Wer als Staatsbürger mal in Uniform steckte, der soll hinterher die Klappe halten

„Ärztlich nicht führbar“

Nach dem am vergangenen Dienstag (15.11.2016) erkennbar Druck aufgebaut wurde, ich sei weder therapiewillig, noch kooperativ und „ärztlich führbar“ nahm ich Kontakt zum Psychotraumazentrum auf. Zuletzt mailten wir am 19.10. und verblieben, dass ich zum März 2017 in einen Durchgang der Online-Schreibtherapie eingesteuert werden könne. Nun beginnt die Onlineschreibtherapie bereits mit der Begutachtung am 6.12.2016. Neben den Arztgesprächen steht ein Schlaf-EEG, eine Blutentnahme und die Abgabe einer „zwei Zentimeter Haarprobe“ auf dem Programm.

Warum überhaupt Therapie

Nachdem im April 2013 die Einsatzschädigung diagnostiziert wurde und ich erneut mit Depressionen zu kämpfen hatte, folgten zwei mehr als anstrengende Jahre. Nicht nur die Therapie, sondern auch der vierwöchige stationäre Aufenthalt im Bundeswehrkrankenhaus, den ich mittlerweile rückblickend „Depressionen, dein Leben und du – kommt klar miteinander“ nenne, kosteten viel Kraft. Via Social Media, aber auch in direkten Gesprächen wurde ich für den offenen Umgang mit der Erkrankung, aber erst recht wegen dem Einblick, den ich in die Therapie und den Umgang der Bundeswehr mit mir gebe, unter Druck gesetzt. Teils mit plumper Drohung, wie im Adlongespräch dokumentiert – teils mit Mobbing via Facebook.

Das Blog war von Anfang an Selbstschutz, der sich schnell bewährt hat. Falschinformationen über die Versorgungslage, die ich vom Sozialdienst der Bundeswehr erhielt, konnten durch anonyme Hinweise, die eingegangen sind, entschärft werden.

Ruhe kehrte erst im März 2015 ein, als die Schädigung anerkannt war und die Versorgung gesichert war. Zu dem Zeitpunkt hatte ich die Therapie-Methode TRE- Trauma Release Exercise erlernt und durchlaufen und war erstmals seit Jahren wieder in der Lage, die Auswirkungen von Stress zu bemerken, bevor sie wieder in lange Phasen der Depression führen.

Tendenziell versuche ich weiterhin viel zu lange, einfach nur zu funktionieren, den Stress auszuhalten und entsprechende Gegenmaßnahmen zu treffen. Die Kompetenz Gegenmaßnahmen zu treffen, ist hart erarbeitete und fehlte vor 2013 ganz.

Phasen mit besonderer Belastung gab es immer wieder. Ende Januar 2016 häuften sich die Termine und Aufgabenstellungen zum Ende des Wintersemesters – im Ergebnis zog ich mich zurück, versuchte, so gut, wie möglich dem ganzen gerecht zu werden. Mit 28 von 31 Leistungspunkten schaffe ich es, nahezu 100% des geplanten Studienprogramms abzuschließen.

Im Laufe des Mai 2016 sind es erneut die Auswirkungen von Stress, die für eine Verschärfung der Symptome sorgen. Zu viele Aufgaben im Studium, wie die zeitgleiche Arbeit an mehreren Themen – kaum eine Möglichkeit, Ausgleich zu schaffen. Nahezu tägliche Präsenz in Kursen – 5 bis 7 Zeitstunden – sowie im Anschluss die Arbeit an den Kursaufgaben. Jede einzelne Aufgabe für sich zu bewältigen – in der Summe und Kombination der Termine aber irgendwann zu viel.

Nicht nur mir geht es so. Kommilitonen sind ebenfalls unter Druck – Jahrgänge vor uns schildern, es sei ein Phänomen, dass regelmäßig im Sommersemester auftrete. Drei Monate gefüllt mit einem Pensum, dass im Wintersemester auf vier Monate verteilt ist. Mein persönliches „irgendwann zu viel“ bemerke ich jedoch erst, als bereits die Beziehung zu meiner damaligen Freundin leidet und massiv Schaden nimmt. Funktionieren im Studium geht zu Lasten normaler Aktivitäten. Fehlende Freizeit erhöht die Anspannung, vermindert die Qualität der Arbeitsergebnisse, sorgt für Enttäuschung, Erschöpfung, Depression.

Am Ende des Semesters stehe ich im Studium bei 45 von 60 Leistungspunkten, die zu diesem Zeitpunkt erreicht sein sollten. Aber immerhin nicht mitten in einer Depression, aus der ich nicht raus komme.
Im Laufe des Semesters reduzierte ich, priorisierte auf Kurse, die machbar waren und verlor auch die Arbeit am Thema NSA-Untersuchungsauschuss nicht aus den Augen, die – nach Rücksprache mit der Studiengangsleitung – auch auf die Studienleistungen angerechnet werden wird (Hospitanz).
Zumindest in Arbeitsbelangen schaffe ich es, eine Balance zwischen Selbst- und Fremdbestimmung hinzubekommen.
Dass diese Situation nicht ideal ist, ist mir schnell klar. Es kostet massiv Kraft und die Auswirkungen gehen zu Lasten des Privatlebens. Ich nehme Kontakt zum Berufsförderungsdienst auf, der für die Verwaltung meines Studiums zuständig ist. Das Studium gilt als Maßnahme zur beruflichen Rehabilitation im Rahmen der Schutzzeit. Ich hoffe darauf, dass ich das Sommersemester 2017 als Urlaubssemester nutzen darf, um eine Kur in diesem Zeitraum zu machen.
Die Bearbeiter versichern mir, niemand erwarte, dass ich das Studium in der Regelstudienzeit abschließe. Der Grad der Schädigung, den ich aufgrund der Depressionen / Anpassungstörung habe, liegt bei 30%. Das letzte halbe Jahr zeigt mir, wie sehr das leider weiterhin zutrifft.

Bereits seit Juni besteht wieder Kontakt zum Psychotraumazentrum. Etwa zur gleichen Zeit, als ich Kontakt zum Berufsförderungsdienst wegen dem Urlaubssemester aufgenommen habe, meldet sich eine der Ärztinnen telefonisch mit dem Therapieangebot. Da ich im Oktober 2016 und Februar / März 2017 bereits die Zusagen für Praktika im Rahmen des Studiums habe, erscheint mir der Einstieg in die Therapie jedoch erst für April 2017 als sinnvoll. Therapie und Kur ließen in dem Semester dann wenig Raum für Präsenzveranstaltungen an der Hochschule – Studienleistungen wären aber immerhin noch im Rahmen von Hausarbeiten möglich.

Nun kommt es anders

Der Unterton des Arztgespräches am vergangen Dienstag und die abwehrende Haltung gegenüber der „Online-Schreib-Therapie“, die der Verwalter zeigt, machen wieder einmal deutlich, wo das System krankt. Verwaltende Stellen üben Druck aus – eine Rücksprache mit der Fachebene erfolgt erst, nachdem Druck auf den Patienten ausgeübt wurde. Von den Angeboten der Fachebene hält die verwaltende Stelle indes wenig, wie der Gesprächsverlauf deutlich machte.

Bereits 2013 äußerte der Leiter des Psychotraumazentrums Dr. Zimmermann, dass in meinem Fall Anzeichen für eine „Moralische Verletzung“ vorhanden seien. Moralische Verletzungen treffen z.B. Menschen, die gezwungen werden, gegen ihre Grundwerte zu handeln oder gesellschaftliche Tabus (z.B. das Töten von Menschen oder das sterbenlassen von Ertrinkenden) zu brechen. Vielfach ähneln die Symptome dann einer PTBS und gehen mit Depressionen einher.

Der verwaltenden Arzt kennt den Begriff „Moralische Verletzung“ nicht – schon ein Blick in die DBwV-Zeitung vom August 2016, die in seinem Wartezimmer ausliegt hätte geholfen. Dort ist ein langes Interview mit dem Leiter des Psychotraumazentrums zu genau dieser Thematik.

Der verwaltende Arzt ist damit beschäftigt, meine Behandlungsakte auf Indikatoren für mangelnde Kooperationswilligkeit zu durchforsten. Dass ich mich für den verhaltenstherapeutischen Ansatz entschieden habe, statt für die Einnahme von Psychopharmaka, wird zum Indiz für „ärztlich nicht führbar“.

Das ich die TRE-Methode, die ich über 6 Monate mit einer Heiltherapeutin erlernt und durchgeführt habe nur mit dieser fortsetzen will, statt mit einem von der Bundeswehr gestellten „Standortpfarrer, der die TRE-Methode jetzt auch anbietet“ – Indiz für „ärztlich nicht führbar“.

Das ich die Onlineschreibttherapie ins Frühjahr legen will, in eine Zeit mit mehr Tageslicht, weil ich fürchte, die Reflektionen und Fragestellungen könnten wieder zu Depressionen führen – Indiz für „ärztlich nicht führbar“.

Ich schildere dem „Verwalter“, dass die Auswirkungen von Stress, wie ich sie in den letzten Monaten beobachten konnte leider immer auch mit Rückzug und Anhedonie einher gehen. Methoden der MBSR Mindfulness-Based Stress Reduction habe ich im Psychotraumazentrum erlernt – auch die TRE-Methode hat Schnittmengen – und wende sie an. Sie lindern zumindest manche der Symptome. Der „Verwalter“ meint: „Wenn Sie als Eremit leben wollen, dann können sie das ja gerne tun. Aber dafür sollte ja die Bundeswehr nicht zahlen müssen.“

Der Verwalter vergleicht mich mit einer „magersüchtigen Frau“, die ärztlich auch nur das zuließe, was dem Hauptziel „abnehmen“ nicht zuwider liefe. Auch auf solche Patientinnen trifft zu: „ärztlich nicht führbar“.

Therapiezeitpunkt

Nach Rücksprache mit der betreuenden Ärztin des Psychotraumazentrums werde ich nun zum 6. Dezember in einen Durchgang der Online-Schreibtherapie eingesteuert. Der Zeitpunkt ist das Resultat des Gespräches am Dienstag, um zumindest den Vorwurf zu entkräften, ich sei nicht therapiewillig.

Der Zeitpunkt der Schreibtherapie fällt damit in den Zeitraum, indem ich drei meiner vier Auslandseinsätze absolvierte. Die Eskalation in Mazedonien 2000/2001, die uns zur Aufgabe und Abbau des umkämpften Camps zwang. Die Medienarbeit in Afghanistan 2005/2006, als die „Karrikaturen“ für Demonstrationen und Angriffe auf Camps mit einem Beinahme-Totalverlust des Camps in Meymaneh führte. Afghanistan 2007/2008 – ein Einsatz der mit dem Begriff „Chefkalation“ gut zusammengefasst ist und der neben drei Monaten hochgradig stressiger Arbeit rund um einen fachlich und englischsprachlich wenig kompetenten Chef mindestens zwei lebensgefährliche Situationen mit sich brachte. Diese Erlebnisse sorgen bis heute dafür, dass ich bei autoritären, cholerischen Chefs und Teamleitern unter Druck gerate und nur flache Hierarchien halbwegs ertrage.

Ich habe längst verstanden und analysiert, was diese Einsätze in mir verändert haben und welche Grenzerfahrungen das mit sich brachte. Ich ging davon aus, mit der Schutzzeit, die bis zu 5 Jahre dauern darf nun Raum zu haben, um mit all dem umgehen zu lernen. Ich vermeide die Situationen nicht, stelle mich in Praktika auch wieder Chefsituationen und schaue, was für mich geht, was ich um welchen Preis aushalten kann und was nicht.

Für den Verwalter aber zählt das nicht. Er hat im Kopf, was er auch im Arztgespräch schildert. „Es gibt Leute, die können für die Bundeswehr keinen Handschlag tun, aber bauen nebenbei eine Hundzucht in Brandenburg auf. Das ist ein Fulltimejob.“

Seine Denkweise macht deutlich, dass jeder Fortschritt, den ich im Rahmen des Studiums und entlang der journalistischen Projekte erzielt habe als Indiz dafür betrachtet werden kann, ich würde das System für meine Zwecke ausnutzen.

Dass ich in Zeiten der Überlastung und Depression mit den Auswirkungen allein bin, keinen Text auf die Reihe bekomme, sieht der „Verwalter“ nicht. Dass der Antrieb für Artikel wie diesen schlichtweg Angst ist – Angst, ausgelöst durch Anschuldigungen und den Druck des Verwalters selbst – wird zum Indiz für Leistungsfähigkeit, die ich der Bundeswehr, frecherweise vorenthalten würde gewertet.

Schalte ich einen Anwalt oder den Wehrbeauftragten ein, dann bin ich wieder „ärztlich nicht führbar“.

Die gleichen „Verwalter“ kenne ich aus der aktiven Dienstzeit. Sie schrieben tauglich für Einsätze. Sie werteten Belastungsbögen nach den Einsätzen aus. Sie lehnten Präventivkuren nach Einsätzen ab, weil „das schon zu viele in letzter Zeit in Anspruch genommen haben“.

Effekte

Seit dem 15.11. muss ich wieder mehr Kraft für eigentlich Alltägliches aufwenden. Es kostet Kraft, die Termine wahrzunehmen, die anstehen. Es kostet Kraft, Freunde zu treffen, weil ich nicht schon wieder „der mit Problemen“ sein will. Das ich dennoch nicht auf Ablehnung treffe ist ein großes Glück. Es kostet Kraft, mit den Gedanken nicht ständig bei der Drohkulisse zu landen, die am 15.11. aufgebaut wurde – und doch ist es manchmal nicht zu vermeiden. Es kostet Kraft, all das auszuhalten in dem Wissen, dass ich keine Aussicht darauf habe spontan in einen vollbezahlten Job einzusteigen, der Raum lässt für die Aufarbeitung, die immernoch andauert. Es kostet Kraft, weiter zu machen, wenn jeder kleine Fortschritt potentiell vom „Verwalter“ gegen mich gedeutet wird.

Wo immer möglich äußere ich mich als Journalist mit der gebotenen Objektivität und Fairness zu Bundeswehrthemen. Dass der Eindruck bleibt, ich würde kein gutes Haar an der Bundeswehr lassen liegt wohl eher daran, dass die PR nur „gute Haare“ präsentiert und seit jeher Sachverhalte im Sinne der eigenen Imagekampagnen schönfärbt. Doch für die „Verwalter“ ist es nicht auszuhalten, dass ein kritischer Journalist über die Bundeswehr berichtet.

Den Anteilen, die mit der moralischen Verletzung einher gehen, setzte ich in den letzten Jahren politische Arbeit entgegen. Ich sprach auf Demonstrationen gegen Krieg und Militärisierung und berichtete auf Podien über die Einsatzerfahrungen. Es ist nicht auszuhalten, das die Person auf Demonstrationen und Podien als „Friedensaktivist“ tätig ist und gleichzeitig aus dem Verteidigungsetat bezahlt wird. Wer als Staatsbürger mal in Uniform steckte, der soll hinterher die Klappe halten.

Der „Verwalter“ drückt es am 15.11.2016 etwas anders aus. „Sie können sich gerne weiterhin so verhalten. Dann kann man hinterher über Sie sagen, Sie waren konsequent bis zum Schluss.“

In diesem Verfahren erhalte ich wieder einmal keine Kopien der Verwaltungsschreiben, die Anlass der Befragungen sind. Ich erhalte auch keine Kopien der Antworten, die der „Verwalter“ an KdoRegSanUstg G 3.2.2 sendet. Der „Verwalter“, der die Anfrage bearbeitet bildet sich seinen Eindruck aus dem nichteinmal dreißigminütigen Gespräch, überfliegt dabei kurz das letzte ärztliche Gutachten aus Oktober 2015 und urteilt.

Ich habe also die Wahl, mir einen solchen Umgang gefallen zu lassen oder ohne Versorgung für mich und meine Kinder, ohne Raum für Therapie und Regeneration da zu stehen.

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Einbestellt & therapieunwillig

Grund für den heutigen Besuch im Sanitätszentrum war eine „Anfrage des KdoRegSanUstg G 3.2.2 Einsatzweiterverwendungsgesetz bzgl. der Feststellung weiterer Behandlungsbedürftigkeit“. Ich befinde mich in der Phase der beruflichen Rehabilitation während der Schutzzeit.

In den vergangenen Monaten hatte ich zunächst darum gebeten, ein Urlaubssemester im Studium einlegen zu dürfen, um eine Kur zu machen. Im Mai / Juni hatte ich stressbedingt wieder eine Phase mit Depressionen und Konzentrationsproblemen. Damit geht leider weiterhin einher, dass ich mich zurückziehe und dass vor allem auch soziale Kontakte darunter leiden. Der Oberstarzt ist der Auffassung, die Bundeswehr sei ja nicht dafür verantwortlich, wenn ich als Eremit leben wolle.

Ich merke leider auch immer wieder, dass Chefsituationen für große Anspannung und mittlerweile auch Träume mit Einsatzbezug sorgen, die bisher nur sehr selten auftraten.

Im Gespräch machte der bearbeitende Oberstarzt deutlich, ich sei nach seiner Einschätzung als „ärztlich nicht führbar“ einzustufen und verglich mich mit magersüchtigen Patientinnen, die ähnlich agieren würden und alles verweigerten, während sie weiter abnehmen würde.

Wie im Blog in den letzten Jahren ersichtlich wurde, habe ich zum einen eine medikamentöse Behandlung der Depressionen abgelehnt. Die Bandbreite an möglichen Nebenwirkungen will ich nicht auf mich nehmen. Eine Psychotherapie bei einer zivilen Therapeutin habe ich bereits abgeschlossen.
Zum anderen habe ich versucht, eine bis dahin nicht anerkannte, mittlerweile aber von der Bundeswehr selbst angebotene Methode (Trauma Release Exercise) bei meiner zivilen Therapeutin weiterhin durchführen zu dürfen. Die Finanzierung wurde verweigert – ich müsse schon den Standortpfarrer des Bundeswehrkrankenhauses, der die Methode gelernt habe in Anspruch nehmen, hieß es im Oktober 2015 im Gespräch mit dem Psychologen der Psychotraumastation im Bundeswehrkrankenhaus Berlin.

Therapieunwillig?

Nachdem ich im September 2016 die Zusage des Berufsförderungsdienstes erhalten habe, dass ich das Studium nicht in der Regelstudienzeit abschließen müsse, sondern auch Aus- und Krankheitszeiten nehmen könne, suche ich derzeit nach einem Termin für eine Kur (Q2/Q3 2017) und will ab April 2017 an einem Onlinetherapiekonzept teil, das mir erstmals im Juni diesen Jahres angeboten wurde.

„Es handelt sich um eine Schreibtherapie, die etwa fünf bis sechs Wochen
dauert. In dieser Zeit schreiben die Patienten entsprechend bestimmter
Schreibaufträge wöchentlich zwei Texte. Sie erhalten auf ihre Texte innerhalb
eines Werktages individuelle Rückmeldungen von ihrem persönlichen
Therapeuten, und eine Anleitung für das weitere Vorgehen. Die Zeiten, zu
denen geschrieben wird legen die Patienten vorab selbst fest.
Das Vorgehen in der Behandlung basiert auf geprüften und gut bewährten
verhaltenstherapeutischen Therapieansätzen.“

Am 19. Oktober kam der Hinweis, dass freie Plätze zur Verfügung stehen würden. Ich meldete Interesse an, war jedoch im aktuellen Durchgang wohl nicht unterzubringen, da ich mein laufendes Praktikum (5 Wochen) nicht für 2 Tage Eingangsuntersuchung unterbrechen wollte und frühestens erst zum 7.11. hätte einsteigen können.

Schriftverkehr:

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Der Oberstarzt hält von dem Konzept offenbar nicht viel, wie im Gespräch deutlich wurde, denn schließlich könne man da nichts kontrollieren und es wäre ja nicht am Patienten zu entscheiden, welche Therapiemethode angesagt ist.

Ich habe versucht dem Oberstarzt zu erläutern, was das Vertrauensverhältnis zu Bundeswehrtherapeuten – insbesondere in der letzten Begutachtung – so problematisch macht. Seit der ersten Diagnose schildere ich, wie problematisch für mich Vorgesetztensituationen sind. Zeitweise konnte ich nicht einmal Kritik an Texten aushalten, die ich für das Studium verfassen und im Gruppenrahmen diskutieren lassen muss, wenn ich die Kritikpunkte nicht nachvollziehen konnte. In solchen Situationen ist die Anspannung für mich dieselbe, wie im Afghanistaneinsatz 2007/2008. Der Psychologe meinte dazu, ich dürfe nicht so nachtragend sein. Aspekte der Einsatzerlebnisse am 27.09.2008 wurden vom Psychologen mit „wir wollen ja jetzt nicht politisch werden“ und „die Zeit ist ja auch schon um“ abgewürgt.

Der heute agierende Oberstarzt machte deutlich, man prüfe sehr genau, weil es teilweise auch Leute geben würde, die privat sehr aktiv seien, für Belange der Bundeswehr aber immer zu krank. Ich erläuterte, dass ein Dienst in Uniform und für die Bundeswehr für mich nicht mehr möglich sei, da ich bis heute keine Antwort auf die Hintergründe der Falschmeldungen zum 27.09.2008 erhalten habe, machte deutlich, dass ich mich nicht in den Dienst einer „Parlamentsarmee“ stellen kann, die Parlamentarier unvollständig und irreführend informiert und von den Soldaten verlangt zu den Vertuschungen zu schweigen. Teil dieses Systems gewesen zu sein belastet mich bis heute, denn ich ahne, dass ich nur einen Bruchteil dessen hier zum Thema gemacht habe, was noch angerichtet wurde.

Irgendwann im Gespräch begründete der Oberstarzt, es könne ja auch andere Gründe für meine mangelnde Leistungsfähigkeit geben, ich könne ja gar einem Familienmuster folgen, vielleicht einem Vater, „der mit 35 Jahren einfach aufgehört hat zu arbeiten“. Ich erläuterte kurz, dass mein Vater im Alter von 41 an Bronchialkrebs starb und auch meine Mutter nicht faul gewesen sei.

Immerhin entschuldigte sich der Oberstarzt für seine übergriffigen Aussagen. Leider erhalte ich weder von seinem Bericht an KdoRegSanUstg eine Kopie, noch eine präzise Aussage über Zeitpunkt und Anlass der Einbestellung. Ob das letztlich zur Deutung führt, ich würde nicht mitwirken und hätte kein Interesse daran, dass sich der Gesundheitszustand bessert, ist nicht absehbar.

Was ich mit Andeutungen des Oberstarztes, wie „Es ist ja schon mal gut, dass sie zum Termin gekommen sind. Ist ja auch nicht bei allen Einsatzgeschädigten so.“ gemeint sein kann, kann ich auch nur vermuten.

Wasserstandsmeldung

Seit nunmehr 1,5 Jahren läuft die sogenannte Schutzzeit, in der mein Lebensunterhalt gesichert ist und eine Krankenversorgung durch die „Freie Heilfürsorge“ gewährleistet ist.

In dieser Zeit war ich in der Lage einen Berufsabschluss (Bachelor) zu erlangen und ich kann nun im Rahmen der vorgesehenen Rehazeit das Masterstudium absolvieren. All das vollfinanziert und zunächst unter scheinbar idealen Bedingungen.

Licht und Schatten

Winter_2

Im letzten Jahr gab es mit dem Abschluss des Bachelors eine deutliche Entlastung zu verzeichnen. Auch die Nominierung des Podcast-Projektes zum NSA-Untersuchungsausschuss für den Grimme-Online-Award war ein tolles Erlebnis.

Neben dem Masterstudium war ich zu mehreren Gelegenheit als Redner zu Bundeswehr- und Antikriegsthemen auf Podien und Veranstaltungen der Linksfraktion unterwegs und fand ein halbwegs zumutbares Maß an Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Negativ fallen allerdings immer wieder platzende Termine ins Gewicht.

Zu zwei Gelegenheiten war ich als Redner in Schulklassen eingeladen. Schulen, an denen zuvor Jugendoffiziere der Bundeswehr gewesen sind und an denen es von Seiten der Eltern und Schüler den Wunsch gab, dass auch jemand zu Wort kommt, der die andere Seite des Dienstes und der Sicherheits- und Außenpolitik erläutert. Beide Termine kamen leider nicht zu Stande.

In Fall 1 war es eine 7:9-Entscheidung im Elterngremium und im anderen Fall wurde kurzfristig wenige Tage vor dem abgesprochenen Termin von Seiten der Schulleitung abgesagt – eventuell ist ein weiterer Versuch in den nächsten Monaten möglich.

Therapie und Genesung

Mit Einstieg in die Schutzzeit wurde mir auferlegt, mich entweder in die Hände von Bundeswehrtherapeuten zu begeben oder die Therapiemaßnahmen selbst zu tragen. Die Klärung der angestrebten Kostenübernahme zog sich – bundeswehrtypisch – wieder über Monate hin und gipfelte in einer Begutachtung, die angeblich notwendig gewesen sei und die mit den Worten begann: „Ja, die Therapiemethode wird nicht übernommen – so viel ist klar.“

Gegenstand der Trauma-Release-Exercise-Sitzungen (TRE) war eine Kombination aus Therapeutengespräch und Übungen zur Tiefenentspannung. Die Methode selbst ist zwar prinzipiell auch allein ausführbar, jedoch entfällt dann das Therapeutengespräch und die Reflexion über Stressoren und belastende Themen.

Das Angebot, die TRE-Übungen mit einem Bundeswehrpfarrer in Räumlichkeiten der Bundeswehr durchzuführen, statt mit der Therapeutin, mit der bereits eine Vertrauensebene bestand, lehnte ich ab.

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich nun auf mich selbst gestellt. Das Maximum an Medikamenten, das ich bereit war zuzulassen war hochdosiertes Johanniskraut (LAIV 900). Damit lösen sich – für mich – keine Probleme. Immerhin wurden die Auswirkungen der Depressionen abgemildert. Seit Dezember 2015 ist auch das LAIV 900 abgesetzt.

Immer wieder bemerke ich, dass ich in Stressphasen absacke. Zum Semesterende im Januar / Februar 2016 war wieder eine dieser Phasen, die mich für zwei bis drei Wochen sehr stark einschränkte und es erforderte viel Kraft, den Tagesablauf halbwegs aufrecht zu erhalten.

Eine ähnliche Phase ergab sich im Mai/Juni 2016. Der Stresslevel in einem ingesamt überplanten und zeitlich deutlich kürzeren Sommersemester forderte seinen Tribut und brachte zumindest die Erkenntnis, dass eine Kur sinnvoll ist, die aber vermutlich nicht vor April 2017 möglich wird.

Grund dafür ist, dass ich ein Urlaubssemester an der Hochschule einlegen muss, was unweigerlich dazu führt, dass ich in der Zeit, in der ich nicht in einer Kurmaßnahme bin zum Dienst in die Kaserne erscheinen müsste. Etwas, das mir nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr möglich ist. Weder in Zivilkleidung, noch und ganz besonders nicht in Uniform.

Dringend erforderlich ist aber nicht nur die Kur. Eine Ruhephase ohne Studienverpflichtungen oder Existenzkampf gab es in den letzten 4 Jahren nicht. Ebenso wichtig, wie die Kur ist eine sinnvolle Beschäftigung für den Rest des Urlaubssemesters. In der nächsten Woche kann ich hoffentlich mit dem zuständigen Berater ein geeignetes Konzept ausarbeiten.

Umgang mit Stress

Egal, ob emotionaler Stress oder Arbeitsstress – mit zunehmender Belastung gerate ich wieder im Tagesablauf aus dem Tritt. Die Ernährung wird unregelmäßig und ungesund, die Schlafphasen unregelmäßiger und ausgedehnter. Routineaufgaben im Haushalt werden belanglos. Auch, wenn das Gefühl von „Ich funktioniere nicht“ an Bedeutung verloren hat, mündet es im Gegensatz zu den Jahren 2013/2014 nicht mehr in Verzweiflung. Symptome, wie Anhedonie bestimmen den Alltag. Ich ziehe mich weitestgehend von sozialen Aktivitäten zurück, was insbesondere mein nächstes Umfeld belastet.

Camp KUNDUZ 2006 - Innenstadt - Lehmmauer - Blech- und Sperrholzbuden.

Camp KUNDUZ 2006 – Innenstadt – Lehmmauer – Blech- und Sperrholzbuden.

Die Erinnerung an die Einsätze und die traumatisierenden Erfahrungen hat in diesen Phasen weiterhin mehr Raum, als ich das will. Manche Handlungsmuster aus der Zeit der Depression in 2013/2014 kehren wieder zurück und fressen sich in mein Leben. Mitunter sind die Stresserlebnisse aus den Einsatzzeiten Teil der nächtlichen Träume und sorgen für eine verminderte Qualität des Schlafes.

Rückschritt

Mittlerweile liegen die Einsätze mit den traumatisierenden Erlebnissen mindestens 8 bis 16 Jahre zurück. Die Hochstressphase, die zur Trauamtisierung führte (Afghanistan-Zeit) spielte sich vor 11 bis 8 Jahren zwischen 2005 und 2008 ab. Diese Erlebnisse fressen sich meist dann wieder in mein Leben,wenn Stress in Beruf, Beziehung und Alltag überhand gewinnt.

Dass ich mein Masterstudium nicht in der Regelstudienzeit abschließen werde, ist absehbar. Dass ich es nicht zwingend muss, ist eine große Entlastung. Die Frage aber ist, wieviel davon ganz verschwinden wird und was letztlich bleibt.

In den nächsten Wochen stehen das Beratungsgespräch „Urlaubssemester“, sowie die Kontaktaufnahme mit den leider notwendigen Bundeswehrärzten an, um eine Kur auf den Weg zu bringen. Das bedeutet dann – leider – wieder die Auseinandersetzung mit Bundeswehrstrukturen.

Bundeswehrstrukturen

Im Oktober 2015 fand die letzte Begutachtung statt. Im Therapeutengespräch erwähnte ich belastende Aspekte, mit denen ich im Alltag immer wieder konfrontiert bin. Die Reaktion des Bw-Arztes: „Seien sie nicht so nachtragend.“

Mit der zuständigen Dienststelle, die mich als Personalangelegenheit zu verwalten hat (mehr will ich auch nicht), gab es Mitte August auch ein kurzes Gespräch. Der Personalverantwortliche wollte zunächst wissen, wie ich klar komme und wo eventuell Unterstützung nötig ist.

Die freundliche und hilfsbereite Haltung dort war nicht belastend. Der Hinweis darauf, ich solle keine militärischen Geheimnisse preisgeben wurde zwei bis drei Mal zwanglos und pflichtbewusst eingestreut.

An die Kritiker

Positiv ist, dass das Mobbing aus Bundeswehrkreisen, das vom Reservisten bis hin zum Generalanwärter in den letzten Jahren immer wieder abstruse Intensitäten annahm mittlerweile nicht mehr sichtbar zu verzeichnen ist. Grund dafür dürfte auch mein Rückzug aus Facebook sein.

Mein Umgang mit Bundeswehrthemen sorgte bisher für keinerlei Anlass mich dienstrechtlich zu belangen, wie es auf dem Papier möglich wäre. Telefonanrufe beim zuständigen Chef des Stabes können sich daher all diejenigen sparen, die Kritik an der Bundeswehr nicht aushalten und argumentieren „Er wird versorgt – er soll die Klappe halten.“

Da ich keinen Zugang zu Dienstgeheimnissen habe und vom militärischen Dienst freigestellt bin, verhalte ich mich in allen Belangen rund um das Thema Bundeswehr, wie es für einen Journalisten angemessen ist. Das schließt Kritik mit ein und ist in Zeiten von schillernder Bundeswehrwerbung und hunderten von Jugendoffiziersbesuchen in Schulen mehr als nötig. Keine Bezahlung der Welt wird mich davon abhalten. Das trenne ich deutlich voneinander.

Protest gegen US-Africom im Stuttgart

In Stuttgart betreibt die US-Armee seit Jahrzehnten eine Militäreinrichtung, die als Kommandobehörde für Europa fungiert. Seit 2007 ist in den Kelley-Barracks darüber hinaus das US-Africom untergebracht. Über US-Africom werden die Operationen in afrikanischen Ländern, wie Somalia gesteuert.

Basis für die Drohnenangriffe sind oft nur die Daten aus der Mobilfunknutzung der Menschen, die mit Drohnen beschossen werden. Daten, die oft fehlerhaft und nicht eindeutig sind. Daten, die auch von deutschen Geheimdiensten, wie dem Bundesnachrichtendienst BND oder dem Bundesamt für Verfassungsschutz BfV an die US-Dienste weitergeleitet werden. Eine Garantie dafür, dass die Daten für den Drohnenkrieg genutzt werden gibt es nicht. Von deutscher Seite aus begnügen sich die zuständigen Bearbeiter im Verfassungsschutz, dass sie schreiben „Nur zur Nachrichtendienstlichen Verwendung“.

Trifft eine Drohne dann doch einmal den Inhaber einer Rufnummer, die vom Bundesamt für Verfassungsschutz weitergeleitet wurde, so lautet die Hausmeinung, man sie nicht unmittelbar, allenfalls mittelbar beteiligt.

Drohnenraketen, die immer wieder auch unschuldige Zivilisten treffen. In Afghanistan, Pakistan, Somalia, Jemen und vielen anderen Ländern der Welt. Drohnentötungen, die mehr Menschen gegen uns aufbringen, als wirkliche Gefährder zu töten.

Nach rund drei Jahren Arbeit am Thema IT-Sicherheit und Überwachungstechnologie, sowie auch meiner Arbeit an den Hintergründen der US-Militäreinsätze nach 9/11, ist meine Haltung zu diesen Einsätzen klar. Zum Jahrestag des Endes des zweiten Weltkriegs am 8.5.2016 protestierte ich daher gemeinsam mit rund 300 Friedensaktivisten gegen die US-Militäreinrichtung, gegen ihren Auftrag und gegen die Methoden, mit denen der angebliche Krieg gegen den Terror geführt wird.

Ausdrücklich nicht protestiere ich gegen amerikanische Bürger, die auf das Verhalten ihrer Regierung ebenso wenig Einfluss haben, wie die meisten Deutschen auf das Kanzleramt oder die meisten Afghanen auf die korrupten Politiker in ihrem Land.

 Bericht auf den Seiten der Stuttgarter Nachrichten

Redebeitrag: „Wir haben da etwas vergessen“

Willy Brandt brachte es auf den Punkt: „Vom deutschem Boden darf nie
wieder Krieg ausgehen.“
Aber mit der Wiedervereinigung haben wir einen notwendigen Schritt
verpasst, den wir dringender denn je nachholen müssen.
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#hollerkaputt & kranke Versicherungen: wenn es ohne Geld nicht mehr geht

Seit gut zwei Tagen ist das Video von Claudius Holler online. Selbständig – in einer schwierigen Lage und ohne den Schutz einer Krankenversicherung. Exakt in dem Moment, in dem er darauf am meisten angewiesen ist. „Krebs ist ein Arschloch“ – korrekt festgestellt. Doch nicht nur Krebs. Die Welle der Solidarität wird immer wieder von einer Reihe an Individuen gebrochen, denen Mitgefühl offenbar ebenso fremd ist, wie das Verständnis dafür, wie schnell Abrutschen in prekäre soziale Lebenslagen wirklich geht.

#Hollerkaputt holt derzeit ein Stück meiner eigenen Erfahrungen wieder hoch.

Juni 2014

Bereits seit 15 Monaten arbeite ich auf, was aus der Bundeswehr-Einsatzzeit zurückgeblieben ist. Nicht nur Krebs ist ein Arschloch. Depressionen haben mein Leben in der Zange und mich an einen gefährlichen existenzbedrohenden Punkt gebracht. Das Chaos brach über mich in der Endphase meines Studiums herein. Es fehlt eine Hausarbeit und die Bachelorarbeit, um einen Studienabschluss zu haben.

Ich bin damals 35 Jahre alt – habe 10 Jahre Berufserfahrung in einem Beruf, der im Zivilleben nicht einmal als Berufsabschluss gilt. Offizier. Ich kann organisieren, führen, verwalten, einen Radiosender leiten und habe Krisenkommunikation in einem Kriegsgebiet gemacht. Alles nichts wert, denn ein Universiätsabschluss fehlt. Als Journalist ohne Studium ist das automatisch auch ein Nachteil, wenn ich Leistungen aus der Künstlersozialkasse in Anspruch nehmen müsste. Auch hier wird im Fall der Fälle differenziert. Die Bedürftigkeit entscheidet darüber, ob ein Mensch Unterstützung erhält – der Berufs- oder Studienabschluss über die Höhe.

Mein damaliges Einkommen beträgt 1675 Euro. 450 Euro davon stammen aus einem Nebenjob bei den Piraten. Der Rest sind Zahlungen, die die Bundeswehr noch leisten muss. Ablaufdatum 01.08.2014. Davon zahle ich 600 Euro Unterhalt, denn ich habe zwei Kinder aus meiner geschiedenen Ehe zu versorgen.

Damit der Unterhalt in jedem Fall läuft erreicht die Zahlung meine Ex-Frau über den Umweg des „Unterhaltssicherungsamtes“. Es war absehbar, dass die Lage ab September 2014 schwierig werden würde.

Gesund werden und bleiben bei Existenzdruck

Meine Therapie verläuft nicht gut. Je mehr der Existenz-Druck zunimmt, desto weniger kann ich mich um das kümmern, was dran ist. Auch in dem Job bei der Piratenfraktion fehlt es mir an Konzentration. Wollen ist nicht das Problem. Die Depressionen nehmen zu. Wenn die Zahlungen zum 01.08.2014 wegfallen, dann sind nur 450 Euro sicher. Ohne Krankenversicherung. Ich finde einen Job, der noch einmal zwischen 600 und 900 Euro monatlich einbringt. Der Haken: dieser Job ist Sozialversicherungsfrei. Willkommen in der sogenannten Scheinselbständigkeit. Mir ist das in diesem Moment längst egal. Ich kann den Job irgendwie bewältigen, auch wenn bei Schichtbeginn nie ganz klar ist, wie lange und ob ich überhaupt durchhalten kann.

Aus der vorangegangenen Bundeswehrzeit bin ich im Juni 2014 zu 30% privatversichert und zu 70% durch die Beihilfe des Bundes abgesichert. Ich suche nach einer bezahlbaren Krankenversicherung. Unternehme ich nichts, dann bin ich ab dem 01.09.2014 mit monatlichen Kosten von 300 Euro zu 100% Privatpatient.

Obwohl mit 1050 bis 1350 Euro real erzielbaren Einnahmen ausgestattet, beginnt für mich der freie Fall durch die Ebenen des Sozialsystems.

Das Unterhaltssicherungsamt macht Druck. Treffen die Zahlungen nicht regelmäßig ein, kann mich dieses Amt zu 30 Bewerbungen auf zumutbare Jobs verpflichten. Zumutbar ist, was genug Einkünfte generiert. Eigentlich müsste ich mich um Therapie und die Erkrankung kümmern. Eigentlich ist ein Studium abzuschließen, um überhaupt Aussicht zu haben einen halbwegs bezahlten Job zu erlangen. Stattdessen jobbe ich, um nicht finanziell abzusaufen.

Ich frage bei der freiwillig gesetzlichen Krankenversicherung an. Meine Jobkonstellation wird nicht akzeptiert. Sicher trägt auch die laufende Therapie dazu bei, dass ich nicht auf der Wunschliste für neue Mitglieder stehe. Einen Anspruch auf Aufnahme habe ich nicht, denn ich habe in den letzten Jahren nicht mindestens 12 Monate in einer gesetzlichen Krankenversicherung verbracht. Seit 1998 war die „Freie Heilfürsorge der Bundeswehr“ meine Krankenversicherung. Nebenbei unterhielt ich pflichtgemäß eine private Anwartschaftsversicherung – eine Art Mini-Krankenversicherung, um als dauerhaft versichert zu gelten und bei Eintritt in die normale Krankenversicherungswelt mit dem Gesundheitsstatus eines 20-Jährigen, statt den Zipperlein und Unzulänglichkeiten eines 35-Jährigen beurteilt zu werden.

Es bleibt also bei Einkommen – aber keine Krankenversicherung. „Geh doch in HARTZ4 – da wird die Versicherung übernommen und du hast Zeit für Therapie.Die müssen dich aufnehmen.“ – gut gemeinte Ratschläge bekomme ich in dieser Zeit zu Hauf. HARTZ4 und die rettende Krankenversicherung hätte ich nur für den Preis bekommen, dass ich mein Studium abbreche. Gift für die Depression. Gift für die gerade wiederkommende Arbeitsfähigkeit. Willkommen in der Perspektivlosigkeit für den Rest ihres Lebens.

Um nicht vollends zu kapitulieren setze ich mir ein journalistisches Thema, verfolge es und bin zumindest an 2 bis 3 Tagen im Monat dabei an meinem Ziel zu arbeiten, den Bachelor Onlinejournalismus abzuschließen. Meine Leistungen im 450 Eurojob werden schlechter. Irgendwie bewältige ich den anderen Job. Keine Lösung auf Dauer, denn ich sacke immer mehr ab.

Ratlose Gesichter

Irgendwann in dieser Zeit schaltet sich das Fallmanagement einer Hilfsorganisation für einsatzgeschädigte Bundeswehrsoldaten ein. „Ich brauche eine bezahlbare Krankenversicherung – mehr will ich gar nicht.“ Mit Elan spielt sich dieser Mensch durch die gleichen Strukturen, an denen ich bereits verzweifelt bin. Das Ergebnis:

– Krankenversicherung nur mit HARTZ4

– HARTZ4 nur mit Abbruch des Studium

– Studium nur, wenn Unterhalt für die Kinder gezahlt wird.

Danke Deutschland.

Das Fallmanagement nimmt Kontakt zum Verteidigungsministerium auf. Dort setzt sich die zuständige Abteilung für einsatzgeschädigte Bundeswehrsoldaten mit meinem Fall auseinander. Meine Einsatzschädigung ist bis dahin weder in der Höhe, noch überhaupt anerkannt. Dafür kreisen der Antrag und die Gutachten seit nunmehr 15 Monaten im Verwaltungsorbit. Destination unknown. Aussage über die Dauer des Verfahrens (gegenüber meinem Anwalt): „Wenn sie hier anrufen geht es auch nicht schneller. Eher im Gegenteil“.

Notlösung: Schulden aufbauen

Anfang September 2014: Ich habe wenig Geld und brauche Ruhe vor dem Unterhaltssicherungsamt, das mich jederzeit zum Abbruch des Studiums zwingen kann. Die Piraten wandeln meinen 450 Eurojob in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis um. Statt 450 Euro habe ich nun 300 Euro aus diesem Job – aber bin für eine kurze Zeit gesetzlich krankenversichert. Ich arbeite so viel es geht im Callcenterjob. Um das Unterhaltssicherungsamt auf Distanz halten zu können und nicht zum Abbruch des Studiums gezwungen zu werden reaktiviere ich einen KfW-Studienkredit. Der Schuldenstand steigt – aber ich bleibe handlungsfähig und mit einer Zukunftsperspektive ausgestattet.

Mit dem Studium komme ich nicht weiter – die Leistungen im Piratenjob sind mies. Aber den Kopf halte ich über Wasser.

Wenn nur noch Geld hilft

Nach mehreren Wochen sitze ich Anfang September 2014 im Verteidigungsministerium vor dem zuständigen General für einsatzgeschädigte Soldaten. Zwei Rechtsberater flankieren den Mann. Man habe geprüft. Ich könne nur in der privaten Krankenversicherung bleiben, die mich mindestens 300 Euro monatlich kosten würde. Ich hätte keinen Anspruch auf Krankengeld. Ein Anspruch auf studentische Versicherung besteht wegen der Altersgrenze nicht. Kompliziert sei die Lage zusätzlich auch noch, weil das laufende Schädigungsverfahren bei jeder Krankenkasse kritisch gesehen werden würde. Man erkennt die Aussichtslosigkeit der Lage an.

Am Ende angelangt: ich habe es selbst versucht und bin gescheitert. Das Fallmanagement hat es versucht und ist gescheitert. Das Team des Bundeswehrgenerals hat es versucht und ist gescheitert. Das Sozialsystem sah für mich nur noch vor: nach unten durchreichen. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Der General geht letztlich den Weg über Stiftungen und organisiert für die kommenden Monate eine finanzielle Unterstützung.

Dies ist keine Lösung, die im Sozialsystem zur Verfügung steht. Es ist eine Lösung, die genau da ansetzt, wo das Sozialsystem versagt. Prozesse, die jeder für sich angeblich helfen und die Solidargemeinschaft absichern sollen, die aber durch die Kombination der Systeme in ihrer Summe dafür sorgen, dass Menschen die Hilfe brauchen einen Knüppel in den Rücken geknallt bekommen. Alle Bedingungen zu erfüllen ist einfach nicht drin. Das mag sich niemand vorstellen, der es nicht erlebt hat. Ich wünsche es auch niemandem. Besonders nicht dem Holler, der jetzt gerade nur seine Gesundheit im Kopf haben sollte.

Unbeschwert ist anders

In den letzten drei Monaten gab es einige positive Entwicklungen. Über zu viel Privates mag ich nicht mehr schreiben – aber wo es mit Aspekten der Erkrankung zu tun hat, landet es in diesem Blog. Die wohl positivste Entwicklung war, dass ich Anfang Dezember die Laif 900 – Medikation abgesetzt habe und zunächst auch gut zurecht kam. Nicht nur durch den Abschluss des Bachelorstudiums gab es positive Impulse.

Winter_2Doch mit zunehmenden negativen Entwicklungen / Herausforderungen (Familiär, Arbeitsbelastung zum Semesterende) spürte ich Ende Januar / Anfang Februar deutlich, wie ich wieder an meine Grenzen kam. Hinzu kam eine deutlich belastende Semesterthematik, die ich jedoch halbwegs in den Griff bekam. Auch wenn das Gegensteuern derzeit klappt: die sozialen Kontakte leiden, da ich mich immer wieder mal zurückziehe oder das Aufrechterhalten sozialer Kontakte wieder schwerer fällt.

Insgesamt kostet alles mehr Kraft, was aber angesichts der Herausforderungen (privat) auch nicht verwunderlich ist. Noch leidet der Job darunter nicht. Im Monat März läuft eine Praktikumsphase im Rahmen meines Studiums.

TRE / Reflektion mit Therapeutin

Therapeutische Begleitung ist derzeit nicht möglich. Wie schon im Oktober letzten Jahres durchgefochten, ist für mich derzeit keine unabhängige Maßnahme vorgesehen. Im Rahmen der „Schutzzeit“ in der ich mich aktuell befindet unterliege ich der freien Heilfürsorge durch die Bundeswehr. Der Schädiger bestimmt den Art, Umfang und Durchführung der Therapie. Freie Arztwahl? Nicht möglich. Ich muss nehmen, wer gerade da ist. Vertrauensbasis? Schwer belastet.

Die TRE-Methode, die 2014 / 2015 eine gute Begleitung war würde allenfalls unter Leitung des Standortpfarrers gewährt – nicht aber mit meiner unabhängigen Therapeutin.

Wetterlage: Mal heiter, meist wolkig

In den notwendigen Kontexten funktioniere ich überwiegend überzeugend. Komfortabel für mich? Wen kümmert das. Einige Projekte sind für die nächsten Monate auf den Weg gebracht – Immerhin das. Einschränkungen: deutlich spürbar. Aufpassen ist weiterhin angesagt.

Interview GEW / Terre des Hommes

Kürzlich gab ich der Kinderhilfsorganisation „Terre des Hommes“ ein Interview. Die Kurzversion ist in den Druck gegangen – die Langversion ist noch nicht online, kommt aber sicher bald.

160216_TdH_Ich_wurde_verheizt

Kritik an der Rekrutierung von Minderjährigen, die bereits im Alter von 17 Jahren mit der Erlaubnis ihrer Eltern in die Bundeswehr eintreten dürfen wird auch vom Darmstädter Signal geäußert.

dfg-vk.de – PDF-Version GEW „Ich wurde verheizt“


Aktuelle Situation

Die Bundeswehr muss in meinem Fall seit Anerkennung der Schädigung im März 2015 für Lebenunterhalt und Rehamaßnahmen aufkommen. Ich arbeite mich derzeit Stück für Stück zurück auf ein normales Leistungsniveau. An den Auswirkungen auf Kinder und Familie ändert das jedoch ebenso wenig, wie daran, dass aus den zwei Jahren bis die Schädigung anerkannt wurde, Schulden zurückgeblieben sind.

Befund – lesen bei Strafe verboten!

Am Mittwoch fand einer erneute Begutachtung statt. Angekündigter Zweck war, über die Kostenübernahme der Trauma-Release-Exercise (TRE) Klarheit zu bekommen. Diese Klarheit ist nun da. Nichts wird übernommen.

Zunächst ging es in ein kurzes Arztgespräch. Ich schilderte, wie ich über die Kombination aus Coaching und TRE-Methode zu einer besseren Stresswahrnehmung und einem besseren Stressmanagement gekommen bin und das in der Lage war, zu Coach und Therapeutin ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Autoritätspersonen waren nach den Erfahrungen im zweiten Einsatz ein wesentliches Problem für mich, da ich durch die Einspannung in die Hierarchie in mindestens zwei Fällen in ziemlich gefährliche Situationen geraten bin.

Mein kleines Problem mit Hierarchie

Zunächst war es schlechte Kommunikation zwischen meinem Vorgesetzten und dem Herrn vom Auswärtigen Amt dazu gekommen, dass ich zu einer Tagestour aufbrach, die als „Hilfsgüterübergabe“ in der Nähe des Camps angekündigt wurde. Ich rechnete nicht damit, mich ohne Kommunikationsmittel im Laufe des Tages rund 180 Kilometer vom Lager zu entfernen.

Unterwegs, ohne die vorgeschriebene Sicherungskomponente von mehreren Soldaten und Fahrzeugen – quasi auf dem Präsentierteller als einziger Uniformträger. Mitten in einer Hilfsgüterübergabe an mehrere hundert Menschen und später dann zu einem TV-Termin des ZDF, ungesichert zu Fuß über die Trampelpfade in einer afghanischen Ortschaft.

Nicht nur mir hat dieser Tag zugesetzt. Ich sprach meinen damaligen Vorgesetzten kurz beim „Tag der offenen Tür des Bundeswehr“ im August in Berlin. Er beschrieb, dass auch bei ihm der Eindruck entstanden war, die Hilfsgüterübergabe würde in der Nähe vom Camp stattfinden.

Ich bemerkte zu spät – an einem Punkt, wo umkehren keine Option mehr war – dass wir uns mehrere Stunden weit entfernt vom Lager aufhalten würden. Das Problem daran: verwaltungstechnisch wäre mir das als Verstoß gegen die Vorschriften, als Dienstvergehen oder ähnliches ausgelegt worden. Für meine Familie hätte das bedeutet, dass keine Absicherung da gewesen wäre.

Das ich auf Basis der Erfahrungen massive Probleme mit Studenten und Dozenten im Studium Onlinejournalismus, sowie auch Vorgesetzten in einer Redaktion hatte, kann ich beim Doc kaum erläutern. Letztlich ging es soweit, dass ich über fast zwei Jahre nicht in der Lage war in die Bachelorarbeit einzusteigen, um nicht einem Professor – Autoritätsperson – ausgeliefert zu sein.

Der Doc macht im Oktober 2015 daraus, es gäbe „Hinweise auf eine formale Denkstörung in Form eines Haftens an vermeintlichen Fehlern anderer“. Nein, lieber Doc – ich halte nur kein unkooperatives, autoritäres Verhalten mehr aus, was mich dazu bewegen soll Dinge zu tun, von denen ich weiß, sie sind falsch.

In der Wahrnehmung des Docs hatte ich während der Phase der Depression „wohl so eine Art Schreibblockade“. Autorität ist für mich noch heute ein Problem – insbesondere, wenn sich inkompetente Menschen über ihre höhere Position in der Hierarchie definieren und nicht mehr auf Augenhöhe reden wollen.

Das war wohl mit ein Grund dafür, warum ich in den Schritten der Behandlung außerhalb der Bundeswehr überhaupt wieder in der Lage war, Vertrauen zu Menschen aufzubauen. Nicht nur in Coaching und TRE-Therapie, die mich wesentlich entlastet haben. Auch im Umgang mit Kollegen entlang des Untersuchungsausschusses, den ich seit anderthalb Jahren begleite klappt konstruktives Arbeiten auf Augenhöhe. Dünkelbehaftete Divas (jederlei Geschlechts) ausgenommen, die es auch dort gibt…

Der Doc interpretiert es als „rücksichtsloses Verhalten“, wie dem Befund zu entnehmen ist, den ich selbstverständlich wider der Androhung auf dem Kuvert:

„Arztsache – Nur durch den Arzt oder sein beauftragtes Hilfspersonal zu öffnen. Unbefugtes Öffnen kann strafrechtlich verfolgt werden (§§ 020 StGB)“

geöffnet und gelesen habe. Es geht um mich. Und Vertrauen in das, was in Bundeswehreinrichtungen passiert, kann ich nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr aufbauen. Punkt.


„Ich würde mich ja stundenlang mit ihnen über Politik unterhalten, aber ….“

Über die Erlebnisse rund um den Angriff auf das Camp Marmal und die Falschmeldungen an das Parlament, in denen vor allem Angaben über Festnahme und Verbleib der Kriegsgefangenen fehlen, mag auch er nicht reden. Genau das erlebe ich nun zum wiederholten mal. Im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg war das anders.

Zum Aspekt, dass ich am Abend des 27.09.2008 die Personendurchsuchung auf der Fahrbahn am Lagereingang sah, den Gefangenen sah und wenige Tage später erfahren musste, dass dieser nach Übergabe an die afghanischen Polizei getötet wurde, kommen wir im Gespräch nicht. Weder inhaltlich, noch, was das emotional mit mir gemacht hat. Immerhin: die Gefangennahmen können seit der Veröffentlichung von „Afghanistan-Connection“ nicht mehr geleugnet werden.

Testung, Timing und Fragenbatterie

Schon im Vorgespräch wurde mir angekündigt, das die TRE-Methode nicht finanziert werden würde. Nicht möglich nach den gängigen Vorschriften und Vergütungsregeln. Danach erfolgte eine erneute Testung über rund 300 Fragen zum aktuellen Befinden. Tolles Timing. Im Abschlussgespräch erhielt ich noch einmal den Hinweis, die Methode wäre nicht anerkannt und könne daher nicht bezahlt werden.


Soweit, so gut – und dann wirds schräg

TRE als Methode ist nicht erstattungsfähig. Machen Sie doch TRE. Ja, wer an dieser Stelle nun einen Knoten in den Kopf bekommt – ich löse den nun gleich auf.

Der Doc bot mir an, ich könne ab Dezember bei einem Pfarrer, der im Trauamzentrum tätig werden wird dann auch TRE machen. Das die Methode kurz vor der Einführung in das Traumazentrum steht ist begrüßenswert. Ich habe sie als sehr hilfreich empfunden und würde auch gern noch mindestens ein weiteres Jahr unter Anleitung diese Übungen machen, bei denen ich auch mit der Therapeutin gezielt in den Austausch über Stressoren und mein Stressmangement gehen kann.

Doch das sieht das Konzept der Bundeswehr nicht vor. Ich gelte entweder als gesund und darf zur beruflichen Rehabilitation (Studium Kulturjournalismus) schreiten. Oder ich bin „krank“ und darf TRE und anderes in Anspruch nehmen.

Am Ende des Termins erhalte ich erneut das „TRE mit Pfarrer-In-House-Angebot“. Ich erkläre ruhig und bestimmt, dass ich ein Vertrauensverhältnis zur Therapeutin aufgebaut habe, über Monate gute Erfolge in der Therapie hatte und – vor die Wahl gestellt – lieber gänzlich auf TRE und Therapeutin zu verzichten, als mit einem neuen Therapeuten bei Null anzufangen und wieder über wesentliche Aspekte, die in den letzten Monaten mehr und mehr in den Hintergrund rücken konnten auf ein Neues reden muss.

Aber sicher war auch das wieder rücksichtslos von mir.

Finanzierung

TRE- und Coaching schlugen mit rund 400 Euro im Monat zu buche. Mit dem Coaching war ich nach 11 von geplanten 10 Sitzungen gut aufgebaut. Mittlerweile habe ich – wenn auch etwas holperig – die Bachelorarbeit abgeschlossen (und hoffentlich auch bestanden). Dennoch: der Aspekt der Reflexion mit einer Therapeutin, ob ich genug tue, wenn es um Stressmangement geht, wäre immernoch hilfreich. Mehr, als zwei Sitzungen pro Monat würde ich nicht mehr in Anspruch nehmen.

Ja, ich habe zwar die Phase der Bachelorarbeit seit Juni 2015 ohne TRE-Begleitung absolviert – gut hat es sich aber nicht angefühlt. Aber besser weiterhin keine begleitete TRE, als umgeben von Uniformträgern in den Einrichtungen der Bundeswehr.

Dran wäre auch, dass ich den Studienkredit abbaue, der dafür gesorgt hat, dass ich in der Phase der „Anerkennung und Feststellung der Wehrdienstbeschädigung“ nicht in HARTZ4 und damit ohne Abschluss aus dem Studium gekickt wurde.Der Teilzeitjob in einem Callcenter konnte zusammen mit dem Kredit gewährleisten, dass ich auch nicht vom Unterhaltssicherungsamt zum Abbruch des Studiums genötigt wurde. Es ist ein Wunder, dass ich diese Phase ausgehalten und regelmäßig die Unterhaltszahlungen für meine Kinder zusammengebracht habe.

Mit zusätzlichen 250 Euro Therapiekosten kann ich nicht beginnen, den Studienkredit abzutragen und werde nach Ende des Studiums Kulturjournalismus wohl als „gesund“ mit Schulden starten. Schulden aus dem Wehrdienstbeschädigungsverfahren, denn eigentlich hatte ich den Studienkredit 2012 aufgenommen mit der Absicht nur 6 Monate in Anspruch zu nehmen. Dank der langen Verfahrensdauer wurden nun aber 24 Monate daraus.

Anyway: es ist nur Geld.

Diagnose

Immerhin: es sind im Profil „keine klinisch relevanten Dysfunktionalitäten abgebildet“.

Noch dazu sei ich „vorsichtig, kritisch, misstrauisch,nachtragend“. Ja, liebe Bundeswehr, wenn das mal nicht an euch und eurem Therapiekonzept liegt. Und hey: nur, weil ihr das als Paranoia verstanden wissen wollt, heißt das eindeutig NICHT, das sie NICHT hinter mir her sind ( <- ich sollte solche Witze echt nicht machen - die verstehen eh nur Twitterer.) Und danke auch für "energisch, zielstrebig, ehrgeizig" - das mochtet ihr ja laut meinen Beurteilungen schon während meiner Dienstzeit und habt es immer positiv hervorgehoben. Interessant, dass das Adjektiv "gewissenhaft" bei euch in psychometrischen Befunden auftaucht. Erhöhte Werte auf einer Subskala legen nahe, ich sei "eigenwillig bis unkonventionell, originell und exzentrisch". BÄMM!!!! Danke dafür, aber interpretiert es doch nicht in Richtung Shizophrenie. Gute Basis für den Journalismus. Und hey: wenn mir nach tanzen durch Berlin ist, dann tue ich das. Lachflash galore – Funfact am Rande

Ich zitiere den ersten Satz aus dem Abschnitt „Befund“:

„Sportliche, trendbewusste Person, schwarz gehaltene legere Freizeitbekleidung, Gepflegter, mittellanger Haarschnitt.“

Ich lache hart und bin zugleich froh, dass ein Mensch, der während seiner Arbeitszeit zu 70 bis 80 Prozent von Personen in jeglicher Art von Uniform und Jogginganzugkombination umgeben ist mich trendbewusst nennt.

„Wiedervorstellung bei Bedarf“ – danke, ich hatte reichlich!

Ich lege weiterhin keinen Wert auf die Institution Bundeswehr. Dennoch bin ich auf den Ausgleich der Nachteile angewiesen, die durch zu wenig Qualifikation und zu viele Einsätze in zu kurzer Zeit enstanden sind. Die Wehrdienstbeschädigung ist anerkannt und ich werde es nicht hinnehmen schlechter qualifiziert auszuscheiden, als das zu Beginn meiner Bundeswehrzeit mal vorgesehen war.

Deutlich aber wird wiedereinmal, dass das Nachsorgekonzept in wesentlichen Punkten weiterhin hakt. Dazu zählt auch, dass die Behandlung im Rahmen der „Freien Heilfürsorge“ – also quasi bundeswehrintern erfolgt. Der „Geschädigte“ muss sich also mit dem „Schädiger“ auseinandersetzen, wenn es um die Genesung geht.

Das ist ein Abhängigkeits- und Zwangverhältnis, das die Therapie immer wieder bremst und so nur noch mehr Kosten über eine längere Zeit entstehen lässt. Warum wird die Schutzzeit nicht in ein zivil-beamtliches Verhältsnis eingegliedert, bei dem der Geschädigte die Wahl hat, sich rein zivil behandeln zu lassen? Ja, auch dort würde die TRE-Methode derzeit nicht bezahlt. Aber es gäbe wenigstens Ärzte ohne die Bundeswehr-Schere im Kopf.

Die „Geschädigten“ sind übrigens Menschen, wie ich. Menschen, die unter psychischen, seelischen oder moralischen Nachwirkungen der Dienstzeit leiden. Den Menschen wurde Fürsorge als selbstverständlich zugesichert, und als es darauf ankam, mussten sie sich diese Fürsorge erstreiten oder erhielten sie schlichtweg nicht.

Es sind Menschen, die teilweise bei Eintritt in ihren Beruf über wesentliche Aspekte des Dienstes überhaupt nicht oder nur unzureichend informiert wurden und mangels Erfahrung im und mit dem System nicht absehen konnten, welche Konsequenzen das haben würde.

Menschen, die auf seelischer und moralischer Ebene damit zu kämpfen haben, dass die Genfer Konvention für den Umgang mit Kriegsgefangenen zwar als wesentliche Leitlinie in allen Ausbildungen geschildert wird, aber letztendlich in den rechtlichen Konstrukten der internationalen Einsätze bis zur Unkenntlichkeit gebeugt wird. Wie erklärt ihr es mir sonst, dass aus Unterlagen an den Verteidigungsausschuss die Angaben zu Gefangennahmen verschwinden ?

Viele Menschen draußen haben die Taktik der Anwerber längst durchschaut, protestieren gegen den Einsatz von Jugendoffizieren an Schulen und gegen die Praxis, das die Notlage von Menschen ausgenutzt wird und berufliche Versprechungen, wie „Bundeswehr – nicht jeder bei uns trägt Uniform“ gemacht werden. Formal ist der Spruch korrekt – aber sagt bitte auch dazu: „Bundeswehr – mit der Genfer Konvention nehmen wir es auch nicht immer so genau“.

Danke, Herr von Bülow!

In Redaktionen spricht man schon mal von „Pietätshalde“. Gemeint ist die Schublade oder der Dateiordner mit vorbereiteten Nachrufen, die nur noch grob ergänzt werden müssen, für den Fall, dass eine bekannte Person dann doch verstorben ist. Der falsche Knopf zur falschen Zeit lässt da schon einmal jemanden zu früh aus dem Leben scheiden. Zumindest presseöffentlich.

Die Rechte an diesem Bild gehören der dpa. Sie dürfen die auch behalten. Ich möchte nur die Anzeige zeigen.

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Es ist selten, dass ein Redakteur zwei Mal einen Nachruf auf ein und dieselbe Person verfasst. Aber, Herr von Bülow, am vergangenen Samstag war es dann doch nötig. Die Universität der Künste hatte zum Auswahlgespräch eingeladen. Es geht um einen Masterstudienplatz im Fach Kulturjournalismus.

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