2017 – Leben mit Depression

Ein bisschen Reflexion – ein bisschen Zwischenbilanz. Der Anlass war ein guter Artikel und ein gutes Gespräch in dieser Woche.

Im November wurde durch ein übergriffiges Arztgespräch der vorzeitige Schritt in die Onlineschreibtherapie nötig. Der Arzt unterstellte, ich wäre ärztlich nicht führbar und würde ohnehin nur simulieren. Zwischen Dezember und Anfang Februar fand dann die Schreibtherapie statt, die mich weiter brachte, aber auch massiv Kraft kostete.

Worte finden

Via Twitter stieß ich heute auf einen Text in The Independent, den ich hier einfüge (please do not blame me for copyrights & understand this as a comment on the text).

In dieser Woche kam es wieder zu einem Gespräch mit jemanden, der auch von Trauma und Depression betroffen ist. Mittlerweile habe ich genug Worte, um zu beschreiben, was passiert und wie ich es verstehe. Oft kann ich aber nicht beschreiben, wie es sich anfühlt. Aber der Text am Ende trifft es sehr gut.

Ich denke, dass die Analogie zu einem Beinbruch, die ich in Bezug auf Trauma schon verwendet habe auch ziemlich treffend das Leben mit Depressionen beschreiben kann. Eine leichte Depression ist vielleicht ein blauer Fleck oder eine Prellung am Schienenbein. Lästig. Dauert auch eine Weile – geht aber wieder weg.

Ein Beinbruch kann glatt laufen und geht auch nach einigen Wochen wieder weg. Manche Menschen neigen dazu, sich öfter mal etwas zu brechen. Doch es gibt auch schwere Unfälle, bei denen ein Bein kompliziert bricht oder zerschmettert wird. Das, was mir passiert ist – und sich seit Jahren mal stärker, mal weniger stark bemerkbar gemacht hat, wird wohl bleiben. Ich rechne nicht mehr damit, dass ich Marathon laufen werde oder Wettkämpfe gewinnen kann. Im Alltag muss ich planen und im Auge behalten, was ich mir zugemutet habe und wann Belastungen zu viel waren.

Stressphase

Neben dem Ende des Studiums und dem Ende der Berichterstattung aus dem NSA-Untersuchungsausschuss kam noch ein Therapiegespräch in der letzten Woche hinzu. Diese Gespräche sind immer so, wie bei einer verkrusteten Wunde, an der rumgekratzt wird oder wo jemand den Schorf mal eben anhebt, um zu sehen, ob sich darunter wieder Haut gebildet hat. Immerhin: im Therapiegespräch läuft das behutsam ab und nicht, wie beim Arztgespräch im November, so einfach mal an einem verkrusteten Pflaster gerissen wurde.

Der Start ins Praktikum lief gut und die Aufgaben und der Kontakt zum Team machen Spaß. Für manches im Haushalt fehlt die Kraft. Noch immer sind Leistungen für dieses Semester offen, die ich gerne abschließen würde. Doch Priorität hat nun erst einmal das Praktikum, das ich diese Woche begonnen habe. Ich fühle mich wohl in dem Umfeld.

Prioritäten

Alles erfüllen zu wollen, ist utopisch. Der Haushalt muss hinten anstehen. Solange die Wäsche regelmäßig in sauberem Zustand da ist, ist genug erreicht. Ob das Geschirr 3 oder 5 Tage ungespült bleibt, macht im 1-Personen Haushalt wenig aus. Doch Menschen in die Wohnung einladen wäre derzeit nicht angebracht. Aber Berlin hält da ja Möglichkeiten vor.

Wichtiger ist, neben dem Praktikum nun anderes nicht aus den Augen zu verlieren. Freunde und Menschen außerhalb der Arbeit treffen. Leider zählt das immer noch zu den Dingen, die ich aktiv einplanen muss. Das Bedürfnis sollte einfach da sein – ist es aber nur selten. Ich sollte nicht auf einem Level kalkulieren müssen, das mit „ohne soziale Kontakte fühlst du dich irgendwann mies – geh raus!“ beschrieben werden kann.

Mitunter fehlt die Konzentration. Ein abgesprochenes Treffen oder etwas zeitlich fest geplantes vergessen – so etwas kommt derzeit wieder vor, aber nimmt keine Überhand.

Trigger

Belastend ist derzeit das Thema „Abschiebungen nach Afghanistan“. Die Ignoranz von Innenminister „Terrorthomas“ de Maizière gegenüber Journalisten, Menschenrechtsorganisationen und gesundem Menschenverstand ist unerträglich.

Auch die Aussagen von Peter Altmaier und Kanzlerin Angela Merkel im NSA-Untersuchungsausschuss zum Thema Drohnensteuerung via Rammstein waren an Zynismus nicht zu überbieten. Menschen würden aus so vielen Gründen sterben, da müsse man bei Drohnen nicht unbedingt handeln. Sinngemäß war die Haltung sehr nah an den Äußerungen von de Maizière in dieser Woche, die 11.000 getöteten afghanischen Zivilisten seien ja nicht direktes Ziel der Taliban gewesen.

Ein paar technische Auffälligkeiten, die meine Kommunikationswege betreffen sorgten ebenfalls für „Anspannung“. Zwar ist der Effekt, den ich beobachten konnte relativ logisch zu erklären. Doch sorgt das wieder für eine unangenehme Präsenz der Erfahrung „Adlongespräch“, bei der mir ein Beamter mit Reservistenausweis den warnenden Hinweis gab, ich solle aufhören zu publizieren, denn schließlich wolle ich ja keine Kaderakte haben, die all das enthielte, was ich online so täte, plus das, was man hinzu erfinden könne.

Auf ein privates und persönliches Telefonat ohne jeden dienstlichen Bezug folgte in engem zeitlichen Zusammenhang ein Twitterecho, das wieder einmal Zufall sein kann. Vermutlich hat ein Algorithmus das Speichern der Telefonnummer auf meinem Handy zum Anlass genommen mal einen Tweet in die Timeline von Person 2 zu spülen.

Was im nächsten Tweet scherzhaft wirkt, wird mir immer mehr zum Bedürfnis. Rückzug, Kontaktabbruch. Neuanfang. Ich kann mir weiterhin nicht sicher sein, dass die Drohung „Kaderakte“ nicht wahr gemacht wurde. Twitter bleibt leider – wie einst mein Facebook-Account – Einfallstor für Manipulation und Mobbing. Doch mich von dort zurückzuziehen hieße, erneut ein Stück Teilnahme am öffentlichen Leben aufzugeben und einen Publikationskanal zu verlieren. Letztlich auch ein beruflicher Rückschritt.

Entlastung

Für das dritte Quartal versuche ich einen Kuraufenthalt bewilligt zu bekommen. Leider heißt das, dass ich ich unweigerlich wohl wieder auf den Arzt vom November treffen werde. Freie Arztwahl habe ich nicht. Seitens des leitenden Psychologen des Psychotraumazentrums ist zwar Unterstützung zugesagt. Doch was hilft das, wenn im Arzt-Patienten-Gespräch wieder allerhand Drohungen und Demütigungen ausgesprochen werden können.

Absehbar werde ich in den Osterferien Zeit mit einem meiner Söhne verbringen können. Auch das baut auf, denn das ist viel zu selten der Fall.

Um Abstand zu gewinnen hatte ich ja bereits in 2014 die verbliebenen Ausrüstungsgegenstände und Uniformen „umgewidmet“. Sie rotten seit bald 3 Jahren in der Blumenerde und in diesem Jahr werden dann auch wieder Tomatenpflanzen darauf wachsen.

2015: Wachstum

Näher zu planen ist noch ein Ziel, dass ich in einer der letzten Onlineschreibtherapie-Sitzungen zum Ausdruck gebracht habe. In einem Brief an mich selbst sollte ich reflektieren, in welchem Ausmaß ich das Erlebte und die Konsequenzen für mein weiteres Leben daraus akzeptiert habe. Ich schrieb:

Die Zeit in Uniform ist vorbei – das ziehst du seit einigen Jahren sehr konsequent durch. Sei es die Einsatzkiste mit den letzten Uniformresten, die jetzt auf der Terrasse steht und mit genügend Blumenerde gefüllt ist, um auch im nächsten Jahr wieder Tomaten darauf wachsen zu lassen. Lass dir für die Ausgehuniformen, die noch im Keller liegen etwas ähnliches einfallen. Sie brennen bestimmt sehr gut oder ergeben mit ein paar Modifikationen eine nette Weste.

Eine Unterstützerin, die mit traumatisierten US-Veteranen in Karlsruhe arbeitet berichtete mir davon, dass die Veteranen ihre Uniformen geschreddert und eine Leinwand daraus gemacht haben, auf der sie dann Bilder malten. Mir erscheint der Aspekt „Feuer“ sehr geeignet, aber ich habe derzeit weder den geeigneten Platz, noch die Vorstellung, wer alles mit dabei sein sollte.

Ich gehe davon aus, dass eine Verbrennung der Uniformen vor dem Reichstag nicht akzeptiert würde – angesichts meiner Erfahrungen rund um den 27.09.2008 und die fragwürdige parlamentarische Kontrolle der Einsätze wäre das allerdings mein Wunschort für diese Aktion.

Was erhalten bleibt, ist der Helm. Den Helm kaufte ich im August 2013 und er begleitete mich durch den 100-Tage-Protest vor der US- und GB-Botschaft hier in Berlin.

Unschlüssig bin ich, was ich mit dem verbliebenen Paar Einsatzstiefel und den Einsatzmedaillen mache, die immernoch hier liegen. Sie stammen aus einem der Pakete, die ich im Mai 2014 an den damaligen Bundespräsidenten Gauck, Kanzlerin Merkel, IBUK von der Leyen und das Haus der Geschichte in Bonn sendete. Meiner expliziten Bitte, mir das Paket nicht zurückzusenden kam das Büro Gauck nur bedingt nach. Die DVD mit meinem Video und Unterlagen zum 27.09.2008 behielt das Büro. Stiefel und Medaillen kamen zurück.

Was bleibt

Die Worte in dem Independent-Artikel sind nicht meine – aber die Beschreibungen von Lucia beschreiben treffend, wie mein Alltag sehr häufig aussieht.

Full-Text in The Independent

Lucia* is 26. She grew up in London and works as a freelance copywriter. She was diagnosed with depression aged 21, but had suffered for years prior.

„I find a good metaphor for depression that I have used to explain to people close to me, is kind of like being permanently hungover. You get up and feel like crap, you can’t be bothered to do your make up or find clean clothes because it takes all the effort you are physically capable of just to force yourself to leave the house. You consider calling in sick, but you need the money and you agreed to work this shift and you can’t let your workplace down.

You get to work, and people ask if you’re ok. “I’m fine.” You say. “I’m kind tired. Maybe I’m getting sick.”

You can’t tell them you’re hungover, because being hungover is not a valid excuse in the workplace. Being depressed is not a valid excuse in the workplace.

„The hangover comes in waves. At some points your fine and think great, the alcohol is out of my system. I’ll be fine now. But then half an hour later your feel ill again, your head hurts, your body is moving slowly, and you can’t concentrate on the task you’re doing.

“Maybe you should eat something?” someone suggests, but the canteen is too far away and you’re behind on your work, you need to catch up with everyone else so you don’t get fired. Like when people tell you to try exercise to help with depression, but the gym is too much effort, there’s no way you can make it there and still have enough willpower to do something as simple shower, or do food shopping, or pay your phone bill.

„Besides, eating something might well make you feel better, but it might just make you throw up. The gym might well make you feel better, or your substandard attempt at exercise might just end in abject failure and you’ll just hate yourself for not being able to do what everyone else seems to do with no problem.

„You go through the day, avoiding talking to people more than strictly necessary because oh god, your head hurts, and trying to pretend you’re not hungover – trying to pretend you’re not depressed – hiding it from your colleagues, is exhausting. You can’t wait to be finished with the day, to go home, to your bed and not have to act like you’re ok anymore, but the day is dragging. And you still haven’t done enough work. You’re definitely going to get fired if you keep on like this but you wonder “is that so bad? At Least I wouldn’t have to pretend I’m OK.”

„Eventually, the day is over and you’re in bed, ready to sleep, but all that coffee you had trying to keep yourself functional all day decides now is the time to kick in, and sleep isn’t coming. Where was this burst of mental energy all day when you needed it?! You toss and turn and try to numb your racing mind with Netflix and a cheeky bottle of something, and eventually, you start to nod off. You hope, as you begin to drift into a restless sleep, that you’ll wake up feeling better tomorrow, but you’re scared that you won’t. You’re beginning to think you’ll feel like this forever, and you’re not sure you want to keep trying. But you’re falling asleep now, so you don’t bother worrying. You’ll deal with the worry tomorrow. Once you’ve made it through the day again.“

Danke, Herr von Bülow!

In Redaktionen spricht man schon mal von „Pietätshalde“. Gemeint ist die Schublade oder der Dateiordner mit vorbereiteten Nachrufen, die nur noch grob ergänzt werden müssen, für den Fall, dass eine bekannte Person dann doch verstorben ist. Der falsche Knopf zur falschen Zeit lässt da schon einmal jemanden zu früh aus dem Leben scheiden. Zumindest presseöffentlich.

Die Rechte an diesem Bild gehören der dpa. Sie dürfen die auch behalten. Ich möchte nur die Anzeige zeigen.

Die Rechte an diesem Bild gehören der dpa. Sie dürfen Sie auch behalten. Ich möchte nur die Anzeige zeigen.


Es ist selten, dass ein Redakteur zwei Mal einen Nachruf auf ein und dieselbe Person verfasst. Aber, Herr von Bülow, am vergangenen Samstag war es dann doch nötig. Die Universität der Künste hatte zum Auswahlgespräch eingeladen. Es geht um einen Masterstudienplatz im Fach Kulturjournalismus.

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Wasserstandsmeldung

Was helfen würde:
1 Jahr voll auf mein Thema & die Bachelorarbeit konzentrieren können.

Was gerade nicht hilft:
Job 1 & Job 2 haben nichts mit meinem Thema zu tun – Therapie und Coaching fressen viel zusätzliche Zeit. Das stellen von Hilfsanträgen DRÄNGT in zweierlei Hinsicht. In erster Linie wäre der Papierkram zu bearbeiten – in zweiter Linie führt das wieder zur Auseinandersetzung auf einer Ebene mit dem Einsatzthema, die mir nicht gut tut und mich nicht weiter bringt. Es wirkt derzeit auf mich so, dass durch diese Abhängigkeit das Problem konserviert und zementiert wird.

Auf der Strecke bleibt:
Viel zu viel.

Jammern hilft nicht – wegschauen aber auch nicht!

Das Totschweigen von Belastungen allerdings auch nicht. Ende November jährt sich zum zweiten Mal die Veröffentlichung der Afghanistanpapiere der WAZ. Für mich bemerkenswert, denn ab diesem Zeitpunkt konnte ich die Aufarbeitung meiner Einsatzerlebnisse nicht weiter vor mir her schieben.

Die Auswirkungen hatten in den Jahren davor bereits dazu beigetragen, das meine Ehe zerbrach und ich im Studium immer mehr Probleme im Umgang mit Professoren und Kommilitonen bekommen habe. Ich bereue nicht, dass ich dem Impuls gefolgt bin und angefangen habe, aufzuarbeiten. Die sinnentstellenden und realitätsfernen Meldungen, die offenbar Grundlage dafür sind, dass Lageentwicklungen in Einsätzen von der Politik falsch eingeschätzt werden, sind nun offenkundig und zumindest in meinem Fall belegt.

Zahlreiche Rückmeldungen anderer Soldaten bestätigen mir, dass diese Wahrnehmung nicht nur meine persönliche Wahrnehmung ist. Im Gutachtergespräch am vergangenen Montag wurde mir erstmals bewusst, welche Zersetzung Ende des letzten Jahres betrieben wurde:

1. Drohungen

Anlässlich meines Protests gegen Überwachung tauchten in meinem Netzwerk auf Facebook – damals Hauptkanal für mich – immer wieder Gewaltandrohungen auf. Subtil bis offenkundig – zeitweise direkt, zeitweise durch Dritte an mich heran getragen. Gewaltvideos, in denen Personen in den Kopf geschossen wird – verknüpft mit Äußerungen zu meiner Person. Erkennbar für jeden, der wusste, dass ich angesprochen werden sollte – in der Sprachwahl so geschickt formuliert, dass die Äußerungen nicht justiziabel sind. Der Absender: Reservist.

2. Diffamierungen

Bis in den Februar hinein wurden meine Themen von mindestens einem hochrangigen Soldaten im aktiven Dienst begleitet, der nach eigenem Bekunden viel Zeit seines Urlaubs, aber keinesfalls Dienstzeit aufwendete, um sich – natürlich – aus rein persönlichem Interesse an den Diskussionen rund um die Themen zu beteiligen, die ich aufgeworfen habe.

Je tiefer ich recherchiere, desto öfter stelle ich fest, dass der Mann auf anderen auffällt, die an ähnlichen Themen arbeiten, wie ich damals. Der Absender: aktiver Soldat.

3. Zersetzung

Das oft erwähnte „Adlongespräch“ war einer der letzten Punkte, die mich dazu bewegten, das Bundeswehrkrankenhaus Berlin nicht mehr aufzusuchen. Aufforderungen, die publizistischen und journalistischen Tätigkeiten einzustellen waren direkt und einschüchternd. Auch in diesem Bereich nicht justiziabel, aber eindeutig im Grad der Bedrohung. Meine Onlineaktivitäten würden gesammelt, ausgewertet und gegebenen Falles durch Dinge ergänzt „die man hinzuerfinden kann“. Der Absender: Reservist im aktiven Beamtendienst in einem Bundesministerium.

4. Verunsicherung

Obwohl ich die Auswirkungen mit meiner damaligen Therapeutin besprach, sah sie mich auf einem guten Weg in der Therapie. Maß sie dem ganzen zu wenig Bedeutung bei? Konnte sie unterschätzen, was ein Themenverbot aus meiner damaligen Redaktion mit mir macht oder war ich schlichtweg schon so sehr in der Verteidigungshaltung? Emotionale Abkapselung, um dem externen Druck standzuhalten – das kannte ich bereits aus Einsatzzeiten.

Prioritäten setzen

Die soziale Isolation, in der ich in den Jahren zwischen 2008 und 2013 überwiegend gelebt habe konnte ich in den letzten Monaten aufbrechen. Berlin machte mir Verbesserungen in diesem Bereich sehr leicht – eine Provinzstadt mit überwiegend konservativer Ausrichtung hätte mich wohl über Jahre nicht voran gebracht. Das Engagement, das ich nun in zahlreichen Bereichen an den Tag bringt mich in der Aufarbeitung deutlich voran.

Irritationen einzelner Akteure, die in mindestens zwei meiner Kreise in den letzten Wochen aufgetreten sind wirken sich dennoch nicht negativ aus. Subtile, aber spürbare Aggitation finden statt. Doch mein Umfeld reagiert mit offenem Hinterfragen dieser Impulse, statt sich von mir zurückzuziehen, wie ich das im Social Media Kontext erleben musste.

Erfolge

Erstmals seit Jahren war mir ein Urlaub möglich, in dem ich im überwiegenden Teil der Zeit erholen konnte und das auch spürte. Schottland stand lange auf der Wunschliste und brachte eine spürbare Entlastung.

Seit vergangener Woche geht es auch mit dem Abschluss der Bachelorarbeit voran. Die klare Ausrichtung in der letzten Coaching-Sitzung half mir bei dem Gespräch mit Professor am vergangene Freitag. Die anschließende 31-Stunden-London-Reise zur Open Rights Conference brachte mich in Bezug auf die Bachelorarbeit ebenfalls voran.

Ausblick mittelfristig

Nur ein Kurs ist noch abzuschießen. Die Zeitplanung für die Kursleistung steht und im Rahmen der Bearbeitung werde ich hoffentlich das Selbstvertrauen generieren, was für die Bachelorarbeit notwendig ist.

Derzeit rät mir mein Professor während der sechswöchigen Bearbeitungszeit, die zeitlich im März / April 2015 liegen muss, komplett auf das Thema zu fixieren. Sinnvoll, was die Bachelorarbeit angeht – ob ich jedoch danach noch beide Jobs haben werde, wage ich zu bezweifeln. Am Ende wäre ich jedoch ein HARTZ4-Empfänger MIT Bachelorabschluss.

Auf Therapie und Coaching zu verzichten ist in diesem Zeitraum ebenfalls nicht möglich und da am Ende der Bachelorarbeit die Exmatrikulation (mit Abschluss) steht, müsste ich parallel noch Zeit für Bewerbungen aufwenden, um nicht aufgrund der Unterhaltsverpflichtungen von Ämtern direkt im Anschluss in eine Arbeitsätigkeit gezwungen zu werden, die nichts mit meinem Berufsabschluss zu tun hat. Rechtlich wäre das zulässig.

Ausblick langfristig

Die ursprüngliche Ausbildungshöhe „Masterabschluss“ wurde durch die Turbulenzen der letzten Jahre mittlerweile unerreichbar. Weiter studieren geht nur unter der Prämisse der regelmäßigen Unterhaltszahlung. Ergo müsste ich 80 bis 100 Stunden pro Woche arbeiten. Mich über zwei – realistisch sind eher drei – Jahre mit dem Studienkredit zu belasten ist nicht sinnvoll.

Ausblick Woche

Job 1 leidet, während ich den Artikel schreibe – doch ohne die Ordnung, die ich mit diesem Artikel in die Herausforderungen bringe, ist kein Start in die Woche möglich. Die Termine sind realistisch und strukturiert gesetzt – auch während des Coachings erfahre ich Bestätigung, dass ich in diesem Bereich keine Defizite habe.

Fazit:

Eine gute Basis,um ab Freitag dann mal wieder etwas zu sein, das ich seit Mai kaum war: Vater.

Aus den Augen, aus dem Sinn

Die Bundeswehr hält keinen Kontakt zu ehemaligen Einsatzsoldaten. Es gibt keine Adressenlisten oder regelmäßige Informationen. Auf Erkrankungen, die z.B. vermehrt bei Soldaten eines bestimmten Kontingentes auftreten, wird so leider niemand (rechtzeitig?) aufmerksam.

Kommt es dann zu einem Fall, bei dem eigentlich das gesamte Kontingent angeschrieben und untersucht werden müsste, ist keine gezielte Information möglich.

Ich habe auch das in Gesprächen mit Abgeordneten der Linkspartei mehrfach angemerkt. Es zeigt, wie menschenverachtend die Bundeswehrverantwortlichen und die Regierungspolitiker, wenn die Devise bei Einsatzsoldaten nach der Dienstzeit offenbar lautet: „Aus den Augen, aus dem Sinn.“
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Gauck – Veterans for Peace Germany – Foundation: June 3rd 2014

(English Version below)

Soeben erreichte mich ein Päckchen. Es enthielt Einsatzmedaille und Stiefel. Die DVD mit der kleinen Anfrage und dem Video wurde einbehalten. Der handschriftliche Kommentar, das ich von „Bundesbediensteten mit Truppenausweis“ nicht mehr unter Druck gesetzt werden will war auf dem Umschlag, in dem die Hülle mit der DVD steckte.

Ich weiß nicht, wie ich mich damit fühlen soll. Kein erklärendes Anschreiben. Mein Adressaufkleber wurde wieder verwertet. Der Akt der Rückgabe sollte eigentlich meiner Entlastung dienen. Ich habe mich wohl zu keinem Zeitpunkt im Leben mehr verarscht gefühlt, als jetzt gerade.

„Soldat schweig! – deine Meinung zählt nicht.“

Update 16:00 Uhr

Gerade mit dem Leiter der Afghanistansammlung im Haus der Geschichte in Bonn telefoniert. Die Aufnahme der Einsatzstiefel mit der Medaille sowie dem Karton mit dem „Veterans For Peace“-Logo in die Sammlung wurde bestätigt.

Der Sammlungsleiter konnte nicht zusichern, dass das Exponat auch in den sichtbaren Teil der Ausstellung gelangt. Für den Online-Katalog und als Erklärung des Exponats darf ich nun die entsprechenden Hintergründe ausarbeiten.

Der Artikel kann dann später auch für Ausstellungen entliehen werden. Für mich ist das ein wichtiger Schritt in der Aufarbeitung. Auch das Schweigen von Frau Von der Leyen und Frau Merkel wird ein Thema in dem Text – ebenso die heute erfolgte Rücksendung der Stiefel durch den Bundespräsidenten.

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English Version:

A few days ago I tried to go a step further in coping with my PTDS and the experiences I made during my last mission. I whitnessed, that the german press, as well as the german parliament does not get fully informed about what happens on mission in Afghanistan.

Mainly, on the incident I witnessed, all information on capturing attackers was neither given to the press, nor to german parliamentarians. No information on handing them over to the afghan police and later – refering to a high-ranking, definetly well informed source – being killed by a local power, that did not feel confident about the attackers action.

I picked up a strong symbolic act, performed by a lot of veterans in the US but refused to throw the medals, because this act is very unknown among german soldiers. I made a video, explained my case and the questions I have – mainly which independent commission controls army in treating prisoners of war and what happens to them, after handing them over to local authorities.

I returned my medals to the german president Joachim Gauck, to the german chancelor Angela Merkel and to the head of german DoD Ursula von der Leyen along with the boots I have worn on missions.

I expressed, that I as a journalist who I now am don’t want to be threatend any more for practising free speach, as done in december 2013 , when a Army-Reserve Guy contacted me, double-authenticated himself by showing his military identity-card and emailing me afterwards from an account, belonging to a german ministry other than defense.

Today a parcel arrived. It contained the medal and the boots. The presidential office kept the DVD with the video and information about the incident and the threat performed by the governmental worker.

No further explanation given. No letter. Nothing but disrespect. „Soldier shut up!“ is what I currently feel.

This is how the german president treats veterans. Hope, he is willing to face a new „Veterans for Peace Division“ which I now bring up in Germany.

I hpoe, that the american, as well as the britisch Veterans for peace organisations will support this action.

Berlin, June the 3rd 2014

Geld annehmen? Ja, aber …

Als ich mit der Diagnose und dem Therapiebedarf konfrontiert war, boten mir die Ärzte eine Beratung durch den Sozialdienst im Bundeswehrkrankenhaus an. Neben den notwendigen Anträgen im Rahmen des Wehrdienstbeschädigungsverfahrens wurde mir durch die Beraterin nahegelegt, die Wiedereinstellung zu beantragen um in die sogenannte Schutzzeit aufgenommen zu werden.

Darüber hinaus wurde ich drauf hingewiesen, dass ich einen Antrag bei der Härtefallstiftung der Bundeswehr auf eine finanzielle Unterstützungsleistung stellen könne. Da es im Juni 2013 noch danach aussah, dass ich ab September 2013 ohne Einkommen und auf HARTZ4 angewiesen sei, stellte ich am 20.06.2013 den Antrag auf eine Unterstützungsleistung.

Erst einige Wochen später erhielt ich durch einen anonymen Hinweisgeber den Hinweis, dass ich aufgrund der Erkankung den Berufsförderungszeitraum verlängern könne. Seitens des Sozialdienstes erfolgte dieser Hinweis nicht – ich erhielt die Empfehlung, HARTZ4 zu beantragen.

Was ist die Härtefallstiftung ?

Die Härtefallstiftung wurde 2012 eingerichtet um besondere Härtefälle unterschiedlicher Gruppen von aktiven und ehemaligen Soldaten zu unterstützen. Insgesamt standen zu Beginn aus dem Verteidigungsetat 7 Millionen Euro für eine unbürokratische Hilfe zur Verfügung. Neben den Radaropfern werden auch ehemalige NVA-Soldaten sowie auch Ex-Soldaten im Rahmen des Antragsverfahrens behandelt und können für eine Hilfeleistung in Betracht kommen.

Zunächst hatte ich den Antrag schon vergessen und mich mit der derzeitigen finanziellen Situation arrangiert. Der jetzt eingetroffene Bescheid enthält die Kontaktdaten zur Härtefallstiftung.

Link zum Beitrag vom 27.08.2013 auf Bundeswehr.de
Link zum Beitrag vom 26.07.2012 auf Bundeswehr.de
Link zum Beitrag vom 23.05.2012 auf Bundeswehr.de

Bewilligungsbescheid vom 29.01.2014

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Wirklich glücklich bin ich mit dieser Art der Unterstüzung nicht. Zunächst, weil sie meiner Einschätzung nach in vielerlei Hinsicht ein Notnagel ist, der aus bestehenden Problematiken in der Gesetzgebung und Versorgung für aktive und ehemalige Soldaten resultiert.

Darüber möchte ich weiterhin kritisch über die bestehenden und immer noch aufzuarbeitenden Unzulänglichkeiten berichten. Die Folgen des Afghanistaneinsatzes für ehemalige Soldaten sind oft gravierend und viele verweilen in der Dunkelziffer, anstatt die Hilfe in Anspruch zu nehmen, die ihnen zu steht. Teils aus Unwissen über ihre Rechte – teils weil sie sich nicht als Betroffene sehen oder aber, weil sie nach den Bundeswehrerfahrungen überhaupt nichts mehr mit der Bundeswehr zu tun haben wollen.

Derzeitige Finanzlage

Nach Abzug der Unterhaltsverpflichtungen bleiben mir derzeit 1125,00 Euro netto monatlich. Ein Studentenjob sowie die Anwärterbezüge ermöglichen es mir derzeit, den Unterhaltsverpflichtungen nachzukommen.

All diese Angaben wurden im Dezember 2013 erneut gegenüber der Stiftung gemacht. Im Juni musste ich noch davon ausgehen aus einem monatlichen brutto von 975 Euro den Lebensunterhalt bis zum Abschluss meines Studiums auszukommen, ohne in der Lage zu sein, den Unterhaltsverpflichtungen nachzukommen. In Kürze wird die Scheidung für die Eingruppierung in die Lohnsteuerklasse 1 führen.

Hilfe? Ja. Kompromittieren lassen? Nein!

Kritiker werden mir vorhalten, dass ich Geld von der Bundeswehr annehme und mich weiterhin kritisch äußere und sogar als Friedensaktivist betätige. Einerseits erhalte ich derzeit Anwärterbezüge (bis 31.08.2014), andererseits jetzt die Zahlung der Härtefallstiftung.

Dieses Geld anzunehmen fällt mir bei den Anwärterbezügen nicht schwer. Die Rechtslage ist eindeutig und wenn ich die Erkrankung in vollem Umfang zurückgehen lassen könnte, die aus dem Dienst und der Überforderung in den drei Afghanistaneinsätzen resultiert, dann würde ich das gern tun.

Die Überlastung habe ich bereits im Mai dargestellt. Im Januar sprach die neue Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen erneut davon, dass die Regel 4 Monate Einsatz, 20 Monate Dienst im Inland weiterhin eingehalten werde(n müsse). Die Grafik zeigt, wie sich meine Dienstzeit entwickelt hat und wie sie sich bei korrekter Anwendung der 4/20 Regel hätte entwickeln müssen.

Bundeswehrzeit. Unten: Kalkulation unter Einhaltung der 4 / 20 Regel

Bundeswehrzeit. Unten: Kalkulation unter Einhaltung der 4 / 20 Regel

In Bezug auf die jetzige Zahlung durch die Härtefallstiftung fühlte ich mich zunächst unwohl, das Geld anzunehmen. Nach kurzer Überlegung gab ich dann eine Obergrenze vor. Diese Obergrenze ist der Betrag, der im Rahmen des Berufsförderungsdienstes nicht gewährt wurde. Ein erheblicher Teil meines Förderungsbudgets wurde mir nicht zugänglich gemacht, weil die Einschreibung in einen Hochschulstudiengang keine weiteren Förderungen zulässt.

Ein weiterer Aspekt, der für die Annahme der Unterstützung spricht ist, dass ich mit der Veteranenthematik derzeit nicht in Redaktionen unter kommen kann. Ich gelte aufgrund meines eigenen Falls als kompromittiert und habe als Betroffener angeblich keinen neutralen Blick auf das Thema. Auch ein Experten-Status scheint nicht denkbar, um Artikel zur Thematik zuzulassen.

Das sorgt dafür, dass ein Thema, dem ich im Moment auch als Teil meiner Genesung widmen muss bei einigen Medien nicht für journalistische Beiträge in Betracht kommt.

Mich erreichen jedoch regelmäßig Anrufe, Postings in Sozialen Netzwerken und via eMail. Betroffene und deren Angehörige melden sich mit ihren eigenen Geschichten, bitten um Rat und äußern sich positiv über das Blog und meinen offenen Umgang mit der Belastung. Diese Art der Aufarbeitung hilf offenbar nicht nur mir.

Bemerkenswert: Kritiker stehen überwiegend in einem aktiven Dienstverhältnis oder sind Reservisten.

Fortgang der Arbeit

Durch die Unterstützung der Härtefallstiftung kann ich nun den Kosten im Rahmen der anstehenden Scheidung ein wenig gelassener entgegen sehen. Ich werde darüber hinaus auch das Sprechtraining absolvieren, welches mir durch den Berufsförderungsdienst nicht gefördert wurde (Zitate: „Wir fördern keine Einzelmaßnahmen. Wir fördern keine Maßnahmen parallel zur Hauptmaßnahme Studium. In den Semesterferien müssen sie sich erholen. Das gefährdet sonst den Erfolg der Hauptmaßnahme!“).

Einen Teil des Budgets halte ich auch für Reisen zurück, um ehemalige Soldaten oder deren Angehörige zu interviewen, sofern Interesse besteht Teile ihrer Geschichte öffentlich zu machen.

Weiterhin ist die Aufarbeitung des 27.09.2008 nicht abgeschlossen. Für mich ist es nicht hin nehmbar, dass die Stellungnahme zur irreführenden und unvollständigen Berichterstattung der Bundeswehr nicht öffentlich zugänglich ist. Ich werde in Kürze einen erneuten Versuch unternehmen, die Antwort auf die kleine Anfrage öffentlich zugänglich zu machen.

Mein stiller Protest: Tag 1

Von 19:08 Uhr bis 20:00 Uhr stand ich heute in Sichtweite der US-Botschaft auf dem Pariser Platz in Berlin. Dies ist meine Art, auf den bevorstehenden Krieg in Syrien zu reagieren. Gleichzeitig ist es meine Demonstration gegen die vorausgegangenen Verletzungen der Pressefreiheit.

Die britische Zeitung Guardian musste auf Geheiß des Geheimdienstes GCHQ Geräte mit Daten zerstören, die sich mit den Veröffentlichungen von Edward Snowden befassten.

In Amerika sitzt derzeit der Journalist Barett Brown unter einem fragwürdigen Vorwand – dem Teilen von Internetlinks – im Gefängnis und wartet auf seinen Prozess.

Da ich persönlich diese Einschränkungen der Pressefreiheit nicht mehr hinnehme und mich entschieden gegen jede Art von Kriegsführung ausspreche, wählte ich die Form des „Duran Adam“ – des „schweigenden Mannes“ und werde künftig täglich eine Stunde (zu unterschiedlichen Zeiten) in dieser Art vor der US-Botschaft protestieren.

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Heutiger Ablauf:

Personalien inklusive Presseausweis erfasst.

Polizist: „Sie wollen jetzt täglich hier vor der US-Botschaft erscheinen?“

Ich: „Ja, mindestens der Helm wird immer dabei sein und ich werde für eine Stunde hier stehen. Das ist mein Protest gegen den Krieg und gegen die Verletzungen der Pressefreiheit.“

„In Ordnung, wir wollten das nur klären – nicht, das sie nun täglich nach ihren Personalien gefragt werden.“

Danke für die freundliche Behandlung durch die anwesende Polizei.

Beruf? Berufung? Es bröckelt …

Mit dem Schritt in die Therapie kommt auch noch eine der schwerwiegendsten Auseinandersetzungen auf mich zu. Noch immer sind es gut 16 Tage bis zum Therapiebeginn.

Soldat sein 1998 – 2008

Lange Zeit habe ich das Ziel verfolgt Berufsoldat zu werden. Die Zeit in Stabilisierungs und Friedenseinsätzen, wie bei KFOR und im ersten ISAF-Einsatz bestärkten mich. Das Ziel war dort zu sein, wo Menschen Hilfe brauchten. Die Absicherung Humanitärer Einsätze – das Trennen von verfeindeten Bevölkerungsgruppen oder der Wiederaufbau eines Landes. All das sah nach einer sinnvollen Tätigkeit aus.

Vieles der dabei erlebten Idiotien ließ sich auf eine dumme Beamtenmentalität zurückführen, die aus grauer Amtsstubenzeit in den Einsätzen nicht funktionieren wollte. ISAF 2 hätte bereits der Wendepunkt sein können – doch der teaminterne Kampf überdeckte vieles.

Mit ISAF 3 wurde mir jedoch bewusst, dass mein Wunsch „Berufssoldat“ nicht mehr in Frage kommen würde. Die Lüge war zu deutlich spürbar – zu offensichtlich. Ich ging und hoffte darauf, andere würden sich darum kümmern. Die Verantwortung für meine Familie wog schwerer.

Studium Informationsmanagement 2008 – 2010

Der Elan der ersten Wochen wurde zuerst nur leicht durch Gefallene in Afghanistan beeinflusst. Doch mit jedem Vorfall wuchs mein Argwohn noch weiter an. Mit dem Argwohn wuchsen auch die Probleme im privaten Bereich. Nicht nur ich, auch meine Partnerin war bis über die Grenzen belastet worden. Je häufiger die Lösungsversuche scheiterten desto mehr zog ich mich zurück.

Da ich aber vom Thema PTBS zu dieser Zeit nur wenig wusste, erkannte ich auch die Anzeichen nicht – schob alles auf die schwierige familiäre Situation anstatt den Fehler bei mir zu suchen. Letztlich: der Grund, warum die Ehe in die Brüche gehen musste.

Studium Onlinejournalismus 2010 – 2013

Mit dem Studium begann ich zugleich meine Auseinandersetzung mit dem Thema Einsatzveteranen. Zu denen zählte ich mich ohne weiteres – jedoch immer noch nicht zu den belasteten Soldaten. Schließlich gab es keine Anschläge auf mich und ich wurde nicht beschossen.
Das psychische Probleme auch andere Auslöser haben können und andere Formen als Flashbacks annehmen fehlt mir bisher rund um das Thema PTBS überwiegend.

Entscheidungen 2013 – ff

Je deutlicher ich hinsehe – je kritischer ich meine Arbeit der drei Studienjahre prüfe, desto mehr muss ich mich fragen, ob ich überhaupt in den Journalismus gehen soll. Vielleicht lautet die Alternative anders: weg von all dem, was triggert – weg von dem, was Parallelen zu den Einsätzen aufweist. Das hieße unweigerlich weg und raus aus dem Journalismus. In den letzten Tagen entwickele ich mich immer mehr auf einen Punkt zu, an dem ich bereit bin, statt auf dem Niveau Bachelor of Science schlicht eine Stuhl an irgendeiner Supermarktkasse zu besetzen.

Aufarbeiten – und sich kümmern!

Gemeinsam mit Enno Heidtmann von Blogtalents entstand dieser Beitrag. Das Transkript ist hier verfügbar. Wir sind derzeit aktiv, um dafür zu sorgen, dass die afghanischen Mitarbeiter der Bundeswehr die bestmögliche Unterstützung im Rahmen von Asylverfahren erhalten.

Leider muss davon ausgegangen werden, dass nach dem (Teil-)Abzug der Truppen aus Afghanistan eine Siegerjustiz des Nachfolgeregimes als erste Machtdemonstration stattfinden wird. Bisher wurden nur wenige Asylanträge gestellt und genehmigt.

Wir setzen und für mehr Transparenz und vor allem für eine humanitäre Lösung ein – mit journalistischen Mitteln, aber einer eindeutigen Richtung!

Auch Boris Barschow, vielen aus dem Afghanistan-Blog bekannt hat Unterstützung zugesagt. Dafür bekommt er auch ordentlich auf die Fr … Kauleiste !Im Oktober tritt er im Rahmen der Aktion „Fight 4 Peace“ in den Ring, um auf die Situation der Afghanen aufmerksam zu machen.

Mehr dazu folgt!

3 Tage re:publica – eine Auseinandersetzung mit den eigenen Themen

In den letzten drei Tagen habe ich versucht, mich mit einem anderen Thema als der PTBS und der bevorstehenden Behandlung zu befassen. Wie wenig mir das gelungen ist, ist in den Postings der letzten Tage erkennbar.

Doch die Teilnahme an der re:publica 2013 geriet mehr zu einer persönlichen Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie ich mit den Themen afghanische Redakteure, militärisches Whistleblowing und meiner PTBS-Erkrankung umgehe.

Am Rande dieser Auseinandersetzung steht weiterhin auch die Frage, ob ich mir mit dem Journalistenberuf gesundheitlich nicht mehr schade, als nütze.

Free Bradley Manning

Nach mehreren Kontakten seit November 2012 habe ich mich nun dem Free Bradley Manning Netzwerk angeschlossen. Manning lieferte der Wikileaks-Platform unter anderem das Video Collateral Murder zu. Das Video ist nichts für schwache Nerven und zeigt, wie die amerikanische Piloten eines Kampfhubschraubers.

Die angeblich so sichere Beobachtungs- und Überwachungstechnik, die im Kampfhubschrauber zum Einsatz kommt eignet sich offenbar nicht, eindeutig zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Journalisten mit Kameras werden als Träger von Sturmgewehren AK 47 identifiziert und ausgeschaltet.

Während sich für die Crew des Hubschraubers, die diesen Angriff vornimmt keine Folgen ergeben beginnt in Kürze für Bradley Manning nach bisher über 1.000 Tagen in Haft ein Prozess, der ihm mehrere Jahrzehnte Gefängnis einbringen dürfte.

Schockiert über die Brutalität, aber auch über das falsche Bild von den amerikanischen Kriegen, das in der Öffentlichkeit erzeugt wird stellte er der Plattform WIKILEAKS in großem Umfang Dokumente zur Verfügung.

Daten, über die eine demokratisch gewählte Regierung das Volk lieber im Dunkeln lassen würde.

Da sich auch bei mir dieser Eindruck über eine weitreichende Vertuschung – auch der deutschen Regierung – durch meine Einsätze, gebildet hat, engagiere ich mich für da Thema militärisches Whisleblowing. Das Bild in den Medien und die auch aus Bundestags-Kreisen beklagte mangelhafte Informationspolitk der Bundesregierung halte ich mittlerweile für menschenrechts- und grundgesetzwidrig.

Gefährdung

All zu oft werden Verschwiegenheitspflichten nach der Dienstzeit dazu missbraucht, militärischen Whistleblower bundeswehrintern zu Diskreditieren. Es gilt als „unsoldatisch“ Missstände zu benennen. Eine Binsenweisheit unter Soldaten ist:

„Sagste nix, sagste auch nix verkehrtes!“

Kritik wird als Untreue ausgelegt – Karrieren dauern länger, wenn Soldaten intern Kritik äußern. Doch der Treueschwur – den ich sowohl geschworen, als auch als Rekrut gelobt habe – sieht einen anderen Kern vor:

„… das Recht und die Freiheit des deutschen Volkes tapfer zu verteidigen … “

Im Rahmen der Aufarbeitung der Ereignisse des 27.09.2008 versuche ich einen Weg aufzuzeigen, mit dem Soldaten die Verschwiegenheit aufbrechen können, damit Bundestagsabgeordnete von der Bundeswehrführung besser, umfassender – aber vor allem realitätsnäher informiert werden, als das bisher der Fall ist.

Mit internen „No-Flight-Listen“ für „unliebsame Journalisten“ hält die Bundeswehr das öffentliche Bild vom Einsatz unter Kontrolle. Nur wer „gemocht wird“ wurde in der Vergangenheit unterstützt. Objektiv gibt es natürlich keine Liste mit dem Namen „No-Flight-Liste“ – es sind einzelne Personen im Verteidigungsministerium, die entscheiden, sich aber offenbar an keiner Stelle rechtfertigen müssen, welche journalistischen Projekte unterstützt werden – und welche nicht. Dies fällt schon bei Buchprojekten auf – ist aber in der Tagesberichterstattung noch gravierender.

Mein Appell – eine Kampfansage

Deutschen Soldaten wird es nicht einfach gemacht mit ihren Berichten in die Öffentlichkeit zu gehen. Auf der Veranstaltung am Sonntag konnte ich für das Free Bradley Manning Netzwerk mit einem Appell in Erscheinung treten.

Die Veranstaltung ist nun als Video verfügbar – meine Wortmeldung etwa ab Minute 56:40 zu sehen.

Dies wird eine Zielrichtung meiner Arbeit werden. Ich bin bereit zu riskieren, dass „aus Gründen“ mein Therapiebeginn zum 04.06.2013 im Bundeswehrkrankenhaus „plötzlich“ nicht mehr möglich ist.

Ich bin bereit zu riskieren, dass die Bundeswehr meinen Antrag auf die Schutzfrist ablehnt. Auch, wenn ich auf die finanzielle Weiterversorgung für die Dauer der Behandlung angewiesen bin und spätestens zum 01.08.2013 krank und ohne Berufsabschluss in ein bisher nicht finanziell gesichertes Zivilleben übergehen muss.

Diese und andere Repressalien befürchte ich derzeit – sie würden mich nicht nur finanziell ruinieren, sondern wohl auch meine Gesundheit schädigen. Aber ein Ministerium, dass in Richtung Politik „Gut-Wetter“ mimt und die Soldaten nach unten hin tritt nehme ich nicht mehr hin.

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Ein Missstand ist ein Missstand und Soldaten, die nicht an der Bekämpfung arbeiten verstoßen gegen ihre Treuepflicht. Komme was wolle – diese momentanen Zustände in der Armee bekämpfe ich – und bin für jede Unterstützung dankbar.

Für das Free Bradley Manning Netzwerk konnte ich am Vorabend der Re:Publica erstmals öffentlich sprechen – die Veranstaltung fand im Rahmen der Transmediale statt und wird bald auch als Video verfügbar. Bilder sind bereits hier zu finden.

Der Appell – Englisch
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