2017 – Leben mit Depression

Ein bisschen Reflexion – ein bisschen Zwischenbilanz. Der Anlass war ein guter Artikel und ein gutes Gespräch in dieser Woche.

Im November wurde durch ein übergriffiges Arztgespräch der vorzeitige Schritt in die Onlineschreibtherapie nötig. Der Arzt unterstellte, ich wäre ärztlich nicht führbar und würde ohnehin nur simulieren. Zwischen Dezember und Anfang Februar fand dann die Schreibtherapie statt, die mich weiter brachte, aber auch massiv Kraft kostete.

Worte finden

Via Twitter stieß ich heute auf einen Text in The Independent, den ich hier einfüge (please do not blame me for copyrights & understand this as a comment on the text).

In dieser Woche kam es wieder zu einem Gespräch mit jemanden, der auch von Trauma und Depression betroffen ist. Mittlerweile habe ich genug Worte, um zu beschreiben, was passiert und wie ich es verstehe. Oft kann ich aber nicht beschreiben, wie es sich anfühlt. Aber der Text am Ende trifft es sehr gut.

Ich denke, dass die Analogie zu einem Beinbruch, die ich in Bezug auf Trauma schon verwendet habe auch ziemlich treffend das Leben mit Depressionen beschreiben kann. Eine leichte Depression ist vielleicht ein blauer Fleck oder eine Prellung am Schienenbein. Lästig. Dauert auch eine Weile – geht aber wieder weg.

Ein Beinbruch kann glatt laufen und geht auch nach einigen Wochen wieder weg. Manche Menschen neigen dazu, sich öfter mal etwas zu brechen. Doch es gibt auch schwere Unfälle, bei denen ein Bein kompliziert bricht oder zerschmettert wird. Das, was mir passiert ist – und sich seit Jahren mal stärker, mal weniger stark bemerkbar gemacht hat, wird wohl bleiben. Ich rechne nicht mehr damit, dass ich Marathon laufen werde oder Wettkämpfe gewinnen kann. Im Alltag muss ich planen und im Auge behalten, was ich mir zugemutet habe und wann Belastungen zu viel waren.

Stressphase

Neben dem Ende des Studiums und dem Ende der Berichterstattung aus dem NSA-Untersuchungsausschuss kam noch ein Therapiegespräch in der letzten Woche hinzu. Diese Gespräche sind immer so, wie bei einer verkrusteten Wunde, an der rumgekratzt wird oder wo jemand den Schorf mal eben anhebt, um zu sehen, ob sich darunter wieder Haut gebildet hat. Immerhin: im Therapiegespräch läuft das behutsam ab und nicht, wie beim Arztgespräch im November, so einfach mal an einem verkrusteten Pflaster gerissen wurde.

Der Start ins Praktikum lief gut und die Aufgaben und der Kontakt zum Team machen Spaß. Für manches im Haushalt fehlt die Kraft. Noch immer sind Leistungen für dieses Semester offen, die ich gerne abschließen würde. Doch Priorität hat nun erst einmal das Praktikum, das ich diese Woche begonnen habe. Ich fühle mich wohl in dem Umfeld.

Prioritäten

Alles erfüllen zu wollen, ist utopisch. Der Haushalt muss hinten anstehen. Solange die Wäsche regelmäßig in sauberem Zustand da ist, ist genug erreicht. Ob das Geschirr 3 oder 5 Tage ungespült bleibt, macht im 1-Personen Haushalt wenig aus. Doch Menschen in die Wohnung einladen wäre derzeit nicht angebracht. Aber Berlin hält da ja Möglichkeiten vor.

Wichtiger ist, neben dem Praktikum nun anderes nicht aus den Augen zu verlieren. Freunde und Menschen außerhalb der Arbeit treffen. Leider zählt das immer noch zu den Dingen, die ich aktiv einplanen muss. Das Bedürfnis sollte einfach da sein – ist es aber nur selten. Ich sollte nicht auf einem Level kalkulieren müssen, das mit „ohne soziale Kontakte fühlst du dich irgendwann mies – geh raus!“ beschrieben werden kann.

Mitunter fehlt die Konzentration. Ein abgesprochenes Treffen oder etwas zeitlich fest geplantes vergessen – so etwas kommt derzeit wieder vor, aber nimmt keine Überhand.

Trigger

Belastend ist derzeit das Thema „Abschiebungen nach Afghanistan“. Die Ignoranz von Innenminister „Terrorthomas“ de Maizière gegenüber Journalisten, Menschenrechtsorganisationen und gesundem Menschenverstand ist unerträglich.

Auch die Aussagen von Peter Altmaier und Kanzlerin Angela Merkel im NSA-Untersuchungsausschuss zum Thema Drohnensteuerung via Rammstein waren an Zynismus nicht zu überbieten. Menschen würden aus so vielen Gründen sterben, da müsse man bei Drohnen nicht unbedingt handeln. Sinngemäß war die Haltung sehr nah an den Äußerungen von de Maizière in dieser Woche, die 11.000 getöteten afghanischen Zivilisten seien ja nicht direktes Ziel der Taliban gewesen.

Ein paar technische Auffälligkeiten, die meine Kommunikationswege betreffen sorgten ebenfalls für „Anspannung“. Zwar ist der Effekt, den ich beobachten konnte relativ logisch zu erklären. Doch sorgt das wieder für eine unangenehme Präsenz der Erfahrung „Adlongespräch“, bei der mir ein Beamter mit Reservistenausweis den warnenden Hinweis gab, ich solle aufhören zu publizieren, denn schließlich wolle ich ja keine Kaderakte haben, die all das enthielte, was ich online so täte, plus das, was man hinzu erfinden könne.

Auf ein privates und persönliches Telefonat ohne jeden dienstlichen Bezug folgte in engem zeitlichen Zusammenhang ein Twitterecho, das wieder einmal Zufall sein kann. Vermutlich hat ein Algorithmus das Speichern der Telefonnummer auf meinem Handy zum Anlass genommen mal einen Tweet in die Timeline von Person 2 zu spülen.

Was im nächsten Tweet scherzhaft wirkt, wird mir immer mehr zum Bedürfnis. Rückzug, Kontaktabbruch. Neuanfang. Ich kann mir weiterhin nicht sicher sein, dass die Drohung „Kaderakte“ nicht wahr gemacht wurde. Twitter bleibt leider – wie einst mein Facebook-Account – Einfallstor für Manipulation und Mobbing. Doch mich von dort zurückzuziehen hieße, erneut ein Stück Teilnahme am öffentlichen Leben aufzugeben und einen Publikationskanal zu verlieren. Letztlich auch ein beruflicher Rückschritt.

Entlastung

Für das dritte Quartal versuche ich einen Kuraufenthalt bewilligt zu bekommen. Leider heißt das, dass ich ich unweigerlich wohl wieder auf den Arzt vom November treffen werde. Freie Arztwahl habe ich nicht. Seitens des leitenden Psychologen des Psychotraumazentrums ist zwar Unterstützung zugesagt. Doch was hilft das, wenn im Arzt-Patienten-Gespräch wieder allerhand Drohungen und Demütigungen ausgesprochen werden können.

Absehbar werde ich in den Osterferien Zeit mit einem meiner Söhne verbringen können. Auch das baut auf, denn das ist viel zu selten der Fall.

Um Abstand zu gewinnen hatte ich ja bereits in 2014 die verbliebenen Ausrüstungsgegenstände und Uniformen „umgewidmet“. Sie rotten seit bald 3 Jahren in der Blumenerde und in diesem Jahr werden dann auch wieder Tomatenpflanzen darauf wachsen.

2015: Wachstum

Näher zu planen ist noch ein Ziel, dass ich in einer der letzten Onlineschreibtherapie-Sitzungen zum Ausdruck gebracht habe. In einem Brief an mich selbst sollte ich reflektieren, in welchem Ausmaß ich das Erlebte und die Konsequenzen für mein weiteres Leben daraus akzeptiert habe. Ich schrieb:

Die Zeit in Uniform ist vorbei – das ziehst du seit einigen Jahren sehr konsequent durch. Sei es die Einsatzkiste mit den letzten Uniformresten, die jetzt auf der Terrasse steht und mit genügend Blumenerde gefüllt ist, um auch im nächsten Jahr wieder Tomaten darauf wachsen zu lassen. Lass dir für die Ausgehuniformen, die noch im Keller liegen etwas ähnliches einfallen. Sie brennen bestimmt sehr gut oder ergeben mit ein paar Modifikationen eine nette Weste.

Eine Unterstützerin, die mit traumatisierten US-Veteranen in Karlsruhe arbeitet berichtete mir davon, dass die Veteranen ihre Uniformen geschreddert und eine Leinwand daraus gemacht haben, auf der sie dann Bilder malten. Mir erscheint der Aspekt „Feuer“ sehr geeignet, aber ich habe derzeit weder den geeigneten Platz, noch die Vorstellung, wer alles mit dabei sein sollte.

Ich gehe davon aus, dass eine Verbrennung der Uniformen vor dem Reichstag nicht akzeptiert würde – angesichts meiner Erfahrungen rund um den 27.09.2008 und die fragwürdige parlamentarische Kontrolle der Einsätze wäre das allerdings mein Wunschort für diese Aktion.

Was erhalten bleibt, ist der Helm. Den Helm kaufte ich im August 2013 und er begleitete mich durch den 100-Tage-Protest vor der US- und GB-Botschaft hier in Berlin.

Unschlüssig bin ich, was ich mit dem verbliebenen Paar Einsatzstiefel und den Einsatzmedaillen mache, die immernoch hier liegen. Sie stammen aus einem der Pakete, die ich im Mai 2014 an den damaligen Bundespräsidenten Gauck, Kanzlerin Merkel, IBUK von der Leyen und das Haus der Geschichte in Bonn sendete. Meiner expliziten Bitte, mir das Paket nicht zurückzusenden kam das Büro Gauck nur bedingt nach. Die DVD mit meinem Video und Unterlagen zum 27.09.2008 behielt das Büro. Stiefel und Medaillen kamen zurück.

Was bleibt

Die Worte in dem Independent-Artikel sind nicht meine – aber die Beschreibungen von Lucia beschreiben treffend, wie mein Alltag sehr häufig aussieht.

Full-Text in The Independent

Lucia* is 26. She grew up in London and works as a freelance copywriter. She was diagnosed with depression aged 21, but had suffered for years prior.

„I find a good metaphor for depression that I have used to explain to people close to me, is kind of like being permanently hungover. You get up and feel like crap, you can’t be bothered to do your make up or find clean clothes because it takes all the effort you are physically capable of just to force yourself to leave the house. You consider calling in sick, but you need the money and you agreed to work this shift and you can’t let your workplace down.

You get to work, and people ask if you’re ok. “I’m fine.” You say. “I’m kind tired. Maybe I’m getting sick.”

You can’t tell them you’re hungover, because being hungover is not a valid excuse in the workplace. Being depressed is not a valid excuse in the workplace.

„The hangover comes in waves. At some points your fine and think great, the alcohol is out of my system. I’ll be fine now. But then half an hour later your feel ill again, your head hurts, your body is moving slowly, and you can’t concentrate on the task you’re doing.

“Maybe you should eat something?” someone suggests, but the canteen is too far away and you’re behind on your work, you need to catch up with everyone else so you don’t get fired. Like when people tell you to try exercise to help with depression, but the gym is too much effort, there’s no way you can make it there and still have enough willpower to do something as simple shower, or do food shopping, or pay your phone bill.

„Besides, eating something might well make you feel better, but it might just make you throw up. The gym might well make you feel better, or your substandard attempt at exercise might just end in abject failure and you’ll just hate yourself for not being able to do what everyone else seems to do with no problem.

„You go through the day, avoiding talking to people more than strictly necessary because oh god, your head hurts, and trying to pretend you’re not hungover – trying to pretend you’re not depressed – hiding it from your colleagues, is exhausting. You can’t wait to be finished with the day, to go home, to your bed and not have to act like you’re ok anymore, but the day is dragging. And you still haven’t done enough work. You’re definitely going to get fired if you keep on like this but you wonder “is that so bad? At Least I wouldn’t have to pretend I’m OK.”

„Eventually, the day is over and you’re in bed, ready to sleep, but all that coffee you had trying to keep yourself functional all day decides now is the time to kick in, and sleep isn’t coming. Where was this burst of mental energy all day when you needed it?! You toss and turn and try to numb your racing mind with Netflix and a cheeky bottle of something, and eventually, you start to nod off. You hope, as you begin to drift into a restless sleep, that you’ll wake up feeling better tomorrow, but you’re scared that you won’t. You’re beginning to think you’ll feel like this forever, and you’re not sure you want to keep trying. But you’re falling asleep now, so you don’t bother worrying. You’ll deal with the worry tomorrow. Once you’ve made it through the day again.“

Wer als Staatsbürger mal in Uniform steckte, der soll hinterher die Klappe halten

„Ärztlich nicht führbar“

Nach dem am vergangenen Dienstag (15.11.2016) erkennbar Druck aufgebaut wurde, ich sei weder therapiewillig, noch kooperativ und „ärztlich führbar“ nahm ich Kontakt zum Psychotraumazentrum auf. Zuletzt mailten wir am 19.10. und verblieben, dass ich zum März 2017 in einen Durchgang der Online-Schreibtherapie eingesteuert werden könne. Nun beginnt die Onlineschreibtherapie bereits mit der Begutachtung am 6.12.2016. Neben den Arztgesprächen steht ein Schlaf-EEG, eine Blutentnahme und die Abgabe einer „zwei Zentimeter Haarprobe“ auf dem Programm.

Warum überhaupt Therapie

Nachdem im April 2013 die Einsatzschädigung diagnostiziert wurde und ich erneut mit Depressionen zu kämpfen hatte, folgten zwei mehr als anstrengende Jahre. Nicht nur die Therapie, sondern auch der vierwöchige stationäre Aufenthalt im Bundeswehrkrankenhaus, den ich mittlerweile rückblickend „Depressionen, dein Leben und du – kommt klar miteinander“ nenne, kosteten viel Kraft. Via Social Media, aber auch in direkten Gesprächen wurde ich für den offenen Umgang mit der Erkrankung, aber erst recht wegen dem Einblick, den ich in die Therapie und den Umgang der Bundeswehr mit mir gebe, unter Druck gesetzt. Teils mit plumper Drohung, wie im Adlongespräch dokumentiert – teils mit Mobbing via Facebook.

Das Blog war von Anfang an Selbstschutz, der sich schnell bewährt hat. Falschinformationen über die Versorgungslage, die ich vom Sozialdienst der Bundeswehr erhielt, konnten durch anonyme Hinweise, die eingegangen sind, entschärft werden.

Ruhe kehrte erst im März 2015 ein, als die Schädigung anerkannt war und die Versorgung gesichert war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Therapie-Methode TRE- Trauma Release Exercise erlernt und durchlaufen und war erstmals seit Jahren wieder in der Lage, die Auswirkungen von Stress zu bemerken, bevor sie wieder in lange Phasen der Depression führen.

Tendenziell versuche ich weiterhin viel zu lange, einfach nur zu funktionieren, den Stress auszuhalten und entsprechende Gegenmaßnahmen zu treffen. Die Kompetenz Gegenmaßnahmen zu treffen, ist hart erarbeitete und fehlte vor 2013 ganz.

Phasen mit besonderer Belastung gab es immer wieder. Ende Januar 2016 häuften sich die Termine und Aufgabenstellungen zum Ende des Wintersemesters – im Ergebnis zog ich mich zurück, versuchte, so gut, wie möglich dem ganzen gerecht zu werden. Mit 28 von 31 Leistungspunkten schaffe ich es, nahezu 100% des geplanten Studienprogramms abzuschließen.

Im Laufe des Mai 2016 sind es erneut die Auswirkungen von Stress, die für eine Verschärfung der Symptome sorgen. Zu viele Aufgaben im Studium, wie die zeitgleiche Arbeit an mehreren Themen – kaum eine Möglichkeit, Ausgleich zu schaffen. Nahezu tägliche Präsenz in Kursen – 5 bis 7 Zeitstunden – sowie im Anschluss die Arbeit an den Kursaufgaben. Jede einzelne Aufgabe für sich zu bewältigen – in der Summe und Kombination der Termine aber irgendwann zu viel.

Nicht nur mir geht es so. Kommilitonen sind ebenfalls unter Druck – Jahrgänge vor uns schildern, es sei ein Phänomen, dass regelmäßig im Sommersemester auftrete. Drei Monate gefüllt mit einem Pensum, dass im Wintersemester auf vier Monate verteilt ist. Mein persönliches „irgendwann zu viel“ bemerke ich jedoch erst, als bereits die Beziehung zu meiner damaligen Freundin leidet und massiv Schaden nimmt. Funktionieren im Studium geht zu Lasten normaler Aktivitäten. Fehlende Freizeit erhöht die Anspannung, vermindert die Qualität der Arbeitsergebnisse, sorgt für Enttäuschung, Erschöpfung, Depression.

Am Ende des Semesters stehe ich im Studium bei 45 von 60 Leistungspunkten, die zu diesem Zeitpunkt erreicht sein sollten. Aber immerhin nicht mitten in einer Depression, aus der ich nicht raus komme.
Im Laufe des Semesters reduzierte ich, priorisierte auf Kurse, die machbar waren und verlor auch die Arbeit am Thema NSA-Untersuchungsauschuss nicht aus den Augen, die – nach Rücksprache mit der Studiengangsleitung – auch auf die Studienleistungen angerechnet werden wird (Hospitanz).
Zumindest in Arbeitsbelangen schaffe ich es, eine Balance zwischen Selbst- und Fremdbestimmung hinzubekommen.
Dass diese Situation nicht ideal ist, ist mir schnell klar. Es kostet massiv Kraft und die Auswirkungen gehen zu Lasten des Privatlebens. Ich nehme Kontakt zum Berufsförderungsdienst auf, der für die Verwaltung meines Studiums zuständig ist. Das Studium gilt als Maßnahme zur beruflichen Rehabilitation im Rahmen der Schutzzeit. Ich hoffe darauf, dass ich das Sommersemester 2017 als Urlaubssemester nutzen darf, um eine Kur in diesem Zeitraum zu machen.
Die Bearbeiter versichern mir, niemand erwarte, dass ich das Studium in der Regelstudienzeit abschließe. Der Grad der Schädigung, den ich aufgrund der Depressionen / Anpassungstörung habe, liegt bei 30%. Das letzte halbe Jahr zeigt mir, wie sehr das leider weiterhin zutrifft.

Bereits seit Juni besteht wieder Kontakt zum Psychotraumazentrum. Etwa zur gleichen Zeit, als ich Kontakt zum Berufsförderungsdienst wegen dem Urlaubssemester aufgenommen habe, meldet sich eine der Ärztinnen telefonisch mit dem Therapieangebot. Da ich im Oktober 2016 und Februar / März 2017 bereits die Zusagen für Praktika im Rahmen des Studiums habe, erscheint mir der Einstieg in die Therapie jedoch erst für April 2017 als sinnvoll. Therapie und Kur ließen in dem Semester dann wenig Raum für Präsenzveranstaltungen an der Hochschule – Studienleistungen wären aber immerhin noch im Rahmen von Hausarbeiten möglich.

Nun kommt es anders

Der Unterton des Arztgespräches am vergangen Dienstag und die abwehrende Haltung gegenüber der „Online-Schreib-Therapie“, die der Verwalter zeigt, machen wieder einmal deutlich, wo das System krankt. Verwaltende Stellen üben Druck aus – eine Rücksprache mit der Fachebene erfolgt erst, nachdem Druck auf den Patienten ausgeübt wurde. Von den Angeboten der Fachebene hält die verwaltende Stelle indes wenig, wie der Gesprächsverlauf deutlich machte.

Bereits 2013 äußerte der Leiter des Psychotraumazentrums Dr. Zimmermann, dass in meinem Fall Anzeichen für eine „Moralische Verletzung“ vorhanden seien. Moralische Verletzungen treffen z.B. Menschen, die gezwungen werden, gegen ihre Grundwerte zu handeln oder gesellschaftliche Tabus (z.B. das Töten von Menschen oder das sterbenlassen von Ertrinkenden) zu brechen. Vielfach ähneln die Symptome dann einer PTBS und gehen mit Depressionen einher.

Der verwaltenden Arzt kennt den Begriff „Moralische Verletzung“ nicht – schon ein Blick in die DBwV-Zeitung vom August 2016, die in seinem Wartezimmer ausliegt hätte geholfen. Dort ist ein langes Interview mit dem Leiter des Psychotraumazentrums zu genau dieser Thematik.

Der verwaltende Arzt ist damit beschäftigt, meine Behandlungsakte auf Indikatoren für mangelnde Kooperationswilligkeit zu durchforsten. Dass ich mich für den verhaltenstherapeutischen Ansatz entschieden habe, statt für die Einnahme von Psychopharmaka, wird zum Indiz für „ärztlich nicht führbar“.

Das ich die TRE-Methode, die ich über 6 Monate mit einer Heiltherapeutin erlernt und durchgeführt habe nur mit dieser fortsetzen will, statt mit einem von der Bundeswehr gestellten „Standortpfarrer, der die TRE-Methode jetzt auch anbietet“ – Indiz für „ärztlich nicht führbar“.

Das ich die Onlineschreibttherapie ins Frühjahr legen will, in eine Zeit mit mehr Tageslicht, weil ich fürchte, die Reflektionen und Fragestellungen könnten wieder zu Depressionen führen – Indiz für „ärztlich nicht führbar“.

Ich schildere dem „Verwalter“, dass die Auswirkungen von Stress, wie ich sie in den letzten Monaten beobachten konnte leider immer auch mit Rückzug und Anhedonie einher gehen. Methoden der MBSR Mindfulness-Based Stress Reduction habe ich im Psychotraumazentrum erlernt – auch die TRE-Methode hat Schnittmengen – und wende sie an. Sie lindern zumindest manche der Symptome. Der „Verwalter“ meint: „Wenn Sie als Eremit leben wollen, dann können sie das ja gerne tun. Aber dafür sollte ja die Bundeswehr nicht zahlen müssen.“

Der Verwalter vergleicht mich mit einer „magersüchtigen Frau“, die ärztlich auch nur das zuließe, was dem Hauptziel „abnehmen“ nicht zuwider liefe. Auch auf solche Patientinnen trifft zu: „ärztlich nicht führbar“.

Therapiezeitpunkt

Nach Rücksprache mit der betreuenden Ärztin des Psychotraumazentrums werde ich nun zum 6. Dezember in einen Durchgang der Online-Schreibtherapie eingesteuert. Der Zeitpunkt ist das Resultat des Gespräches am Dienstag, um zumindest den Vorwurf zu entkräften, ich sei nicht therapiewillig.

Der Zeitpunkt der Schreibtherapie fällt damit in den Zeitraum, indem ich drei meiner vier Auslandseinsätze absolvierte. Die Eskalation in Mazedonien 2000/2001, die uns zur Aufgabe und Abbau des umkämpften Camps zwang. Die Medienarbeit in Afghanistan 2005/2006, als die „Karrikaturen“ für Demonstrationen und Angriffe auf Camps mit einem Beinahme-Totalverlust des Camps in Meymaneh führte. Afghanistan 2007/2008 – ein Einsatz der mit dem Begriff „Chefkalation“ gut zusammengefasst ist und der neben drei Monaten hochgradig stressiger Arbeit rund um einen fachlich und englischsprachlich wenig kompetenten Chef mindestens zwei lebensgefährliche Situationen mit sich brachte. Diese Erlebnisse sorgen bis heute dafür, dass ich bei autoritären, cholerischen Chefs und Teamleitern unter Druck gerate und nur flache Hierarchien halbwegs ertrage.

Ich habe längst verstanden und analysiert, was diese Einsätze in mir verändert haben und welche Grenzerfahrungen das mit sich brachte. Ich ging davon aus, mit der Schutzzeit, die bis zu 5 Jahre dauern darf nun Raum zu haben, um mit all dem umgehen zu lernen. Ich vermeide die Situationen nicht, stelle mich in Praktika auch wieder Chefsituationen und schaue, was für mich geht, was ich um welchen Preis aushalten kann und was nicht.

Für den Verwalter aber zählt das nicht. Er hat im Kopf, was er auch im Arztgespräch schildert. „Es gibt Leute, die können für die Bundeswehr keinen Handschlag tun, aber bauen nebenbei eine Hundzucht in Brandenburg auf. Das ist ein Fulltimejob.“

Seine Denkweise macht deutlich, dass jeder Fortschritt, den ich im Rahmen des Studiums und entlang der journalistischen Projekte erzielt habe als Indiz dafür betrachtet werden kann, ich würde das System für meine Zwecke ausnutzen.

Dass ich in Zeiten der Überlastung und Depression mit den Auswirkungen allein bin, keinen Text auf die Reihe bekomme, sieht der „Verwalter“ nicht. Dass der Antrieb für Artikel wie diesen schlichtweg Angst ist – Angst, ausgelöst durch Anschuldigungen und den Druck des Verwalters selbst – wird zum Indiz für Leistungsfähigkeit, die ich der Bundeswehr, frecherweise vorenthalten würde gewertet.

Schalte ich einen Anwalt oder den Wehrbeauftragten ein, dann bin ich wieder „ärztlich nicht führbar“.

Die gleichen „Verwalter“ kenne ich aus der aktiven Dienstzeit. Sie schrieben tauglich für Einsätze. Sie werteten Belastungsbögen nach den Einsätzen aus. Sie lehnten Präventivkuren nach Einsätzen ab, weil „das schon zu viele in letzter Zeit in Anspruch genommen haben“.

Effekte

Seit dem 15.11. muss ich wieder mehr Kraft für eigentlich Alltägliches aufwenden. Es kostet Kraft, die Termine wahrzunehmen, die anstehen. Es kostet Kraft, Freunde zu treffen, weil ich nicht schon wieder „der mit Problemen“ sein will. Das ich dennoch nicht auf Ablehnung treffe ist ein großes Glück. Es kostet Kraft, mit den Gedanken nicht ständig bei der Drohkulisse zu landen, die am 15.11. aufgebaut wurde – und doch ist es manchmal nicht zu vermeiden. Es kostet Kraft, all das auszuhalten in dem Wissen, dass ich keine Aussicht darauf habe spontan in einen vollbezahlten Job einzusteigen, der Raum lässt für die Aufarbeitung, die immernoch andauert. Es kostet Kraft, weiter zu machen, wenn jeder kleine Fortschritt potentiell vom „Verwalter“ gegen mich gedeutet wird.

Wo immer möglich äußere ich mich als Journalist mit der gebotenen Objektivität und Fairness zu Bundeswehrthemen. Dass der Eindruck bleibt, ich würde kein gutes Haar an der Bundeswehr lassen liegt wohl eher daran, dass die PR nur „gute Haare“ präsentiert und seit jeher Sachverhalte im Sinne der eigenen Imagekampagnen schönfärbt. Doch für die „Verwalter“ ist es nicht auszuhalten, dass ein kritischer Journalist über die Bundeswehr berichtet.

Den Anteilen, die mit der moralischen Verletzung einher gehen, setzte ich in den letzten Jahren politische Arbeit entgegen. Ich sprach auf Demonstrationen gegen Krieg und Militärisierung und berichtete auf Podien über die Einsatzerfahrungen. Es ist nicht auszuhalten, das die Person auf Demonstrationen und Podien als „Friedensaktivist“ tätig ist und gleichzeitig aus dem Verteidigungsetat bezahlt wird. Wer als Staatsbürger mal in Uniform steckte, der soll hinterher die Klappe halten.

Der „Verwalter“ drückt es am 15.11.2016 etwas anders aus. „Sie können sich gerne weiterhin so verhalten. Dann kann man hinterher über Sie sagen, Sie waren konsequent bis zum Schluss.“

In diesem Verfahren erhalte ich wieder einmal keine Kopien der Verwaltungsschreiben, die Anlass der Befragungen sind. Ich erhalte auch keine Kopien der Antworten, die der „Verwalter“ an KdoRegSanUstg G 3.2.2 sendet. Der „Verwalter“, der die Anfrage bearbeitet bildet sich seinen Eindruck aus dem nichteinmal dreißigminütigen Gespräch, überfliegt dabei kurz das letzte ärztliche Gutachten aus Oktober 2015 und urteilt.

Ich habe also die Wahl, mir einen solchen Umgang gefallen zu lassen oder ohne Versorgung für mich und meine Kinder, ohne Raum für Therapie und Regeneration da zu stehen.

einladungsbrief_t1_luecking_161206

flyer_onlinetherapie-ptbs-bw_160331_final

patienteninfo_onlinetherapie-bwk_2016

Unbeschwert ist anders

In den letzten drei Monaten gab es einige positive Entwicklungen. Über zu viel Privates mag ich nicht mehr schreiben – aber wo es mit Aspekten der Erkrankung zu tun hat, landet es in diesem Blog. Die wohl positivste Entwicklung war, dass ich Anfang Dezember die Laif 900 – Medikation abgesetzt habe und zunächst auch gut zurecht kam. Nicht nur durch den Abschluss des Bachelorstudiums gab es positive Impulse.

Winter_2Doch mit zunehmenden negativen Entwicklungen / Herausforderungen (Familiär, Arbeitsbelastung zum Semesterende) spürte ich Ende Januar / Anfang Februar deutlich, wie ich wieder an meine Grenzen kam. Hinzu kam eine deutlich belastende Semesterthematik, die ich jedoch halbwegs in den Griff bekam. Auch wenn das Gegensteuern derzeit klappt: die sozialen Kontakte leiden, da ich mich immer wieder mal zurückziehe oder das Aufrechterhalten sozialer Kontakte wieder schwerer fällt.

Insgesamt kostet alles mehr Kraft, was aber angesichts der Herausforderungen (privat) auch nicht verwunderlich ist. Noch leidet der Job darunter nicht. Im Monat März läuft eine Praktikumsphase im Rahmen meines Studiums.

TRE / Reflektion mit Therapeutin

Therapeutische Begleitung ist derzeit nicht möglich. Wie schon im Oktober letzten Jahres durchgefochten, ist für mich derzeit keine unabhängige Maßnahme vorgesehen. Im Rahmen der „Schutzzeit“ in der ich mich aktuell befindet unterliege ich der freien Heilfürsorge durch die Bundeswehr. Der Schädiger bestimmt den Art, Umfang und Durchführung der Therapie. Freie Arztwahl? Nicht möglich. Ich muss nehmen, wer gerade da ist. Vertrauensbasis? Schwer belastet.

Die TRE-Methode, die 2014 / 2015 eine gute Begleitung war würde allenfalls unter Leitung des Standortpfarrers gewährt – nicht aber mit meiner unabhängigen Therapeutin.

Wetterlage: Mal heiter, meist wolkig

In den notwendigen Kontexten funktioniere ich überwiegend überzeugend. Komfortabel für mich? Wen kümmert das. Einige Projekte sind für die nächsten Monate auf den Weg gebracht – Immerhin das. Einschränkungen: deutlich spürbar. Aufpassen ist weiterhin angesagt.