KFOR 2000 / 2001

Vorbereitung:

Es ist November 1999. Ich bin etwas mehr als ein Jahr bei der Bundeswehr, als das Transportbataillon 801 mit den Planungen für den Einsatz beginnt. Mein Chef sagt, ich sei für den Einsatz als Straßentankwagenfahrer geplant.
Da ich zu diesem Zeitpunkt jedoch eher den Job eines Bürokaufmanns ausführe, muss ich zunächst einmal ausgebildet werden. Das verläuft planmäßig.
Das Jahr 2000 steht im Zeichen meiner Ausbildung. LKW-Führerschein, Ausbildung zum Transportsoldaten und zum Transportsoldaten für Straßentankwagen. Dazu noch ein Lehrgang für Funk- und Fernmeldeaufgaben.
Als ich im Sommer vor Beginn der Kontingentausbildung in meinen vierwöchigen Urlaub gehen will, wird dieser kurzerhand auf zwei Wochen verkürzt – zu wenig Personal im Geschäftszimmer der Grundausbildungseinheit.
Ich lasse das zu – bitte mit nur aus, anstatt des geplanten Urlaubs wenigstens pünktlich heimfahren zu können. Bei einer zivilen Fahrschule habe ich mich für den Motorradschein angemeldet – ein guter Ersatz für eine Urlaubsreise.
In diesem Sommer lerne ich meine Frau kennen – 100 Tage später heiraten wir. Keine Entscheidung, die ich bereue. Mittlerweile sage ich, es sind Ehen an geringeren Herausforderungen zerbrochen, als wir sie hatten.
Im September und Oktober stehen Kontingentausbildungen an. Ich mag meine neue Aufgabe, auch, wenn sie mich schon wenige Tage nach der Hochzeit für 6 Monate ins Ausland schickt.

Einsatz

Ein tränenreicher Abschied am Flughafen fällt aus. Bereits am Vortag müssen wir in der Kaserne anreisen und werden nach Unna gebracht. Dort werden nocheinmal alle Dokumente und der Ausbildungspass gechecked. Irgendwas vergessen? Dann geht es nicht in den Einsatz. Am nächsten Morgen geht es weiter nach Köln-Wahn. Die Wartehalle mit ihrem legendären, nicht vorhandenem Charme, warten auf Holzbänken. Nicht komfortabel, aber aufregend.

Zum ersten Mal im Leben fliegen – dazu noch gleich in einer Herkules / TransAll Maschine. Rustikaler kann man das Bundeswehr-Vielflieger-Programm nicht starten.
Bei der Zwischenlandung in Penzing, bei München ein kurzer Blick auf die Alpen.

Nach kurzer Eingewöhnungsphase lerne ich die Routen kennen. Anfangs in der Begleitung von Strecken- und einsatzerfahrenen Kameraden gondele ich mit meinem Straßentankwagen über mazedonische und kosovarische Straßen. Ein Job, an den ich mich schnell gewöhne. Selbstmordattentäter, wie Jahre später in Afghanistan sind hier kein Problem. Das einzige, was in diesen Ländern selbstmörderisch ist, ist die Fahrweise der Einheimischen.
Im Vorgängerkontingent wurde deutschen Soldaten offenbar Blutrache angedroht. Ihr TPz-Fuchs hatte einen Unfall mit einem der einheimischen Ladas / Zastavas. Wie das ausgeht, wenn 800 Kilo 60er-Jahrekonstruktion auf mehrere Tonnen Einsatzfahrzeug treffen, fasst ein Kamerad zusammen: „Tja, da hat der Fahrer den Vorderreifen seines TPz halt mal mittig im Zastava abgestellt.“

Im Januar 2001 fahre ich dann zum ersten Mal als verantwortlicher Fahrer eine Tour ins Kosovo. Zwei Fahrzeuge – eine Tagestour von rund 360 bis 400 Kilometern.
Mein Straßentankwagen wird scherzhaft „Omnibus“ genannt.

Zwei der rund 12 (?) Tankwagen in unserer Einheit sind noch nicht mit Modularer Schutzausstattung ausgerüstet. Alle anderen LKW haben eine Fahrerkabine, die mit Kevelar-Platten ausgekleidet ist. Das schränkt die Sicht extrem ein – sorgt aber dafür, dass die Fahrer ohne die 18 Kilo Bristolweste fahren können.

Die Scherznasen finden aber auch gleich einen Vorteil: „Wenn du mit dem Ding abschmierst und den Hang runter knallst fliegen dir wenigstens nicht die Platten um die Ohren! Die Schräubchen halten das so wie so nicht.“ Dafür trage ich ab der kosovarischen Grenze permanent die Bristolweste. Nicht bequem – aber erträglich.

Medien – denn sie wissen nicht, was sie tun

Auf diese Art von Einsatzstress bereitet einen kein noch so gutes Medientraining vor. Es ist ein kurzer Bericht in der ZDF-Sendung Mona Lisa über „Deutsche Soldaten im Auslandseinsatz“.
Gezeigt werden Bilder aus dem Vorgängerkontingent. Offenbar waren die „Jungs“ im Sommer das ein oder andere Mal in einem der Bordelle von Tetovo. Gelegenheiten gab es eben soviele, wie die Warnungen davor, dererlei Dienste in Anspruch zu nehmen.
Der Aufhänger bei Mona-Lisa: „Deutsche Soldaten bei minderjährigen Prostituierten“.

Auch wenn jedem klar ist, dass es das Vorgängerkontingent ist. Wenn plötzlich das eigene Fahrzeug im Bild ist von dem Frau, Freundin oder Eltern mit dem letzten Brief nach Hause ein Bild bekommen haben, dann liegen die Nerven schnell blank.

Ein Soldat, der bereits im Kosovo miterlebt hat, wie Beziehungen und Ehen zerbrechen wird laut: „Was fällt den dummen Vögeln eigentlich ein? Erst brauchen sie Monate, den Beitrag zu senden und dann noch nicht mal ein schwarzer Balken über Nummernschild und dem Namen vom Fahrzeug!!! ICH MUSS TELEFONIEREN!“.

Seine Reaktion kann ich nachvollziehen – aber für mich ist das nicht weiter relevant. Beim nächsten Telefongespräch erzähle ich trotzdem von dem Vorfall. Um auf Nummer sicher zu gehen. Nicht das letzte Mal, dass mich unqualifizierte Berichterstattung über die Bundeswehr beschäftigen wird.

Nerven sind gefragt!

Nach den Einweisungsfahrten bin ich zum ersten Mal als verantwortlicher Fahrer allein mit meinem Beifahrer unterwegs ins Kosovo. Ein weiterer Straßentankwagen begleitet uns. Der erfahrene Fahrer vor mir ist zügig unterwegs. Noch sitze ich auf dem Beifahrersitz. Nachdem wir unsere Ladung an die mit Diesel betriebenen Powerstations abgetankt haben, geht es kurz vor Abenddämmerung zurück.

In den Bergen zwischen Kosovo und Mazedonien brauchen unsere LKW ziemlich genau eine Fahrbahnbreite. Rechts der Straße schützen lächerlich wirkende Leitplanken vor dem Abgrund.
Es ist bereits dunkel und wir haben noch gut 30 Kilometer bis zur Grenze vor uns, als Nebel einsetzt. Der LKW vor mir ist mit der Schutzausstattung ausgerüstet – der Fahrer hat kaum noch eine Möglichkeit, in der weißen Suppe schneller als 20 km/h zu fahren.

Schnell sind Bedingungen erreicht, nach denen wir in Deutschland den LKW längst auf einem Parkplatz abzustellen hätten. Schon allein die Gefahrgutverordnung ADR gegen die wir hier gerade klar verstoßen untersagt die Weiterfahrt.

Eine Wahl haben wir nicht. Auf den kommenden Kilometern sind keine Rastmöglichkeiten – die Grenzregion ist nicht sicher und wir müssen weiter fahren. Der Blick reicht am kritischsten Punkt nicht einmal mehr, um den Abstand zwischen zwei Linien des Mittelstreifen zu erkennen. Das Fahrzeug vor mir sehe ich nicht mehr – ahne nur grob am roten Schein der Lichter die Fahrmanöver.
Mein Blick klebt ab den weißen Streifen und den scheinbar immer länger werden Lücken dazwischen. Lenkbewegungen mache ich nur dann, wenn ein neu auftauchender Streifen in die eine oder andere Richtung gebogen ist.

Im Schritt-Tempo kämpfen wir uns durch die weiße Suppe. Kurz nach der Grenze lichtet sich der Nebel etwas. Wir kommen spät im Lager an – aber die Anstrengung ist zu verkraften. Der nächste Tag beginnt spät – technischer Dienst am Fahrzeug und ausreichend Zeit, sich zu erholen. Kaum eine Aufgabe war so bwechslungsreich,

Geld spielt eine Rolle

Bis Ende Januar gehen die Touren so weiter. Jeden zweiten oder dritten Tag ins Kosovo. Die Touren sind begehrt, denn der Tagessatz von 180 DM wird ab Überschreiten der Grenze zum Kosovo gewährt. Mazedonien gilt als sicher – wird nur mit 130 DM pro Tag entschädigt.
Kurz vor dem Einsatz hatten wir uns eine größere, gemeinsame Wohnung gesichert. Der Umzug läuft ohne mich im Januar. Viel Einrichtung ist es noch nicht – das Einsatzgeld soll die Wohnung ausstatten.

Anstrengung

Ende Januar macht sich die 6 Tagewoche allmählich bemerkbar. Auf einer Fahrt nach Prizren schneidet ein Militärfahrzeug meinen Weg. Die Bergstraße ist eng – ich konzentriere mich auf den Verkehr vor mir – rechne gar nicht damit, dass hier jemand auf die Idee käme, zu überholen.
Nach einem halsbrecherischen Überholmanöver landet der Geländewagen Wolf vor mir. Was auch immer der Fahrer da macht – es ist lebensgefährlich.

Zurück im Lager melden wir den Vorfall, fertigen ein Protokoll an. Die nächsten Tage lässt der Stress etwas nach. Fahrten ins Kosovo brauche ich vorerst nicht. Dafür übernehme ich Routineaufgaben im Lager, ersetze den Zugschreiber, der auch mal fahren möchte.

Gefahr droht

Anfang Februar hätte man glatt vergessen können, dass wir in einem Auslandseinsatz sind – es fühlt sich an, wie Routinedienst. Zwar gibt es immer wieder Warnmeldungen für das Kosovo – die Lage ist ruhig, aber nicht stabil – aber man hat sich daran gewöhnt.

Als Betreuungsmaßnahme können Soldaten unter anderem auch raus in die verschneiten Berge und unternehmen eine Skitour. Mazedonien als Urlaubsland? Die Idee erscheint immer weniger Leuten als absurd. Von einer dieser Ski-Touren weht Stress ins Lager.

Ein Hauptfeldwebel wurde von Einheimischen angesprochen und erhielt einen kleinen Rat: „ Wir haben hier demnächst etwas zu klären. Macht euch mal lieber vom Acker mit eurem Lager.“

Unser Lager befindet sich in der Innenstadt von Tetovo. Bis zur Autobahn (hatte den Namen fast verdient) mussten wir immer gut 3 Kilometer durch die Stadt. Ebenfalls im Lager stationiert waren mazedonische Soldaten. Unsere Zeltstadt war für sie weitestgehend tabu.

Die Führung ist besorgt – wir treffen Vorkehrungen. Gemeinsam mit dem stellvertretenden Zugführer schaue ich mir die Zeltunterkünfte unter einem neuen Blickwinkel an.
Wo müssen wir die Zeltplanen noch mit Sandsackwänden schützen? Wie sicher ist der äußere Zaun des Lagers ? Wo können wir einen Wachposten mit Maschinengewehr einrichten, Leitern deponieren.

Die Maßnahmen werden geplant, Sandsäcke müssen erst noch organisiert werden. Doch was bringen die an Schutz, wenn hinter dem Lager die Berge beginnen und die Zeltdächer keinen Schutz bieten?

Bis zum März verschlechtert nimmt die Bedrohungslage weiter zu. Für mich steht aber erst einmal Einsatzurlaub auf dem Plan. Ich habe bei der Planung im Dezember meinen Wunschzeitraum bekommen. Frisch verheiratet, dazu der Geburtstag meiner Frau sowie mein eigener in dem begehrten Zeitfenster. „Urlaub nimmt man am besten, wenn mehr als die Hälfte vom Einsatz rum ist“ war die einhellige Meinung der einsatzerfahrenen Kameraden, die teilweise schon sechs- und auch viermonatige Einsätze in Bosnien absolviert hatten.

Klingt logisch – aber interessiert mich kaum, weil ich mit den Geschichten noch wenig verbinden kann. Ich bin fit.

Urlaub – zumindest am Anfang

Als wir am 6. März morgens um 10 unsere Zeltstadt verlassen, genießen wir die neidischen Blicke der Kameraden fast ein bisschen. Zu lange hatten wir im Januar und Februar schon Soldaten aufbrechen und wiederkommen sehen. Endlich waren wir an der Reihe.
Ein ungutes Gefühl begleitet uns auf dem Weg in den Bus aber schon. Dort, wo wir sonst Karten und Darts spielten saß gerade der halbe Zug, aufgereiht, wie auf einer Perlenkette. Auf den Tischen vor ihnen die Maschinengewehre.

Waffenausbildung im Zelt bzw. innerhalb des Gebäudes. Niemand sollte sehen, dass wir mit mehr rechneten und drillmäßig Störungsbeseitigung übten, anstatt nur die Waffen zu reinigen.

Im Bus schießt es mir durch den Kopf, noch bevor der Soldat vor mir es ausspricht: „Ich glaub, das Lager sehen wir so nicht wieder.“ Er sollte Recht behalten. Als wir in Skopje am Flughafen ankommen gibt es erst einmal schlechte Nachrichten.
Der Airbus, der uns in den Urlaub fliegen sollte ist ausgefallen. „Hat ein Rad verloren und muss repariert werden“ wissen sogleich einige.

Bis die Herkulesmaschinen der Franzosen bereit stehen vergehen acht quälend lange Stunden. Als wir endlich gestartet sind und um 23 Uhr den Flughafen Köln anfliegen bereite ich mich auf die Landung vor. Panzerkombis – ein Overall – gehören zwar nicht zu unserer Standardausrüstung, sind aber ungemein praktisch. Wir pfiffen früher oder später alle auf die Anzugsordnung und trugen Panzerkombis. Die Soldaten schauen verdutzt, als ich die Panzerkombi öffne und halb in Unterwäsche im Flieger stehe. „Na? Striptease?“ … „Schnautze! Meine Frau hat in einer Stunde Geburtstag – ich packe ihr Geschenk ein!“ … Ich hatte schon versprochen, dass ich mir eine rote Schleife um den Bauch binden würde.

Urlaub ist keine Erholung

Das Empfangskomitee ist groß – Eltern, Geschwister Groß- und Schwiegereltern sind mit einem Wohnmobil angereist. Mir ist der Troubel schnell zu viel. Mir reicht der Platz neben meiner Frau auf der Rückfahrt. Gut dreieinhalb Monate hatten wir uns nur über Telefon und via SMS – jetzt endlich wieder zusammen. Wenn auch nur für viel zu kurze 10 Tage.

Wir feiern unsere Geburtstage – kaufen für die neue Wohnung ein – genießen die Tage zu Zweit. Das der Einsatz seine Spuren hinterlässt bemerkt vor allem meine Frau auf dem Beifahrersitz unseres 900 Kilogramm Mitsubishi-Kleinwagens
Ich hatte vielleicht meine Uniform in Mazedonien gelassen – der energische und raumgreifende Fahrstil haftet mir jedoch an. Als ich den Kleinwagen wie meinen 30 Tonner als „Vorfahrtargument“ im abendlichen Berufsverkehr platziere, bekomme ich meine Quittung: . „Du fährst wie eine besengte Sau!“ schreit es rechts von mir.

Alarmbereit trotz Urlaub

Mit einem Ohr hing ich immer an den Nachrichten. Zu beunruhigend waren die letzen Entwicklungen im Lager, als dass die Eskalation nicht absehbar war. Es ist gut drei Tage vor meinem Rückflug, als die Nachricht im Radio läuft:
„Ein deutscher Soldat wurde heute bei einer Explosion im Bundeswehrlager im mazedonischen Tetovo verletzt.“

Zwischen den mazedonischen Sicherheitskräften und den kosovarischen Schmugglergruppen war die Lage wohl eskaliert. Eine Granate wurde auf das Lager abgefeuert. Später erfahre ich, dass sie unweit meines Zeltes auf dem Parkplatz unserer LKW detoniert war.
Die Druckwelle brachte die Scheiben der Lagerhalle zum platzen – dadurch wurde der Soldat verletzt.

Am Abend sitzen wir auf der Couch – n-tv läuft. Auf meine SMS ins Lager in Tetovo habe ich noch eine Antwort erhalten. Der Fernsehsender hat einen Korrespondenten vor Ort, der vor den Lagertoren steht. Ein seltsam vertrauter Anblick.

„Ja, meine Damen und Herren. Heute ist eine Granate im Lager der Bundeswehr detoniert. Ein deutscher Soldat wurde durch umherfliegende Glassplitter verletzt. Der Angriff galt aber nicht den deutschen Soldaten. Die Bundeswehr hat alles unter Kontrolle.“

Noch ehe die Worte sacken können, lache ich auf. „Alles unter Kontrolle“ klingt für mich zu selbstsicher. Keine halbe Minute später kommentiert der Reporter weiter: „Die Lagertore öffnen sich, ich sehe eins, zwei , mehrere -…“ Eine SMS trudelt ein. Noch bevor es der Reporter ausspricht lese ich „Wir räumen das Lager!“ .

Immer mehr Fahrzeuge fahren aus dem Camp und auch dem Reporter dämmert es: „… meine Damen und Herren, ich denke, die Bundeswehr verlässt das Lager.“

Als wäre die Situation nicht schon skuril genug klingelt nun auch noch unser Festnetztelefon. Meine Oma meldet sich:“ Ach ja, hab’s gerade im Fernsehen gesehen – dass ist doch schön!“ Ich frage, was daran schön sein soll. „Ja, jetzt wo dort unten geschossen wird, schickt dich die Bundeswehr da ja bestimmt nicht mehr hin.“

In einem ziemlich deutlichen Ton mache ich ihr klar, dass ich Soldat sei, dass auch andere Kameraden in den Urlaub fliegen wollen und dass ich ziemlich sicher in wenigen Tagen wieder dorthin fliegen würde.

Vollen Wissens in ein Krisengebiet

Der Rückflug hat schon eine deutlich andere Qualität, als mein erste Flug ins Einsatzland. In den Nachrichten der vergangenen Tage wurde immer wieder von Kampfhandlungen in Tetovo berichtet, an denen die Bundeswehr zwar nicht beteiligt war, aber wegen des gemeinsam genutzten Lagers trotzdem mittendrin.
Mein Urlaub endet quasi mit der ersten Radiomeldung. In Gedanken mehr im Einsatzland, als zu Haus. Fast war ich froh, nun auch dorthin zu dürfen. Klingt seltsam.

Der Rückflug ging natürlich schnell ein Airbus brachte uns wieder nach Skopje. Dort stiegen wir in einen zivilen Bus ein – Bristolwesten lagen bereit. „Wir fahren jetzt ins Lager auf dem Erebino. Dort zieht ihr die Westen wieder aus – die bleiben für den nächsten Transport auf dem Bus.

Es ist eine seltsame Fahrt durch die Stadt. Keine 20 Kilometer weiter die Kosovarische Grenze – Tetovo auch nicht weit entfernt – aber die Stadt wirkt ruhig.
Auf dem Erebino angekommen erkenne ich die Umgebung fast nicht wieder. Vor dem Urlaub war relativ wenig los auf diesem Berg – jetzt platzt hier alles aus den Nähten.

„Fährst du raus?“

Mein erster Weg führt zur Waffenkammer. Dort sind die Waffen und Bristolwesten gelagert. Der Stabsunteroffizier reicht mir meine Waffe über den Tresen. Als ich ihm meine Tauschkarte für die Bristolweste gebe, fragt er:

„Fährst du morgen raus?“

„Hey, ich komm gerade erst aus dem Urlaub, hab noch keinen Plan, was morgen ist.“ – die Frage kommt mir schon seltsam vor.

„Gut,“ meint dann brauchst du ja keine Weste.

Ich hake nach: „Ähm, du, ich komme gerade aus dem Urlaub – im Fernsehen sah das alles nicht gut aus, was hier passiert. Ich hätte jetzt gern meine Bristolweste.“

„Wenn du morgen nicht raus fährst, kriegst du keine Weste.“ Mein ratloses Gesicht muss Bände sprechen – er fügt unmittelbar hinzu: „Wir sind 180 Leute in der Kompanie und haben nur 160 Westen. Aber die fehlenden 20 sind schon bestellt – sollen nächste Woche da sein.“

Soviel zum Thema „Persönliche Ausrüstung“. Welcher Spar-Teufel die Logistiker in Deutschland geritten haben muss, auch im zweiten Kontingent immer noch keine 100% bei der Ausstattung der Soldaten erreicht zu haben ist mir schleierhaft. Wenige Kilometer weiter wird geschossen – auch auf dem Erebino sind mazedonische Soldaten untergebracht.

Auch, wenn mir so etwas danach nie wieder begegnete – als im Dezmeber 2012 / Januar 2013 die ersten Soldaten in die Türkei an die Grenze zu Syrien verlegen und Medienberichte laut werden, dass keine ABC-Abwehreinheit mit verlegt wird, fällt mir genau diese Situation wieder ein. Der Schutz der einzelnen Soldaten muss offenbar hintenan stehen – auch, wenn es eine nicht kalkulierbare Unsicherheit gibt, zählen nur das Budget und die Bündnistreue.

In welchem Film bin ich hier gelandet? Forrest Gump?

Ich mache mich auf den Weg zum Shelter in dem unsere Kompanie untergebracht worden ist. Freudestrahlend begrüßt mich der Spieß: „ Ah, ein Urlauber!“

Die Hand reiche ich ihm nicht – wie auch. Zwischen uns stehen 2 Quadratmeter Grillfläche – das Fleisch brutzel. „Nimm dir ein Bier – das ganze Alkoholfreie aus der Betreuungseinrichtung muss weg – wir haben keine Kühlung hier oben.“

Die Atmosphäre im Lager ist gelöst und locker. Ich muss sofort an die Filmszene aus Forrest Gump denken, in der Baba du Forrest in Vietnam ankommen. „Männer, wir haben hier zwei Regeln – lasst euch nicht erschießen und ganz wichtig: immer trockene Socken anziehen. Der Vietkong frisst euch sonst den Fuß direkt vom Bein.“

Gut – damit ist hier nicht zu rechnen. Ich suche erst einmal mein Bett und lege meinen Rucksack an. Björn setzt mich in Kenntnis, wie sich die Tage abgespielt haben.

„Ein Chaos, das sag ich dir. Befehle gingen hin und her – total verwirrt alle. Als das mit dem Schießen los ging mussten wir zuerst den ganzen Tag Splitterschutz im Zelt tragen. Draußen war Pflicht, die Bristolweste anzuziehen. Irgendwann fiel jemandem mal auf, dass zwei Lagen Zeltplane und eine Splitterschutzweste nicht die gleiche Schutzwirkung haben können, wie eine Bristolweste. Die Sandsäcke waren ja auch nur Schulterhoch. Mann, war das eine Schaufelei.“

Es muss hoch hergegangen sein, bis man das Lager abgebaut hat. Ich erfahre, dass am Tag des Granateinschlags alle Zeltbewohner zur Sicherheit in feste Gebäude gebracht wurden.

„Wir waren in im Cafe von dem Mazedonier – kennst doch den Saal mit der großen Fensterfront. Weil nach dem Granateinschlag alle Angst vor platzenden Fensterscheiben hatten, hat der Spieß uns erstmal alle Scheiben rausschlagen lassen. Dem will die Verwaltung jetzt wohl an den Karren flicken wegen Schadensersatz und so.“

Offenbar hat in dem Chaos und trotz der Krisenlage immer jemand Zeit, sich Gedanken um Geld zu machen. Als ich von meiner Begegnung in der Waffenkammer erzähle, meint Björn trocken: „Kannst eine von mir haben. Ich hab zwei.“

Björn hatte vor dem Granateneinschlag seine Bristolweste auf dem Tankwagen gelassen – er war der zweite Fahrer, der einen LKW ohne Schutzausstattung fuhr. Als der Alarm kam durfte er nicht mehr in den Bereich – die Granate war auf dem Abstellplatz eingeschlagen.

Als dann alle eine Bristolweste anlegen sollte, musste er zum Versorger und seine leichte Splitterschutzweste abgeben. Die wurde direkt gegen eine Bristolweste getauscht. „Und weil der Dödel seine Listen jetzt nicht findet und mich nicht entlastet, behalte ich das Ding. Sonst zahl ich noch 1.000 Ocken für die Weste. Das seh ich nicht ein.“

Gut für mich – ich habe erst einmal eine Weste. Papierkram wird auch mich noch ereilen. Viele meiner privaten Sachen, die ich über den Urlaub im Zelt gelassen habe, sind in den Wirren des Abbaus auf dem Müll gelandet, weil zunächst nur die Betten aus den Zelten geholt wurden. Für den entstandenen Schaden an privaten Gegenständen führen wir alle im kommenden dreiviertel Jahr einen Schriftverkehr mit der Wehrbereichsverwaltung. Nach gut 1 bis 2 Zentimeter bedrucktem Papier, mehreren Briefen hin und her wird dann doch ein Betrag erstattet. Den Aufwand war das kaum wert.

Wachposten

Zur Eingewöhnung übernehme ich am ersten Tag nach der Ankunft erst einmal einen Wachdienst. Es ist sonnig, Temperaturen über 20 Grad und ich sitze mit meinem Funkgerät in einem Alarmposten mit Blick auf Tetovo und die dahinterliegenden Berge. Schwer vorzustellen, was da in den letzten Tagen abgegangen sein muss. Es ist schon Nachmittag, als es plötzlich laut auf dem Funk wird … „Hubschrauber“ … „Anflug aus Richtung Skopje“. Noch bevor ich für mich sortiert habe, was da gerade über den Funk lief donnern zwei usbekische Mi-24 Hubschrauber direkt über meine Stellung. Die Hinds sind eine Leihgabe an das mazedonische Militär. Ich schaue von unten in die Hubschrauberkanzeln – keine 20 Meter über mir, denke noch: wow, dass ist tief.

Über Funk melde ich, dass auch meine Stellung überflogen worden ist – beide Hubschrauber in Richtung Tetovo unterwegs sind. Irgenwann verliere ich sie kurz aus den Augen – wenige Minuten später schweben beide in Formation auf der Höhe der Burg über Tetovo, verharren kurz und fliegen den gleichen Weg wieder zurück. Show of Force, denke ich. Dicken Molly markiert und wieder abgeflogen.

Etwa eine Stunde später wird es wieder laut auf dem Funk. Hatte ich beim ersten Anflug noch genug damit zu tun, den Hubschrauber zu erkennen und zu betrachten bin ich mir sicher, bei diesem Überflug die Turnschuhe des Piloten zu erkennen. Noch tiefer, als zuvor fliegen die beiden Maschinen an. Ansonsten gleicht die Strecke dem Anflug, den sie nur eine Stunde zuvor getätigt haben.

Als sie auf Höhe der Burg schweben, komme auch ich vollends im Krisengebiet an. Jeder der Hubschrauber feuert acht Raketen in die Burg. Der Rückweg führt wieder auf meine Stellung zu – ich verliere die Hubschrauber kurz vor dem Erebino aus dem Blick – bekomme die volle Staubladung, als einer der Hubschrauber wenige Meter vor meiner Stellung den Weg über den Berg nimmt.

Es ist fünf Uhr, als mich am nächsten morgen die dumpfen Schläge wecken. Die mazedonische Offensive spielt sich zunächst im Nebel ab. Bis in den frühen Nachmittag hinein nimmt die mazedonische Armee die Stellungen im Berg unter Beschuss.

Geheim, Geheim – und andere Seltsamkeiten

Die ersten Tage sind ein ziemliches Abenteuer. Essen aus der Feldküche, die nach zwei Hubschrauberlandungen dann endlich verlegt wird, weil die Suppe doch zu sandig schmeckt. Duschen zu festen Zeiten in viel zu wenigen Containern – dafür mit der Gelegenheit sich auf dem Weg dorthin hangabwärts den Hals zu brechen.

Auch die ersten Telefonate nach Hause sind möglich. Meine Frau ist überzeugt Schüsse im Hintergrund zu hören – auch meine Beteuerung, dass es nur der Lärm im Lager ist ändern da wenig dran. Ich erkläre nochmal, das ich deshalb so kurz angebunden bin, weil wir nicht viel erzählen sollen, was die Kämpfe angeht – alles könnte ja die Truppe gefährden. Möglicherweise werden Telefonate mitgehört.

Mit meinem üblichen Scherz will ich die Stimmung ein wenig auflockern „Einen schönen Gruß an die angeschlossenen Funkstationen!“. Prompt wird die Leitung unterbrochen. Ob Zufall oder nicht – man weiß es kaum.

Ende August 2001 muss ich fast lachen, als dem Verteidigungsminister vorgeworfen wird, wichtige militärische Geheimnisse versehentlich ausgeplaudert zu haben. Ein nicht gerade kleiner Konvoi aus Fahrzeugen sollte von Mazedonien ins Kosovo verlegt werden.
Scharping plappert drauf los und nennt einen der Orte, durch die der Konvoi führt. Es gibt nur wenige Strecken, die von Mazedonien ins Kosovo führen – und Militärbewegungen in diesem Gebiet sind schnell aufgeklärt. Ab dem Ort, den Scharping nennt sind kaum mehr als zwei Wege möglich, auf denen größere Militärfahrzeuge fahren können – und bereits gut 2/3 der Strecke bis Prizren zurückgelegt.
Seine Aussage hat ungefähr den Informationsgehalt ob jemand von Koblenz mit dem Auto über die A61 Richtung oder die A3 nach Köln fährt.

Abbau des Lagers

Es ist klar: das Lager in der Stadt wird aufgegeben. Teile verlegen auf den Erebino – etwas die Hälfte unserer Einheit soll auf das Airfield bei Prizren im Kosovo verlegen.

Ich fahre noch zwei oder drei Konvois mit. Die Powerstation im Lager muss weiter betankt werden. Noch sind einige Soldaten der Instandsetzung damit beschäftigt, die kanibalisierten Fahrzeugwracks verladefertig zu machen. Die Ersatzteile für defekte Fahrzeuge brauchten teilweise mehrere Wochen bis ins Einsatzland. Mein LKW stand kurzzeitig still, weil der Schalter der Warnblinkanlage defekt war.

Ein anderer Tankwagen musste herhalten, der wegen einem komplexeren Schaden stillstand und den Warnblinker gut entbehren konnte. Diese Art der „Organspende“ hatten wir – uns davorn können die Inst’ler wohl in allen Einsätzen ein Lied singen – sehr intensiv betrieben und nötig.

Ein Straßentankwagen ist gänzlich zur Immobilie geworden. Brücken ins Kosovo werden vermessen, Höhen geprüft. Der Schwerlasttransporter nimmt schließlich den Tankwagen ohne Räder Huckepack und befördert ihn zum nächsten „Schlachtplatz“.

Bei den Konvoifahrten zum Lagerabbau bleibt es nicht immer so ruhig, wie bei meinen Fahrten. Kameraden müssen teilweise die Touren abbrechen, weil erneut geschossen wird. Mir bleibt vorallen Dingen die erste Fahrt mit einem Fünftonner in Erinnerung. Neben mir steht Björn in der Dachluke – sichert mit dem Maschinengewehr, während ich mich auf den Straßenverkehr konzentriere. Keine Begeisterung, dafür eine Schar von Mittelfingern schlägt uns entgegen, als wir durch die Straßen von Tetovo brettern.

Mittlerweile sichern drei Kampfpanzer Leopard das Lager – beobachten mit den Berg und dienen der Aufklärung und Abschschreckung.

Gähnende Langeweile

Als wir in der zweiten Aprilwoche auf dem Airfield unsere Zelte bezogen haben, ist für die Hälfte des Zuges nichts mehr zu tun. Die Kameraden auf dem Erebino fahren die Touren – die Betriebstoffgruppe versorgt die Lager im Umfeld von Prizren. Die letzten fünf Wochen kriechen dahin.

Als wenige Tage vor Abflug eine Abfrage kommt, wer einen bestimmten Fahrzeugtyp – Mercedes Benz 5to hü – bewegen darf, gibt es dann doch etwas zu tun. Eine großzügige Schenkung von 20 Fahrzeugen dieses Typs an die mazedonische Armee hatte stattgefunden. Wir werden mit einem zivilen Bus durch die kosovarischen Berge nach Tetovo gefahren. Ein mulmiges Gefühl.
Am Bahnhof in Tetovo angekommen laden wir die 20 LKW von den Wagons ab, fahren gut drei Kilometer bis ins Lager, dass wir wenige Wochen zuvor noch abgebaut haben und bringen die LKW mit dem letzten Tropfen Sprit in die Lagerhalle. Zwei Fahrzeugen geht der Sprit beim durchrollen des Tors zu ende.
Anschließend geht es mit dem Bus 180 Kilometer zurück. Effektivität? Effizienz? Bundeswehr: manche Dinge müssen Soldaten nicht verstehen. Schon gar nicht, warum man für eine Schenkung noch einmal in ein Krisengebiet verlegen muss.

Ankunft daheim

Am 18. Mai 2001 bin ich endlich wieder zu Haus. Trotz aller Belastungen und erlebten Gefahren – diesen Einsatz habe ich recht gut verkraftet. Aber die Erlebnisse und Bilder sind präsent, sobald sich Parallelen bieten. Egal, ob dusselige Befehle, schlechte Planungen oder auch der Verhalten von Presse- und Medienvertretern. Und noch etwas bleibt: meine Tendenz, Gefühle zu unterdrücken und Stress als solchen einfach zu übergehen.

Schon in den ersten vier Wochen nach dem KFOR-Einsatz greife ich im Privatleben auf diese „giftigen Reflexe“ zurück. Im Alter von gerade einmal 41 Jahren erkrankt mein Vater an Bronchialkrebs.

Viel zu lange hatte er die Anzeichen übergangen, viel zu lange die Symptome ignoriert und einfach weiter gearbeitet. Als auch der Hausarzt bei den ersten Anzeichen nur die Thrombosen in den Beinen behandelt, nicht aber gezielt nach Krebs sucht ist die Seuche nicht mehr aufzuhalten.

Nicht einmal fünf Wochen nach meiner Rückkehr verstirbt mein Vater. Wenige Stunden zuvor hatten uns die Ärzte in der Lungenspezialklinik mitgeteilt, dass nichts mehr gäbe, was man tun könne. Die maximale Lebenserwartung von drei Monaten war viel zu optimistisch geschätzt.

Giftige Reflexe – Nützliche Reflexe

Schon in der Vorbereitung der Beerdigung wird klar, dass finanzielle Probleme existieren, die mein Vater bisher vor uns geheim gehalten hat. Gemeinsam mit meiner Frau ordne ich zunächst das Chaos in seinem Büro. Er war als selbständiger Handelsvertreter tätig. Soweit nachvollziehbar unterliefen ihm in den letzten Monaten, bevor die Erkrankung auftrat schon Fehler.

Im nächsten halben Jahr lerne ich viel über Schulden, örtliche Sparkassen und Immobilienverkäufe. Erst 2007 tritt Peter Zwegat bei RTL als Schuldenberater auf – wir hätten mindestens zwei Episoden füllen können.

Wie im Einsatz unterdrücke ich Angst, aber auch die Trauer – arbeite die Herausforderungen ab, die der Hausverkauf mit sich bringt. Gelernt ist gelernt. Als wir nach der krichlichen Hochzeit im September 2001 auf Hochzeitsreise in Rostock sind, holen uns die Anschläge vom 11. September schlagartig aus dem bisschen Entspannung heraus , dass sich nach Einsatz, Beerdigung und der Regelung des Finanzchaos nur schwer einstellen konnte.

Wir brechen die Hochzeitsreise ab – zu ungewiss sind die Auswirkungen der Anschläge. Auch, wenn eine Alarmierung ausbleibt – nach entspanntem Urlaub ist im September 2001 wohl kaum jemandem zumute.

Gefährliche Mischung

Ein besseres Stressmanagement wäre nötig gewesen – das lässt sich rückblickend leicht feststellen. Aber wo soll man bei der Masse und Schlagzahl der Ereignisse ansetzen? Wir sind eher auf weitermachen getrimmt, als auf innehalten.

Bis zu meinem nächsten Einsatz vergehen immerhin noch gut viereinhalb Jahre. Doch auch der Rahmendienst hat seine Herausforderungen. Mal eben 6 Wochen das Flugfeld der US-Armee in Wiesbaden bewachen – die Übernahme in die Offizierlaufbahn. Drei Monate Wochenendbeziehung bis der Umzug nach Mayen erfolgt. Eine Fehlgeburt 2003, der wir beide immerhin mit einer kurzen Trauerphase begegnen können.

Sechs Monate Wochenendbeziehung während meiner Zeit auf dem Offizierlehrgang in Dresden, fast ein Jahr Grundausbildungskompanie mit Dienstzeiten, die einer Beziehung nicht gut tun.

Sich bewähren wollen – sich bewähren müssen, weil eine Berufssoldatenkarriere soziale Sicherheit bieten würde. Später dann das Studium. Das „funktionieren-Wollen“ und das „funktionieren-Müssen“ haben sich ungut kombiniert – den Ausstieg zu nehmen und die Kraft zu finden, all das aufzuarbeiten ist nicht einfach.

Keine Illusionen machen

„Die Erfahrung lässt sich ein furchtbar hohes Schulgeld bezahlen, doch sie lehrt wie niemand sonst!“ – Thomas Carlyle, Einst und jetzt

Dieses Zitat trifft es noch besser, als „Der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen“. Es gibt kein Backup meiner Persönlichkeit, meines Wesens aus der Zeit vor den Einsätzen oder der Bundeswehr. Ich wüsste auch nicht, an welchen Punkt ich wieder zurückspringen wollte – kann die Erfahrungen nicht benennen, die ich unbedingt loswerden wollte. Die Auswirkungen jedoch schon.

Einen Weg zurück in die Ehe wird es nicht geben – irgendwann in den nächsten Monaten erfolgt die Scheidung. Wir beide haben uns zu sehr verändert und würden unseren Kindern keinen Gefallen damit tun. Immerhin schaffen wir es ohne größere Streitigkeiten über Geld oder Erziehungsfragen zurecht zu kommen.

Alte Fehler erkennen heißt nicht, dass man sich in eine Zukunft aus neuen Fehlern und Zwängen stürzen soll. Mein neues Leben hat in den letzten Monaten begonnen, als ich anfing, mich intensiver mit den Auswirkungen der Einsätze zu befassen. Wie es in den nächsten Monaten aussehen wird, weiß ich nicht. Es steht nur eines fest: es wird weiter gehen.

4 Kommentare

  1. Nachdem ich den Beitrag über KFOR 2000/2001 gelesen habe, sind die Situationen aus Tetovo wieder lebendig wie gestern. Sehr viel Text, sehr viel Arbeit! Danke für diese niedergeschriebene Erinnerung. PTBS, auch aus meiner Sicht ein wichtiges Thema. Ich habe bei Weitem noch nicht alles gelesen: manches kann ich bestätigen, anderes wieder nicht. So macht eben jeder seine eigenen Erfahrungen. Bei einigen Formulierungen habe ich beim lesen genickt. Viel Erfolg bei der Suche nach dem richtigen, persönlichen Weg und die nötige Ausgeglichenheit bei den komplizierten Themen! Gesundheit wünsche ich vor Allem, allumfassend! MkG Arne Pollei

    • danielluecking

      Danke, Arne!

      Ihre Fernsehauftritte mit dem harten Hut sind mir noch sehr lebendig in Erinnerung 🙂 Die „heiße Phase“ der ersten Angriffe verfolgte ich ja „nur“ am TV.

      Gestern vor 11 Jahren ging mein Flieger aus KFOR zurück nach Deutschland. An diesen Einsatz erinnere ich mich – trotz oder gerade wegen der Intensität – gern zurück. Die Einsatzvorbereitung hat gepasst – auch danach war genügend Zeit, wieder in Deutschland anzukommen. Leider gelang das seit 2005 rund um die ISAF-Einsätze nicht mehr.

      Ihnen auch alles Gute!

  2. Martin Schmitz

    Hey Daniel,
    es war wie eine Reise in die Erinnerungen, als ich deine Erlebnisse laß.
    Ich finde mich in sehr vielen Statements wieder und so manches hatte ich auch schon wieder vergessen.
    Du hast Dir sehr viel Mühe gegeben mit den detaillierten Schilderungen der Geschehnisse.
    Und ja, die Zeit in Tetovo, wo du deinen wohlverdienten, wenn auch nicht entspannten Urlaub „genossen“ hast, war hart und die Schüsse / Einschläge / Mittelfinger waren immer gegenwärtig.
    Danke für die Reise in die Vergangenheit…ich erinnere mich trotz alle dem gerne daran zurück.
    Das Gute ist, das eben meistens das Positive in Erinnerung bleibt….und von dem Negativen hat man gelernt und zehrt noch heute mehr oder weniger unbewusst davon.
    Viele Grüße und lass es dir gut gehen!!!
    Martin Schmitz

    • danielluecking

      Schnitzel, ich auch meistens.

      War dennoch einiges zu verdauen. Immerhin lief die Ausbildung für den Einsatz absolut rund und verantwortungsvoll. Kann ich von ISAF nicht mehr behaupten.

      Dir auch alles Gute & schöne Grüße
      Daniel

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