ISAF 3 2008

Auch wenn der dritte ISAF-Einsatz der kürzeste war, fiel einiges rund um diesen Einsatz vor. Von August 2008 bis September 2008 tat die OpInfo-Truppe einiges, um mir den Abschied leicht zu machen. Mir ging es unterdessen weniger um das Geld, als um die afghanischen Redakteure.

Personalprobleme

Zusammen mit Richard hatte ich von November 2007 bis Ende Februar 2008 die Radio-Section geführt. Auch, wenn wir uns anfangs nicht wirklich verstanden haben: nach einem klärenden Gespräch passte die Zusammenarbeit.

Als Richard mir davon erzählte, dass das Sommerkontingent wohl nicht durchgängig zu besetzen wäre sprang ich ein. Ein weiterer Offizier übernahm die Zeit zwischen Oktober und November.

Das Sommerkontingent konnte im Bereich Radio weder durchgängig mit einer Doppelspitze, noch durchgängig mit einem Offizier besetzt werden. „Radio hat mir in der Vorbereitung auf diesen Einsatz am meisten Sorge bereitet“, gesteht später der OpInfoStabsoffizier. „Drei Leute auf einem Dienstposten – eigentlich kann sowas nur schief gehen.“

Unfinished Business

Schon bei meinem Weggang Ende März gab es keine qualifizierten Nachfolger. Mein Diestposten als Chef vom Dienst sollte durch einen Oberfeldwebel besetzt werden, dem man mit diesem Job allerdings keinen Gefallen getan hatte.

Neben den mangelnden Englischkenntnissen war bei ihm auch wenig Wissen vorhanden, was Land und Kultur anging. Nach einem kurzen Basistest hatte auch der Chief Radio, der sich bisher nur um organisatorische Angelegenheiten kümmerte erkannt, das die Aufgabenteilung der beiden Offizier-Dienstposten neu vorgenommen werden musste.

In der bisherigen Arbeitsteilung hatte der Chief-Radio vor allem die Materialverantwortung, kümmerte sich um die Abrechnung von Reisekosten sowie Aus- und Weiterbildung der Redakteure und Korrespondenten.

Der Chef vom Dienst – meine Aufgabe im Einsatz 2007 / 2008 – war für die Programminhalte und Kampagnen verantwortlich, leitete Kontrollübersetzungen ein und kümmerte sich um die Cross-Media-Arbeit, die von der Programm-Section verlangt wurde. Fließende Englischkenntnisse sind für diesen Job unerlässlich.

Diese Splittung sollte den Chief Radio entlasten, wurde beim Hauptsender in Kabul ähnlich praktiziert und war mit 12 Redakteuren und dem umfassenden Korrespondentennetz mehr als sinnvoll. Der Oberfeldwebel kümmerte sich in diesem Kontingent mehr um die technischen und organisatorischen Aspekte – der Offizier übernahm die Programmverantwortung.

Verantwortung für die Redaktion

Für mich kam es nicht in Frage, diese 5 Wochen ohne einen militärischen Ansprechpartner zuzulassen. Im Winterkontingent 2007 / 2008 stand wegen gewissen Animositäten zwischen den afghanischen Redakteuren und der militärischen Sprachmittlergruppen kurzzeitig ein Beitrag in der Kritik, der angeblich nicht sauber übersetzt worden sei.

Es war kurz nach der Ankunft und drehte sich um drei Worte. Eine journalistisch übliche Verkürzung. Im Beitrag war von der „Operation Saraje Due (?) des Shahin Korps“ die Rede. Nachdem die Bezeichnung mehrfach im Beitrag genutzt wurde, verkürzten die Redakteure den anfänglich vollständig genannten Namen auf „die Shahin-Operation“.

Diese Lapalie trafe ausgerechnet einen unserer penibelst arbeitenden Redakteure. Nachdem ich mir die Worte von den Redakteuren in Dari-Text aufschreiben lies, durchsuchte ich den Text, markierte die Worte farblich und sprach mit einer Dari-Druckversion und der Englischen Kontrollübersetzung zunächst im Sprachmittlerbüro vor, lies diese sachlich richtig prüfen und sprach dann bei General Warnecke vor.

„Sie setzen sich sehr für die Redakteure ein, Herr Leutnant.“ meinte der skeptische General, der nicht viel von unserem Vorgängerkontingent gehalten haben soll.

„Herr General, ich kenne den Großteil der Redakteure aus meinem ersten Einsatz in Kunduz 2005. Sie sind seit Jahren zuverlässig, wurden bei der Deutschen Welle in Bonn ausgebildet und haben sich über Jahre bewährt. Besonders für den Redakteur dieses Beitrages würde ich jederzeit meine Hand ins Feuer legen.“ Der Redakteur wartete ungeduldig und besorgt im Büro. „Alles in Ordnung. Dein Beitrag ist einwandfrei.“

Man kennt sich

In allen ISAF-Einsätzen traf ich immer wieder auf dieselben Namen und Gesichter. Sei es in der Stabsabteilung, die sich um Computer kümmerte oder bei den Militärischen Sprachmittlern.

Die Sprachmittlerin, die als Reservistin im die Version prüfte hatte schon vor meinem ersten Einsatz mit OpInfo zusammen gearbeitet. Sie hinterließ dem Team im Lager Kunduz eine Vogelvoliere mit Wellensittichen – ein Kleinod, vor dem mehr als ein Soldat während des Einsatze stand und meinte: „Ich muss einfach mal abschalten – schön das man bei euch vorbei kommen kann und mal was anderes sieht, als die Lagermauern und das Stabsbüro.“

Wir hatten keinen engen Kontakt – aber ihr Name begegnete mir immer wieder in den Erzählungen von Kameraden. Sie war eines der Gesichter dieser Einsätze, die ich auch nach meiner Bundeswehrzeit nicht vergesse.

Als Ende Mai 2011 der Anschlag auf General Kneip stattfindet, ist in den Berichten kurz von einer Reservistin die Rede, die den General begleitet hat und schwer verletzt wurde. Ich ahne sofort, dass sie es sein könnte. Gewissheit habe ich erst einige Wochen später.

Gut ein Jahr drauf erfahre ich, wie schwer sie bei diesem Anschlag verletzt wurde.
Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute und dass sie mit den Erlebnissen und ihrer Verwundung zurecht kommt. Menschen, wie sie waren und sind die guten Geister dieses Einsatzes, der so viel Kritik verdient.

Ambitionen schwinden

Auch, wenn meine Chancen als Offizier ohne Studium minimal sind und bereits zwei Anträge auf Übernahme zum Berufssoldaten abgelehnt wurden: ein dritter Antrag, der jährlich gestellt werden kann, lief noch.

Kurz vor Abflug in den Einsatz hatte mich die Personalabteilung innerhalb der gesamten OpInfo-Truppe bis auf die Knochen blamiert. In der verbandsinternen Zeitschrift wurden die Beförderungen und Ernennungen zum Berufssoldaten bekanntgegeben. Jeder wusste, dass ich hinter meinem Job stand und auf die Übernahmen hin gearbeitet habe.
Mein Name wird fälschlicherweise in der Liste der Ernannten abgedruckt.
Mehrere Gratulationen weise ich zurück – der dämliche Fehler trifft mich. Das gemeinsame Sommerfest von Bataillon und Zentrum Operative Information erspare ich mir und meiner Familie – nur noch den Einsatz durchziehen und dann ab ins Studium.

Nachdem die S1-Abteilung des Bataillons schon einen Sprachlehrgang Französisch in Köln durch mangelnde Absprachen und die verspätet zugestellte Kommandierung zunichte gemacht hat, nützt auch der Anruf des S1-Fw wenig, der sich für den Fehler entschuldigen will.

Nach dem Einsatz erscheine ich nur für die allernotwendigsten Erledigungen in der Kaserne. Auch 2010 als ich meine Entlassungsurkunde erhalte habe ich den Bezug zur OpInfoTruppe verloren. Einige wenige halten Kontakt via Facebook, auch wenn viele in der „Freundesliste“ stehen. Danke an diejenigen, die sich wirklich sorgen.

Ein einzelner Tag im September 2008 ändert auch meine Bereitschaft als Berufssoldat in der Truppe zu bleiben. Nach diesem Tag will ich eigentlich meinen Antrag zurückziehen. Die Verantwortung für meine Familie lässt mich zurückschrecken. Ich bin erleichtert, als im Januar 2009 die Ablehnung amtlich wird. Einen weiteren Antrag wird es nicht gegen.

Ein Tag- Viele offene Fragen

Es ist der 27. September 2008. Mein Nachfolger ist bereits eingetroffen und wir sind unterwegs zum Mittag essen. Zwei Detonationen lassen uns kurz stoppen. „Da üben wohl die Mörser.“, meint mein Nachfolger. „Kann ich mir nicht vorstellen – beim letzten Mal wurde das vorher angekündigt.“sage ich.

Wir gehen in die Kantine, holen unsere Tabletts und sind fast fertig mit dem Essen, als ein Soldat in die Kantine kommt und ruft:
„Mal herhören – wir haben Raketenalarm. Zwei Raketen sind eingeschlagen. Machen Sie sich auf den Weg in die Büros oder Unterkünfte, halten Sie Fenster und Türen geschlossen.“

Gerade rechtzeitig verlassen wir die Kantine – wenige Minuten später wurden die Türen geschlossen – wer dort war, der musste jetzt ausharren. Wir beeilen uns und ziehen im Büro Bristolweste und Helm an. Auch die afghanischen Redakteure haben mittlerweile Schutzwesten.
Es sind nur noch wenige Tage bis zu meinem Abflug – auf diesen Abschiedsgruß hätte ich gut verzichten können. Die letzten Tage war ich bereits recht angespannt. Drei Einsätze hatte ich ohne Todesfälle oder schwer verletzte Kameraden im direkten Umfeld hinter mich gebracht.
Trotz teilweise ziemlich heftiger Gefährdungslage. Wahrscheinlich ist es ein Effekt der Winterkontingente. Irgendwie fürchtet ich, dass ich das Glück überreizt haben könnte.

Lange Stunden

Der Radiobetrieb läuft relativ normal weiter. In den gehärteten Büros sind die Jalousien herunter gelassen, falls ein Raketeneinschlag die Fenster zerspringen lässt. Die Wände sind gegen Splitterwirkung geschützt – auf den Dächern sind Sandsäcke geschichtet. Bessere Bedingungen, als damals in Tetovo – und kein Vergleich zu den 5 Milimeter Sperrholzwänden im Lager in Kunduz.

Es dauert nicht lange, als wir draußen Schüsse hören. Die Abschussstelle scheint nicht weit entfernt vom Lager gewesen zu sein. Im Internet verfolgen wir die ersten Meldungen bei Bundeswehr.de auf der Presseseite.

Eine Rakete sei ins Lager eingeschlagen, eine Rakete im Lager – keine Verletzten. Das spätere Update führt noch das Feuergefecht auf, dass bis in die späten Abendstunden andauert. Einheiten der Schutzkompanie fahren durch das Lager, über Lautsprecher fordern die Feldjäger dazu auf in den Container zu bleiben.

Die für den Nachmittag geplante Aufzeichnung mit dem Kommandeur muss entfallen.
Außer den Schüssen passiert wenig. Der Alarm besteht fort. Gegen 19 Uhr am Abend erhalten wir die Erlaubnis, die afghanischen Redakteure von Print, Radio und Video zum Tor zu geleiten.

Wie eine Entenfamilie tapern wir durch die Dunkelheit vor zum Lagertor. Das Gefecht ist noch im Gange. Kampfflugzeuge sind in der Luft. Der Fluglärm klingt nach einer mittleren Höhe – vermutlich liefern sie Aufklärungsdaten per Wärmebildkamera.

An der Wache erfolgt erst die Durchsuchung der einzelnen Redakteure. Die Schutzkompanie verlegt mit einem weiteren Fahrzeug raus – eine Person, die offenbar festgenommen wurde wird an der Wache überprüft.

Zu Dritt stehe ich mit den beiden Kameraden von Video rum, während die Personenüberprüfungen laufen. Vielleicht wird es ja doch noch etwas mit der Radioaufnahme.

Zurück im Büro schaue ich auf die Internetseite. Bisher kein weiteres Update. Auch aus dem Stab gibt es keine Informationen. Gegen 22 Uhr dürfen wir auf die Unterkunftscontainer, bewegen uns durch die langen Flure der Unterkünfte. Der Alarm besteht weiter fort.

Am nächsten Morgen ist um 07:30 Uhr langsam der Übergang zur „Normalität“ angesagt. Der Alarm wird gegen 8 Uhr aufgehoben – die afghanischen Redakteure dürfen zur Arbeit ins Lager. Am Stand der Meldungen hat sich nichts weiter geändert. Die sind wohl mal wieder mit den Updates hinten an.
Das vom Pressebereich auf der Bundeswehrseite nur wenig aussagekräftige Informationen zu erwarten sind, sind wir fast schon gewöhnt.

„Was macht ihr im Stab eigentlich für ein Bohei“

An diesem Abend bin ich froh, frühzeitig auf der Stube zu sein. Als der Kamerad aus der Stabsabteilung sein Bett bezieht frage ich ganz beiläufig. „Sach mal, was macht ihr im Stab eigentlich von zwei Raketen und ein bisschen Schießerei so ein Bohei?“

„Was? Zwei Raketen – das waren ACHT!“ platzt er heraus.

„Kann nicht sein – auf der Bundeswehrseite stehen zwei – und das Feuergefecht.“ meine ich ungläubig.

Nun erzählt er mir und meinem Nachfolger seine Version des Tages. Insgesamt seien acht Raketen ins Lager eingeschlagen. Er war an den einschlagstellen. Nicht alle seien detoniert, aber wohl sehr präzise abgefeuert worden. Kein altes Material – neue Raketen. „Warum steht auf der Bundeswehrseite dann nur was von zwei Raketen?“

„Keine Ahnung – wir haben alles an das Einsatzführungskommando weiter gemeldet. Ich weiß nicht, warum die das daraus gemacht haben. Du kannst dir übrigens aussuchen, was die treffen wollten im Planquadrat über der Einschlagstelle ist das Norweger-Camp.
Die Norwegische Verteidigungsministerin ist ja morgen zu Besuch. Im Planquadrat links daneben ist das Betriebstofflager. Wir haben aber immerhin drei Leute festgenommen und an die Afghanen übergeben.“

Klärung – nicht in Sicht

Mein Nachfolger und ich sind stutzig geworden. Es gibt keinen Grund, die Aussagen des Kameraden anzuzweifeln. In der Morgenbesprechung bitten wir unseren OpInfoStabsoffizier die Angelegenheit in der Stabsbesprechung zu klären. Als er aus der Besprechung zurück kommt, die länger dauert als sonst werden wir in den Besprechungsraum gerufen.

Der Chef blickt in die Runde: „Zu dem Raketenalarm: wir haben es im Stab besprochen. Es hat sich so zugetragen, wie es in der Pressemeldung steht. Damit ist alles gesagt.“
Er deutet nichts an. Sein Blick geht in die Runde – uns ist klar, dass keine weiteren Nachfragen erwünscht sind.

Das wars für mich

Für mich bleibt der Eindruck: die Meldung wurde manipuliert und in den deutschen Medien steht eine geschönte Version. Auch, wenn ich in den letzten Jahren schon bemerkt hatte, dass wenig Informationen in den Medien über den Afghanistaneinsatz zu finden waren, schob ich das immer auf ein mangelndes Interesse am Thema.

Eine echte Diskrepanz hatte ich in den Einsätzen zuvor nicht festgestellt oder zumindest nicht danach gesucht. Ein weiterer Vorfall beschäftigte mich jedoch schon kurz vor Abflug in den Einsatz.
Am 27.8.2008 war in Kunduz der Hauptfeldwebel der Fallschirmjägertruppe Mischa Meier gefallen. An diesem Tag schaute ich durch Zufall die Tagesschau und sah den ersten Bericht zu dem Anschlag. Verteidigungsminister Franz Josef Jung verkündete zwischen zwei Terminen den „Tod“ des Hauptfeldwebel. Jung rennt von rechts ins Bild vor die Kamera, rattert seinen Text herunter und klingt mehr, als würde er seiner Frau einen Einkaufszettel diktieren, als den Tod eines Soldaten vermelden.

Besonders ärgert mich, dass er noch gleich einen Verwaltungs-Disclaimer in seinen Text einflechtet. „ … starb trotz der Panzerung … konnte selbst die Panzerung nichts ausrichten.“ Ich habe die Worte nicht ganz sortiert, als in mir der Eindruck hochkommt, dass da etwas faul ist.

Jung spricht von Panzerung – ich hingegen kenne aus den Kunduz-Zeiten nur Fallschirmjäger-MSS-Wölfe. Ob richtig oder nicht – in mir setzt sich fest: er war Fallschirmjäger – mehr als einen leichten MSS-Wolf hatten die nicht.

Bei den MSS-Wölfen handelt es sich um eine verstärkte Mercedes-Benz-G-Klasse, die mit Kevelarplatten am Unterboden und in den Türen geschützt ist. Der Wucht einer Explosion halten diese Fahrzeuge jedoch nicht Stand.

Skepsis verfestigt sich

Klarheit über die Umstände unter denen Mischa Meier gefallen ist habe ich bis heute nicht. Die Anteilnahme in den sozialen Netzwerken – damals vor allem bei Wer-kennt-wen war jedoch enorm. Was auch immer die Kameraden damit zum Ausdruck bringen wollten – plötzlich waren viele der Profilbilder durch Flaggen auf Halbmast ersetzt.

So viele – das später darauf sogar hingewiesen wurde. Rechtlich sei es ja nicht vertretbar, weil die Allgemeinen Geschäftbedingungen der Portale ja vorschreiben würden, es müssten Profilbilder sein. 2006 bei der WM hat niemand über Deutschlandflaggen gemeckert – jetzt sind sie auf einmal ein Dorn im Auge? Da passt was nicht, denke ich mir.

Doch mein Einsatz endet. Die Diskrepanzen bei der Meldung zum Raketenangriff ertrage ich kaum. Am liebsten möchte ich die Bewerbung zum Berufssoldaten zurückziehen. Doch den Streit mit meiner Frau will ich vermeiden. Eine Ablehnung liegt ja nicht in meiner Hand – ich rechne damit. Andersherum: wenn ich nun als Berufssoldat genommen werde hätte ich ein erhebliches Problem.

Zu sehr erinnert mich diese abgeänderte Meldung, ein unsauber arbeitendes Ministerium an das Buch „Reporter der Hölle“ von Georg Schmidt-Scheeder. Er war als Fotograf in den Propaganda-Kompanien eingesetzt und schildert, wie seine Bilder und Meldungen im Propaganda-Ministerium verfälscht wurden.

Dieser Vorfall schafft es, mein Wertesystem grundsätzlich zu erschüttern. Nicht nur die journalistische Ethik ist betroffen. Meine Großeltern wurden 1945 aus Schlesien vertrieben, die Auswirkungen des Krieges habe ich selbst 40 Jahre nach dem Krieg mitbekommen. Der Geschichtsleistungskurs hat das Nationalsozialismus intensiv behandelt. Soldat wolle ich in einer Bundeswehr sein, die nach dem Willen des Parlaments eingesetzt wird.
Ein leichter Abschied

„Radio hat mir in der Vorbereitung auf diesen Einsatz am meisten Sorge bereitet“,sagt mir der OpInfoStabsoffizier beim Abschlussgespräch. „Drei Leute auf einem Dienstposten – eigentlich kann sowas nur schief gehen. Aber ihr drei habt das optimal im Griff gehabt. Ich hab noch nie gesehen, dass die Aufgaben so reibungslos laufen.“

Wir hatten alle drei bereits Einsatzerfahrung – aber viel wichtiger: wir hatten Spaß am Medium Radio. Ich denke, dass hat dieses Kontingent so reibungslos ablaufen lassen.

„Ich hab deinen Beurteilungsentwurf geschrieben. Was auch immer da jetzt gleich in dem Büro bei der Eröffnung passiert: bleib ruhig, hör es dir an und denk dir deinen Teil,“ bereitet er mich auf den Gang zum Dienstältesten Deutschen Offizier vor. Wie nötig das ist, werde ich schnell merken.

Ich werde in das Büro gebeten. Der DDO hat ebenfalls einen OpInfo Hintergrund. Es dauert nur wenige Sekunden, bis mir bewusst wird, warum dieses Gespräch Selbstbeherrschung erfordern wird. Der joviale Ton dieses Menschen ist kaum zu überbieten.

Klar – das kann eine rein subjektive Wahrnehmung sein. Spätestens aber ab dem Punkt, an dem er mir verkaufen will, er sei über meine Leistungen im Bilde wird mir klar, dass es nicht nur der subjektive Eindruck ist.

Wir beide wissen, wer den Beurteilungsentwurf verfasst hat. Den DDO selbst hatte ich in den fünf Wochen allenfalls aus der Ferne beim Essen gesehen. War wohl auch besser so.
Zunächst hebt er in einem Anfall von Plauderatmosphäre ausführlich seine eigenen Erfahrungen im Bereich Radio hervor. Zu SEINER Zeit war das ja alles noch VIEL schwieriger. Da musste alles noch ANALOG produziert werden.

Wenn da die Aufnahme versaut war, dann musste erst abgespult, geschnitten und wieder zusammengeklebt werden. Das konnte schonmal dauern. Aber ER war in der Lage eine einstündige Sendung in einer Stunde und zehn Minuten zu produzieren wo andere ein bis zwei Stunden herum machten.

Meine Gedanken schweifen ab – der Typ hat in 18 Dienstjahren jetzt schon seinen zweiten Einsatz. Wow. Ich überlege, wie lange das noch dauern soll, reiße mich zusammen, nicke. Er kommt zum persönlichen Teil des Gespräches – also dem, wo er mir unbedingt Beachtung schenken will. Was auch immer er mit dem Satz zum Ausdruck bringen will, ich wünschte, ich würde den wieder aus dem Kopf bekommen:

„Zeitsoldaten sind für mich dazu da, den Berufssoldaten die Einsatzlast zu nehmen.“

Die Worte, die mir durch den Kopf schießen schreibe ich auch heute nicht aus.

Weg, nur Weg – Schön wär’s

Meine Probleme und Reaktionen auf die Gefallenen der nächsten Monate habe ich ja bereits in den Postings hier beschrieben. Auch die Presse rund um das Bombardement von Kunduz im September 2009 verfolge ich kritisch. Die Berichterstattung darüber ist erstaunlich unfassend im vergleich zu anderen Vorfällen. Es sind massenhaft Informationen verfügbar. Ein rundes Bild ist bis heute jedoch nicht vorhanden. Oberst Klein steht – auch vier Jahre danach – in der Kritik.

Es fällt mir schwer, ihn für sein Handeln zu verurteilen – einfach aus dem Gefühl heraus, dass die Öffentlichkeit nicht alle Details dieser Nacht kennt. Ich gehe davon aus, dass er wichtige Gründe dafür hat, die Unklarheiten bestehen zu lassen und irgendwann sein Schweigen über diese Nacht brechen wird.

Die Zahlen an Kriegsdienstverweigerern unter den aktiven Soldaten steigen an – die Meldung war in den letzten Tagen in der Presse. Mehr als Doppelt so viele Offiziere – 91 – haben im vergangenen Jahr einen Kriegsdienstverweigerungsantrag gestellt. Auch für mich schließe ich mittlerweile aus, je wieder als aktiver Soldat in der Bundeswehr zu dienen.

Eine Antwort fehlt

Es ist Dezember 2012 als mich der 27.September 2008 erneut einholt. Die WAZ-Gruppe veröffentlicht eine große Menge an Dokumenten. „Unterrichtungen des Parlaments“ – niedrigste Geheimhaltungsstufe VS- Nur für den Dienstgebrauch.

Ich gehe stichprobenartig in einzelne Tage meiner Afghanistaneinsätze. Es sind lediglich die Jahre 2005 bis 2012 verfügbar. Der 27. September 2008 wirft für mich neue Probleme auf.

Ich verfasse einen Artikel für die Rhein-Zeitung – halte mich strickt an den Vergleich der Presseversion, die immer noch online ist und die UDP. Das die Lücke zwischen der Pressemeldung und meinem Erleben des Tages schon ziemlich deutlich ist wusste ich. Das in der UDP jedoch dieser Vorfall in einer noch weiter entschärften Fassung dargestellt wird, macht mich wütend.

Zunächst erscheint es banal:

Die Pressemeldung spricht von Mindestens „zwei Raketen – lässt die Interpretation zu, es könne mehr als diese beiden Raketen gegeben haben.

Die UDP hingegen spricht von „zwei Raketen“. Es mag sich um eine nachlässige Formulierung handeln – wer die Diskrepanz zwischen meinem Erleben vor Ort aber kennt, dürfte hier langsam hellhörig werden.

Das in der Pressemeldung relativ ausführlich geschilderten Feuergefecht entfällt in der UDP. Kompanien „führten Aufklärung durch“.

In beiden Versionen kein Wort von den Festnahmen und der Übergabe an die afghanischen Kräfte – dafür eine Falschinformation. Was mit diesen festgenommenen Personen geschehen ist, deren Vorgehen offenbar nicht abgestimmt war – naja – es wurde „den afghanischen Händen“ überlassen.

Weitreichende Folgen

In den letzten beiden Jahren habe ich mich mit den Problemen der Veteranen befasst, wenn es um die Anerkennung einer Einsatzschädigung geht. Langwierige Befragungen und immer wieder werden die Erzählungen und Schilderungen geprüft, die die Soldaten erlitten haben.

Das Beispiel vom 27.09.2008 macht deutlich, wie chancenlos Veteranen kämpfen, wenn sie aus einem Szenario, wie ich es erlebt habe eine Traumatisierung erleiden.

Wo sind die Informationen, wie sich dieser Tag wirklich zugetragen hat? Selbst mit der Unterstützung eines Bundestagsabgeordneten ist keine Klärung herbei zu führen. In der Pressemeldung ist weder von Kampfflugzeugen, noch von der Festnahme einheimischer Personen die Rede. Ein Soldat, dessen Traumatisierung im Feuergefecht entstanden ist wird vom Büro eines Bundestagsabgeordneten wohl etwas aufmunterndes gesagt bekommen – doch letztlich kann man das Feuergefecht ja noch nichtmal in der UDP nachvollziehen.

Gibt es einen offiziellen ISAF-Bericht? Bis dieser Bericht eingetroffen ist, hat der Soldat längst handfeste Probleme.

Parlamentsarmee

Anlässlich eines offenen Fachgesprächs in der Bundestagsfraktion der Grünen brachten Tom Koenigs und Winfried Nachtwei zum Ausdruck, dass es selbst in Bundestagskreisen keine breite sicherheitspolitische Diskussion gibt. „Viele Abgeordnete haben kaum eine Ahnung, über welche Einsätze sie da entscheiden.“

Meine Konsequenzen

Ich will wissen, was an diesem Tag passiert ist und wie diese Diskrepanz zustande gekommen ist. Mit der Veröffentlichung werde ich die FDP-Fraktion, die Grünenfraktion und die Linksfraktion des Bundestages um eine Prüfung des Sachverhaltes bitten. (agnieszka.brugger bundestag.de, christine.buchholz bundestag.de, elke.hoff bundestag.de)

Warum ich diesen Vorfall als schwerwiegend erachte, dürfte aus den vorhergehenden Zeilen deutlich geworden sein. Wenn schon bei einem relativ unbedeutenden Gefecht eine derartige Diskrepanz besteht: welcher Meldung sollen dann Abgeordnete, Journalisten und die Bürger selbst trauen?

4 Kommentare

  1. Die Unterrichtung des Parlamentes ist auch aus meiner Erfahrung oftmals höchst fragwürdig.
    Die Umstände des Todes von HptFw Meier (Wolf MSS) und die Erklärungen von BM Jung, General Schneiderhan und anderer BMVg-Vertreter sind hier auch mein absoluter Tiefpunkt.
    Falls Sie Fragen haben, können Sie sich gerne per Mail melden.

  2. Laut folgendem Artikel wurde Mischa Meier in einem Dingo angesprengt. http://www.zeit.de/2008/43/Bundeswehr-in-Afghanistan

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