Pause – Online-Schreib-Therapie – Teil 3

CIMIC-Tour Dezember 2005

Mittlerweile sind drei der insgesamt 10 Sitzungen der Onlineschreibtherapie absolviert. Nachdem zunächst die Kindheitsphase bis 10 Jahre aufzuschreiben war, folgte dann die Phase bis ins Alter von 18. Es entstanden sehr persönliche Texte, die ich nicht öffentlich zugänglich machen werde – zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Die Anweisungen für die Schreibaufgaben sehen im wesentlichen aus, wie in der Aufgabe 3, die ich heute bearbeitet habe:

Ich möchte Sie bitten, in diesem dritten Text zu Ihrer Biographie Ihre Lebensphase vom 18. Geburtstag bis zum Erleben des traumatischen Ereignisses zu beschreiben. Bitte versuchen Sie, erneut genau aufzuschreiben, was Sie in dieser Zeit erlebt haben. Ihre Erinnerungen können dabei wieder Worte, Bilder, Gerüche, Gefühle oder Körperwahrnehmungen umfassen.

Ich möchte Ihnen dazu abermals einige Anhaltspunkte geben, welche Ereignisse in dieser Lebensphase vorkommen können. Diese Vorschläge müssen nicht von Ihnen abgearbeitet werden, sondern sollen nur eine Hilfe darstellen.

Wohnort/Umzüge
Arbeit/Beruf – Studium
Eintritt in die Bundeswehr
Freizeitgestaltung, Hobbys, Musik
Beziehungen
Heirat, eigene Familie, Geburt eigener Kinder
Freunde
Charakterzüge Ihrer Person im Erwachsenenalter
Vorbilder
Krankheiten
Auf was sind Sie besonders stolz?
Was war in dieser Lebensphase problematisch? Wie haben Sie es gelöst bzw. wie wurde es gelöst?

Bitte beachten Sie auch wieder die in den letzten beiden Schreibaufgaben erwähnten allgemeinen Hinweise zum Schreiben: Schalten Sie Störfaktoren in Ihrer Umgebung aus und nehmen Sie sich einige Minuten Zeit, bevor Sie mit dem Schreiben beginnen. Gerne können Sie zur besseren Erinnerung wieder Hilfsmittel verwenden.

Schreiben Sie auch wieder in der Ich-Form. Sollte Ihnen nicht sofort etwas einfallen, bleiben Sie bitte trotzdem 45 Minuten sitzen und versuchen weiter, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren.

Nach dem Schreiben sollten Sie versuchen, sich zu entspannen.

Nachdem Sie den Text geschrieben und abgeschickt haben, erhalten Sie innerhalb eines Werktages eine Rückmeldung von mir.

Herzliche Grüße,


„Wie geht’s dir?“

Es war die Frage eines Kollegen / Bekannten, den ich heute im Zug traf, die mich vor eine quasi unlösbare Herausforderung stellte. Was soll ich darauf antworten? Wie geht es mir?

Der Tag sollte heute nach dem Frühstück die Schreibaufgabe umfassen, dann packen und ab in den Zug zur obligatorischen Familienweihnacht. Doch aus den 45 Minuten Schreiben wurden 150 Minuten. Fast 5.000 Worte oder rund 32.000 Zeichen. Im Rückblick auf die Aufgabe, habe ich wohl viele der geforderten Aspekte nicht genannt. Auslöser dafür war, dass mir die Eingrenzung „bis zum Erleben des traumatischen Ereignisses“ nicht recht gelingen will.

Die Frage zielt auf Traumata ab, die mit einem sehr konkreten Ereignis, das einen festen Zeitpunkt hat verknüpft sind.
Bereits in vorherigen Therapien konnte ich z.B. mit dem Leiter des Psychotraumazentrums feststellen, dass in meinem Fall – und das ist nicht selten – das punktuelle Ereignis fehlt. Zur Erklärung bietet sich die Analogie eines Knochenbruchs an. Ein Knochen kann spontan brechen, wenn zu Beispiel ein Sturz oder andere stumpfe Gewalt auf den Knochen wirkt. Am Ende meines Aufenthaltes im Bundeswehrkrankenhaus im Jahr 2013 ergab sich aber eher das Bild eines Ermüdungsbruches. Also im Endeffekt der gleiche kaputte Knochen, aber eben gebrochen durch eine dauerhafte Überlastung.

Mir war es beim Schreiben heute nicht möglich, einen konkreten Zeitpunkt zu benennen und so arbeitet ich mich durch die insgesamt vier Einsätze. Es fällt mir dabei schwer, auf Einzelheiten zu fokussieren, da viele dieser Erlebnisse so präsent sind, als lägen sie nicht 16 (KFOR), 11 (ISAF 1), 9 (ISAF 2) oder 8 (ISAF 3) Jahre zurück. Bereits bei den vorherigen Aufgaben merkte meine Therapeutin an, dass ich mich an sehr viele Aspekte der immerhin mehr als 27 bis 34 Jahre zurückliegenden Phase erinnern könne, was nicht selbstverständlich sei. Ich wünschte, diese Zeit würde verblassen, wie manches Bild.

Lochkamera-Aufnahme Taloquan Januar 2006 – 5 MInuten Aufnahmedauer

Heute holte mich diese Erinnerungsvermögen beim Schreiben ein. Seit Mitte November klar wurde, dass die Online-Schreib-Therapie bereits im Dezember statt erst im März / April stattfinden muss, hängen meine Gedanken wieder sehr häufig an den belastenden Aspekten der Einsatzzeiten. Das sorgt derzeit für massive Einschränkungen. Zeitweise fällt es mir schwer mich zu konzentrieren und zur Ruhe zu kommen. Generell bin ich nachdenklicher und zurückgezogener, als sonst. Selbst feste Termine im Freundeskreis nahm ich unregelmäßig, lustlos oder gar nicht wahr. Ein Weihnachtsraclette, das ich eigentlich mit Kommilitonen veranstalten wollte fand nicht statt. Mir fehlt schlicht die Kraft.

Im Studium tue ich mich derzeit schwer,die Themenfindung für die im Februar fällig TAZ-Beilage hinzubekommen. Selbst das Thema NSA-Untersuchungsausschuss, das ich in den letzten Jahren intensiv verfolgt habe und das zum Dreh- und Angelpunkt meiner journalistischen Arbeit wurde verlangt mir mehr ab, als das je der Fall war. Selten hatte ich das Gefühl festgefahren zu sein so stark, wie im Moment.

CIMIC-Tour Dezember 2005 – irgendwo in den Bergen südlich der Verbindungsstraße zwischen Kunduz und Taloquan

Ausblick

Ich hoffe, ich kann in den nächsten Tagen zur Ruhe kommen und klebe nicht mit den Gedanken ständig an den belastenden Aspekten der Einsatzzeiten. Vielleicht gelang es mir, durch den heutigen Text diese Gedanken in Bits- und Bytes zu bannen. So, wie ich das auch hier mache – in der Hoffnung, dass nach einem Text wieder Raum für Ruhe und Kreativität ist. Beides ist dringend erforderlich.

Die nächste Schreibaufgabe wird wieder aufwändiger und erfordert zeitliche Planung, da rund um die 4. Schreibaufgabe wieder eine Reihe von Speichelproben abzugeben ist. Über die gesamte Dauer – vor, während und nach – der Schreibtherapie habe ich an gewissen Punkten diese Proben abzugeben. Ziel ist die Veränderung der im Speichel enthaltene Stresshormone zu beobachten. Doch bis zur nächsten Schreibaufgabe sind es noch volle drei Wochen.

Drones – Eyes from a distance

Am Freitag und Samstag konnte ich in Berlin an einer Veranstaltung zum Thema Drohnen teilnehmen. Neben Aktivisten und Menschenrechtsanwälten war auch der ehemalige Drohnen-Pilot Brandon Bryant Podiumsgast.

Für mich ist die Teilnahme an solchen Veranstaltungen immer noch ein Mix aus Entlastung und Belastung. Eine Entlastung erlebe ich vor allem in den Momenten, in denen klar wird, dass das Verschweigen von zivilen Opfern offenbar Teil der Kriegsführung ist. Das hat mich nicht nur rund um den 27.09.2008 belastet, sondern auch beim Lesen der Afghan Warlogs – US-Berichte, die Wikileaks verfügbar machte – in denen Tote nicht erwähnt werden, die aber Teil der Meldungen waren, als ich vor Ort war. Nicht nur das Verschweigen von zivilen Beteiligten sondern auch die aktive Vernichtung von Beweisen für die Taten der internationalen Truppen ist wohl Teil der Taktik im Anti-Terror-Kampf.

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Den Weg gehen …

Mit den ersten Sonnenstunden des Jahres tut sich auch einiges in meinem Garten. Die Deutschlandflaggen auf den Ärmeln der Einsatz-T-Shirts verblassen zusehends. Unter der Blumenerde und den Wurzeln der Weide verrotten Uniformen. Stück für Stück kann die aktive Militärzeit in den Hintergrund treten.

Seit Beginn der Aufarbeitung hat sich einiges getan. Das Jahr 2014 war geprägt von zahlreichen Videointerviews, Fotoaktionen und eben auch Aktion, meine Einsatzkiste zu bepflanzen. Schritte auf einem Weg, der immer stark geprägt sein wird, aber zusehends weniger meines Alltags bestimmt.

In einem der künftigen Beiträge werde ich zusammenfassen, was an symbolischen Aktionen Teil des Weges im vergangenen Jahr war, zur Stärkung beigetragen und ein weiter gehen überhaupt erst möglich gemacht hat. Einige Elemente (Video & Pflanzaktion 2014) sind auch in diesem Beitrag bereits enthalten.

Wie der Wehrbeauftragte mein WDB-Verfahren sieht

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Ergänzung:

Es fehlt die Information, dass der erste Antrag (13. Mai 2013) bei der WBV-Süd zunächst eintraf und dann an die WBV-West unvollständig weitergeleitet wurde. Ich musste erneut alle Hergänge der Schädgigung schildern. Es dauerte gut 4 Wochen, bis ich das hin bekommen habe.

Nüchtern heißt es auch in diesem Schreiben: es dauert so lange, wie es dauert. Was in der Zwischenzeit den Bach runter geht: dem Verwaltungsbeamten fordert niemand ab, sich darum Gedanken zu machen.

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Führe zu „erheblichen Such- und Erkennungsdienstlichen Maßnahmen“. Hier bescheinigt der Wehrbeauftragte, dass die Bundeswehr nicht in der Lage ist, mit ehemaligen Soldaten Kontakt zu halten bzw. gezielt wieder aufzunehmen. Gründe dafür gibt es mehrere – ja nach Laufbahn der Zeugen:

Fall 1: Zeuge = (aktiver) Berufssoldat

Der Ermittlungsaufwand bezieht sich dabei auf die Personalakten. Sofern die Namen eindeutig sind, sollte es zu keinen Problemen kommen. Fehlt dem Antragsteller Personenkennziffer (hat niemand von anderen parat) muss das Personalamt anhand von Einsatzzeitraum zurückermitteln, um welchen z.B. „Oberfeldwebel Peter Müller“ (Phantasiename) es sich beim Zeugen handelt. Einmal gefunden muss nur noch herausgefunden werden, ob der Soldat auch an dem Standort eingesetzt ist, der in der Personalakte steht UND nicht gerade irgendwo hin abkommandiert ODER erneut im Einsatz ist.

Potential: wenige Wochen bis ein Quartal, bis der Zeuge erreicht wird.

Bearbeitungszeit: beginnt ab erreichen des Zeugen

Fall 2 : Zeuge = ehemaliger Zeitsoldat

Hier beginnen die Probleme. Ausscheidende Zeitsoldaten haben die Wahl, wie mit ihrem Personaldatensatz umgegangen wird. Wer sich als „Reservist“ betätigt ist aufgefordert, jeden Umzug zu melden und stets für einen korrekten Datensatz bei der Bundeswehr zu sorgen.

Wer die Bundeswehr ohne Bedürfnis nach irgendeinem späteren Kontakt verlässt, der verschwindet vom Radar. Damit die Bundeswehr gezielt Kontakt aufnehmen kann, ist eine Ermittlung durch die Einwohnermeldeämter erforderlich. Wer nach der Bundeswehrzeit mehrfach umzieht und die Meldungen korrekt vollzieht dürfte schnell aufzufinden sein. Wer schlampt, viele wechselnde Wohnorte hat oder gar ins Ausland umzieht, wird zum Fallstrick für den geschädigten Soldaten.

Potential: wenige Wochen bis mehrere Monate, bis der Zeuge erreicht wird.

Bearbeitungszeit: beginnt ab erreichen des Zeugen

Fall 3: Zeuge = ???

Zeugen, die aus anderen Systemen stammen und mit der Bundeswehr zusammenarbeiten potenzieren die Bearbeitungszeiten der Anfragen. Denkbar sind Polizisten, die im Einsatzland kooperiert haben. Denkbar sind auch Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes oder ziviler Firmen, die Zeugen der Schädigung wurden.

Als hochgradig problematisch würde ich Zeugen bewerten, die z.B. mit einer Tarnidentität beim Bundesnachrichtendienst arbeiten, als Soldaten auftreten und möglicherweise aufgrund ihrer Tätigkeit im Einsatzland  nie wieder mit dem Namen in Deutschland unterwegs sind, mit dem sie im Einsatz gegenüber dem Geschädigten aufgetreten sind.

Wie viele Ebenen sind notwendig, um durch Schutzmaßnahmen durchzudringen oder an den Punkt zu gelangen, dass die Ermittlungen als „erfolglos“ und „in dubio pro“ Antragsteller eingestellt werden?

Die Folgen der Geheimhaltung muss der geschädigte Antragsteller ausbaden. Allein schon deswegen muss ab Diagnose einer einsatzbedingten Erkrankung oder nur der Vermutung eine entsprechende Absicherung greifen.

Manko in der Veteranenerfassung

Eine direkte Kontaktaufnahme mit ehemaligen Einsatzsoldaten ist auch 2015 nicht gezielt möglich, weil es keinen offiziellen Datensatz gibt, der die Ex-Soldaten für die Bundeswehr erreichbar macht.

Selbst als Reservisten sind die Datenbestände z.B. zwischen Besoldungsstelle und der ehemaligen Kreiswehrersatzamts-Sturktur nicht deckungsgleich. 2014 scheiterte ein Kriegsdienstverweigerungsantrag, weil ein mit Berliner Adresse abgesendeter Antrag im Nirvana ehemaliger Adressen versandete. Dabei bestand zu zahlreichen Bundeswehrstellen – inklusive Besoldung – noch Kontakt und ein aktueller Datensatz.

Klar und deutlich: werden gehäuft Fälle von Gesundheitsbelastungen gemeldet, die auf  ein bestimmtes zurückliegendes Kontingent – z.B. durch belastete Farben – zurückgehen, müsste die Bundeswehr die öffentlichen Medien kontaktieren oder eben wieder monatelang ermitteln, um belastete Ex-Soldaten zu informieren. Der Wehrbeauftrage mahnt seit Jahren – das BMVg verbrennt lieber Geld in Drohnen, statt auf Vorsorge beim Ex-Personal die notwendige Fürsorge walten zu lassen.

Wahnvorstellungen eines Kranken? Nein.

In meiner Tätigkeit in Afghanistan war ich im täglichen Kontakt mit afghanischen Mitarbeitern, hatte ein Massenmedium zu verantworten, mit dem ich jederzeit durch Fehler ein kaum wiedergutzumachendes Chaos hätte anrichten können. Ich muss davon ausgehen, dass

1. meine Arbeit permanent im Monitoring durch den BND gewesen ist,
2. meine Arbeit permanent im Monitoring durch die NATO gewesen ist (Stichwort: „Deutscher General entschuldigt sich für Islamkarrikaturen“),
3. einzelne Kontakte regelmäßig mit Tarnidentitäten oder „Legenden“ mit mir im Gespräch waren.

Ich habe mittlerweile mehrere Gespräche identifiziert, die mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Mitarbeiter von Diensten geführt wurden. Einfach nur zum Zweck, einen Eindruck zu bekommen, woran ich arbeite, wie ich ticke und was von mir zu erwarten / zu befürchten ist.

Ständig Gedanken daran verlieren – nein. Aber zwischenzeitlich resümieren, wo Ansatzpunkte waren, mir die Probleme zu bereiten, die in den letzten Jahren aufgetreten sind: ja. Und immer drauf hoffen, dass sich das in den nächsten Jahren niemand erneut erdreisten wird.

Gespräche mit dem Lücking auf dem kleinen Dienstweg anstoßen: forget it. Don’t even think to continue that shit.

 

 

wpid-20150322_090126-1.jpgMitteilungen über den Verlauf habe es nur wenige gegeben. Der Bearbeiter geht hier nonchalant darüber hinweg, dass mein damaliger Anwalt in Monat 12 ohne Rückmeldung über das Verfahren eine Anfrage stellte und abgewiesen wurde. „Das würde auch nichts beschleunigen und man habe genug zu tun!“ war die Antwort der offenkundig überlasteten Bearbeiter.

Erst mit der Eingabe an den Wehrbeauftragten kam ab Monat 14 wieder Bewegung in meinen Fall. Mich dafür permanent öffentlich aufstellen und äußern zu müssen war eine weitere Belastung.

Konstruktiv? Kann ich!

Angesichts der Nachteile, die aus den o.g. Prozessen entstehen kann von einem Schutz geschädigter Antragsteller nicht die Rede sein.

Weder die Unterbesetzung der Verwaltung, noch „Besonderheiten“ (bewusst) intransparenter Verfahren oder schlecht verwalteter Datensätze sind durch die erkrankten Personen zu verantworten. Die Folgen daraus machen krank, chronifizieren oder führen zum Totalzusammenbruch des Antragstellers oder der jeweiligen sozialen- und wirtschaftlichen Strukturen.

Um diese gravierenden Versäumnisse der letzten Jahrzehnte auszuräumen, braucht es vertretbare Bearbeitungszeiten der Anträge und parallel eine Absicherung der Antragsteller während des Verfahrens. Aktive Soldaten habe diese Probleme nicht – ehemalige Soldaten kollidieren mit zivilen Versorgungsroutinen.

Soldaten, die noch in der beruflichen Förderung nach der Dienstzeit sind und ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben riskieren ihre Existenz.

Gauck – Veterans for Peace Germany – Foundation: June 3rd 2014

(English Version below)

Soeben erreichte mich ein Päckchen. Es enthielt Einsatzmedaille und Stiefel. Die DVD mit der kleinen Anfrage und dem Video wurde einbehalten. Der handschriftliche Kommentar, das ich von „Bundesbediensteten mit Truppenausweis“ nicht mehr unter Druck gesetzt werden will war auf dem Umschlag, in dem die Hülle mit der DVD steckte.

Ich weiß nicht, wie ich mich damit fühlen soll. Kein erklärendes Anschreiben. Mein Adressaufkleber wurde wieder verwertet. Der Akt der Rückgabe sollte eigentlich meiner Entlastung dienen. Ich habe mich wohl zu keinem Zeitpunkt im Leben mehr verarscht gefühlt, als jetzt gerade.

„Soldat schweig! – deine Meinung zählt nicht.“

Update 16:00 Uhr

Gerade mit dem Leiter der Afghanistansammlung im Haus der Geschichte in Bonn telefoniert. Die Aufnahme der Einsatzstiefel mit der Medaille sowie dem Karton mit dem „Veterans For Peace“-Logo in die Sammlung wurde bestätigt.

Der Sammlungsleiter konnte nicht zusichern, dass das Exponat auch in den sichtbaren Teil der Ausstellung gelangt. Für den Online-Katalog und als Erklärung des Exponats darf ich nun die entsprechenden Hintergründe ausarbeiten.

Der Artikel kann dann später auch für Ausstellungen entliehen werden. Für mich ist das ein wichtiger Schritt in der Aufarbeitung. Auch das Schweigen von Frau Von der Leyen und Frau Merkel wird ein Thema in dem Text – ebenso die heute erfolgte Rücksendung der Stiefel durch den Bundespräsidenten.

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English Version:

A few days ago I tried to go a step further in coping with my PTDS and the experiences I made during my last mission. I whitnessed, that the german press, as well as the german parliament does not get fully informed about what happens on mission in Afghanistan.

Mainly, on the incident I witnessed, all information on capturing attackers was neither given to the press, nor to german parliamentarians. No information on handing them over to the afghan police and later – refering to a high-ranking, definetly well informed source – being killed by a local power, that did not feel confident about the attackers action.

I picked up a strong symbolic act, performed by a lot of veterans in the US but refused to throw the medals, because this act is very unknown among german soldiers. I made a video, explained my case and the questions I have – mainly which independent commission controls army in treating prisoners of war and what happens to them, after handing them over to local authorities.

I returned my medals to the german president Joachim Gauck, to the german chancelor Angela Merkel and to the head of german DoD Ursula von der Leyen along with the boots I have worn on missions.

I expressed, that I as a journalist who I now am don’t want to be threatend any more for practising free speach, as done in december 2013 , when a Army-Reserve Guy contacted me, double-authenticated himself by showing his military identity-card and emailing me afterwards from an account, belonging to a german ministry other than defense.

Today a parcel arrived. It contained the medal and the boots. The presidential office kept the DVD with the video and information about the incident and the threat performed by the governmental worker.

No further explanation given. No letter. Nothing but disrespect. „Soldier shut up!“ is what I currently feel.

This is how the german president treats veterans. Hope, he is willing to face a new „Veterans for Peace Division“ which I now bring up in Germany.

I hpoe, that the american, as well as the britisch Veterans for peace organisations will support this action.

Berlin, June the 3rd 2014

Wahrnehmungsstörung – wenn kein Filter mehr wirkt

Militärdienst erfordert, die Konsequenzen des eigenen Handelns nur begrenzt wahrzunehmen. Der Soldat, der den Taliban erschießt sieht einen getöteten Feind. Nicht aber die Familie des Getöteten und den Hass, den er damit in den nachfolgenden Generationen schürt.
Er denkt auch nicht daran, dass er als Soldat nur kämpft, weil Hass viele Jahre zuvor gesät wurde.
Veteranen, die nun von (ranghohen) Soldaten eine Wiedergutmachung oder Unterstützung fordern sind oft daran gescheitert, dass sie nicht mehr in der Lage waren, begrenzt wahrzunehmen.Sie sahen Folgen und Konsequenzen des eigenen Handelns und zerbrechen daran.
Ihr Kampf mit aktiven Militärs, die noch erfolgreich ausblenden können ist leider aussichtslos.
Veteranen werden nie unter denjenigen Gehör finden, die nicht selbst traumatisiert wurden.
Solange nicht mehr aktive Generäle, Entscheidungsträger oder aber Politiker traumatisiert wurden, leben sie weiter in der selbst geschaffenen Lügenwelt.
In der geht es Veteranen nur um Geld. Veteranen jammern um Anerkennung, weil sie „unberechtigt Antragstellende“ sind. Diejenigen, die Unterstützung versagen, nehmen nicht wahr, woran wir leiden.

Reaktionen: Wehrbeauftragter

Am vergangenen Freitag ging nun eine Stellungnahme aus dem Büro des Wehrbeauftragten ein. Das zweiseitige Schreiben stelle ich hier wieder zur Verfügung:

Seite_1

Seite_2

Interessant sind besonders die Ausführungen von Herrn Günther auf der Seite zwei. Er bestätigt zunächst, es habe Differenzen gegeben. Dann kommt er zum Schluss, dass durch die Anfrage der Bundestagsfraktion DIE LINKE eine ausreichende Beantwortung stattgefunden habe.

Das rund 80 % der Informationen z.B. über ein Feuergefecht oder das festhalten der Angreifer fehlen ist für ihn kein Anzeichen dafür, „dass in der Unterrichtung des Parlaments falsch berichtet würde“. Ergo ist unvollständig für ihn wohl nicht falsch. Ich übertrage das dann mal auf die kommenden Steuererklärungen und jegliche weitere Anfrage von Amtswegen her …

Übergabe der Angreifer

Auch hier ist erkennbar, dass sich der Bearbeiter offensichtlich weigert, die Situation als Ganzes wahrzunehmen. Er greift auf, dass es wohl „eine Personenüberprüfung, aber keine Festnahme“ durch ISAF-Kräfte gab. Auf die Übergabe der Angreifer an die Afghanische Nationale Polizei geht er nicht ein.

Ich nehme diese Antwort nun zum Anlass auch den Wehrbeuaftragten in einem „Einschreiben eigenhändig“ darum zu bitten, diese Dinge zu hinterfragen und öffentlich zu machen.

Wenn das die Basis ist, mit der Politiker Einsätze der Bundeswehr beurteilen ist das Versagen in Afghanistan und auch künftigen Einsätzen kein Wunder.

Hier der nächste offene Brief, der Herrn Königshaus dann in den nächsten Tagen zugeht:

Sehr geehrter Herr Königshaus,

ich wende mich nun an Sie persönlich um in der Aufarbeitung meiner Traumatisierung voran zu kommen und in der Hoffnung nun endlich Antworten zu erhalten.

Ich wurde am 27.09.2008 Zeuge, wie die Bundeswehr Vorfälle in Auslandseinsätzen gegenüber der Presse, aber auch wesentlich gegenüber dem Parlament beschönigt.

Konkret geht es darum, dass in der Unterrichtung des Parlaments Informationen über die Heftigkeit des Angriffs auf das Camp Marmal in Afghanistan fehlen. Dies ist dabei noch der harmlose Aspekt.

Am 27.09.2008 befanden sich – mindestens kurzzeitig – afghanische Angreifer im Gewahrsam der Bundeswehr. Sie wurden an die afghanischen Behörden übergeben und – so wurde mir vor Ort zugetragen – kurze Zeit darauf getötet.

Diese Information war von sachkundiger Stelle (landeskundlicher Berater des Kommandeurs) vor Ort verfügbar, wurden aber nicht an die Abgeordneten weitergegeben.

Ich bitte Sie darum, am konkreten Beispiel des 27.09.2008 und der Meldungsübermittlung durch die Bundeswehr an das Parlament nachzuvollziehen.

Wie kann es sein, das ein Meldewesen toleriert wird, bei dem keine Informationen über festgehaltene und später getötete Menschen an das Parlament übermittelt werden?

Wie kann es sein, dass der Mitarbeiter ihres Hauses – Ministerialrat Fritz Günther – dieses irreführende Meldewesen als funktionierend erachtet, bei dem Informationen verschwiegen werden, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Handeln der Streitkräfte vor Ort nach sich ziehen könnten?

Welche Instanz im BMVg beobachtet und rechtfertigt den Umgang mit festgehaltenen Angreifern?

Warum haben diese Angreifer keinen Schutz nach internationalen Konventionen? Wie kommt die Bundeswehr dazu, festgehalten Menschen in ein nicht funktionierendes Rechtssystem zu übergeben?

Sichten Sie bitte die Antwort auf die kleine Anfrage, vergleichen Sie diese mit der Unterrichtung des Parlaments und der Pressemitteilung zu diesem Tag.

Gruß

Daniel Lücking