#PTBSKur – Ich wäre dann durch. Fast.


Die Kur neigt sich dem Ende und auf die letzten Tage fühlt es sich an, als könne ich nun eine Kur dringend gebrauchen. Oder Urlaub. Auf jeden Fall Erholung. Nachdem es am Wochenende wieder einmal anklopfte – also ich gedanklich mehr im Einsatz, als im normalen Leben war – kamen diese Woche einige Stressoren hinzu. Die Reihenfolge ist zeitlich und nicht qualitativ zu sehen. Insbesondere heute ballen sich diese. Immerhin: ich bemerke sie und gehe damit um.

1. Stressor: Karfreitag

Nachdem ich am Karfreitag selbst versucht habe die Gedanken an das Karfreitagsgefecht 2010 und was es bei mir ausgelöst hat zu verdrängen, kam ich am Samstag an den Punkt, dass ich darüber schrieb, um die Gedanken aus dem Kopf zu verbannen und in das Blog hier zu bannen. Es klopfte mal wieder an.

2. Stressor: Familienwochenende

Viel Trubel. Viele Fragen. Laute Menschen. Nicht alles läuft harmonisch (Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes erörtere ich keine Familieninterna in diesem Blog.)

3. Stressor: Lagerkoller

Die Klinikunterbringung gleicht einem Hotel. Doch der eingeschränkte Aktionsradius und die nun immer wiederkehrenden Tätigkeiten (Kegeln/Kniffel/Billiard mit Mitpatienten, Sport, Wandern, Nordic Walking tagsüber) – all das entwickelt eine Monotonie, wie in den Einsätzen üblich gewesen ist. Berlin fehlt. Es wird Zeit nach Hause zu kommen. Am liebsten schon diese Woche – mein Abschlussgespräch ist morgen. Vermutlich auch erst am Dienstag morgen – mit viel Glück schon am Montag nachmittag.

4. Stressor: Abschiede und Neuankünfte

Menschen, zu denen ich Vertrauen aufbauen konnte, verschwinden. Menschen, auf die ich mich kaum einstellen konnte, sind immerhin noch da. Neue Menschen, die nun auf die letzten 5 Tage hinzukommen möchte ich quasi gar nicht mehr kennenlernen.

5. Stressor: Zeit für die Bilanz

Mein Psychologe fand keinen Ansatz. Wir haben noch ein Gespräch am Montag und dann steht die Abreise an. Derzeit fühle ich mich auch nicht mehr therapieoffen. Mich schreckt der Gedanke ab, in Berlin mit einem neuen Therapeuten wieder bei Null zu beginnen. Immerhin gab es wichtige Impulse vom Therapeuten hier. Auch das offene Eingeständnis, dass die hohe Informationsdichte meiner Erzählungen schwierig zu verarbeiten ist. Dabei beschreibe ich schon sehr „Zivilisten-Freundlich“ und vermeide Abkürzungen und den Bundeswehrjargon. Die Informationsdichte könnte ich ohne weiteres noch um ein Drittel anheben, gäbe ich mir nicht Mühe „allgemeinverständlich“ zu reden. So aber ist das Ende einer Therapiestunde viel zu schnell erreicht.

Es ist eine Zwickmühle. Ich merke, dass wir in den Gesprächen nicht zum Punkt vordringen, der mich weiterhin belastet. Gleichzeitig – so das Gefühl auch bei anderen Therapeuten – wird es mir nachteilig ausgelegt, wenn ich gezielter auf das Thema steuere, um überhaupt dazu zu kommen darüber zu sprechen. Beschreibe ich es spezifisch, dann meint der Therapeut, ich wäre „zu fokussiert“ auf die Fehler anderer. Bullshit.

Ich versuche begreiflich zu machen, dass ich mich in einer stinknormalen journalistischen Bürosituation im Jahr 2018 fühle, wie im Einsatz 2005/2006. Die latente Gefahr im Nacken, jemand könne eine Handgranate über die Mauer werfen oder eine wütende Demonstrantenmenge könne die Lagertore einrennen während ich gleichzeitig Medienarbeit mache, die ich so machen soll, „dass hier keine Soldaten sterben“. Die Gefahr ist 2018 nicht da. Auch die Demonstrantenmenge ist 2018 nicht da und es gibt 2018 auch keine Lagertore. All das gab es auch 2007/2008 nicht. Aber in diesem Einsatz fühlte es sich immer dann so an, wenn ich von meinem Chef wiedereinmal aufgrund meines niedrigeren Dienstgrades dazu gezwungen wurde, gegen meine eigene Urteilskraft zu handeln. Besonders hilflos fühlte ich mich an den beiden Tagen außerhalb des Camps, organisiert vom meinem Chef und im Bewusstsein, dass ich dort, wo ich war nicht abgesichert war. Ich geriet über Wochen und Monate in diesem Einsatz immer wieder mit meinem Chef aneinander, musste immerwieder Dinge in einer Art und Weise tun, die sich für mich so lebensgefährlich anfühlte, wie 2005/2006. Und all das ist heute vorwiegend dann präsent, wenn ich erneut in Konfrontation mit Autorität gerate. Ich kann beschreiben, dass ich so fühle. Ich kann kognitiv erschließen, dass die Situation eine andere ist. Aber ich fühle diese Lebensgefahr, so wie 2005/2006 und 2007/2008. Das kostet Energie. Das sorgt für Stress. Ich laufe Gefahr wieder für länger in Depressionen zu verfallen. Ich laufe Gefahr, mich von Menschen zurückzuziehen.

Ich hatte mir erhofft, während der Kur näher an eine Lösung für solche Situationen zu kommen. Jetzt fühlt es sich so an, als gäbe es keine Lösung und als wäre das das Endergebnis, das ich immer dann aushalten muss, wenn ich im Job auf Konfrontation mit Vorgesetzten gehen muss. Allmählich wünsche ich mir, es möge in solchen Situation doch jemand am Lagertor stehen und Handgranaten werfen. Dann würde mein Gefühlserleben in solchen Situationen wenigstens eine angemessene Entsprechung in der Realität haben.

Selfcare:

All das, was da unter den 5 Stressoren gelistet ist, sorgt dafür, dass ich angespannt bin, wie es mir in den 4 Wochen zuvor nicht passiert ist. Um nicht gänzlich abzurutschen, verzichte ich seit Karfreitag auf Alkohol. Mein Kaffeekonsum ist massiv angestiegen. Die letzten Nächte schlief ich spät und sehr schlecht ein. Träume haben Einsatz- oder Bundeswehrbezug. Die Gedanken hängen auch tagsüber immer öfter wieder an der Einsatzzeit. Statt zu verdrängen, lasse ich die Gedanken zu, denn verdrängen hat ja schon am Karfreitag nicht geklappt und immerhin war es nach dem Artikel am Samstag wieder etwas erträglicher.

Ich tue Dinge, die mir wichtig sind, denn hier habe ich gerade die Zeit und kann es. Die Auseinandersetzung mit dem Film „National Bird“ der zufällig heute Abend läuft, zählt dazu. Da ich den Film bereits zum dritten Mal sehe, kenne ich meine Reaktionen und weiß, welche Passagen besonders anstrengend sind. Auch an einem anderen Punkt lenke ich mich wieder mit Arbeit ab und begleite die ebenfalls heute veröffentlichte überarbeitete Fassung des FAKT-Beitrags.

Ich weiß aber auch, dass ich in einem normalen Arbeits-Setting so jetzt nicht leistungsfähig wäre, wenn ich nicht die Möglichkeit hätte, mich durch die Arbeit an mir wichtigen Themen, wie National Bird zu entlasten. Wenn gefordert wäre, an etwas anderes zu denken, als das, was sich emotional gerade aufdrängt – die Einsatzzeit.

Wie lange diese Phase nun dauert? Ich weiß es nicht.

Fakt vom 20.02.2018 – Version 2

Klicken Sie zum Start des Videos auf das Bild

Tweets zur TV-Premiere von „National Bird“


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