Über die Freiwilligkeit des Dienstes und der Einsätze

Es ist 1997 als der Musterungsbescheid eintrifft. Auf dem Kreiswehrersatzamt wird meine gesundheitliche Tauglichkeit geprüft und auf Stufe 2 gesetzt.
Der nächste Weg führt unmittelbar zum Wehrdienstberater – fester Bestandteil des Prozedere, wie mir scheint.
„Sie machen Abitur, sie müssen Offizier werden!“ Ich lehne dankend ab und sage, dass ich mir erst einmal die Bundeswehr anschauen will und mich allenfalls aus dem Wehrdienst heraus entscheiden kann. Trotz Soldaten in der Familie: viel weiß ich über die Bundeswehr bis dahin nicht. „Es wäre schön, wenn ich heimatnah einen Dienst absolvieren dürfte.“
Woher will der Typ eigentlich wissen, dass ich mit meinen 18 Jahren zur Menschenführung tauge? Mein Abitur ist nicht besonders – ich arbeitete schon zwei Jahre nebenbei und finanziere mir den Führerschein und den üblichen Schnickschnack in diesem Alter.

„Transportsoldat 1998 /1999“

Der Einberufungsbescheid kommt. Zuerst soll ich nach Augustdorf – kurze Zeit später ein Änderungsbescheid – 1. September 1998 ist Dienstanstritt in der Lipperland-Kaserne in Lipperbruch bei Lippstadt. Mittlerweile kannte ich über den Freund meiner Schwester in etwa Continue reading

Nicht nur die Einsätze neu begreifen

Eine schlaflose Nacht liegt hinter mir. Wie immer, wenn mich eine Einsatzthematik stark beschäftigt. Ich habe es in den letzten Jahren geschafft, das irgendwie unter Kontrolle zu halten – nur selten kommt es zu schlaflosen Nächten. Meist, wenn mich Themen mit Bundeswehr und Einsatzbezug noch am späten Abend treffen.

Den genauen Auslöser gestern Abend kann ich nicht identifizieren. Was auch immer es war: bestenfalls 2 Stunden Schlaf waren heute Nacht drin. Mein nächtliches Posting der Fallschirmgeschichte ist eine Technik, die uns im Rahmen der Einsatzvorbereitung als Entspannungstechnik präsentiert wurde. Manchmal funktioniert es.
Für die progressive Muskelentspannung nach Jacobson – eine weitere Methode die Abhilfe schaffen soll – fehlt mir meist die Konzentration und auch die Ruhe.

Giftige Reflexe

Es ist nicht nur Angst, die ich in den letzten Jahren unterdrückt, geleugnet und letztlich nahezu ausgeschaltet habe. Auch wesentliche andere Bedürfnisse standen zu lange hinten an. Schon sehr früh in meiner Dienstzeit betraf das auch den privaten Bereich.
Hinten an standen vor allem Trauer und Vatergefühle. Konnte ich früher noch durch weinen Continue reading

Gegen die Schlaflosigkeit…

„Wie schaust du denn aus?“ Gerade habe ich mit Mühe und Not noch eben den Fallschirmplatz erreicht. Es war der letzte meiner Sprünge mit einem Lehrer – der nächste soll eigentlich mein erster Solosprung sein.
Normalerweise erreicht man diesen Status nach dem siebten Sprung – ich brauchte zwölf. Unentspannt, immer drauf bedacht alles richtig zu machen – zu viel denken, zu wenig fühlen. Meine Probleme kenne ich.

Ich rechne nicht damit, dass ich diesen Sprung bestanden habe. In der Luft lief mein Schülerprogramm halbwegs. Nach der Schirmöffnung plane ich schon die Außenlandung, als es über Funk heißt: „Klein machen, Beine anziehen – das schaffst du!“
Quer zur Anflugrichtung erreiche ich den Platz. Von einer Landung will ich nicht reden – es gleicht mehr einem brachialen Einschlag. Mehr, als die 30 Meter quer zur Landerichtung erlauben die Hecken nicht, über die ich anfliege – der Dreckhaufen schon gar nicht, in den ich fast frontal eingeschlagen wäre.

Hart flaire ich den Schirm, versuche einen Landefall. Der Dreck im Gesicht und unter der Schutzbrille belegt: das war mindestens eine vier Punkt-Landung, wo sonst nur drei Punkte – Knie, Becken, Schulter – sein sollten.
Ich bin fest überzeugt, noch einmal einen Sprung mit Lehrer absolvieren zu müssen, Continue reading

Wenn sich plötzlich etwas ändert…

Meine Absicht, dass Thema PTBS am Wochenende ruhen zu lassen ist hiermit dahin. Das, was mich beschäftigt lässt sich nicht so leicht abstellen und hält sich nicht an Wochenend- & Ferienzeiten.

Erkenntnisse

DAS etwas bei mir nicht stimmt, habe ich ja schon länger bemerkt. Es ist der 20. Oktober 2008 als Patrick Behlke und Roman Schmidt in Afghanistann fallen. Fünf afghanische Kinder sterben. Zwei weitere Soldaten werden schwer verletzt.
Die Meldung erreicht mich über Spiegel online um die Mittagszeit herum – ich bin auf dem Campus der Universität in Koblenz. Doch nicht mehr lang. Informationen tröpfeln spärlich ein.
Wie bei jedem Anschlag oder Todesfall in Afghanistan ist zunächst nicht klar, welche Soldaten betroffen sind. Sind es Fallschirmjäger? Sanitäter? Oder ist es jemand von der eigenen Truppengattung? Jemand, den man vielleicht persönlich kennt?
Ich bemerke es bei allen folgenden Anschlägen, Attentaten, Sprengungen und Unfällen: Unruhe, Sorge und das fiese Gefühl der Erleichterung – das „Puh, es ist niemand, den du kennst.“
Doch das Aufatmen ist keines. Continue reading

… und der Pinguin des Tages …

Kritik musste kommen – und sie erreichte mich über den Blog von Thomas Wiegold – augengeradeaus.net. Die Liste der Vorwürfe:

… sich als Soldat öffentlich auf eine Opferrolle zu reduzieren …

… Es dreht sich alles nur um ihn … 

… Wie mag sich wohl die Kameradin gefühlt haben, oder die Hinterbliebenen der Gefallenen? … Hier nimmt sich jemand eindeutig zu wichtig. …

… hat andere Absichten ( … implizierte vermutlich Geld abzocken)

Diese Einzelmeinung muss ich kommentieren, weil sie wichtige Aspekte aufzeigt. Der wichtigste: nicht jeder Veteran ist gut damit bedient, ein Buch zu schreiben oder sich öffentlich mit seinen Erfahrungen auseinander zu setzen.

Reden kann helfen – aber nicht unbedingt mit jedem!

Ich habe seit Oktober letzen Jahres viele Gespräche mit interessierten Menschen geführt, die zur Erstellung von Bachelor- & Masterarbeiten, Theaterprojekten oder Buchprojekten versuchen Continue reading

Stark sein ist ….

Was Menschen aus meinem Umfeld vielleicht als „Stark!“ oder „Leistungsfähig!“ an mir deuten, ist all zu oft nur der Kampfmodus. Wirkt toll –  ist aber Scheiße!

Ich muss es mal mit dem Wort belegen, denn das trifft es: es ist SCHEISSE!!

Missverständliche Signale: Ruhig und Gelassen

Gelernt ist gelernt. Egal, ob im Kollegenkreis oder während dem Studium: stoische Gelassenheit kann ich. Ein beleidigender Umgangston prallt scheinbar an mir ab. Was würde es in dem Moment auch schon nützen, wenn sich mein Gegenüber schon aggressiv verhält, darauf einzugehen?

Doch auch das sorgt für Probleme. Es kommt zu einer Konfrontation während des vierten Semesters meines Studiums. Gemeinsam mit einer Kommilitonin leite ich das Semesterprojekt. Wir beide kommen gut miteinander aus, sind uns meist einig im Vorgehen. Kleiner Abstimmungsprobleme – aber nichts Gravierendes. Das Projekt hat das Potential richtig Spaß zu machen.

Doch die Gruppe selbst empfindet es offenbar nicht so. Vertrauen bildet sich nicht – ein Dozent muss als Schlichter einschreiten. Im Austausch der Argumente kommen viele Continue reading

Angst – und warum sie mir fehlt

Es sind nicht meine Worte, aber sie sind der Grund dafür, mich selber mit dem Thema Angst zu beschäftigen. „Ich habe keine Angst mehr!“ Der Veteran, der mir das erzähltt ist aktiver Bundeswehrsoldat und hat unzählige Einsätze auf dem Balkan absolviert.

Ich horche in mich und mache eine ähnliche Feststellung. Angst empfinde ich nicht mehr so, wie zu Zeiten vor der Bundeswehr. Für den Job war es nötig, Angst zu überwinden. Das fing klein an. Übungen in der Grundausbildung lassen es normal werden, sich Nachts im Wald zu bewegen, durch unbewohnte Gegenden zu laufen. Auf der Schießbahn oder bei Übungen eine Waffe zu benutzen – teil der Ausbildung und eines Lernprozesses, den ich 1998 begonnen habe.

Extremsituationen begegnen

F.E.A.R. – Face.Everything.And.Rise – das englische Wort für Angst, verwendet als Akronym für „Stelle dich allem und wachse daran“. Das trifft in gewisser Weise auf die Ausbildungsituationen zu, denen ich immer wieder begegne, die ich aber auch als Vorgesetzter immer wieder planen und durchführen muss.

Als die Vorbereitung auf die Auslandseinsätze beginnt, lerne ich der Angst in neuen Situationen zu begegnen. Continue reading

Gefühle: Offline

Ich habe lange überlegt, wie ich meine Gefühlswelt beschreiben kann. Die Versuche reichen von „emotionaler Nulllinie, die nur Ausschläge nach unten kennt“ bis hin zu „Kälte“ oder dem „gänzlichen Fehlen“. Aber das trifft es nicht ganz.

Kleiner Ausflug in die Technik

Wer vor dem Jahr 2000 im Internet online sein wollte, benötigte ein Modem. Meistens wurde nach Minuten abgerechnet. Um online zu gehen musste man sich bei einer bestimmten Rufnummer einwählen. Oft war zu viel im Netz los – dann klappte die Einwahl nicht – es kam keine Verbindung zustande. Wer dann endlich online war, musste lange warten, bis Bilder geladen und Internetseiten aufgebaut wurden.

Der Standard heute ist eine Flatrate – immer in Betrieb – schnellster Datenaustausch und Vorgänge, wie Updates laufen automatisch.

Meine Gefühlswelt kommt der Modemverbindung aus dem Jahr 2000 gleich. Es ist aufwendig, online zu sein. Und wirklich viele Daten (Emotionen) fließen nicht. Nur selten mal schnell – nur selten mal automatisch.

Nicht gänzlich verloren – aber schwer erreichbar

Ich bin durchaus in der Lage, intensive Gefühle, wie Trauer und Freude zu empfinden. Continue reading

Das ist wie Fahrradfahren …

„Das ist wie Fahrradfahren – das verlernst du nie!“ Den Spruch kennen wir alle – und er trifft auf vieles zu, was wir erlernt haben. Stellen Sie sich nun einmal vor, sie stehen jetzt vor der Herausforderung, sie sollen das fahrradfahren wieder verlernen. Einen Gleichgewichtssinn ablegen, der unterbewusst agiert und verhindert, dass sie fallen. Eine Hand-Augen-Koodination vergessen, mit der sie das Fahrrad sicher im Straßenverkehr bewegt haben. Unmöglich? Wer sollte das auch schon verlangen?

Doch das ist in etwa die Herausforderung, vor der ich nun stehe.

Mein letzter Afghanistaneinsatz für die Bundeswehr endete am 5. Oktober 2008. Ich stieg aus dem Flugzeug in Köln-Wahn aus und beendete meinen vierten Auslandseinsatz. Einen Tag später saß ich in einem Hörsaal der Universität Koblenz und widmete mich meiner zivilen Karriere.

Mit dem Ende der Soldatenzeit konnte ich die Uniform ablegen – doch der Soldat in mir machte weiter. Für mich ist Soldat sein wie Fahrradfahren.

Weg vom Pathos

In den letzten Jahren bemerkte ich immer wieder, dass ich Probleme im Alltag habe. Den „Kasernenhofton“ – eine all zu raue Wortwahl im Umgang mit Menschen – abzulegen war noch die einfachste Aufgabe.
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