Wasserstandsmeldung

Seit nunmehr 1,5 Jahren läuft die sogenannte Schutzzeit, in der mein Lebensunterhalt gesichert ist und eine Krankenversorgung durch die „Freie Heilfürsorge“ gewährleistet ist.

In dieser Zeit war ich in der Lage einen Berufsabschluss (Bachelor) zu erlangen und ich kann nun im Rahmen der vorgesehenen Rehazeit das Masterstudium absolvieren. All das vollfinanziert und zunächst unter scheinbar idealen Bedingungen.

Licht und Schatten

Winter_2

Im letzten Jahr gab es mit dem Abschluss des Bachelors eine deutliche Entlastung zu verzeichnen. Auch die Nominierung des Podcast-Projektes zum NSA-Untersuchungsausschuss für den Grimme-Online-Award war ein tolles Erlebnis.

Neben dem Masterstudium war ich zu mehreren Gelegenheit als Redner zu Bundeswehr- und Antikriegsthemen auf Podien und Veranstaltungen der Linksfraktion unterwegs und fand ein halbwegs zumutbares Maß an Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Negativ fallen allerdings immer wieder platzende Termine ins Gewicht.

Zu zwei Gelegenheiten war ich als Redner in Schulklassen eingeladen. Schulen, an denen zuvor Jugendoffiziere der Bundeswehr gewesen sind und an denen es von Seiten der Eltern und Schüler den Wunsch gab, dass auch jemand zu Wort kommt, der die andere Seite des Dienstes und der Sicherheits- und Außenpolitik erläutert. Beide Termine kamen leider nicht zu Stande.

In Fall 1 war es eine 7:9-Entscheidung im Elterngremium und im anderen Fall wurde kurzfristig wenige Tage vor dem abgesprochenen Termin von Seiten der Schulleitung abgesagt – eventuell ist ein weiterer Versuch in den nächsten Monaten möglich.

Therapie und Genesung

Mit Einstieg in die Schutzzeit wurde mir auferlegt, mich entweder in die Hände von Bundeswehrtherapeuten zu begeben oder die Therapiemaßnahmen selbst zu tragen. Die Klärung der angestrebten Kostenübernahme zog sich – bundeswehrtypisch – wieder über Monate hin und gipfelte in einer Begutachtung, die angeblich notwendig gewesen sei und die mit den Worten begann: „Ja, die Therapiemethode wird nicht übernommen – so viel ist klar.“

Gegenstand der Trauma-Release-Exercise-Sitzungen (TRE) war eine Kombination aus Therapeutengespräch und Übungen zur Tiefenentspannung. Die Methode selbst ist zwar prinzipiell auch allein ausführbar, jedoch entfällt dann das Therapeutengespräch und die Reflexion über Stressoren und belastende Themen.

Das Angebot, die TRE-Übungen mit einem Bundeswehrpfarrer in Räumlichkeiten der Bundeswehr durchzuführen, statt mit der Therapeutin, mit der bereits eine Vertrauensebene bestand, lehnte ich ab.

Seit etwas mehr als einem Jahr bin ich nun auf mich selbst gestellt. Das Maximum an Medikamenten, das ich bereit war zuzulassen war hochdosiertes Johanniskraut (LAIV 900). Damit lösen sich – für mich – keine Probleme. Immerhin wurden die Auswirkungen der Depressionen abgemildert. Seit Dezember 2015 ist auch das LAIV 900 abgesetzt.

Immer wieder bemerke ich, dass ich in Stressphasen absacke. Zum Semesterende im Januar / Februar 2016 war wieder eine dieser Phasen, die mich für zwei bis drei Wochen sehr stark einschränkte und es erforderte viel Kraft, den Tagesablauf halbwegs aufrecht zu erhalten.

Eine ähnliche Phase ergab sich im Mai/Juni 2016. Der Stresslevel in einem ingesamt überplanten und zeitlich deutlich kürzeren Sommersemester forderte seinen Tribut und brachte zumindest die Erkenntnis, dass eine Kur sinnvoll ist, die aber vermutlich nicht vor April 2017 möglich wird.

Grund dafür ist, dass ich ein Urlaubssemester an der Hochschule einlegen muss, was unweigerlich dazu führt, dass ich in der Zeit, in der ich nicht in einer Kurmaßnahme bin zum Dienst in die Kaserne erscheinen müsste. Etwas, das mir nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr möglich ist. Weder in Zivilkleidung, noch und ganz besonders nicht in Uniform.

Dringend erforderlich ist aber nicht nur die Kur. Eine Ruhephase ohne Studienverpflichtungen oder Existenzkampf gab es in den letzten 4 Jahren nicht. Ebenso wichtig, wie die Kur ist eine sinnvolle Beschäftigung für den Rest des Urlaubssemesters. In der nächsten Woche kann ich hoffentlich mit dem zuständigen Berater ein geeignetes Konzept ausarbeiten.

Umgang mit Stress

Egal, ob emotionaler Stress oder Arbeitsstress – mit zunehmender Belastung gerate ich wieder im Tagesablauf aus dem Tritt. Die Ernährung wird unregelmäßig und ungesund, die Schlafphasen unregelmäßiger und ausgedehnter. Routineaufgaben im Haushalt werden belanglos. Auch, wenn das Gefühl von „Ich funktioniere nicht“ an Bedeutung verloren hat, mündet es im Gegensatz zu den Jahren 2013/2014 nicht mehr in Verzweiflung. Symptome, wie Anhedonie bestimmen den Alltag. Ich ziehe mich weitestgehend von sozialen Aktivitäten zurück, was insbesondere mein nächstes Umfeld belastet.

Camp KUNDUZ 2006 - Innenstadt - Lehmmauer - Blech- und Sperrholzbuden.

Camp KUNDUZ 2006 – Innenstadt – Lehmmauer – Blech- und Sperrholzbuden.

Die Erinnerung an die Einsätze und die traumatisierenden Erfahrungen hat in diesen Phasen weiterhin mehr Raum, als ich das will. Manche Handlungsmuster aus der Zeit der Depression in 2013/2014 kehren wieder zurück und fressen sich in mein Leben. Mitunter sind die Stresserlebnisse aus den Einsatzzeiten Teil der nächtlichen Träume und sorgen für eine verminderte Qualität des Schlafes.

Rückschritt

Mittlerweile liegen die Einsätze mit den traumatisierenden Erlebnissen mindestens 8 bis 16 Jahre zurück. Die Hochstressphase, die zur Trauamtisierung führte (Afghanistan-Zeit) spielte sich vor 11 bis 8 Jahren zwischen 2005 und 2008 ab. Diese Erlebnisse fressen sich meist dann wieder in mein Leben,wenn Stress in Beruf, Beziehung und Alltag überhand gewinnt.

Dass ich mein Masterstudium nicht in der Regelstudienzeit abschließen werde, ist absehbar. Dass ich es nicht zwingend muss, ist eine große Entlastung. Die Frage aber ist, wieviel davon ganz verschwinden wird und was letztlich bleibt.

In den nächsten Wochen stehen das Beratungsgespräch „Urlaubssemester“, sowie die Kontaktaufnahme mit den leider notwendigen Bundeswehrärzten an, um eine Kur auf den Weg zu bringen. Das bedeutet dann – leider – wieder die Auseinandersetzung mit Bundeswehrstrukturen.

Bundeswehrstrukturen

Im Oktober 2015 fand die letzte Begutachtung statt. Im Therapeutengespräch erwähnte ich belastende Aspekte, mit denen ich im Alltag immer wieder konfrontiert bin. Die Reaktion des Bw-Arztes: „Seien sie nicht so nachtragend.“

Mit der zuständigen Dienststelle, die mich als Personalangelegenheit zu verwalten hat (mehr will ich auch nicht), gab es Mitte August auch ein kurzes Gespräch. Der Personalverantwortliche wollte zunächst wissen, wie ich klar komme und wo eventuell Unterstützung nötig ist.

Die freundliche und hilfsbereite Haltung dort war nicht belastend. Der Hinweis darauf, ich solle keine militärischen Geheimnisse preisgeben wurde zwei bis drei Mal zwanglos und pflichtbewusst eingestreut.

An die Kritiker

Positiv ist, dass das Mobbing aus Bundeswehrkreisen, das vom Reservisten bis hin zum Generalanwärter in den letzten Jahren immer wieder abstruse Intensitäten annahm mittlerweile nicht mehr sichtbar zu verzeichnen ist. Grund dafür dürfte auch mein Rückzug aus Facebook sein.

Mein Umgang mit Bundeswehrthemen sorgte bisher für keinerlei Anlass mich dienstrechtlich zu belangen, wie es auf dem Papier möglich wäre. Telefonanrufe beim zuständigen Chef des Stabes können sich daher all diejenigen sparen, die Kritik an der Bundeswehr nicht aushalten und argumentieren „Er wird versorgt – er soll die Klappe halten.“

Da ich keinen Zugang zu Dienstgeheimnissen habe und vom militärischen Dienst freigestellt bin, verhalte ich mich in allen Belangen rund um das Thema Bundeswehr, wie es für einen Journalisten angemessen ist. Das schließt Kritik mit ein und ist in Zeiten von schillernder Bundeswehrwerbung und hunderten von Jugendoffiziersbesuchen in Schulen mehr als nötig. Keine Bezahlung der Welt wird mich davon abhalten. Das trenne ich deutlich voneinander.

Den Weg gehen …

Mit den ersten Sonnenstunden des Jahres tut sich auch einiges in meinem Garten. Die Deutschlandflaggen auf den Ärmeln der Einsatz-T-Shirts verblassen zusehends. Unter der Blumenerde und den Wurzeln der Weide verrotten Uniformen. Stück für Stück kann die aktive Militärzeit in den Hintergrund treten.

Seit Beginn der Aufarbeitung hat sich einiges getan. Das Jahr 2014 war geprägt von zahlreichen Videointerviews, Fotoaktionen und eben auch Aktion, meine Einsatzkiste zu bepflanzen. Schritte auf einem Weg, der immer stark geprägt sein wird, aber zusehends weniger meines Alltags bestimmt.

In einem der künftigen Beiträge werde ich zusammenfassen, was an symbolischen Aktionen Teil des Weges im vergangenen Jahr war, zur Stärkung beigetragen und ein weiter gehen überhaupt erst möglich gemacht hat. Einige Elemente (Video & Pflanzaktion 2014) sind auch in diesem Beitrag bereits enthalten.

Wochenupdate

Seit einigen Tagen lässt der Druck nach, der in den letzten Monaten auf mir lastete. Ich merke, dass Optimismus möglich wird, der vor wenigen Tage und Wochen noch nicht möglich gewesen wäre.

Seit dem Gespräch mit dem Berufsförderungsdienst am 27.03.2015 ist klar, dass die Förderung eines Masterstudiums übernommen wird. Mit der am 26.03.2015 eingetroffenen Gehaltszahlung konnte ich nun die Rechnungen der Therapie- und Coachingmaßnahmen bezahlen.

In diesem Bereich muss ich derzeit noch in Vorkasse gehen, bis die zuständigen Stellen fachlich anerkennen, dass die Kosten für meinen Therapieweg übernommen werden. Auch hier ist noch einiges an Papierkram vor mir, den ich hoffentlich bis nach Ostern langsam abarbeiten kann.

Neuer Fokus

Dringend und drängend wird die Bewerbung für den Masterstudienplatz und natürlich der Abschluss des Bachelorstudiums. Es tut gut, eine Perspektive zu haben, die vorher schlichtweg nicht existierte.

In dieser Woche war ich ausnahmsweise mal ausschließlich redaktionell und an Themen unterwegs. Neben der LiMA-Konferenz stand der NSA-Ausschuss auf dem Plan, der mit 9 Stunden wieder sehr fordernd war. Auch im Bereich IT-Themen kam ich voran. Die Woche schließt mit der Seminarteilnahme beim Arbeitskreis Darmstädter Signal.

Doch bei allem Optimismus: vieles ist noch im argen und nicht in der Waage.

Druck – EntlastungZiele

Der Termin am Freitag zum Berufsförderungsdienst lies mich zunächst schlecht schlafen. Ich rechne immer noch damit, dass Instanzen, die ich in den vergangenen Jahren stark kritisiert habe noch Repressalien auf Lager haben und zur Anwendung bringen könnten.

Doch anders als zu befürchten: ich werde an der Deutlichkeit meiner Worte nichts einschränken.

Der Plan ist, schnellst möglich die Schulden der letzten beiden Jahre abzubauen und nach Abschluss des Masterstudiums sowie einer ausreichenden Arbeitserprobung das Diennstverhältnis „Schutzzeit“ zu kündigen, um die Abhängigkeit los zu werden, in der ich mich derzeit befinde.

Die Bundeswehr, der Journalismus und ich

Im Jahr 2010 habe ich begonnen das fortzusetzen, was ich in Anteilen schon zu Bundeswehrzeiten (zw. 2002 und 2008) getan habe. Die Arbeit in den Medien war dort bestenfalls PR-Arbeit und auf jeden Fall eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten, die der Dienstherr sich wünschte.

Mein Schritt in den Journalismus und die Entscheidung Onlinejournalismus zu studieren war davon geprägt, dass ich im September 2008 zum Schweigen verdonnert worden bin – ein Schweigen, das erst im Mai 2013 gänzlich brach. Der Bruch war ein Teil der Aufarbeitung, die ich in den letzten zwei Jahren ein gutes Stück voran gebracht habe.

Naiv – anders kann ich meinen Glauben daran nicht nennen, dass eine effektive Kontrolle des Parlamentes verhindert, dass die Bundeswehr ihr Handeln im Ausland vertuschen kann. In den Dienst eines Kämpferkultes habe ich mich nie gestellt. Auch nicht „Ja“ dazu gesagt über den Umgang mit Kriegsgefangenen zu schweigen oder mich der kritischen Frage nach ihrem Verbleib willentlich zu verschließen.

Diese Dinge dennoch erleben und durchleben zu müssen hat mich – neben einigen anderen Erfahrungen – geschädigt, traumatisiert und erkranken lassen. Der Friedensaktivist und Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann hat in seinem Buch „Niemals gegen das Gewissen“ eindrucksvoll beschrieben, welchen inneren Kampf, welche Zerissenheit die Folgen eines aufgezwungenen Handelns gegen das Gewissen bedeuten.

Defacto wurde mit dem Grundgesetz bei der Gründung der Bundesrepublik und der späteren Neuaufstellung einer Deutschen Armee ein Anspruch formuliert, dass solches Handeln gegen das Gewissen nie wieder vom Staat auferlegt werden darf. Doch es ist viel grau zwischen dem eindeutigen Schwarz und dem eindeutigen Weiß. Mich selbst darin wiederzufinden, damit auseinander setzen und mich letztlich neu vor mir selbst rechtfertigen zu müssen hat viel Kraft gekostet.

Es wäre unnötig gewesen, hätte es diese Lügen nicht gegeben.

Zum 16.03.2015 trete ich in eine sogenannte Schutzzeit ein. Ein Bundesdienstverhältnis, finanziert aus dem Einzeplan 14 – also dem Wehretat. Ziel dieser Schutzzeit ist es, mir Raum für gesundheitliche Rehabilitation und berufliche Eingliederung zu geben. An meinem Berufsziel hat sich nichts geändert.

Im Rahmen dieser Schutzzeit ist die Bundeswehr in der Pflicht, die beruflichen Qualifikationsmaßnahmen zu finanzieren und für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, damit mir im Gegenzug Zeit und Raum bleibt, die gesundheitlichen Folgen aufzuarbeiten, die die letzten Jahre hinterlassen haben.

Formal jedoch gibt es ein Problem: ich unterliege dem Soldatengesetz, gelte als militärischer Vorgesetzter, denn ich bin in eine Hierarchie eingegliedert, die Dienstgrade definiert. Dazu zählen dann gewisse Verschwiegenheits- und Zurückhaltungspflichten in dienstlichen Belangen. Formalkorrekt ist jede Äußerung, die ich zu Bundeswehrthemen ab dem 16.03.2015 mache angreifbar.

Ich muss davon ausgehen, dass es Kräfte in den Reihen der Armee gibt, die darauf setzen werden oder durch „dezente Hinweise“ darauf drängen könnten, ich solle mich zu gewissen Themen nicht äußern.

Nun denn – ich werde es darauf ankommen lassen, denn ich bin nicht Teil des militärischen Apparates und nur zum Zwecke der beruflichen Qualifikation und gesundheitlichen Rehabilitation auf der Payroll.

Die Sorge der letzten Jahre um Genesung und darum, wie ich meine Familie ernähren kann weicht nun der Sorge, welche Repressalien mit der „Schutzzeit“ einher gehen. Wird versucht werden, auf meine laufende Therapie Einfluss zu nehmen? Werde ich – wie schon 2013 geschehen – zur Einnahme von Medikamenten gedrängt oder durch bewusste Falschinformationen über Art und Ablauf von Therapiemaßnahmen getäuscht?

Ich bin entschlossen, positiv und optimistisch zu bleiben. Doch letztlich werde ich keine Eingriffe in meine Autonomie mehr dulden, die politisch oder durch Militärinteressen motiviert sind.

Nötigen Falles erstreite ich mir das Recht auf eine Krankenversicherungslösung, die ohne die militärisch geprägte „Freie Heilfürsorge“ auskommt oder werde mich gänzlich frei finanzieren, wenn es um gesundheitliche Belange geht.

In den letzten zwei Jahren habe ich aufgrund der Kosten für Lebensführung, Therapie und Unterhaltsverpflichtungen Schulden aufgebaut, die ohne die Erkrankung und die damit einhergehenden Einschränkungen nicht entstanden werden. Diese werde ich im Laufe der Schutzzeit auch abbauen können.

Journalistisch werde ich in Bezug auf den Umgang mit mir weiter so öffentlich Verfahren, wie ich das im Blog „Wir-Dienten-Deutschland.de“ bisher getan habe. Demokratie und das Recht auf freie Meinungsäußerung dürften damit kein Problem haben – wenn sich die Bundeswehr dazu als inkompatibel beweisen will, bin ich der Institution dabei gerne behilflich.

Journalistisch werde ich weiterhin die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr, die Rüstungs- und Verteidigungspolitik sowie die damit verknüpften Auswüchse im Blick haben, begleiten und mich kritisch betätigen. Wenn es mir da mit unter an Sachlichkeit mangelt oder die Wut ein schlechter Berater sein möchte, gibt es immer noch das Mittel der Satire – so denn es bei den Entwicklungen entlang der Baustellen der Truppe überhaupt noch Bedarf an Überzeichnung gibt.

Journalistisch wird mein Engagement weiterhin antifaschistisch sein und wie in den Jahren zuvor ohne Gewalt gegen Personen oder Sachen auskommen.

Friedenspolitisch lehne ich Drohnen ebenso ab, wie die derzeitige deutsche Einbindung in das NATO-Bündnis, in dem nationale Alleingänge, die in Afghanistan und Pakistan für mich jegliches Maß verloren haben – so denn jemals maßvoll gehandelt wurde.

Der Apparat wird damit leben müssen einen scharfen Gegner auf der eigenen Payroll zu haben, ohne Einfluss ausüben zu können – es wird eine spannende Schutzzeit.

Wiedereinstellung schriftlich – es kann besser werden

Ein bisschen weiter, als bis zum Schnittbild in den 17:00 Uhr-Nachrichten (‪#‎NSAUA‬) muss ich es noch bringen, in diesem Journalismus. In den nächsten fünf bis acht Jahren habe ich nun zumindest die Möglichkeit.

Heute traf nach massivem Druck durch Öffentlichkeit und aus aus Kreisen der Politik nun endlich die schriftliche Bestätigung ein, dass die Schutzzeit am 16.03.2015 beginnt.

Meine Hauptaufgaben sind ab 16.03.2015 wieder der Abschluss des Studiums, sowie die Therapiemaßnahmen. Die normale Qualifikationshöhe für einen Bundeswehroffizier ist „Master-Abschluss“. Diesen werde ich anstreben.

Zeitgleich ist der Bundeswehr zu empfehlen, meine journalistische Arbeit nicht zu kompromittieren oder gar einschränken zu wollen. Der ‪#‎NSA‬-Untersuchungsausschuss wird ebenso Thema bleiben, die die Bereiche Sicherheits- und Verteidigungspolitik.

Meine klare Positionierung gegen die Drohnenpolitik sowie die Aktivitäten im Bereich Whistleblower-Netzwerk e.V. , Darmstädter Signal e.V. und Veron
werden bleiben.

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Wasserstandsmeldung

Was helfen würde:
1 Jahr voll auf mein Thema & die Bachelorarbeit konzentrieren können.

Was gerade nicht hilft:
Job 1 & Job 2 haben nichts mit meinem Thema zu tun – Therapie und Coaching fressen viel zusätzliche Zeit. Das stellen von Hilfsanträgen DRÄNGT in zweierlei Hinsicht. In erster Linie wäre der Papierkram zu bearbeiten – in zweiter Linie führt das wieder zur Auseinandersetzung auf einer Ebene mit dem Einsatzthema, die mir nicht gut tut und mich nicht weiter bringt. Es wirkt derzeit auf mich so, dass durch diese Abhängigkeit das Problem konserviert und zementiert wird.

Auf der Strecke bleibt:
Viel zu viel.

Jammern hilft nicht – wegschauen aber auch nicht!

Das Totschweigen von Belastungen allerdings auch nicht. Ende November jährt sich zum zweiten Mal die Veröffentlichung der Afghanistanpapiere der WAZ. Für mich bemerkenswert, denn ab diesem Zeitpunkt konnte ich die Aufarbeitung meiner Einsatzerlebnisse nicht weiter vor mir her schieben.

Die Auswirkungen hatten in den Jahren davor bereits dazu beigetragen, das meine Ehe zerbrach und ich im Studium immer mehr Probleme im Umgang mit Professoren und Kommilitonen bekommen habe. Ich bereue nicht, dass ich dem Impuls gefolgt bin und angefangen habe, aufzuarbeiten. Die sinnentstellenden und realitätsfernen Meldungen, die offenbar Grundlage dafür sind, dass Lageentwicklungen in Einsätzen von der Politik falsch eingeschätzt werden, sind nun offenkundig und zumindest in meinem Fall belegt.

Zahlreiche Rückmeldungen anderer Soldaten bestätigen mir, dass diese Wahrnehmung nicht nur meine persönliche Wahrnehmung ist. Im Gutachtergespräch am vergangenen Montag wurde mir erstmals bewusst, welche Zersetzung Ende des letzten Jahres betrieben wurde:

1. Drohungen

Anlässlich meines Protests gegen Überwachung tauchten in meinem Netzwerk auf Facebook – damals Hauptkanal für mich – immer wieder Gewaltandrohungen auf. Subtil bis offenkundig – zeitweise direkt, zeitweise durch Dritte an mich heran getragen. Gewaltvideos, in denen Personen in den Kopf geschossen wird – verknüpft mit Äußerungen zu meiner Person. Erkennbar für jeden, der wusste, dass ich angesprochen werden sollte – in der Sprachwahl so geschickt formuliert, dass die Äußerungen nicht justiziabel sind. Der Absender: Reservist.

2. Diffamierungen

Bis in den Februar hinein wurden meine Themen von mindestens einem hochrangigen Soldaten im aktiven Dienst begleitet, der nach eigenem Bekunden viel Zeit seines Urlaubs, aber keinesfalls Dienstzeit aufwendete, um sich – natürlich – aus rein persönlichem Interesse an den Diskussionen rund um die Themen zu beteiligen, die ich aufgeworfen habe.

Je tiefer ich recherchiere, desto öfter stelle ich fest, dass der Mann auf anderen auffällt, die an ähnlichen Themen arbeiten, wie ich damals. Der Absender: aktiver Soldat.

3. Zersetzung

Das oft erwähnte „Adlongespräch“ war einer der letzten Punkte, die mich dazu bewegten, das Bundeswehrkrankenhaus Berlin nicht mehr aufzusuchen. Aufforderungen, die publizistischen und journalistischen Tätigkeiten einzustellen waren direkt und einschüchternd. Auch in diesem Bereich nicht justiziabel, aber eindeutig im Grad der Bedrohung. Meine Onlineaktivitäten würden gesammelt, ausgewertet und gegebenen Falles durch Dinge ergänzt „die man hinzuerfinden kann“. Der Absender: Reservist im aktiven Beamtendienst in einem Bundesministerium.

4. Verunsicherung

Obwohl ich die Auswirkungen mit meiner damaligen Therapeutin besprach, sah sie mich auf einem guten Weg in der Therapie. Maß sie dem ganzen zu wenig Bedeutung bei? Konnte sie unterschätzen, was ein Themenverbot aus meiner damaligen Redaktion mit mir macht oder war ich schlichtweg schon so sehr in der Verteidigungshaltung? Emotionale Abkapselung, um dem externen Druck standzuhalten – das kannte ich bereits aus Einsatzzeiten.

Prioritäten setzen

Die soziale Isolation, in der ich in den Jahren zwischen 2008 und 2013 überwiegend gelebt habe konnte ich in den letzten Monaten aufbrechen. Berlin machte mir Verbesserungen in diesem Bereich sehr leicht – eine Provinzstadt mit überwiegend konservativer Ausrichtung hätte mich wohl über Jahre nicht voran gebracht. Das Engagement, das ich nun in zahlreichen Bereichen an den Tag bringt mich in der Aufarbeitung deutlich voran.

Irritationen einzelner Akteure, die in mindestens zwei meiner Kreise in den letzten Wochen aufgetreten sind wirken sich dennoch nicht negativ aus. Subtile, aber spürbare Aggitation finden statt. Doch mein Umfeld reagiert mit offenem Hinterfragen dieser Impulse, statt sich von mir zurückzuziehen, wie ich das im Social Media Kontext erleben musste.

Erfolge

Erstmals seit Jahren war mir ein Urlaub möglich, in dem ich im überwiegenden Teil der Zeit erholen konnte und das auch spürte. Schottland stand lange auf der Wunschliste und brachte eine spürbare Entlastung.

Seit vergangener Woche geht es auch mit dem Abschluss der Bachelorarbeit voran. Die klare Ausrichtung in der letzten Coaching-Sitzung half mir bei dem Gespräch mit Professor am vergangene Freitag. Die anschließende 31-Stunden-London-Reise zur Open Rights Conference brachte mich in Bezug auf die Bachelorarbeit ebenfalls voran.

Ausblick mittelfristig

Nur ein Kurs ist noch abzuschießen. Die Zeitplanung für die Kursleistung steht und im Rahmen der Bearbeitung werde ich hoffentlich das Selbstvertrauen generieren, was für die Bachelorarbeit notwendig ist.

Derzeit rät mir mein Professor während der sechswöchigen Bearbeitungszeit, die zeitlich im März / April 2015 liegen muss, komplett auf das Thema zu fixieren. Sinnvoll, was die Bachelorarbeit angeht – ob ich jedoch danach noch beide Jobs haben werde, wage ich zu bezweifeln. Am Ende wäre ich jedoch ein HARTZ4-Empfänger MIT Bachelorabschluss.

Auf Therapie und Coaching zu verzichten ist in diesem Zeitraum ebenfalls nicht möglich und da am Ende der Bachelorarbeit die Exmatrikulation (mit Abschluss) steht, müsste ich parallel noch Zeit für Bewerbungen aufwenden, um nicht aufgrund der Unterhaltsverpflichtungen von Ämtern direkt im Anschluss in eine Arbeitsätigkeit gezwungen zu werden, die nichts mit meinem Berufsabschluss zu tun hat. Rechtlich wäre das zulässig.

Ausblick langfristig

Die ursprüngliche Ausbildungshöhe „Masterabschluss“ wurde durch die Turbulenzen der letzten Jahre mittlerweile unerreichbar. Weiter studieren geht nur unter der Prämisse der regelmäßigen Unterhaltszahlung. Ergo müsste ich 80 bis 100 Stunden pro Woche arbeiten. Mich über zwei – realistisch sind eher drei – Jahre mit dem Studienkredit zu belasten ist nicht sinnvoll.

Ausblick Woche

Job 1 leidet, während ich den Artikel schreibe – doch ohne die Ordnung, die ich mit diesem Artikel in die Herausforderungen bringe, ist kein Start in die Woche möglich. Die Termine sind realistisch und strukturiert gesetzt – auch während des Coachings erfahre ich Bestätigung, dass ich in diesem Bereich keine Defizite habe.

Fazit:

Eine gute Basis,um ab Freitag dann mal wieder etwas zu sein, das ich seit Mai kaum war: Vater.

Wieder einmal Danke sagen & die nächsten Wochen ordnen

Heute ging die Unterstützungszahlung auf meinem Konto ein. Das Bundeswehr-Sozialwerk hat eine weitere Zahlung für Dezember 2014 zugesagt. Die Unterstützung wurde notwendig, weil ich derzeit immernoch weitgehend untherapiert auf den Abschluss des Wehrdienstbeschädigungsverfahrens warte.

Überweisungs-Gutschrift
Bundeswehr-Sozialwerk e.V
Zuschus aus der Aktion Sorg
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Neben der Notwendigkeit, das Studium abzuschließen – wobei mir jeglicher autoritärer Eingriff in meine Arbeit immer noch große Probleme bereitet – arbeite ich in zwei Jobs und schaffe es mit der Unterstützungsleistung auf ein angemessenes Einkommen, dass die Zahlung von Unterhalt zulässt.

Seit Anfang Oktober 2014 wende ich Zeit (& Geld) für ein Coaching auf, das mich durch die Phase der Bachelorarbeit begleiten soll. Gleichzeitig startete ich eine Traumatherapie, mit deren Hilfe die körperlichen Auswirkungen der stressbedingten Erkrankung abgebaut werden sollen.

Da es derzeit kein Verfahren gibt, dass Ex-Soldaten, die in der Verwaltungsmühle hängen, werde ich weitere Anträge stellen müssen.

Verwaltungsmühle Wehrdienstbeschädigung

Länder und Bund rangelten seit Jahren um die Zuständigkeiten in der Veteranenversorgung. Waren nach altem Recht noch die Landesämter zuständig, wechselt derzeit die Verantwortlichkeit auf die Bundesebene. Nötig wurde dieser Schritt, wie mir eine sachkundige Quelle kürzlich schilderte, weil es gravierende Unterschiede in der Anerkennung von Schädigungshöhe zwischen den einzelnen Bundesländern gab.

Noch im September – Monat 17 der Bearbeitung meiner Wehrdienstbeschädigung – äußerte der PTBS-Beauftragte General von Heimendahl im persönlichen Gespräch: „Es hätte nicht passieren dürfen, dass ihre Übergangsgebührnisse auslaufen, bevor das Wehrdienstbeschädigungsverfahren abgeschlossen ist.“

Aktive Soldaten dürfen mit einem laufenden Verfahren nicht entlassen werden – Übergangsgebührnisempfänger mit identischem Verfahrensstand haben diesen Entlassungsschutz nicht und über den Versorgungsstand von Ex-Soldaten, die bereits vollends im Zivilleben angekommen waren, lässt sich nur mutmaßen.

Genesungsstand

Nachdem meine Therapeutin, die ich eigens wegen der Behandlungsmethode EMDR gewählt hatte offenbar voll darauf versteifte, ich sei wegen einer „anankastischen Persönlichkeitsstruktur“ (a.k.a. besserwisserisches Ar…lo..) in Behandlung brach ich die Gesprächstherapie im Mai ab.

Interessant – in dem Onlineverzeichnis, in dem ich auf sie aufmerksam wurde führt sie diese Qualifikation, auf ihrer eigenen Homepage jedoch nicht. Ebenso existiert auch kein Eintrag im EMDRIA. Vorsicht also mit Online-Verzeichnissen – ich habe es leider zu spät bemerkt.

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In den letzten 14 Monaten nach Ende der stationären Therapie im Bundeswehrkrankenhaus in Berlin hatte ich hauptsächlich damit zu tun, die Auswirkungen der Depression im Alltag zu begreifen und in den Griff zu bekommen. Der Therapieabbruch im Mai, sowie die Probleme eine bezahlbare Krankenversicherung zu bekommen, die mich von Juli bis September unter großen Druck setzten, haben mich viel Kraft gekostet.

Erholung

Es dauerte bis zum 6. Oktober, bis erste Entlastungseffekt spürbar wurden und die Zusagen aus dem Büro des PTBS-Beauftragten sich bewahrheiteten. Ob es der sinkende Stresslevel, die fortschreitende Traumatherapie (TRE – Trauma Release Exercise) oder schlichtweg ein Virus waren – rund 14 Tage verbrachte ich im Oktober mit einer deutlich spürbaren Erkältung. So schwach habe ich mich körperlich seit mehr als 3 Jahren nicht mehr gefühlt. 14 bis 16 Stunden Schlaf pro Tag waren möglich.

Überraschend konnte der Studienkredit der KfW-Bank reaktiviert werden und wurde rückwirkend für ein Semester ausgezahlt. Ich entschied mich darauf hin, das Geschenk als solches auch für mich zu nutzen und flog für eine Woche in den Urlaub nach Schottland. Meine erste längerer Reise nach der Rom-Reise, die ich mit dem Rucksack im April 2011 machte.

Notwendig. Auch hier bemerke ich, dass ich deutlich länger und besser schlafe – eine Auswirkung, die seit Beginn der Traumatherapie sehr deutlich spürbar ist

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Kommende Stressoren

In der nächsten Woche steht zu Wochenbeginn die Untersuchung im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg an. Länger, als einen Tag ambulant lasse ich nicht zu. Das hat mehrere Gründe.

Zunächst muss ich den Arbeitsverpflichtungen in Berlin regelmäßig nachkommmen. Daran ändern auch Zahlungen aus Hilfsfonds und Stiftungen nichts, denn diese waren nur für September 2014 bis Dezember 2014 gesichert.

Gravierender aber ist, dass das herumrühren in Krankheitssyptomatiken mittlerweile nicht mehr zu dem Weg passt, auf dem ich mich befinde. Ich arbeite aktiv an der Genesung, soll aber – so verlangt es der Verwaltungsweg – nun begutachtet werden, was mehr der Diagnose und dem herumrühren in Krankheitssyptomatiken ähnelt als dem herausarbeiten aus der Krankheit. Die Verwaltungsformalien sind vor allem eines: kontraproduktiv.

Ende der kommenden Woche steht dann ein Gespräch mit meinem Studiengangsleiter an, wie der Abschluss des Studiums und die Bachelorarbeit vonstatten gehen kann.

Bachelorarbeit, Vollzeit-arbeiten-müssen, zeitgleich in Traumatherapie und massig lästiger Schriftverkehr mit Ämtern und möglichen Hilfe-Stellen – das Programm der nächsten Wochen…

Erzählt mir also nichts von lauem Lenz oder dass ein Urlaub ja wohl eine Frechheit sei …

Das „Adlon“-Gespräch – warum die Pause nötig war

Nach nur wenigen Artikeln über den Fortgang der Therapie greife ich das Thema Trauma nun wieder auf. Die Aufarbeitung läuft anders, als 2013 – aber nicht weniger intensiv. Kritikern, die mir vorhalten: „Geh studieren und such dir eine Arbeit!“ kann ich derzeit nur mit meinem Assistenten begegnen. Manche habe ich auch schlichtweg aus dem Freundeskreis entfernt.

Kritik aus Reihen der Einsatzgeschädigten

Die Schlagzahl der Artikel hier hat sich ein wenig reduziert. Vereinzelt kam Kritik auf „Ja, Ja, die finanzielle Situation ist gesichert – schon hast du kein Interesse mehr am Thema!“ Diese Einschätzung ist schlichtweg falsch. Die Aufarbeitung der Erlebnisse kostet Kraft und Energie, die nicht immer gleichmäßig vorhanden ist – nicht zuletzt, wenn Druck auf mich ausgeübt wird.

Meine Konzentrationsfähigkeit schwankt sehr stark und die Rahmenbedingungen, um zu schreiben und Texte zu entwickeln sind nicht immer vorhanden. Schreiben – noch dazu wenn es einen Menschen selbst betrifft – ist kein Wasserhahn, den man aufdreht und schon fließen die Worte.

Das Thema verliere ich aber nicht aus den Augen. Weder für mich, noch für andere.

Adlon-Gespräch: Die eigene Strategie: „Ich mache weiter!“

In einem Phoenix-Interview habe ich thematisiert, wie ich derzeit meine Arbeit schützen muss. Über den Ablauf des „Adlon-Gespräch“ gebe ich im Text dann Auskunft.

Im Dezember griff mich ein „Regierungsmitarbeiter“ während meines Protests auf der Straße vor der britischen Botschaft ab und lud mich ein: „Da kann ja mal der eine Reservist dem anderen einen Kaffee ausgeben.“

In dem rund dreistündigen Kaffeegespräch drehte er mit mir eine kleine Runde durch die politischen Strukturen Berlins und gab mir einen intimen Einblick in die Arbeitsabläufe und mit welchen Kräften ich mich da derzeit anlegen würde.

Er riet mir, Facebook, Twitter und Blogaktivitäten einzustellen und war auch der Auffassung, dass das Thema meiner Bachelorarbeit nicht von allgemeinem öffentlichen Interesse sei.

Er: „Sie wollen doch keine „Kaderakte“ haben.“
Ich: „Was ist denn eine Kaderakte?
Er: „Da steht alles drin, was sie online so machen. Und noch das, was man so dazu erfinden kann.“

Schon zum Selbstschutz kündigte ich an, dass ich nicht etwa Islamkarrikaturen, Trauma oder Menschenrechtsverletzungen im Auslandseinsatz thematisieren würde, sondern Journalisten einen Überblick über notwendige Schutzmaßnahmen für die redaktionelle Arbeit geben will.

Im Gespräch zückte der Regierungsmitarbeiter irgendwann seinen Truppenausweis und meinte:

„Das Ziel muss doch sein, dass sie wieder so etwas bekommen.“ Ich entgegnete, dass er sich gar nicht vorstellen könne, wie sehr ich NICHT mehr Teil der militärischen Hierarchie sein will:

„Das einzige, was ich mir in Bezug auf eine Tätigkeit beim Bund noch vorstellen könnte wäre, im Büro des Wehrbeauftragten die Verfehlungen der Truppe zu verfolgen.“

Ein Widerspruch in sich

Wo genau der „Regierungsmitarbeiter“ mit mir hin wollte kann ich nur mutmaßen. Zunächst bescheinigte er mir, dass ich zu intelligent für eine normale Bundeswehrlaufbahn sei :
„Sie nehmen zu viel wahr und hinterfragen das dann. Das hätte die Offizierbewerberprüfzentrale feststellen müssen und sie gar nicht zum Offizier zulassen sollen. Solche Leute sucht man dort eigentlich nicht.“

So recht passt es nicht zu seiner Aussage, ich müsse doch wieder einen Truppenausweis bekommen.

Ich nahm prompt die Auswahlkommission in Schutz. Mein Abiturzeugnis legt mit einem Durchschnitt von 3,5 in der Tat nahe, dass ich nicht das hellste Birnchen am Weihnachtsbaum wäre.

Trauma-Exkurs

Der Regierungsmitarbeiter war bereit, mir ein paar hilfreiche Hinweise zu geben, was meine Traumatisierung angeht. Offenbar geschichtlich bewandert begann er seine Trauma-Deutung mit den Kriegszitterern im ersten Weltkrieg und der Feststellung, das im zweiten Weltkrieg das Phänomen seltener aufgetreten ist.

Der Aspekt (Todes-)Angst und Lebensgefahr über einen längeren Zeitraum ausgesetzt zu sein spielt offenbar eine wichtige Rolle für das Trauma. In meinen Einsatzerlebnissen ist dies häufiger zu finden. Insbesondere die Lager-Situation habe ich nach den Erlebnissen in Tetovo als belastend empfunden.

Ein Camp in der Innenstadt – im Wissen, wo das in Tetovo geendet ist, war schon die Einfahrt in das alte Camp in Kunduz eine Einstimmung auf die bedrückenden Gefühle, die ich aus dem März 2001 kannte. Eine ehemalige Gärtnerei mit Lehmmauern im Bereich der Stadt – die Parallelen waren eindeutig und stießen mir sofort unangenehm auf.

Mit der Verschärfung im Januar 2006 wurde das Camp dann im Februar 2006 zum Präsentierteller, der wohl nur durch Glück nicht zum Mittelpunkt einer gewalttätigen Demonstration wurde, wie das Camp in Meymaneh, Frayab.

Kein Ausweichen möglich

Auch in den späteren Einsätzen waren die Situationen belastend, in denen es keine Möglichkeit gab, mich in Sicherheit zu bringen. Die beiden Fahrten zu denen ich mit wenig oder schlicht falschen Informationen aufgebrochen bin waren dabei ebenso belastend, wie die Einbindung in die militärische Hierarchie.

Wenn eine fachlich korrekte Entscheidung auf Basis von „Eichenlaub auf der Schulter“ negiert wird, dann nimmt es gleichermaßen den Raum, das Richtige zu tun, wie das Festsitzen in einem Jeep, der ungeschützt in eine nicht angekündigte Tagesfahrt unterwegs ist.

Provokation am laufenden Band

Der „Regierungsmitarbeiter“ unternahm immer wieder Versuche mich zu provozieren. Konservative Ansichten ertrage ich in der Regel – über schwulenfeindliche oder antisemitische Äußerungen, wie sie in dem Gespräch passierten kann ich nicht hinweg sehen.

Als sich der Mitarbeiter am Ende des Gespräch vor der US-Botschaft von mir verabschiedete, stand am Pariser Platz gerade der achtarmige Leuchter – ein jüdisches Symbol.

Regierungsmitarbeiter: „Das Ding kennen Sie, oder?“

Worauf er mit der Frage hinaus wollte, war mir zunächst nicht klar, aber ich sollte die Information gleich erhalten:

„Dieses Facebook – das ist auch von so einem Juden gemacht.“

In einem späteren Mailkontakt ergänzte der Regierungsmitarbeiter sein Profil noch um einige weitere Einschätzungen. Passend zu einer „Tornisterkarte“ von 1941 ( heute heißen solche Karten für Soldaten „Taschenkarten“) ordnete er in der Mail ein, dass er die Einwanderungspolitik der letzten 30 bis 40 Jahre für verfehlt halte.

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Ich habe mich nach über einem Monat jetzt dazu entschlossen, diese Dinge öffentlich zu machen. Eigentlich kein guter Stil für einen Journalisten private Nachrichten zu veröffentlichen – aber wie bereits erwähnt: die antisemitischen Äußerungen aus dem Gespräch, wie auch die weiteren Provokationen nehme ich nicht hin.

Ich habe weitestgehend anonymisiert – Rückschlüsse auf die Person sollten nicht möglich sein. Dienstliche Nachteile dürften sich auch nicht ergeben – nach eigenem Bekunden ist der Verfasser der eMail kurz vor Ende seiner Dienstzeit und denkt auf einem Buch herum, dass weitere intime Blicke in die Berliner Regierungsarbeit gibt.

Na, da kann ja mal der eine „Noch-Reservist“ dem anderen „Reservisten“ doch einmal Starthilfe geben und Werbung machen für das, was da irgendwann kommt.

Trennen? Nicht möglich.

Immer wieder wurde ich auch von Kommentatoren aufgefordert, das Traumathema aus meiner Arbeit heraus zu nehmen. Ich denke, mit der Erfahrung, die ich gesammelt habe, ist das nicht möglich.

Ich muss davon ausgehen, dass Kritiker mir in Zukunft bei jeder möglichen Gelegenheit das Trauma vorhalten und Recherchen, Artikel und Äußerungen damit entkräften wollen. Diverse Facebook-Diskussionen nahmen bereits diesen Verlauf.

Das, was ich erlebt habe hat – neben all den belastenden Aspekten, die mein Leben stark beeinträchtigen (Depression, erhöhte Wachsamkeit, Unfähigkeit zu Vertrauen) auch ein paar Vorteile, die ich hoffentlich bald für mich nutzen kann.

Bis ich dazu in der Lage bin, bitte ich mein Umfeld um folgendes:

1. Wenn weitere Regierungsmitarbeiter mit mir Kontakt aufnehmen wollen dürfen Sie es gern tun. Ich unterhalte mich gern über die Traumaaspekte und über Missstände in der Bundeswehr – wir können Stunden damit verbringen, ohne dass später Details veröffentlich werden, wie ich es heute tat. Nehmen die Gespräche allerdings den Verlauf des Adlon-Gesprächs, dann ladet euren Mist bitte anderswo ab.

2. Freunde und Kollegen: redet mit mir. Zahlreiche Diskussionen finden statt. Die Anzeichen dafür sind da, werden mir teils absichtlich, teils unabsichtlich mitgeteilt. Mit mir selbst reden tun jedoch die wenigstens. Über mich reden: offenbar einige.

3. Vorgesetzte und Arbeitgeber
In diesem Bereich kann ich mir nur wünschen, dass Anrufe und Beeinflussungen der redaktionellen Arbeit öffentlich gemacht werden, wenn sie kommen.

Ich mache mir keine Illusionen, dass es viele Möglichkeiten gibt, mir das Leben schwer zu machen. Besonders im finanziellen Bereich bin ich weiterhin nicht stabil – werde es wohl auch mit der schwankenden Leistungsfähigkeit nicht immer sein.

Unterstützung, Gegenwind und klare Worte

Die Reaktionen auf meinen Beitrag „Ich fühle mich schuldig – I apologize“ geben mir einerseits viel Kraft.
Andererseits merke ich, wo die destruktiven Kommentare in Masse, mit großer Intensität herkommen und aus welchen Kreisen ich aktiv aufgefordert werde, den Mund zu halten.

Leider können fünf oder mehr positive Kommentare den einen zerstörerischen Kommentar nicht auffangen und ich würde in solchen Momenten – rein aus Selbstschutz – am liebsten das Thema an den Nagel hängen.

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Doch das wäre eine zu schnelle Reaktion. Denn das Thema holt mich – und das ist wohl Teil der Erkrankung – unweigerlich wieder ein. Ich fühle eine ebenso starke Verpflichtung, diesen Einsatz öffentlich aufzuarbeiten, wie ich mich als Vorgesetzter gegenüber meinen Soldaten und meinen Redakteuren verpflichtet gefühlt habe.

Weit über jede Pflicht

Wäre es nur eine Pflicht: mit der Übergabe der Entlassungs- und Dankurkunde wäre ich davon entbunden gewesen. Doch wie wohl für viele Ex-Soldaten mit Depressionen und den immer wiederkehrenden Einsatzerinnerungen kann keine Entlassurkunde abschließen, was vor Ort an Erschütterung stattgefunden hat.

Ich kam in der Absicht zur Bundeswehr und in die Einsatzländer, mich für Menschenrechte einzusetzen, diejenigen zu beschützen , die sonst Kriegswirren, den Folgen von Katastrophen oder korrupten, verbrecherischen Staatsregimen zum Opfer fallen.

Für mich – und vermutlich für viele andere – ist das Erkennen der Lüge, die in die Öffentlichkeit und auch in Richtung des Parlaments verkauft wird das größte Problem.

Im Wissen, dass ich mich nach all meinen Erfahrungen heute nie wieder bei einer Bundeswehr verpflichten würde, die solche Zustände duldet, geheim hält und wohl auch fördert.

Viel Gegenwind, viel Rückenwind – aber auch: ehrliche Worte

Ein Kommentator brachte es auf den Punkt und machte deutlich, was vor Ort in Afghanistan für einige Führungsebenen Tagesgeschäft ist, für andere nur spürbar, wohl aber auch für viele Soldaten absolut nicht erkennbar.
Der Grundsatz, nachdem die Hierarchie hier verfährt, ist „Führen durch Informationsvorbehalt“.

Fakt: Die Regierung Karzai verlangt seit Jahren, dass die ISAF-Nationen keine Afghanen gefangen halten sollen, sondern diese übergeben.
Fakt: Die Bundesrepublik Deutschland hält sich daran und hat die Bundeswehr angewiesen (Taschenkarte Umgang mit Gefangenen), die Gefangenen schnellstmöglich an die afghanischen Behörden zu übergeben. (Leider)
Fakt: Ein Teil der afghanischen Behördenleiter sind Verbrecher, die wir meist milde als „Warlords“ bezeichnen und die einen sehr unwürdigen Umgang mit Gefangenen pflegen – oder diese schnell laufen lassen, wenn sie zu ihrer eigenen Bande gehören.

Resultat: Viele Einsatzsoldaten fragen sich oft, ob wir überhaupt auf die Richtigen schiessen Wenn jemand wie Daniel solche Dinge erlebt hat und darunter leidet, hat er wohl das Recht, dies zu äußern. Wenn die Bundesrepublik Deutschland nicht damit leben kann, dass diese Dinge bekannt werden, darf sie ihre Soldaten eben nicht mit solchen Mandaten in solche Länder schicken!!! Sie kann aber offenbar auch damit leben, die davon seelisch geschädigten Soldaten jahrelang als Sozialfälle und Suizidgefährdete dahin vegetieren zu lassen.

Mir geht es weiterhin nicht darum, das Verhalten von Soldaten anzuprangern. Mir geht es darum, dass sich unsere Politik – unsere Regierung – nicht vor der Realität der Einsätze sperren darf. Wenn geäußerte Kritik – so deutete es ein weiterer der Kommentatoren an – zur Entlassung oder Ablösung führt, dann muss diese Realitätsverweigerung Konsequenzen auf der politischen Ebene haben.

Ich werde auch künftig mit Parteien, die mich in dieser Arbeit unterstützen, zusammenarbeiten. Wenn das die Partei „Die Linke“ ist, dann hatte und habe ich damit kein Problem. Wenn ich Absagen erhalte, wie im Fall 27.09.2008 aus einem Büro der Grünen, dann werde ich das ebenso öffentlich machen, wie die Reaktion aus dem Büro der ehemaligen FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff.

Unsere Gesellschaft darf sich der Aufarbeitung eines rund 13 Jahre dauernden Einsatzes nicht verwehren.