#PTBSKur – Ich wäre dann durch. Fast.


Die Kur neigt sich dem Ende und auf die letzten Tage fühlt es sich an, als könne ich nun eine Kur dringend gebrauchen. Oder Urlaub. Auf jeden Fall Erholung. Nachdem es am Wochenende wieder einmal anklopfte – also ich gedanklich mehr im Einsatz, als im normalen Leben war – kamen diese Woche einige Stressoren hinzu. Die Reihenfolge ist zeitlich und nicht qualitativ zu sehen. Insbesondere heute ballen sich diese. Immerhin: ich bemerke sie und gehe damit um. Continue reading

Bis es wieder anklopft #PTBSKur

Mittlerweile ist es acht Jahre her. Ich kannte keinen der drei Soldaten. Doch an diesem Karfreitag 2010 und wenige Tage später am 15. April, als weitere vier Soldaten in Afghanistan getötet wurden, holte mich meine Vergangenheit ein. Ich habe nicht verstanden, warum mich diese Vorfälle gut anderhalb Jahre nach Ende meiner Zeit in Uniform immer wieder traurig, depressiv und irgendwann auch handlungsunfähig machten, wie nach dem Anschlag in Taloquan, bei der eine Person, die ich sehr schätze und aus meinen Einsätzen kannte schwerstverletzt wurde. Continue reading

#PTBSKur Einen Ansatz finden

In der Einzeltherapie während der Kur jetzt erlebe ich einige Dinge zum ersten Mal. Mein Therapeut hat – anders als die Bundeswehrtherapeuten – dieses Blog in Auszügen gelesen und auch immer wieder Fragen dazu gestellt.
In den letzten Jahren erlebte ich es immer wieder, dass Bundeswehrpsychologen das Blog nicht thematisierten oder maximal erkennen ließen, dass sie wissen, dass ich blogge. In ein oder zwei Fällen wiesen die Psychologen darauf hin, dass sie ihren Namen nicht im Blog lesen wollten. Continue reading

#PTBSKur: Ein Sack Mehl und eine Autofahrt

Heute ist wieder dieser Tag. Dieser Tag in der Woche vor dem Rosenmontag 2008 an dem bei ZDFheute der Bericht von Uli Gack läuft. Ein Bericht über einen Sack Mehl, den ein Mitarbeiter vom Auswärtigen Amt und der Welthungerhilfe an eine afghanische Witwe mit vielen Kindern übergibt. Irgendwo im Nordwesten Afghanistans. Knöcheltief in Matsch und Ziegendreck macht Uli Gack seinen Aufsager vor der Kamera.

Währenddessen stehen zwei Autos unbewacht einige Hundert Meter entfernt an der Straße. Kein Soldat wacht am Fahrzeug. Was tue ich hier nur. Ich bin der einzige Mensch in Uniform. Irgendwo im nirgendwo. Es ist längst nicht mehr der Verantwortungsbereich der Deutschen. Die letzten Militärfahrzeuge, die uns entgegen kamen waren schwedische oder norwegische Geländewagen. Nur minimal besser geschützt, als die zivilen Toyota, mit denen wir unterwegs sind. Continue reading

Pause – Online-Schreib-Therapie – Teil 3

CIMIC-Tour Dezember 2005

Mittlerweile sind drei der insgesamt 10 Sitzungen der Onlineschreibtherapie absolviert. Nachdem zunächst die Kindheitsphase bis 10 Jahre aufzuschreiben war, folgte dann die Phase bis ins Alter von 18. Es entstanden sehr persönliche Texte, die ich nicht öffentlich zugänglich machen werde – zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt. Die Anweisungen für die Schreibaufgaben sehen im wesentlichen aus, wie in der Aufgabe 3, die ich heute bearbeitet habe:

Ich möchte Sie bitten, in diesem dritten Text zu Ihrer Biographie Ihre Lebensphase vom 18. Geburtstag bis zum Erleben des traumatischen Ereignisses zu beschreiben. Bitte versuchen Sie, erneut genau aufzuschreiben, was Sie in dieser Zeit erlebt haben. Ihre Erinnerungen können dabei wieder Worte, Bilder, Gerüche, Gefühle oder Körperwahrnehmungen umfassen.

Ich möchte Ihnen dazu abermals einige Anhaltspunkte geben, welche Ereignisse in dieser Lebensphase vorkommen können. Diese Vorschläge müssen nicht von Ihnen abgearbeitet werden, sondern sollen nur eine Hilfe darstellen.

Wohnort/Umzüge
Arbeit/Beruf – Studium
Eintritt in die Bundeswehr
Freizeitgestaltung, Hobbys, Musik
Beziehungen
Heirat, eigene Familie, Geburt eigener Kinder
Freunde
Charakterzüge Ihrer Person im Erwachsenenalter
Vorbilder
Krankheiten
Auf was sind Sie besonders stolz?
Was war in dieser Lebensphase problematisch? Wie haben Sie es gelöst bzw. wie wurde es gelöst?

Bitte beachten Sie auch wieder die in den letzten beiden Schreibaufgaben erwähnten allgemeinen Hinweise zum Schreiben: Schalten Sie Störfaktoren in Ihrer Umgebung aus und nehmen Sie sich einige Minuten Zeit, bevor Sie mit dem Schreiben beginnen. Gerne können Sie zur besseren Erinnerung wieder Hilfsmittel verwenden.

Schreiben Sie auch wieder in der Ich-Form. Sollte Ihnen nicht sofort etwas einfallen, bleiben Sie bitte trotzdem 45 Minuten sitzen und versuchen weiter, sich auf die Aufgabe zu konzentrieren.

Nach dem Schreiben sollten Sie versuchen, sich zu entspannen.

Nachdem Sie den Text geschrieben und abgeschickt haben, erhalten Sie innerhalb eines Werktages eine Rückmeldung von mir.

Herzliche Grüße,


„Wie geht’s dir?“

Es war die Frage eines Kollegen / Bekannten, den ich heute im Zug traf, die mich vor eine quasi unlösbare Herausforderung stellte. Was soll ich darauf antworten? Wie geht es mir?

Der Tag sollte heute nach dem Frühstück die Schreibaufgabe umfassen, dann packen und ab in den Zug zur obligatorischen Familienweihnacht. Doch aus den 45 Minuten Schreiben wurden 150 Minuten. Fast 5.000 Worte oder rund 32.000 Zeichen. Im Rückblick auf die Aufgabe, habe ich wohl viele der geforderten Aspekte nicht genannt. Auslöser dafür war, dass mir die Eingrenzung „bis zum Erleben des traumatischen Ereignisses“ nicht recht gelingen will.

Die Frage zielt auf Traumata ab, die mit einem sehr konkreten Ereignis, das einen festen Zeitpunkt hat verknüpft sind.
Bereits in vorherigen Therapien konnte ich z.B. mit dem Leiter des Psychotraumazentrums feststellen, dass in meinem Fall – und das ist nicht selten – das punktuelle Ereignis fehlt. Zur Erklärung bietet sich die Analogie eines Knochenbruchs an. Ein Knochen kann spontan brechen, wenn zu Beispiel ein Sturz oder andere stumpfe Gewalt auf den Knochen wirkt. Am Ende meines Aufenthaltes im Bundeswehrkrankenhaus im Jahr 2013 ergab sich aber eher das Bild eines Ermüdungsbruches. Also im Endeffekt der gleiche kaputte Knochen, aber eben gebrochen durch eine dauerhafte Überlastung.

Mir war es beim Schreiben heute nicht möglich, einen konkreten Zeitpunkt zu benennen und so arbeitet ich mich durch die insgesamt vier Einsätze. Es fällt mir dabei schwer, auf Einzelheiten zu fokussieren, da viele dieser Erlebnisse so präsent sind, als lägen sie nicht 16 (KFOR), 11 (ISAF 1), 9 (ISAF 2) oder 8 (ISAF 3) Jahre zurück. Bereits bei den vorherigen Aufgaben merkte meine Therapeutin an, dass ich mich an sehr viele Aspekte der immerhin mehr als 27 bis 34 Jahre zurückliegenden Phase erinnern könne, was nicht selbstverständlich sei. Ich wünschte, diese Zeit würde verblassen, wie manches Bild.

Lochkamera-Aufnahme Taloquan Januar 2006 – 5 MInuten Aufnahmedauer

Heute holte mich diese Erinnerungsvermögen beim Schreiben ein. Seit Mitte November klar wurde, dass die Online-Schreib-Therapie bereits im Dezember statt erst im März / April stattfinden muss, hängen meine Gedanken wieder sehr häufig an den belastenden Aspekten der Einsatzzeiten. Das sorgt derzeit für massive Einschränkungen. Zeitweise fällt es mir schwer mich zu konzentrieren und zur Ruhe zu kommen. Generell bin ich nachdenklicher und zurückgezogener, als sonst. Selbst feste Termine im Freundeskreis nahm ich unregelmäßig, lustlos oder gar nicht wahr. Ein Weihnachtsraclette, das ich eigentlich mit Kommilitonen veranstalten wollte fand nicht statt. Mir fehlt schlicht die Kraft.

Im Studium tue ich mich derzeit schwer,die Themenfindung für die im Februar fällig TAZ-Beilage hinzubekommen. Selbst das Thema NSA-Untersuchungsausschuss, das ich in den letzten Jahren intensiv verfolgt habe und das zum Dreh- und Angelpunkt meiner journalistischen Arbeit wurde verlangt mir mehr ab, als das je der Fall war. Selten hatte ich das Gefühl festgefahren zu sein so stark, wie im Moment.

CIMIC-Tour Dezember 2005 – irgendwo in den Bergen südlich der Verbindungsstraße zwischen Kunduz und Taloquan

Ausblick

Ich hoffe, ich kann in den nächsten Tagen zur Ruhe kommen und klebe nicht mit den Gedanken ständig an den belastenden Aspekten der Einsatzzeiten. Vielleicht gelang es mir, durch den heutigen Text diese Gedanken in Bits- und Bytes zu bannen. So, wie ich das auch hier mache – in der Hoffnung, dass nach einem Text wieder Raum für Ruhe und Kreativität ist. Beides ist dringend erforderlich.

Die nächste Schreibaufgabe wird wieder aufwändiger und erfordert zeitliche Planung, da rund um die 4. Schreibaufgabe wieder eine Reihe von Speichelproben abzugeben ist. Über die gesamte Dauer – vor, während und nach – der Schreibtherapie habe ich an gewissen Punkten diese Proben abzugeben. Ziel ist die Veränderung der im Speichel enthaltene Stresshormone zu beobachten. Doch bis zur nächsten Schreibaufgabe sind es noch volle drei Wochen.

… und es geht eben auch anders

Nach der letzten negativen Erfahrung (siehe „Staatsbürger“- & „Einbestellt“-Text wurden die Tage und Wochen wieder ziemlich unerträglich. Ich schaffte es zwar überwiegend, die Außentermine aufrecht zu erhalten und fiel auch nicht aus dem gerade erst gestarteten Schlagzeugunterricht. Rettend war auch ein ohnehin geplantes Wochenende in Frankreich, was für Abstand sorgte.

Doch es ändert nichts an der zersetzenden Wirkung, die dieser einzelne Termin am 15.11. entfaltet. Es gab Tage, an denen nichts mehr ging. Erschöpfung – Angst – Hoffnungslosigkeit – getriggert durch die impliziten Drohungen des Arztes am 15.11.2016. „Ich will ihnen nur zeigen, wie sich das entwickeln kann“ – das ist kein Disclaimer für Aussagen, wie „Onlinetherapie ? Das ist doch nur ein Mittel, sich der Kontrolle durch den Dienstherrn zu entziehen.“ oder „Wenn Sie eben als Eremit leben wollen – bitte – aber dafür muss die Bundeswehr ja nicht zahlen.“ Das ich die Behandlung mit Antidepressiva ablehne und mich lediglich über Verhaltenstherapie an einen besseren Umgang mit den Depressionen heranarbeite, ist eine mögliche Entscheidung und vor allem: meine Entscheidung.

Anders, als noch vor drei Jahren war ich nach der Provokation am 15.11. immerhin in der Lage soziale Kontakte aufrecht zu erhalten, statt mich komplett zurückzuziehen. Kompletter Rückzug – das war in der Vergangenheit das sprichwörtliche Anstarren der Wand, das mit Mangelernährung und Rückzug aus nahezu allen sozialen Aktivitäten einherging. Nein – das suche ich mir nicht aus. Nein – das passiert nicht freiwillig. Das ist schlicht die Reaktion auf Verhalten, wie „Bossing“, „Mobbing“ oder unqualifiziert geäußerte und gegen mich durchgesetzte Kritik. Ich habe all das schon einmal ertragen müssen. Es führte damals in lebensgefährliche Situationen und sorgt bis heute dafür, dass ich psychisch und physisch mit der gleichen Anspannung reagiere – selbst dann, wenn es gar nicht mehr zu einer Lebensgefahr führt.

Für die simplen Verwaltungsgemüter, die anzweifeln, was ich hier beschreibe, empfehle ich einen perfiden Selbsttest nach Pawlow-Muster:

1. Sie – der Zweifler – beauftragen bitte nun den Kollegen vom Schreibtisch gegenüber, zunächst ein Weihnachtsglöckchen zu läuten und ihnen dann mit einem Hammer auf eine Fingerkuppe zu schlagen. So fest, wie es nur geht. Ja, das tut weh. Aber das ist ja nur einmal. Halten Sie sicher aus.

2. Wiederholen Sie die unter 1 beschrieben Prozedur mit den verbliebenen neun Fingern. „Glöckchen – Hammer – Finger“

3. Sollten Sie wirklich nach 10 Fingern immernoch auf dem Stand sein, dass sie nicht schon beim Erklingen des Glöckchens schreiend und in Panik das Büro verlassen: sie haben ja auch noch 10 Zehen am Fuß.

4. Beobachten Sie in den kommenden Jahren selbst, wie sie auf ein erklingendes Glöckchen reagieren.

Das ich auf dem Therapieweg längst nicht am Ende bin, habe ich im Laufe des Jahres längst selbst bemerkt. Oft waren es stressige Phasen im Studium, in denen ich zunächst versuchte, alle Leistungen zu 100% zu erfüllen. Im Ergebnis stand eine Art Erschöpfungsdepression. In zwei Praktikas konnte ich mich in Chefsituationen beobachten, erfahren, was es mit mir macht und auch hier wieder Gegenmaßnahmen treffen. Leider ist es weiterhin nicht so, dass nach solchen Erfahrungen einfach ein erholsames Wochenende reicht, um am nächsten Montag wieder unbefangen am Arbeitsplatz zu erscheinen. Konzentration und Kreativität – beides immanent wichtig für meinen Beruf – verlieren und die Kraft geht in Wachsamkeit, Vermeidung und Anspannung.

Wie es besser geht

Am Dienstag ging es darum, mich auf die Teilnahme an der Online-Schreib-Therapie vorzubereiten. Diese Studie führt das Psychotrauma-Zentrum der Bundeswehr gemeinsam mit zivilen Psychologen der FU-Berlin durch. In einem Eingangstelefonat und einer Vorerhebung wird zunächst geprüft, welche Bereiche für den Patienten derzeit relevant sind und welche problematischen Ereignisse gesehen werden.

Es kommen unterschiedliche Verfahren zum Einsatz, mit denen die Auswirkungen von Stress erfasst werden. Neben einer Eyetracking-Sitzung, in der die Reaktion auf mögliche Traumaauslöser beobachtet wird, wird mittels Haar- und Speichelproben die Entwicklung des Kortisolwertes beobachet. „Kortisol-Analysen im Haar geben einen Hinweis auf chronischen Stress.“, heißt es im Infoblatt, das den Patienten ausgehändigt wird. Die Haarprobe wird zum Anfang der Studie genommen, Speichelproben am Anfang, während und nach der Studie. Hinzu kommt die Herzratenmessung während der Schreibaufgaben. So viel zum Argument des Arztes vom 15.11.2016, der urteilte, dass eine Online-Schreibtherapie ja auch nur ein Weg sei, sich der Kontrolle des Dienstherrn zu entziehen.

Mir steht es – wie allen anderen Teilnehmern der Studie, egal ob aktiver Soldat oder bereits zivilorientierter Verwaltungsfall – frei, ob das Ergebnis der Onlineschreibtherapie in Form eines Abschlussberichtes Teil der Krankenakte wird.

Ich kann nicht sagen, ob es schlichtweg daran lag, dass ich von einem zivilen Psychologen durch den gestrigen Tag begleitet wurde, aber die Atmosphäre empfand ich als konstruktiv und zielorientiert – kein zu den Anschuldigungen am 15.11.2016 oder dem in „Befund – lesen bei Strafe verboten“ beschriebenen Termin im Oktober 2015.

In den kommenden Tagen muss ich insgesamt 12 Speichelproben zu festgesetzten Zeiten sammeln. Ab Samstag steht mir dann das Login auf dem Therapie-Server zur Verfügung. Insgesamt sollen zwei Texte pro Woche entstehen, die – so die Zusicherung des Psychologen – nur kurze Zeit auf den abgesicherten Servern verbleiben und zeitnah nach der Antwort des Therapeuten wieder gelöscht werden. Die Antwort auf die Texte soll mich innerhalb von etwa einem Werktag erreichen.

Nach den ersten Schreibaufgaben werde ich entscheiden, wie viel ich anteilig davon öffentlich mache oder ob ich nur „über“ den Verlauf der Therapie schreiben werde.

Notwendigkeit

Mir war klar, dass es noch belastende Anteile gibt, die mein Leben beeinflussen. In Praktika und im Studium setze ich mich gezielt diesen Situationen aus und komme zunehmend besser damit zurecht. Zumindest, wenn es darum geht, auf Stress zu reagieren und Gegenmaßnahmen zu treffen. Rückschläge, wie der Termin am 15.11.2016 irritieren und werfen mich zurück. Statt mich mit der Semesterplanung des Wintersemesters, sowie den Aufgaben in den Kursen zu befassen, lag ein Großteil der Aufmerksamkeit darauf, was der 15.11.2016 ausgelöst hat und wie ich verhindere, dass die Folgen mein soziales Umfeld belasten und teilweise auch wieder zerstören. Doch anders, als 2013 gibt es nun Menschen, die mich auf dem Weg unterstützen. Dafür bin ich dankbar.

Wie der Wehrbeauftragte mein WDB-Verfahren sieht

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Ergänzung:

Es fehlt die Information, dass der erste Antrag (13. Mai 2013) bei der WBV-Süd zunächst eintraf und dann an die WBV-West unvollständig weitergeleitet wurde. Ich musste erneut alle Hergänge der Schädgigung schildern. Es dauerte gut 4 Wochen, bis ich das hin bekommen habe.

Nüchtern heißt es auch in diesem Schreiben: es dauert so lange, wie es dauert. Was in der Zwischenzeit den Bach runter geht: dem Verwaltungsbeamten fordert niemand ab, sich darum Gedanken zu machen.

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Führe zu „erheblichen Such- und Erkennungsdienstlichen Maßnahmen“. Hier bescheinigt der Wehrbeauftragte, dass die Bundeswehr nicht in der Lage ist, mit ehemaligen Soldaten Kontakt zu halten bzw. gezielt wieder aufzunehmen. Gründe dafür gibt es mehrere – ja nach Laufbahn der Zeugen:

Fall 1: Zeuge = (aktiver) Berufssoldat

Der Ermittlungsaufwand bezieht sich dabei auf die Personalakten. Sofern die Namen eindeutig sind, sollte es zu keinen Problemen kommen. Fehlt dem Antragsteller Personenkennziffer (hat niemand von anderen parat) muss das Personalamt anhand von Einsatzzeitraum zurückermitteln, um welchen z.B. „Oberfeldwebel Peter Müller“ (Phantasiename) es sich beim Zeugen handelt. Einmal gefunden muss nur noch herausgefunden werden, ob der Soldat auch an dem Standort eingesetzt ist, der in der Personalakte steht UND nicht gerade irgendwo hin abkommandiert ODER erneut im Einsatz ist.

Potential: wenige Wochen bis ein Quartal, bis der Zeuge erreicht wird.

Bearbeitungszeit: beginnt ab erreichen des Zeugen

Fall 2 : Zeuge = ehemaliger Zeitsoldat

Hier beginnen die Probleme. Ausscheidende Zeitsoldaten haben die Wahl, wie mit ihrem Personaldatensatz umgegangen wird. Wer sich als „Reservist“ betätigt ist aufgefordert, jeden Umzug zu melden und stets für einen korrekten Datensatz bei der Bundeswehr zu sorgen.

Wer die Bundeswehr ohne Bedürfnis nach irgendeinem späteren Kontakt verlässt, der verschwindet vom Radar. Damit die Bundeswehr gezielt Kontakt aufnehmen kann, ist eine Ermittlung durch die Einwohnermeldeämter erforderlich. Wer nach der Bundeswehrzeit mehrfach umzieht und die Meldungen korrekt vollzieht dürfte schnell aufzufinden sein. Wer schlampt, viele wechselnde Wohnorte hat oder gar ins Ausland umzieht, wird zum Fallstrick für den geschädigten Soldaten.

Potential: wenige Wochen bis mehrere Monate, bis der Zeuge erreicht wird.

Bearbeitungszeit: beginnt ab erreichen des Zeugen

Fall 3: Zeuge = ???

Zeugen, die aus anderen Systemen stammen und mit der Bundeswehr zusammenarbeiten potenzieren die Bearbeitungszeiten der Anfragen. Denkbar sind Polizisten, die im Einsatzland kooperiert haben. Denkbar sind auch Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes oder ziviler Firmen, die Zeugen der Schädigung wurden.

Als hochgradig problematisch würde ich Zeugen bewerten, die z.B. mit einer Tarnidentität beim Bundesnachrichtendienst arbeiten, als Soldaten auftreten und möglicherweise aufgrund ihrer Tätigkeit im Einsatzland  nie wieder mit dem Namen in Deutschland unterwegs sind, mit dem sie im Einsatz gegenüber dem Geschädigten aufgetreten sind.

Wie viele Ebenen sind notwendig, um durch Schutzmaßnahmen durchzudringen oder an den Punkt zu gelangen, dass die Ermittlungen als „erfolglos“ und „in dubio pro“ Antragsteller eingestellt werden?

Die Folgen der Geheimhaltung muss der geschädigte Antragsteller ausbaden. Allein schon deswegen muss ab Diagnose einer einsatzbedingten Erkrankung oder nur der Vermutung eine entsprechende Absicherung greifen.

Manko in der Veteranenerfassung

Eine direkte Kontaktaufnahme mit ehemaligen Einsatzsoldaten ist auch 2015 nicht gezielt möglich, weil es keinen offiziellen Datensatz gibt, der die Ex-Soldaten für die Bundeswehr erreichbar macht.

Selbst als Reservisten sind die Datenbestände z.B. zwischen Besoldungsstelle und der ehemaligen Kreiswehrersatzamts-Sturktur nicht deckungsgleich. 2014 scheiterte ein Kriegsdienstverweigerungsantrag, weil ein mit Berliner Adresse abgesendeter Antrag im Nirvana ehemaliger Adressen versandete. Dabei bestand zu zahlreichen Bundeswehrstellen – inklusive Besoldung – noch Kontakt und ein aktueller Datensatz.

Klar und deutlich: werden gehäuft Fälle von Gesundheitsbelastungen gemeldet, die auf  ein bestimmtes zurückliegendes Kontingent – z.B. durch belastete Farben – zurückgehen, müsste die Bundeswehr die öffentlichen Medien kontaktieren oder eben wieder monatelang ermitteln, um belastete Ex-Soldaten zu informieren. Der Wehrbeauftrage mahnt seit Jahren – das BMVg verbrennt lieber Geld in Drohnen, statt auf Vorsorge beim Ex-Personal die notwendige Fürsorge walten zu lassen.

Wahnvorstellungen eines Kranken? Nein.

In meiner Tätigkeit in Afghanistan war ich im täglichen Kontakt mit afghanischen Mitarbeitern, hatte ein Massenmedium zu verantworten, mit dem ich jederzeit durch Fehler ein kaum wiedergutzumachendes Chaos hätte anrichten können. Ich muss davon ausgehen, dass

1. meine Arbeit permanent im Monitoring durch den BND gewesen ist,
2. meine Arbeit permanent im Monitoring durch die NATO gewesen ist (Stichwort: „Deutscher General entschuldigt sich für Islamkarrikaturen“),
3. einzelne Kontakte regelmäßig mit Tarnidentitäten oder „Legenden“ mit mir im Gespräch waren.

Ich habe mittlerweile mehrere Gespräche identifiziert, die mit hoher Wahrscheinlichkeit durch Mitarbeiter von Diensten geführt wurden. Einfach nur zum Zweck, einen Eindruck zu bekommen, woran ich arbeite, wie ich ticke und was von mir zu erwarten / zu befürchten ist.

Ständig Gedanken daran verlieren – nein. Aber zwischenzeitlich resümieren, wo Ansatzpunkte waren, mir die Probleme zu bereiten, die in den letzten Jahren aufgetreten sind: ja. Und immer drauf hoffen, dass sich das in den nächsten Jahren niemand erneut erdreisten wird.

Gespräche mit dem Lücking auf dem kleinen Dienstweg anstoßen: forget it. Don’t even think to continue that shit.

 

 

wpid-20150322_090126-1.jpgMitteilungen über den Verlauf habe es nur wenige gegeben. Der Bearbeiter geht hier nonchalant darüber hinweg, dass mein damaliger Anwalt in Monat 12 ohne Rückmeldung über das Verfahren eine Anfrage stellte und abgewiesen wurde. „Das würde auch nichts beschleunigen und man habe genug zu tun!“ war die Antwort der offenkundig überlasteten Bearbeiter.

Erst mit der Eingabe an den Wehrbeauftragten kam ab Monat 14 wieder Bewegung in meinen Fall. Mich dafür permanent öffentlich aufstellen und äußern zu müssen war eine weitere Belastung.

Konstruktiv? Kann ich!

Angesichts der Nachteile, die aus den o.g. Prozessen entstehen kann von einem Schutz geschädigter Antragsteller nicht die Rede sein.

Weder die Unterbesetzung der Verwaltung, noch „Besonderheiten“ (bewusst) intransparenter Verfahren oder schlecht verwalteter Datensätze sind durch die erkrankten Personen zu verantworten. Die Folgen daraus machen krank, chronifizieren oder führen zum Totalzusammenbruch des Antragstellers oder der jeweiligen sozialen- und wirtschaftlichen Strukturen.

Um diese gravierenden Versäumnisse der letzten Jahrzehnte auszuräumen, braucht es vertretbare Bearbeitungszeiten der Anträge und parallel eine Absicherung der Antragsteller während des Verfahrens. Aktive Soldaten habe diese Probleme nicht – ehemalige Soldaten kollidieren mit zivilen Versorgungsroutinen.

Soldaten, die noch in der beruflichen Förderung nach der Dienstzeit sind und ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben riskieren ihre Existenz.