Regierungsmitarbeiter mit mir Kontakt aufnehmen wollen dürfen Sie es gern tun. Ich unterhalte mich gern über die Traumaaspekte und über Missstände in der Bundeswehr – wir können Stunden damit verbringen, ohne dass später Details veröffentlich werden, wie ich es heute tat. Nehmen die Gespräche allerdings den Verlauf des Adlon-Gesprächs, dann ladet euren Mist bitte anderswo ab.

2. Freunde und Kollegen: redet mit mir. Zahlreiche Diskussionen finden statt. Die Anzeichen dafür sind da, werden mir teils absichtlich, teils unabsichtlich mitgeteilt. Mit mir selbst reden tun jedoch die wenigstens. Über mich reden: offenbar einige.

3. Vorgesetzte und Arbeitgeber
In diesem Bereich kann ich mir nur wünschen, dass Anrufe und Beeinflussungen der redaktionellen Arbeit öffentlich gemacht werden, wenn sie kommen.

Ich mache mir keine Illusionen, dass es viele Möglichkeiten gibt, mir das Leben schwer zu machen. Besonders im finanziellen Bereich bin ich weiterhin nicht stabil – werde es wohl auch mit der schwankenden Leistungsfähigkeit nicht immer sein.

Unterstützung, Gegenwind und klare Worte

Die Reaktionen auf meinen Beitrag „Ich fühle mich schuldig – I apologize“ geben mir einerseits viel Kraft.
Andererseits merke ich, wo die destruktiven Kommentare in Masse, mit großer Intensität herkommen und aus welchen Kreisen ich aktiv aufgefordert werde, den Mund zu halten.

Leider können fünf oder mehr positive Kommentare den einen zerstörerischen Kommentar nicht auffangen und ich würde in solchen Momenten – rein aus Selbstschutz – am liebsten das Thema an den Nagel hängen.

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Doch das wäre eine zu schnelle Reaktion. Denn das Thema holt mich – und das ist wohl Teil der Erkrankung – unweigerlich wieder ein. Ich fühle eine ebenso starke Verpflichtung, diesen Einsatz öffentlich aufzuarbeiten, wie ich mich als Vorgesetzter gegenüber meinen Soldaten und meinen Redakteuren verpflichtet gefühlt habe.

Weit über jede Pflicht

Wäre es nur eine Pflicht: mit der Übergabe der Entlassungs- und Dankurkunde wäre ich davon entbunden gewesen. Doch wie wohl für viele Ex-Soldaten mit Depressionen und den immer wiederkehrenden Einsatzerinnerungen kann keine Entlassurkunde abschließen, was vor Ort an Erschütterung stattgefunden hat.

Ich kam in der Absicht zur Bundeswehr und in die Einsatzländer, mich für Menschenrechte einzusetzen, diejenigen zu beschützen , die sonst Kriegswirren, den Folgen von Katastrophen oder korrupten, verbrecherischen Staatsregimen zum Opfer fallen.

Für mich – und vermutlich für viele andere – ist das Erkennen der Lüge, die in die Öffentlichkeit und auch in Richtung des Parlaments verkauft wird das größte Problem.

Im Wissen, dass ich mich nach all meinen Erfahrungen heute nie wieder bei einer Bundeswehr verpflichten würde, die solche Zustände duldet, geheim hält und wohl auch fördert.

Viel Gegenwind, viel Rückenwind – aber auch: ehrliche Worte

Ein Kommentator brachte es auf den Punkt und machte deutlich, was vor Ort in Afghanistan für einige Führungsebenen Tagesgeschäft ist, für andere nur spürbar, wohl aber auch für viele Soldaten absolut nicht erkennbar.
Der Grundsatz, nachdem die Hierarchie hier verfährt, ist „Führen durch Informationsvorbehalt“.

Fakt: Die Regierung Karzai verlangt seit Jahren, dass die ISAF-Nationen keine Afghanen gefangen halten sollen, sondern diese übergeben.
Fakt: Die Bundesrepublik Deutschland hält sich daran und hat die Bundeswehr angewiesen (Taschenkarte Umgang mit Gefangenen), die Gefangenen schnellstmöglich an die afghanischen Behörden zu übergeben. (Leider)
Fakt: Ein Teil der afghanischen Behördenleiter sind Verbrecher, die wir meist milde als „Warlords“ bezeichnen und die einen sehr unwürdigen Umgang mit Gefangenen pflegen – oder diese schnell laufen lassen, wenn sie zu ihrer eigenen Bande gehören.

Resultat: Viele Einsatzsoldaten fragen sich oft, ob wir überhaupt auf die Richtigen schiessen Wenn jemand wie Daniel solche Dinge erlebt hat und darunter leidet, hat er wohl das Recht, dies zu äußern. Wenn die Bundesrepublik Deutschland nicht damit leben kann, dass diese Dinge bekannt werden, darf sie ihre Soldaten eben nicht mit solchen Mandaten in solche Länder schicken!!! Sie kann aber offenbar auch damit leben, die davon seelisch geschädigten Soldaten jahrelang als Sozialfälle und Suizidgefährdete dahin vegetieren zu lassen.

Mir geht es weiterhin nicht darum, das Verhalten von Soldaten anzuprangern. Mir geht es darum, dass sich unsere Politik – unsere Regierung – nicht vor der Realität der Einsätze sperren darf. Wenn geäußerte Kritik – so deutete es ein weiterer der Kommentatoren an – zur Entlassung oder Ablösung führt, dann muss diese Realitätsverweigerung Konsequenzen auf der politischen Ebene haben.

Ich werde auch künftig mit Parteien, die mich in dieser Arbeit unterstützen, zusammenarbeiten. Wenn das die Partei „Die Linke“ ist, dann hatte und habe ich damit kein Problem. Wenn ich Absagen erhalte, wie im Fall 27.09.2008 aus einem Büro der Grünen, dann werde ich das ebenso öffentlich machen, wie die Reaktion aus dem Büro der ehemaligen FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff.

Unsere Gesellschaft darf sich der Aufarbeitung eines rund 13 Jahre dauernden Einsatzes nicht verwehren.