ISAF 1 2005 / 2006

Verantwortung & Traumatisierung, Teil 1

Als ich im November 2005 in Afghanistan ankomme, ist es noch angenehm warm. Das alte Lager befindet sich in der Stadt, ist geradezu idyllisch. Bunte Leuchten säumen die Wege, die mit Europaletten befestigt sind. Abgesehen von den Militärfahrzeugen und Containern wirkt alles, wie eine improvisierte Strandbar. Das Lager wird von einer Lehmmauer umgeben – teils windschief und nach den Kriterien des Feldlagerbaus sicher in der Schutzklasse – 5 einzuordnen. Ich bin kein Experte für Feldlagerbau.

Trotzdem fühle ich mich wohl in dieser ungewohnten Umgebung. Die Sicherheitslage ist entspannt. Bastian lässt mich ankommen, wir beginnen mit der Einarbeitung am zweiten Tag. Seine ruhige Art und das strukturiert, routinierte Arbeiten beeindrucken mich ebenso, wie sein Umgang mit den afghanischen Redakteuren.

Es besteht ein Unterschied darin, ob man – wie es militärisch heißt – „auf Zusammenarbeit angewiesen ist“ oder wirklich zusammenarbeitet. Bastian arbeitet zusammen und trotz der Hierarchie, die unweigerlich notwendig ist und in der afghanischen Kultur akzeptiert wird, ist das Verhältnis zu den Redakteuren freundschaftlich. Einen besseren Umgang mit Verantwortung und den anvertrauten Menschen habe ich nach dieser Zeit nur sehr selten erlebt.

Aufgaben

Neben den acht afghanischen Redakteuren gehören zwei deutsche Techniker mit zum Radioteam. Ohne sie wäre ich aufgeschmissen – mit den technischen Aspekten der Radioeinheit habe ich mich nicht befassen können. Es wäre Teil meines regulären Ausbildungsplans gewesen. Dennoch bin ich verantwortlich für das gesamte Material und die Redaktionsausstattung. Wichtiger als das teuere Equipment ist für mich, möglichst schnell den Einstieg in die Kultur zu finden.

Bastian überzeugt den Chef des Stabes, dass dafür ein afghanischer Abend im Kreis der Redakteure unerlässlich ist. Man mag über Kampftruppe, insbesondere die Soldaten von der Panzertruppe denken, was man will: Sachargumenten gegenüber sind sie aufgeschlossen. So erlebe ich den gesamten Verband des Panzerbataillon 64, dass dieses Kontingent stellt.

Wir fahren mit einem Begleitfahrzeug zu einem der Häuser der Redakteure. Während das Schutzteam draußen den Innenhof und das Gelände sichert, sitzen wir im Kreis der Redakteure und deren Freunde. Typisches Afghanisches Essen – dazu das ungewohnte interkulturelle Erlebnis. Ein schöner Abend. Auch die Soldaten draußen werden versorgt. Bessere Gastgeber kann man sich nicht wünschen.

Irgendwann müssen wir leider aufbrechen – der Abend war viel zu kurz. Auf der Rückfahrt durch die düsteren Straßen ins Lager merke ich, dass der Mercedes Geländewagen nach links zieht. Wir haben einen platten Reifen. Bastian fährt dennoch weiter. „In dieser Gegend sollten wir nicht unbedingt um diese Uhrzeit lange für einen Reifenwechsel stehen.“ Das Lager erreichen wir ohne Probleme.

Live-Radio

Als eine seiner letzten Aktionen hat Bastian zusammen mit dem Lautsprecher-Team und den afghanischen Redakteuren die Liveübertragung eines Fußballspiels organisiert. Wir verbringen einen sonnigen Samstag nachmittag, während die Fußballmannschaft von Kunduz gegen ein anderes afghanisches Team spielt. Die Liveübertragung vom Fußballplatz in der Innenstadt klappt hervorragend. Die Zuschauer freuen sich über die Musik aus den Lautsprechern und auch die Soldaten, die unsere Arbeit überwachen und schützen sind entspannt.

Am Stand eines afghanischen Essenverkäufers kaufe ich eine Eiersuppe. Beim Essen kommen mir die Warnhinweise aus der Ausbildung in den Sinn. Und verschwinden genau so schnell wieder.

In der Verantwortung

Bastians abreise steht kurz bevor. In den drei Wochen habe ich die Aufgaben kennengelernt, konnte ins Tagesgeschäft hereinwachsen und bin zum ersten Mal zuversichtlich, dass ich in diesem Einsatz bestehen kann. Die Ausbildung in Deutschland konnte mir das zu keinem Zeitpunkt vermitteln.
„Du hast jetzt noch gut drei Monate vor dir – die gehen sehr schnell rum. Du solltest dir überlegen, welche Projekte du in diesem Zeitraum realisieren willst.“ meint Bastian in einem unserer letzten Gespräche vor seiner Abreise.
„Basti, ganz ehrlich: mein Projekt ist, diese Radioredaktion auf dem hohen Level weiter zu führen und den Tagesbetrieb so ordentlich über die Bühne zu bringen, wie du. Wenn mir das gelingt, dann habe ich für dieses Kontingent alles erreicht.“

Die ersten Wochen in der Verantwortung verlaufen gut. Ich habe zwei Fachvorgesetzte, mit denen ich gut auskomme. Mein eigentlicher Chef ist in seinem ersten ISAF-Einsatz, führt den Laden, wie er es aus seiner Tätigkeit als Ortsvorsteher einer kleinen Gemeinde in Deutschland gewöhnt ist:
„Hör zu, ich hab keine Ahnung von dem Radiogeschäft, was die Technik und so angeht. Da muss ich mich auf euch verlassen. Wenn ihr etwas braucht, dann setz ich das aber für euch durch. Aber ihr müsst auch mir den Rücken stärken.“
Die Zusammenarbeit läuft den gesamten Einsatz über gut. Rückblickend war es von den Arbeitsbedingungen und den menschlichen Faktoren immer noch der beste Einsatz.

Weihnachten

Auch, wenn die Stimmung gerückt ist – wir bringen das Weihnachtsfest gut über die Bühne. Es ist mein zweites Weihnachten in einem Auslandseinsatz – ich vermisse meinen Sohn und meine Frau, kann mich aber auch nicht lange mit den Gedanken befassen. Der afghanische Kalender passt nicht zum westlichen. Wir müssen den Tagesbetrieb weiterhin normal durchziehen.

Es ist der zweite Weihnachtsfeiertag, als wir erneut einen Alarm erleben. Auf der Straße zwischen Kunduz und Baghlan hat es einen Anschlag gegeben. Das Fahrzeug des niederländischen Verbindungsoffiziers, der unterwegs zum niederländischen Lager war wurde angesprengt.

Die Gewalt der Detonation hat das leicht gepanzerte Fahrzeug von der Straße geworfen. Die Plane und der Dachaufbau sind zerfetzt. Wir sorgen uns lange Zeit darum, ob der verletzt englische Soldat, der ebenfalls im Fahrzeug war sein Augenlicht behalten wird. Sein niederländischer Kamerad hat tapfer reagiert. Während sich die Begleitfahrzeuge direkt nach der Sprengung erst einmal in Sicherheit gebracht hatte, wendeten und dann unter Eigenschutz langsam wieder in Richtung Anschlagsort unterwegs sind, hat der blutüberströmte Niederländer bereits den englischen Kameraden versorgt und für den Abtransport vorbereitet.

Hatten wir nach einem Raketenalarm Anfang Dezember, der als Übung verkauft wurde noch keine Auswirkungen gespürt, wurden nun die Sicherheitsmaßnahmen im Lager verschärft.

Islamkarikaturen

Es ist ein Mittwochabend Ende Januar 2006. Am Computer lese ich die Rhein-Zeitung, die ich täglich aus dem Internet beziehe und zumindest damit ein bisschen Kontakt zum Leben in Deutschland halten kann.

In der arabischen Welt tobt ein heftiger Protest. Nachdem bereits im September 2005 eine Reihe von Karikaturen veröffentlicht wurde – jedoch weitestgehend unbeachtet blieb – zündete die Provokation dieses Mal und löste Demonstration mit Toten und Flaggenverbrennungen aus.
Bisher hatten wir davon in den militärischen Lageberichten wenig gehört – aber es ist klar: bis die Welle der Empörung in Afghanistan eintrifft kann es nicht mehr lange dauern.

Ich bitte die Redakteure um eine Einschätzung, wie sich das entwickeln wird. Es ist deutlich zu spüren, dass sie durch diese Karikaturen gekränkt sind. Religion hat einen viel höheren Stellenwert in Afghanistan.
„Warum macht eine Zeitung so etwas?“ Weder ich, noch die afghanischen Redakteure haben eine Antwort darauf.

Demonstrationen

Früh am Samstag morgen klingelt mein Redaktionshandy. „Es wird Demonstrationen geben. Vermutlich am Kreisverkehr in Kunduz im Laufe des Vormittags.“ Ich weise zwei Redakteure an, an den Demonstrationen teilzunehmen, uns telefonisch auf dem laufenden zu halten und später ins Lager zu kommen.
Mein erster Anruf danach geht an die Operationszentrale, damit die Konvois und Trupps informiert sind, die sich draußen bewegen.

Die Straßen von Kunduz sind voll. Die örtlichen Mullahs machen ihrem Ärger über die Karikaturen Luft. Jeder bekommt sein Fett weg – nicht unverdient, wie ich finde. Selbst Putin steht in der Kritik – wohl aus „Tradition“. Gesagt hat er zu den Karrikaturen bisher noch nichts.

Es ist kein wütender, hirnloser Mob, der da draußen tobt. Die Enttäuschung über die Veröffentlichung ist groß. Die Forderungen nach Toleranz werden deutlich zum Ausdruck gebracht. Warum muss der Westen ein religiöses Symbol derart durch den Schmutz ziehen? Ich begreife, dass diese Menschen außer ihrem Glauben nur die Sorge haben, wie sie ihre Familien ernähren, durch den Winter und den Alltag in einem kriegsgeschundenen Land bringen sollten.

„Wir dürfen dazu nicht schweigen!“

Mein zweiter Fachvorgesetzter nahm seine Aufgaben im RAC wahr. Im Lager in Kunduz war ein zweiter Stab untergebracht, der künftig als „Regional Area Command“ (später „RC-North) den gesamten Norden Afghanistans befehligen sollte. Das Lager in Masar-E-Sharif befand sich noch im Aufbau.

In den vergangenen Monaten hatten wir mit unseren Medien versucht, den Kommandeur des RAC zu einer zentralen Persönlichkeit aufzubauen. Eine Kraft im Land, auf Augenhöhe mit den lokalen Provinzgouverneuren und ein verlässlicher Kooperationspartner. Es war undenkbar, dass er nun diese Entwicklung ignoriert.

„Wir dürfen dazu nicht schweigen.“ sagt der Oberstleutnant.“ Schweigen wäre Zustimmung. Wir müssen mit Radio reagieren, weil es schnell gehen muss und wir so die meisten Menschen erreichen.“

„Ok. Dann muss ich wissen, was wir sagen können. Wie ist die Einstellung der Bundesregierung zu den Karikaturen? Was sagt der Regierungssprecher?“, frage ich und versuche, die Basis für die weitere Arbeit zusammen zu bekommen.

„Da gibt es nichts.“ sagt der Oberstleutnant vorsichtig.

„Ok. Was sagt die Pressestelle der Bundeswehr zu diesen Vorfällen?“

„Es gibt keine Haltung dazu. Wir werden das selbst entwickeln müssen“, sagt der Oberstleutnant und ist davon ebenso wenig begeistert, wie ich.

Wir hatten die medialen Mittel in den letzten Wochen und Monaten sehr gut verkauft. Unsere Zeitung hatte eine hohe Reichweite und war eines der zuverlässigsten Medien. Mit dem Radiosender in Kunduz und der Sendestation in Feyzabad erreichten wir mehrere hunderttausend Hörer. Zusätzlich verteilten wir wöchentlich Programm-CDs und waren so mit Verzögerung auch in den Programmen der zivilen Radiostationen vertreten.
Mir wird die Tragweite der Arbeit bewusst. Ich bin 26 Jahre alt, habe einen Crashkurs in der Führung eines Radiosenders erhalten und muss nun Maßnahmen treffen, damit die ISAF-Soldaten nicht in das Zentrum eines gewalttätigen Aufstands geraten, der bereits in anderen Teilen der Welt Menschenleben gefordert hat.

Zusammen mit den afghanischen Redakteuren und der Zielgruppenanalyse entscheiden wir, wie wir reagieren. Wir ziehen uns auf eine weitestgehend neutrale Position zurück. Niemand weiß, ob die Bundesregierung oder das Verteidigungsministerium nicht doch noch mit irgendeiner Stellungnahme kommen. Wir dürfen also weder vorgreifen, noch irgendwelche Positionen vertreten, die später nur mit Gesichts- und Glaubwürdigkeitsverlust wieder revidiert werden können.

Als der Rahmen klar ist, formuliere ich die Meldung. Wir berichten zunächst über die Karrikaturen und dass dagegen demonstriert worden ist. Das bringt zum Ausdruck, dass die örtlichen religiösen Führer ihrer Verantwortung gerecht geworden sind und zeigt auch gleichzeitig unseren Respekt. Wir sind Gäste in diesem Land – so sagt es zumindest unser Auftrag.

In der Radionachricht bringe ich zum Ausdruck, worum es dem Kommandeur geht. Wir hatten beschlossen, keine Ansprache zu senden, sondern den General nur in indirekter Rede zu zitieren. Das Statement (Gedächtnisprotokoll) im Wortlaut:

„General K. bedauert, dass das religiöse Empfinden der Muslime weltweit durch die Veröffentlichung der Karikaturen verletzt worden ist. Zugleich spricht er für seine Truppen und versichert, dass Religion, Sitten und Gebräuche der afghanischen Bevölkerung respektiert und geachtet werden. Er hofft, dass die gute Zusammenarbeit, wie sie bisher mit der Bevölkerung im Norden stattgefunden hat nicht darunter leiden wird.“

Zur Freigabe des Statements melde ich mich im Büro des Generals. Die Stimmung ist gedrückt, angespannt. Wir wissen nicht, was kommen wird. „Schreiben Sie den ersten Satz bitte um und fügen sie ein: General K. bedauert persönlich… das Statement nehme ich auf meine Kappe.“
Mein Eindruck ist, dass der General ebenso enttäuscht davon ist, dass wir weder aus Regierungskreisen, noch von der Bundeswehr irgendeine Unterstützung haben.

Wir machen einen kurzen Pretest mit einigen afghanischen Arbeitern im Lager, wie das fertig produzierte Statement aufgefasst wird. Danach wird es in den kommenden zweit Tagen teil der Nachrichten und auch über die CDs an die Radiostationen im Norden verteilt.

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Ein Radiostatement und die Folgen

Sowohl in Kabul, als auch in Feyzabad gibt es teilweise heftige Demonstrationen. Doch insgesamt bleibt es ruhig. Ich plane gerade eine Reise zu unserem dritten Radiotechniker, der den Sender in Feyzabad betreut, als mein Telefon klingel.

„Wir brauchen das Statement zu den Karrikaturen! Sofort!“ – es ist der Presseoffizier des PRT in Kunduz. Im gleichen Moment steht auch schon jemand von der Zielgruppenanalyse in meinem Büro. „Der PRT-Stab hat angerufen. Sie wollen sofort das die Radionachricht haben.“

Als der Presseoffizier noch Druck nachlegen will und darauf hinweist, dass die Anfrage aus dem Verteidigungsministerium in Deutschland käme und ich mich gefälligst beeilen solle, watsche ich den Presseoffizier im Rang eines Oberstleutnant ab: „Das Statement ist zusammen mit dem RAC-Kommandeur und dem dortigen OpInfo-Stabsoffizier entstanden. Ich gebe hier gar nichts raus – wenden sie sich an das RAC!“

Ich beginne sofort damit eine zweiseitige Stellungnahme zu verfassen. Als der Oberstleutnant vom RAC im Büro erscheint und meint, dass noch eine Stellungnahme zur Entstehung benötigt wird, habe ich die zweiseitige Dokumentation schon fast fertig.

Woher dieser Druck kommt, erfahre ich erst einige Tage später. „Dein Statement wurde wohl im Verteidigungsausschuss geprüft. Ein amerikanischer Offizier hat von seinem Sprachmittler die Radionachricht schlecht übersetzt bekommen und nur verstanden, ein deutscher General habe sich für die Islamkarikaturen entschuldigt. Das hat er dann an das NATO-Hauptquartier SHAPE weitergegeben, die dann beim Verteidigungsministerium Druck gemacht haben. Aber keine Sorge – der Verteidigungsausschuss hat das Statement für „in Ordnung“ befunden.

Ich habe kaum Zeit mich näher damit zu befassen, dass mein Produkt bis nach Berlin geschwappt ist und dort diskutiert wurde. Mir ist mehr als mulmig – wie in den letzten Tagen so wie so schon. Doch die Reise nach Feyzabad steht jetzt im Vordergrund. Gemeinsam mit dem Oberstleutnant sollen wir mit dem dortigen Kommandeur, der bisher wenig Gebrauch von OpInfo-Mitteln gemacht hat das weitere Vorgehen besprechen.

PRT Meymaneh

Es ist der zweite Tag unserer Reise, als am Vormittag der Stab in Feyzabad in Aufregung gerät. Im Nordwesten des Landes gibt es ein kleines norwegisches Lager.

Als die Hauptkräfte das Lager am morgen verlassen haben und nur noch eine minimale Besatzung vor Ort ist, bildet sich eine Demonstration vor den Lagertoren. Später erfahren wir, dass offenbar ein Hassprediger einige Leute um sich geschart hat und zu der gewalttätigen Demonstration angestachelt hat. Grund dafür waren die Islamkarikaturen.

In einer Seitenstraße in der Nähe des Lagers wurde eine LKW-Ladung an Steinen abgekippt. Diese handlichen Wurfgeschosse fliegen nun in das Lager. Die Menge tobt. Im Lager verteidigen die verbliebenden Soldaten so gut sie können. Es dauert nicht lang, bis der Stromverteiler des Lagers von den Demonstranten in Brand gesetzt wird. Das Lagertor hält der Menge nicht Stand. Der Toyota-Landcruiser, den die Soldaten gegen das Tor gestellt haben, gerät kurze Zeit später in Brand.

Die Lage eskaliert weiter – die Soldaten können wenig dagegen tun. Mehr als Warnschüsse abgeben lassen die Einsatzregeln nicht zu. Die Demonstranten sind gut organisiert. In der vordersten Reihe werfen Kinder die Steine. Kein Soldat würde auf Kinder schießen. Jugendliche bereiten Brandsätze vor, die Erwachsenen werfen Handgranaten in das Lager.

Die Lage ist ernst. Gemeinsam mit meinem OpInfo-Stabsoffizier bereiten ich ein Radiostatement vor. Tenor: die ISAF-Truppe verliert ein Lager im Norden Afghanistans. Das wir es nicht brauchen werden und ungenutzt löschen können, ist nicht mehr als Glück.

Einige Tage darauf sehen wir ein Video von den Kämpfen. Zwei norwegische Soldaten liegen in ihrer Stellung, beobachten die Demonstration, geben Warnschüsse ab. Plötzlich springen sie in Deckung, eine Handgranate detoniert in der Stellung, in der sie nur wenige Sekunden zuvor noch gelegen haben. Die Explosion ist vorbei – die Soldaten kehren in die Stellung zurück.

Draußen fliegen mittlerweile Kampf-Jets über der Demonstration. Sie sollen die Menge abschrecken, fliegen an, zünden direkt über der wütenden Menge die Nachbrenner ihrer Triebwerke. Auch Warnschüsse werden abgegeben. Die Menge ist dadurch nicht zu beeindrucken – applaudiert in Richtung der tieffliegenden Piloten.
In direkter Nachbarschaft des Lagers verfolgen Polizisten der afghan-national Police das Szenario vom Dach der Polizeistation aus. Es dauert mehrere Stunden, bis die Quick Reaction Force über die Rückseite des Lagers eintrifft und die nötige Manpower die Demonstranten vertreibt.

In der Menge starben an diesem Tag mehrere Afghanen – offenbar, weil eine der Handgranaten, die sie ins Lager werfen wollten zu früh detoniert.

Parallelen zum KFOR-Einsatz in Tetovo

Erst heute – 12 Jahre nach den Ereignissen in Tetovo erkenne ich, dass meine Einsatzerfahrungen und die empfundene Bedrohungslage miteinander zusammenhängen.
Die Parallele: sowohl in Tetovo, als auch in Kunduz waren die deutschen Lager in der Stadt untergebracht. Das gleiche trifft auch auf das Lager in Meymaneh zu, dass mittlerweile ebenso aufgegeben und vor die Stadt verlegt wurde, wie die Lager in Tetovo und in Kunduz.

In Tetovo habe ich mich beim Abbau des Lagers bei mehreren Konvoifahrten einer nicht unerheblichen Gefahr ausgesetzt. Zwischen den Überresten der hastig abgebauten Zelte kam fast ein Gefühl von Sightseeing auf. Das es an diesem Platz wenige Tage zuvor zu Beschuss kam, erzählen die Einschusslöcher an den Wohncontainern der österreichischen Soldaten. Auf einer Länge von mehreren Metern ziert eine Spur von Einschusslöchern die Wand.

In diesem Momenten wird mir die Gefahr bewusst. Doch weil ich nichts dagegen unternehmen kann wandert diese Erfahrung ins Unterbewusstsein. Meymaneh und Tetovo habe ich in den letzten Jahren nie in Verbindung gebracht. Auch eine Anknüpfung an das strategisch ähnlich ungünstig gelegene Lager in der Innenstadt von Kunduz kam mir nicht in den Sinn.

Offenbar haben sich die erlebten Gefahrenmomente aber tief in mir verankert.

Anschlag in Kunduz

Als Ende Februar 2006 gerade etwas Ruhe eingekehrt ist, gibt es erneut Alarm im Lager. In einer Seitenstraße zum Marktplatz in Kunduz wurde das Fahrzeug der Truppenverwaltung angesprengt. Ein Kind hatte ein Fahrrad mit einem Sprengsatz am Auto vorbei geschoben.
Die Explosion tötet mehrere Afghanen. Der deutsche Soldat, der das Fahrzeug sicherte entgeht nur mit Glück dem Tod. Splitter der Explosion treffen ihn am Hals – verfehlen die Halsschlagader nur knapp.
Es ist der erste Anschlag in Kunduz-Stadt überhaupt. Soldaten waren bisher nur bei einem Unglück im vergangenen Sommer ums Leben gekommen, als beim Verladen von Munition das schlecht gelagerte, überalterte Material detoniert.

Der Anschlag bestimmt in den nächsten Tagen das Programm. Die Redaktion arbeitet, ich renne mit den ersten Meldungen zwischen dem deutschen PRT-Stab und der Redaktion für die Freigaben hin und her.

Radio muss als schnellstes Medium sofort reagieren. Es ist das einzige Mal, dass ich mit meinem direkten Vorgesetzen aneinander gerate. Während die Radioreadktion auf Hochtouren läuft, fordert der Oberstleutnant auch von Print eine Reaktion. Als diese ausbleibt weist er mich an, ich solle Print gezielter mit ins Boot holen.
Mein Versuch, mit dem bei Print eingesetzten Hauptmann beim Essen das Vorgehen abzustimmen schlägt fehl. „Wir machen einen Bericht in der nächsten Ausgabe. Ende.“ Diese Ausgabe erscheint jedoch frühestens in 10 Tagen. Der Chef will mit Print-Produkten aber sofort präsent sein.
Ich schlage vor, dass wir Handzettel verteilen könnten mit Anweisungen, wie die Leute verdächtige Aktivitäten melden können, Telefonnummern oder eben was sie tun können, um ihre Kinder zu schützen.
„Misch dich nicht ein. Das kommt in die Zeitung und fertig ist.“

Als wir im Büro ankommen nimmt mich mein Oberstleutnant erneut zur Seite, drängt auf eine Zusammenarbeit mit dem Print-Hauptmann.

„Herr Oberstleutnant, ich bin mit dem Thema durch! Ich mache jetzt eine Infowand in der Radioredaktion, dort werde ich alles an Informationen sammeln, was vorhanden ist! Was der Hauptmann dann draus macht ist dann seine Sache!“ Ich kann mich nicht auch noch um Print kümmern, wenn ich die Maßnahmen gegen den Unwillen des im Dienstgrad über mir stehenden Print-Chefs vorschlagen und verteidigen soll.

Das Programm der nächsten drei Tage werde ich später als Powerpoint-Präsentation aufbereiten und zu Ausbildungszwecken mit nach Deutschland nehmen.
Informationen, wie man solche Vorfälle medial begleitet fehlten mir in der Vorbereitung auf den Einsatz. Ich will zumindest kompetent belegen, welche Arbeit ich dort gemacht habe.

Der wesentliche Grund aber sind die Erfahrungen mit dem Statement zu den Islamkarikaturen. Ich rechne schon damit, dass erneut abgefragt wird, wie wir vor Ort damit umgegangen sind. Dieses Mal bleibt die Anfrage aber aus.

Stressreaktionen

Nach dem Anschlag und gut vier Tage dauernden der Kampagne Ende Februar ist die Luft bei mir allmählich raus. Eine Erkältung hat mich erwischt. Ich fahre meine Arbeit auf das notwendigste Maß zurück und bereite langsam die Übergabe an meinen Nachfolger vor.

Bestätigung bleibt aus

Diesen Einsatz von November 2005 bis März 2006 empfinde ich zwar als stressig, dennoch aber gleichzeitig als lohnend, weil ich viel über das Radiogeschäft gelernt habe und er die Basis wurde für meine weiteren Einsätze.
Doch während andere Soldaten förmliche Anerkennungen erhalten, bleibt bei mir eine Bestätigung aus. Mein direkter Vorgesetzter will nach dem Vorfall mit dem Print-Hauptmann Streitigkeiten und Diskussionen vermeiden und eröffnet uns unsere Einsatzbeurteilungen nicht. Er versichert mit, dass meine Leistungen in Ordnung waren, und deutet an, dass ich im Vergleich zum Print-Hauptmann besser abgeschnitten habe.

Verunsicherung und Selbstzweifel

Rückblickend muss ich feststellen, dass diese ausbleibende Bestätigung – egal ob in Form eine förmlichen Anerkennung oder eben der selbst gelesenen Einsatzbeurteilung – mit dazu beiträgt, dass ich kein Selbstvertrauen in meine Arbeitsleistungen aufbauen kann.

Zu viel steht für mich in Frage, zu viel im Zweifel. Die mangelnde Ausbildung vor dem Einsatz, das Statement, dass im Verteidigungsausschuss zur Diskussion stand – die Auseinandersetzung mit dem ranghöheren Print-Hauptmann.

Ein weiterer Aspekt der Verunsicherung hatte mich zum Jahreswechsel erreicht.
Ich musste zur Vernehmung zum Kompaniechef – meinem Disziplinarvorgesetzten.

„Das was ich hier tun muss, empfinde ich als Hoch-Not-Peinlich, aber ich habe keine Wahl und würde gerne darauf verzichten. Was geht eigentlich bei ihnen da in Koblenz ab?“

Gemeint ist mein Heimatbataillon, das mich in den Einsatz entsendet hat. Der Kompaniechef ist verantwortlich sämtliche Personalangelegenheiten zu bearbeiten. Die Vernehmung erfolgte, weil aus dem Jahr 2005 die Urkunde zum Sportabzeichen nicht vorhanden ist.

Jeder Soldat muss seine sportliche Leistungsfähigkeit dauerhaft erhalten und mindestens durch das Ablegen der Leistungen des deutschen Sportabzeichens einmal im Jahr belegen. Diese Leistungen müssen jeweils vor einer prüfberechtigten Person abgelegt werden, die dann auch die Leistung mit Unterschrift und Prüfernummer bestätigt.

Durch die chaotischen Verhältnisse in der Vorbereitung auf meinen Auslandseinsatz tauchte ich in den Listen der Kompanie, in die ich kurz zuvor kommandiert worden war aber noch nirgends auf. Ich hatte dennoch darauf geachtet, dass meine Prüfkarte vollständig war. Die Leistungen für das Sportabzeichen hatte ich alle erbracht – teilweise noch kurz vor dem Abflug nach Afghanistan.

„Die vollständig ausgefüllte Prüfkarte habe ich in der Woche vor meinem Abflug nach Afghanistan im Büro des Kompanietruppführers abgegeben mit der Bitte, dass Sportabzeichen beim Deutschen Sportbund zu beantragen. Eine Verleihung fand nicht mehr statt, da ich in den Einsatz verlegt habe.“

Mein Disziplinarvorgesetzter nimmt meine Aussage entgegen, das Protokoll wird angefertigt. „Haben die keine anderen Sorgen in ihrem Verband,“ sagt mir der Panzermann unverblümt entgegen.

Fehlende Aufarbeitung

Es wirkt wie eine Form der Anerkennung und ist durchaus schmeichelhaft, wenn der Chef sagt: „Sie haben sich im Einsatz bewährt – wir brauchen sie bei NRF 7!“. Doch die Erfahrungen und Erlebnisse des ersten Afghanistaneinsatzes konnte ich während der unmittelbar folgenden NRF-Beorderung nicht verarbeiten.

Unmittelbar zum nächsten Auftrag, die Herausforderungen im familiären Bereich – die erfahrene Belastung überhaupt als solche wahrzunehmen fiel – rückblickend und mit dem Abstand von nun mehr 7 Jahren betrachtet – einfach aus.

Wesentliche Elemente, die meine Anpassungsstörung hervorgerufen haben und beeinflussen ergeben sich aus den ersten Einsätzen, in denen ich die Lebensgefahr nur unterbewusst zur Kenntnis genommen habe.

Es sind nicht die fehlenden 20 Schutzwesten während der Kampfhandlungen im März 2001, die mich belastet haben. „Wir sind 180 Mann in der Kompanie, haben aber nur 160 Westen. Wenn du morgen nicht raus fährst, bekommst du erst mal keine.

Es sind nicht die Warnmeldungen der S2-Abteilung in Kunduz, dass wir damit rechnen sollten, dass Handgranaten über die Lagermauer geworfen werden können, als im Januar 2006 die Islamkarrikaturen eskalieren.

Das auslösende Moment für die Belastungsstörung ist die Kombination aus den Erfahrungen und dass man ihnen immer wieder mit demselben Reflex begegnet: Verdrängung.

Problematisch wird es jedoch, als sich diese Mechanismen im zweiten Afghanistaneinsatz mit einer gang anderen Bedrohungslage vermischen.

3 Kommentare

  1. Und hier der Aufruhr in der Satire bei extra3 – vor Ort ist das Ganze nicht mehr so lustig…

    https://www.youtube.com/watch?v=ds-IMOAp54Q

  2. Pingback:Zunächst offline | Aufräumen, Kamerad!

  3. Pingback:Zunächst offline - Daniel Lücking

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