#PTBSKur – Ich wäre dann durch. Fast.


Die Kur neigt sich dem Ende und auf die letzten Tage fühlt es sich an, als könne ich nun eine Kur dringend gebrauchen. Oder Urlaub. Auf jeden Fall Erholung. Nachdem es am Wochenende wieder einmal anklopfte – also ich gedanklich mehr im Einsatz, als im normalen Leben war – kamen diese Woche einige Stressoren hinzu. Die Reihenfolge ist zeitlich und nicht qualitativ zu sehen. Insbesondere heute ballen sich diese. Immerhin: ich bemerke sie und gehe damit um. Continue reading

Den Weg gehen …

Mit den ersten Sonnenstunden des Jahres tut sich auch einiges in meinem Garten. Die Deutschlandflaggen auf den Ärmeln der Einsatz-T-Shirts verblassen zusehends. Unter der Blumenerde und den Wurzeln der Weide verrotten Uniformen. Stück für Stück kann die aktive Militärzeit in den Hintergrund treten.

Seit Beginn der Aufarbeitung hat sich einiges getan. Das Jahr 2014 war geprägt von zahlreichen Videointerviews, Fotoaktionen und eben auch Aktion, meine Einsatzkiste zu bepflanzen. Schritte auf einem Weg, der immer stark geprägt sein wird, aber zusehends weniger meines Alltags bestimmt.

In einem der künftigen Beiträge werde ich zusammenfassen, was an symbolischen Aktionen Teil des Weges im vergangenen Jahr war, zur Stärkung beigetragen und ein weiter gehen überhaupt erst möglich gemacht hat. Einige Elemente (Video & Pflanzaktion 2014) sind auch in diesem Beitrag bereits enthalten.

Aufarbeiten – kreativer Umgang mit Trauma

Manches an Ausrüstungsgegenständen bleibt auch nach Ende der Dienstzeit im privaten Besitz. Uniformteile sollen aufbewahrt werden, falls noch Reserveübungen stattfinden. Bei manchen anderen Andenken ist schlichtweg emotional nicht möglich, diese Dinge einfach auf den Müll zu werfen oder dauerhaft aus dem Leben zu entfernen.

Ende Mai hörte ich erstmals von einer Bewältigungsmethode, die amerikanische Soldaten nutzen, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten.

Im Rahmen einer Kunstaktion haben traumatisierte Soldaten – so schilderte mir eine Freundin – zunächst ihre Uniformen geschreddert und dann aus der geschredderten Masse Leinwände bzw. Papier gefertigt. Darauf malten sie dann und fanden so einen künstlerischen Umgang mit den Aspekten des Traumas

Symbolische Akte entlasten die Seele

Mein Weg ist heute ein anderer. Mir fiel und fällt es immer noch schwer, die Dinge zu entsorgen, die aus der Militärzeit übrig sind. Vor allem, weil mir bewusst ist, dass diese Zeit so prägend war, dass ich mit dem „entsorgen“ nicht von jetzt auf gleich Abstand schaffen kann. Die Erinnerungen und Gedanken werden bleiben – ob ich das nun will oder nicht.

Um eine Art Zwischenstand erreichen zu können habe ich die Einsatzkiste, die immer noch lästig Platz im Kellerabteil einnimmt heute hervor gekramt und ihr eine neue Funktion gegeben. Da ich mir zwar vorstellen kann, auch zukünftig an Bundeswehrthemen zu arbeiten, aber nie wieder Uniform tragen will habe ich die verbliebene Ausrüstungsteile, die sich dazu eigneten als Basis dafür genommen, das etwas neues Wachsen kann.

Ebenfalls hilfreich ist die Kooperation mit den Dokumentarfilmern von hyperboleTV, einem von drei filmischen Dokumentationsprojekten an dem ich im letzten Jahr mitgewirkt habe und noch mitwirke. Von den kurzen Spots aus der Reihe „Frag ein Klischee“ sind insgesamt drei geplant – zwei wurden bereits veröffentlicht:


Vaterland?



Dankbarkeit?

Mörder?

Pöbelei – Reaktion

Nachdem gestern ein ziemlich diffamierender Kommentar zum letzten Artikel einging hat sich nun der Absender mehr oder weniger entschuldigt und kehrte zu einem sachlichen Ton zurück. Hier meine Antwort in der ich noch einmal darstelle, was mir derzeit Probleme bereitet und wo der Grund für diesen Blog liegt:

Hallo Rafael,
danke für diese ordnenden Worte. Diese sind eine Basis für eine Unterhaltung.

Zum Thema:

Ich wurde Augenzeuge von
– zwei Explosionen beim Angriff auf das Camp Marmal,
– einem lang andauernden Feuergefecht über den gesamten Nachmittag,
– Aufklärungsflugzeuge im Einsatz,
– der Tatsache, das wir afghanische Angreifer im Gewahrsam hatten.

Ein Mitarbeiter aus der Abteilung Sicherheit (J2) schilderte mir, dass es sich
– um einen gezielten Angriff gehandelt hat,
– die Raketen präzise einschlugen, jedoch wegen einem Zielfehler “hochwertige Ziele” verfehlte,
– die hochwertigen Ziele lagen,
— links der Einschlagstelle (Betriebstofflager) oder
— oberhalb der Einschlagstelle (Norwegische Unterkünfte)
– die Anzahl benannte er mit “8″,
– die Qualität der Raketen mit “neuem Material”.

Der landeskundliche Berater schilderte mir wenige Tage nach dem Angriff, dass die Angreifer getötet wurden, nachdem sie aus den Händen der afghanischen Polizei wohl in die Hände des Gouverneurs übergeben wurde. “Der Angriff war mit ihm nicht abgeklärt – sie wurden einen Kopf kürzer gemacht.”

Ich habe in den Tagen danach, Ende 2012 und mit der keinen Anfrage 2013 nachvollzogen, dass keine der offiziellen Schilderungen durch die Bundeswehr an die Öffentlichkeit oder eben an das Parlament an das heran kommt, was vor Ort an Erkenntnissen verfügbar war.

Beweisen lassen sich mittlerweile zumindest die drei unterschiedlichen Meldungen. Pressemeldung und die Unterrichtung des Parlaments schildern jeweils nur 20 bis 25 Prozent der Vorkommnisse. Die Antwort auf die kleine Anfrage kann ich nicht zitieren oder veröffentlichen, ohne mich strafbar zu machen oder gegen meine journalistische Sorgfaltspflicht zu verstoßen.

Gregor Gysi hat seine Antwort dankenswerter Weise so formuliert, das herauslesbar ist, das in der Antwort die Gefangen genommen ein Thema sind.

Zu offensichtlich ist auch das Interesse, sich nicht für das Schicksal von Gefangenen zu interessieren, die man den lokalen Machthabern übergeben hat.

Als Offizier und Soldat habe ich immer darauf vertraut, dass das Parlament Truppen nach reiflicher Überlegung in die Einsätze entsendet. Diesen Anspruch darf und sollte auch jeder Soldat haben, der den Blick in die Vorschriften geworfen hat.

Beruflich war ich beim Militär und bin ich auch jetzt als Journalist und Publizist mit der Aufgabe betraut Informationen verständlich und zugänglich zu machen. Ich kann beurteilen, wo Informationen vollständig, sinnvoll oder eben unvollständig und irreführend sind. In diesem Fall Rede ich von einer bewussten Falschinformation oder eben systematischen Verschleierung von Unrecht, das an der Zivilbevölkerung im Einsatz begangen wird.

Soldaten, die das erkennen und nicht handeln machen sich strafbar. Ebenso, wie Politiker, die es hinnehmen, wenn sie vom Militär oder den Geheimdiensten belogen werden. Wenn es dafür vielleicht auch keine Gesetzesgrundlage gibt, die passt: spätestens bei der Gewissensfrage, der Sorgfaltspflicht und dem Diensteid verstoßen Sie gegen den Schwur. Soldaten, wie Politiker.

Seit Juni 2013 hätte die Bundeswehr mir nachweisen können, dass ich in irgendeinem der Punkte falsch liege, die Unwahrheit sage oder das die Befürchtungen, das Gefangene in ein Unrechtssystem übergeben werden haltlos sind.

Meine Haltung:

Halten wir Personen fest sind sie Gefangene und genießen Schutz nach den Genfer Konventionen.

Übergeben wir diese Personen an zivile Behörden vor Ort müssen wir sicherstellen, dass ihnen ein rechtsstaatlicher Prozess gemacht wird und sie unter menschenwürdigen Bedingungen eingesperrt sind.

Erhalten wir Kenntnis von Lynchmorden als Folge von Festnahmen / Festsetzungen / Übergaben , dann entspricht das Rechtssystem nicht dem, was wir nach unserem Grundgesetz für Menschen in unserem Land als Grundrecht ansehen.

“Die Würde des Menschen ist unantastbar” – da steht nichts davon, dass wir das nur deutschen Bürgern zugestehen.

Wir gehen in fremde Länder, maßen uns an den Zeigefinger zu erheben, die Menschen zurecht zu weisen. Wir sagen: “Wir sind da, weil ihr Unrecht begangen habt oder nicht in der Lage sind gewisse Standards zu erreichen.” Doch wir selbst handeln nicht nach diesen Grundsätzen.

Ich hätte nicht im Traum daran gedacht, dass es in Deutschland möglich ist, das Journalisten von “Bundesbediensteten” auf einen Kaffee eingeladen und unter Druck gesetzt werden. Mir wurde nahegelegt, das Veröffentlichen, bloggen, twittern und facebooken einzustellen. Alles werde mitgelesen – und wenn das nicht reicht, könne man ja noch was hinzu erfinden.

Hier wurde eine Grenze überschritten.

All das, was ich erlebt habe verstößt gegen Menschenrechte.

Zu meiner persönlichen Situation:

Ich bin bei dem derzeitigen Druck nicht in der Lage das Thema einfach liegen zu lassen. Ich brauche hier eine Klärung und einen Abschluss. Die Traumatisierung hat noch andere Aspekte – und für die brauche ich Zeit in der Aufarbeitung. Das die Probleme jetzt so groß sind liegt an dem Druck, der auf mich ausgeübt wurde und wird.

Das ich scheinbar so verbissen kämpfe darfst du als Beleg für meinen moralischen Kompass werten. Der funktioniert einwandfrei.

Depressionen im Griff zu halten muss ich lernen – auch das braucht Zeit.

Mich hat das schon meine Familie gekostet – ein Studium habe ich wegen der Überlastung und der zerbrechenden Ehe nicht abschließen können. Das Nachfolgestudium ruht derzeit, weil der “Bundesbedienstete” mir deutlich zu verstehen gegeben hat, das das Thema, was ich behandeln will ebenso unerwünscht ist.

Unabhängig ob ich das ernst nehmen sollte oder nicht: mit dieser Bedrohung im Nacken kann ich mich auf nichts anderes als auf den Widerstand konzentrieren, den ich jetzt leisten muss.

Ich bräuchte eine Kur und anschließend eine Möglichkeit den Abschluss ohne Zeitdruck zu machen. Und ohne (verbale?) Pistole auf der Brust.

Frag dich mal, mit was für Menschen ich es zu tun hatte, als ich beim PTBS-Beauftragten saß. Ich habe denen deutlich gesagt, das es um das Thema der Gefangenen geht… da wollten die nichts von hören geschweige denn irgend ein Statement dazu abgeben.

Wenn das repräsentativ für die Armee ist, die wir in den Einsatz schicken, dann sollten wir diese Einsätze beenden. Dann sind wir nicht besser, als die Angreifer, gegen die wir uns angeblich nur verteidigen. Dann begeht Deutschland wieder Kriegsverbrechen.

Beantworten will man mir all diese Fragen nicht …

Unterstützung, Gegenwind und klare Worte

Die Reaktionen auf meinen Beitrag „Ich fühle mich schuldig – I apologize“ geben mir einerseits viel Kraft.
Andererseits merke ich, wo die destruktiven Kommentare in Masse, mit großer Intensität herkommen und aus welchen Kreisen ich aktiv aufgefordert werde, den Mund zu halten.

Leider können fünf oder mehr positive Kommentare den einen zerstörerischen Kommentar nicht auffangen und ich würde in solchen Momenten – rein aus Selbstschutz – am liebsten das Thema an den Nagel hängen.

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Doch das wäre eine zu schnelle Reaktion. Denn das Thema holt mich – und das ist wohl Teil der Erkrankung – unweigerlich wieder ein. Ich fühle eine ebenso starke Verpflichtung, diesen Einsatz öffentlich aufzuarbeiten, wie ich mich als Vorgesetzter gegenüber meinen Soldaten und meinen Redakteuren verpflichtet gefühlt habe.

Weit über jede Pflicht

Wäre es nur eine Pflicht: mit der Übergabe der Entlassungs- und Dankurkunde wäre ich davon entbunden gewesen. Doch wie wohl für viele Ex-Soldaten mit Depressionen und den immer wiederkehrenden Einsatzerinnerungen kann keine Entlassurkunde abschließen, was vor Ort an Erschütterung stattgefunden hat.

Ich kam in der Absicht zur Bundeswehr und in die Einsatzländer, mich für Menschenrechte einzusetzen, diejenigen zu beschützen , die sonst Kriegswirren, den Folgen von Katastrophen oder korrupten, verbrecherischen Staatsregimen zum Opfer fallen.

Für mich – und vermutlich für viele andere – ist das Erkennen der Lüge, die in die Öffentlichkeit und auch in Richtung des Parlaments verkauft wird das größte Problem.

Im Wissen, dass ich mich nach all meinen Erfahrungen heute nie wieder bei einer Bundeswehr verpflichten würde, die solche Zustände duldet, geheim hält und wohl auch fördert.

Viel Gegenwind, viel Rückenwind – aber auch: ehrliche Worte

Ein Kommentator brachte es auf den Punkt und machte deutlich, was vor Ort in Afghanistan für einige Führungsebenen Tagesgeschäft ist, für andere nur spürbar, wohl aber auch für viele Soldaten absolut nicht erkennbar.
Der Grundsatz, nachdem die Hierarchie hier verfährt, ist „Führen durch Informationsvorbehalt“.

Fakt: Die Regierung Karzai verlangt seit Jahren, dass die ISAF-Nationen keine Afghanen gefangen halten sollen, sondern diese übergeben.
Fakt: Die Bundesrepublik Deutschland hält sich daran und hat die Bundeswehr angewiesen (Taschenkarte Umgang mit Gefangenen), die Gefangenen schnellstmöglich an die afghanischen Behörden zu übergeben. (Leider)
Fakt: Ein Teil der afghanischen Behördenleiter sind Verbrecher, die wir meist milde als „Warlords“ bezeichnen und die einen sehr unwürdigen Umgang mit Gefangenen pflegen – oder diese schnell laufen lassen, wenn sie zu ihrer eigenen Bande gehören.

Resultat: Viele Einsatzsoldaten fragen sich oft, ob wir überhaupt auf die Richtigen schiessen Wenn jemand wie Daniel solche Dinge erlebt hat und darunter leidet, hat er wohl das Recht, dies zu äußern. Wenn die Bundesrepublik Deutschland nicht damit leben kann, dass diese Dinge bekannt werden, darf sie ihre Soldaten eben nicht mit solchen Mandaten in solche Länder schicken!!! Sie kann aber offenbar auch damit leben, die davon seelisch geschädigten Soldaten jahrelang als Sozialfälle und Suizidgefährdete dahin vegetieren zu lassen.

Mir geht es weiterhin nicht darum, das Verhalten von Soldaten anzuprangern. Mir geht es darum, dass sich unsere Politik – unsere Regierung – nicht vor der Realität der Einsätze sperren darf. Wenn geäußerte Kritik – so deutete es ein weiterer der Kommentatoren an – zur Entlassung oder Ablösung führt, dann muss diese Realitätsverweigerung Konsequenzen auf der politischen Ebene haben.

Ich werde auch künftig mit Parteien, die mich in dieser Arbeit unterstützen, zusammenarbeiten. Wenn das die Partei „Die Linke“ ist, dann hatte und habe ich damit kein Problem. Wenn ich Absagen erhalte, wie im Fall 27.09.2008 aus einem Büro der Grünen, dann werde ich das ebenso öffentlich machen, wie die Reaktion aus dem Büro der ehemaligen FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff.

Unsere Gesellschaft darf sich der Aufarbeitung eines rund 13 Jahre dauernden Einsatzes nicht verwehren.

Danke…

… zunächst an alle Leser, die seit Mai 2013 die Geschichte meiner Erkrankung hier im Blog mitverfolgt haben. Danke für die zahlreichen aufbauenden Wort und, dass ihr diese Situation ausgehalten habt. Das fiel mir selbst mehr als einmal schwer.

Das ich mit meiner Situation (erkrankter Ex-Soldat, in Ausbildung) in die normalen sozialen Auffangsysteme ALG1 / ALG2 oder Bafög nicht so recht reinpasse, wurde im laufe der Wochen deutlich.

Zu recht sahen sich einige Ämter nicht zuständig oder konnten meine Situation nicht wirklich einordnen. Zuständig ist und war der Dienstherr, der seiner Verpflichtung mit dem heute zugegangenen Bescheid nun auch nachkommt.

Ich bin nicht der erste Soldat, der innerhalb seiner Berufssförderungszeit erkrankt. Sicherlich bin ich auch nicht der erste Soldat mit einer einsatzbedingten Erkrankung, die die Lebensplanung über den Haufen wirft. Solange Bundeswehr und Versorgungsämter über langwierige Feststellungsverfahren das abrutschen einsatzgeschädigter Soldaten in HARTZ4 begünstigen, sehe ich die Mitarbeiter der Berufsförderungs- und Sozialdienste in der Pflicht, aktiv auf diese Paragraphen hinzuarbeiten, wenn Ex-Soldaten in diese Notlage geraten.

Für den zivilen Bereich: für mich gab es  weder einen Anspruch auf Krankengeld, noch Arbeitslosengeld 1.

Mein Dank gilt – in der Reihenfolge am Antragsweg entlang:

1. dem anonymen Hinweisgeber auf die Paragraphen 5 Abs 12 S.1  und 2 Soldatenversorgungsgesetz SVG (14.07.2013)

Ohne Sie / Dich wären in den kommenden 12 Monaten keine Gehaltszahlungen nach § 11 Abs. 4 SVG und gemäß der Ausführungsbestimmungen § 27 der AusfBest BföV Abs. 2 Nr. 1  möglich.

2. den Bund Deutscher Veteranen und deren Rechtsanwalt Arnd Steinmeyer (15.07.2013)

3. dem Berufsförderungsdienst hier in Berlin, der die Umsetzung einleitete. (25.07.2013)

4. dem Sozialdienst des Bundeswehrkrankenhauses Berlin. (seit Mai 2013, )

5. den Ärzten der FU6, die die notwendigen Atteste erstellten. (seit April 2013, besonders aber in der Attesterstellung heute / seit Abschluss des ersten Krankenhausaufenthalts).

6. dem Bundesamt für Personalmanagement in Köln, die den Bescheid heute auf den Weg brachten. (15.08.2013)

7. vorab schon dem Bundesverwaltungsamt in Düsseldorf, denen hoffentlich die verbleibenden 3 Arbeitstage bis zur Erstellung der Bezügeabrechnung ausreichen, um eine Zahlung zum 01.09.2013 zu ermöglichen.

Dieser Bescheid gibt mir die notwendige Ruhe, mich um die Therapie und um  die Aufarbeitung der Einsatzgeschehnisse zu kümmern. Seit Veröffentlichung der Afghanistanpapiere Ende November 2012 hatte ich mehr und mehr den Bezug zu meinem Studium verloren. Die Erlebnisse im September 2008 bahnten sich ihren Weg und sorgten dafür, dass ich im März 2013 – nachdem bereits fast 8 Wochen der Bearbeitungszeit meines Bachelorarbeitsthemas durch Depressionen verloren waren  – der Gang zum Bundeswehrkrankenhaus unvermeidbar war.

Mit der Partei „Die Linke“ habe ich mit der Aufarbeitung dieses Tages begonnen – einer von drei belastenden Konflikten aus den ISAF-Einsätzen ist damit auf dem Weg der Lösung.

Immer noch zu klären sind die Ereignisse rund um die Islamkarrikaturen 2006 sowie das problematische Verhältnis zu Vorgesetzten, dass durch insgesamt 3 lebensgefährliche Situationen im Einsatz 2007/2008 bis heute zu Problemen in meiner Zusammenarbeit mit Vorgesetzten führt.

Foto

Therapiebeginn – jetzt aber …

Irgendwann im Laufe des Wochenendes hat sich der Leidensdruck erhöht. Das es so nicht weiter ging wurde immer offensichtlicher. Eigentlich müsste ich Bewerbungen schreiben – kann und konnte mich dazu aber nicht durchringen.
Viel zu viel blieb liegen – kleinste Aufräumarbeiten in der Wohnung wurden immer mehr zur Last.

Wieder zu wenig Schlaf – wieder zu wenig (vernünftiges) Essen. Offenbar hat mich der Stress wieder zu sehr erfasst. Bei der Aufnahme heute wurde mein Gewicht gemessen – mit 76 Kilo bin ich deutlich unter den für mich normalen 78 bis 81 Kilo, wenn auch im normalen BMI-Bereich.

Trauer

Nach einem Versuch, am Sonntag stationär aufgenommen zu werden (immerhin war eine schnelle Aufnahme am heutigen Mittwoch möglich) erreichte mich am Montag Abend die Nachricht über den Unfalltod eines ehemaligen Soldaten.

Er war einer der wenigen Soldaten aus meiner aktiven Dienstzeit, zu denen ich noch regelmäßig Kontakt hatte – auch nach dem Ausscheiden aus dem Dienst. Sein Tod hat mich sehr getroffen – wir teilten ein ähnliches Hobby und wissen beide um das Gefühl, wie sich die Freiheit zwischen Himmel und Erde anfühlt. Wir wissen und wussten aber auch um die Risiken unseres Sports.

Dein Tod hat viele meiner Probleme relativiert – aber diese Probleme sind da und ich muss sie angehen, um nicht daran zu zerbrechen. Zu deiner Beerdigung werde ich nicht erscheinen können. Meine Gedanken sind trotzdem bei allen, die um dich trauern – besonders bei deiner Familie.

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Letzter Beitrag – dann vorerst Offline mit dem Thema

Das für heute geplante Videointerview muss entfallen – ich hatte es für mich als vorläufigen Schlusspunkt definiert, um danach das Blog hier erst einmal ruhen zu lassen.

Situation momentan

Ich erhalte viel Feedback, viele aufbauende Worte und viele Menschen wollen mir einen Ausweg aufzeigen. Ich danke euch allen für die Anteilnahme und eure Hilfe. Seitens meiner ehemaligen Vorgesetzten kommen keine helfenden Reaktionen, ausser dem ein oder anderen zynischen Kommentar.

Was mich gebrochen hat

Objektiv belegbar: eine dauerhafte Überlastung, wie die Bundeswehr immer weniger verheimlichen kann. Kürzlich berichte ein Kollege, dass die Bundeswehrführung sehr säuerlich reagierte, als er eine Grafik anfertigt, die den Anstieg der PTBS-Fälle visualisierte die die Suizide von Bundeswehrangehörigen auflistete (korrigiert: 27.06.2013, 00:03 Uhr) . Die Bundeswehrführung bevorzugt nüchterne Zahlen in Tabellen – die sind nicht so stark, wie eine Kurve, die einen deutlichen Anstieg zeigt.

Die nachfolgende Grafik zeigt die 4/20 Regel und wie meine Bundeswehrzeit ab Ernennung zum Offizier hätte verlaufen müssen, wenn Stress- und Belastungsmanagement damals ernst genommen worden wären. 4 Monate Einsatz – 20 Monate Regenerationsphase. So ist es vorgesehen – und das Einsatzführungskommando, sowie die entsendeten Einheiten verstoßen seit Jahren dagegen. Das wird enorme Folgekosten für die sozialen Systeme nach sich ziehen.
Herr Minister, bleiben sie mir weg mit ihrem idiotischen und hirnverbrannten Drohnenprojekt und kümmern Sie sich endlich um den Mist, der mit Soldaten, wie ich es war angerichtet wurde. Hier als Bild – vielleicht verstehen Sie das besser, als Briefe, Blogs und Zeitungsartikel:

130625_Bundeswehrzeit

Ein Ergebnis dieser Zeit ist eine schwerwiegende Erkrankung meiner Frau, die sie glücklicherweise mittlerweile wieder im Griff hat. Wenigstens sie kann sich im notwendigen Maß um unsere beiden Kinder kümmern. Ich könnte es derzeit nicht und werde bald nicht einmal mehr finanziell für sie sorgen können.

Verkürzte Ausbildung – ISAF-Einsätze – Entsendung in Bereitschaftseinsätze. Eine verantwortungsvolle Personalpolitik gab es zu meiner Zeit nicht.

Was mich jetzt bricht

Zum 1.8. erfolgt die letzte Gehaltszahlung. Danach ist nichts gesichert. Vertrauen in meine Arbeitsleistung als Redakteur habe ich derzeit nicht. Immer wieder Konzentrationsprobleme, immer wieder holen mich die Themen aus den Afghanistaneinsätzen ein.
Abgesehen davon, dass ich keine Bewerbung vernünftig formulieren kann, mag ich mir nicht vorstellen, wie ich in einem Vorstellungsgespräch aussehen würde.

Körperlich macht sich der Stress schon seit einiger Zeit bemerkbar. Im Bundeswehrzentralkrankenhaus hieß es damals – 2007 – „Das müssen Sie eincremen und das bleibt jetzt wohl so.“ Keine weiteren Untersuchungen, keine Verbindung zu eventuellen psychischen Auslösern des Einsatzes – kein Hinterfragen, ob der Stress eventuell zu hoch war.
Mittlerweile sind wieder Angstattacken da, die ich nicht mit einem konkreten Auslöser in Verbindung bringen kann. Und auch an anderen Stellen des Körpers tritt der Stress zu Tage:

(Liebe Leser – es tut mir Leid, das Bild kommt jetzt rein)

Nesselsucht

Was mich bricht, sind die Amtswege, die ich kaum noch durchblicke. HARTZ4, BAFöG, Antrag auf Wehrdienstbeschädigung, Antrag Soldatenhilfswerk, Krankenversicherung zum 1.9….

Wie das aussieht?

Ich bin froh, wenn ich mit dem Kopf voller Gedanken am richtigen Amt ankomme und von den Bearbeitern nicht zu einer weiteren Stelle irgendwo in der Stadt geschickt werde. Ich bin froh, wenn ich mir nach dem Gespräch die notwendigen Handlungsschritte korrekt organisieren kann – es ist ein Glück, wenn ich es schaffe, diese sofort abzuarbeiten. Oft genug ist das nicht möglich und es dauert Tage, bis ich die Kraft aufbringe, diesen Papierwust zu bearbeiten.

All das kostet Kraft – Kraft, die ich unter normalen Umständen immer hatte. Immer wieder biographische Angaben machen. Egal, ob in Formularen oder Bewerbungen – all das holt die Erlebnisse zurück. Was mir beim bloggen noch geholfen hat, wird in diesen Formularen nun unerträglich.

Wo der Unterschied ist? Ich soll Emotionen, die mich bei den Themen unweigerlich begleiten in ein Formular technisieren und auf wenige Zeilen verkürzen. Jede Verkürzung mit der Bedrohnung, einen wesentlichen Aspekt dieser Erkrankung zu vergessen, Daten nicht korrekt wiederzugeben.

Guter Rat

All denen, die mir Auswege aufzeigen wollen und das bisher getan haben: Danke! Leider aber kann ich mittlerweile keinen dieser Wege mehr gehen. Ich ertrage es nicht, immer neue Vorgänge aufzumachen, neue Ungewissheiten zu produzieren, deren Ausgang weder zeitlich noch im Effekt vorhersehbar ist. Selbst, wenn ich die Lösungen sehe, die ihr seht und mir vorschlagt: ich kann mich nicht mehr darauf zu bewegen.

Was ich vermeiden muss

Sonntag Abend und am Montag erreichte mich der Link zum Abschiedsbrief eines amerikanischen Soldaten. Seine Einsätze sind mit meinen nicht vergleichbar – aber ich finde in seinen Beschreibungen des Lebens danach viele Parallelen.

Die Unfähigkeit Freude und Emotionen zuzulassen, das Bedürfnis, die in den Einsätzen gesehenen Missstände zu lindern, seine Flucht in die Musik und die baldige Feststellung, dass das auf Dauer nichts überdeckt.

Simple things that everyone else takes for granted are nearly impossible for me. I can not laugh or cry. I can barely leave the house. I derive no pleasure from any activity.

Sein Weg wird nicht meiner sein. Diese Entscheidung habe ich vor langer Zeit getroffen und werde nicht kapitulieren. Jedoch merke ich in den letzen Tagen, dass die Anträge und der Verwaltungs-Wirr-Warr eher über kurz, als über lang aus einer mittleren durchaus eine schwere Depression machen werden.

Es würde nicht einmal auffallen, wenn Depressionen und Einsatzerinnerungen bei mir oder bei den zahllosen andern ehemaligen Soldaten zum Tod führen würden. Die Bundeswehr hat kein funktionierendes Überwachungssystem für ehemalige Zeitsoldaten nach Ende der Dienstzeit. Es ist den Verantwortlichen seit Jahren egal, weil das Kosten verursacht.

All denen, die die Kraft nicht mehr haben

Ich begegne immer wieder Veteranen, die resigniert haben. Sie scheuen den Weg in die Öffentlichkeit, weil ihnen die Kraft fehlt. Sie können nicht gegen eine übermächtige Bundeswehr ankämpfen, die seit Jahren weiß, das eine Welle von PTBS-Erkrankungen kommen musste.

Mit diesem Blog wollte und will ich belegen, das niemand dieser (Ex-)Soldaten irgendeinen Fehler gemacht hat. Die Aufgabe, vor die uns die Politik gestellt hat war nicht zu lösen. Die Mittel, die uns dazu gegeben wurden (UN-Beschluss, Einsatzregeln) waren zu schwach. Als die internationale Politik das erkennen und eingestehen musste sprachen immer häufiger die Waffen.

Die Lügen nicht auszuhalten ist keine Schande – wir bemerken sie in den Aussagen der Politiker, die uns Soldaten sagen „Ach, du weißt doch eh nicht, wovon du redest!“. Wir bemerken sie in der Bundeswehrwerbung , die eine „tolle Karriere“ verspricht und wissen, dass das Risiko, so zu enden, wie wir mit jedem Auslandseinsatz für jeden Bewerber weiter steigt.

All das ist aber kein Grund an uns und unserer Existenz zu zweifeln. All das ist aber kein Grund, der Politik oder der Bundeswehrführung dieses Verhalten durchgehen zu lassen. Setzt euch zur Wehr, teilt diesen Beitrag oder druckt ihn aus und schickt ihn an die Institutionen, die von eurem Schicksal wissen sollten. Macht ihnen das Wegsehen unmöglich.

Ich lasse diesen Beitrag nun hier stehen – bin erst einmal am Ende meiner Kraft. Doch immer noch weit entfernt davon, Ruhe zu finden.

Ich vermisse …

… die Zeiten, in denen ich für Entspannung und Abschalten einfach nur auf ein Fahrrad steigen und mir den Wind um die Nase wehen lassen musste. Heute sind es Sekunden, in denen das Adrenalin den Kopf frei pumpt und für Ruhe und Entspanntheit sorgt. Eine andere Strategie habe ich im Moment nicht.

Wer in Berlin Base Flying machen will – es lohnt sich und so schaut es aus:

Es wäre schön …

… Menschen ohne Misstrauen zu begegnen.
… einen geregelten Tagesablauf durchhalten zu können.
… Interesse und Begeisterung zu verspüren für die Themen, die mich jetzt unnachgiebig treiben.
… eine Menschenmenge auf einem U2-Konzert zu ertragen.
… eine volle Tanzfläche betreten und tanzen zu können.
… einfach in der Sonne entspannen zu können.
… zu Vertrauen.
… ein Essen zu genießen, anstatt Nahrung aufzunehmen.
… auch ohne Arbeit den Sinn in einem Tag zu sehen.
… zu lachen und es auch so zu meinen.
… Schlagzeug spielen zu lernen, wie ich es mir vorgenommen habe.
… ein Buch zu lesen und darin zu versinken, wie ich es früher mal konnte.
… Musik zu genießen, anstatt mich damit zu betäuben.
… einen Fallschirmsprung voll und ganz relaxed zu erleben.
… ohne Sorge Energie in meine Zukunft zu stecken.
… die Schottland-Tour mit dem Motorrad durchführen zu können.
… Träume und Ziele zu haben, die ich konsequent verfolge.
… wieder regelmäßig Sport zu betreiben anstatt mich abzureagieren, wenn es wieder mal zu schlimm ist.
… die Wut los zu sein, die so viel Energie frisst.
… mit Begeisterung und Elan, engagiert und glühend, unter Zeitdruck und Flüchen die Bachelorarbeit zu schreiben.
… zu wollen, nicht zu müssen.
… Menschlichkeit zu sehen, wo das Leiden offenbar nie aufhören wird.

Ja, es wäre schön.