#PTBSKur Einen Ansatz finden

In der Einzeltherapie während der Kur jetzt erlebe ich einige Dinge zum ersten Mal. Mein Therapeut hat – anders als die Bundeswehrtherapeuten – dieses Blog in Auszügen gelesen und auch immer wieder Fragen dazu gestellt.
In den letzten Jahren erlebte ich es immer wieder, dass Bundeswehrpsychologen das Blog nicht thematisierten oder maximal erkennen ließen, dass sie wissen, dass ich blogge. In ein oder zwei Fällen wiesen die Psychologen darauf hin, dass sie ihren Namen nicht im Blog lesen wollten.

Hier in der Therapie läuft es anders. Im Gespräch konnte ich erläutern, was mir das Schreiben über die Erlebnisse, aber auch über die Therapie bringt. Immer wieder erhalte ich Rückmeldungen von Lesenden. Teils zu Einsatzerlebnissen. Seltener auch zur Therapie oder zu eigenen Erfahrungen mit Therapeuten und Institutionen.

Ich schrieb oft, dass das Blog für mich ein Ventil ist. Zu Recht warnt mein Therapeut davor, dass der Schreibprozess auch Nachteile, wie sozialen Rückzug haben kann. Das sind Gefahren, die ich auch erkenne, die aber in meinem Fall nicht zutreffen. Die Texte, die hier im Blog entstehen, sind impulsiv. Ich redigiere nicht. Redigieren würde bedeuten, dass ich den Text mehrfach lese, mal auf Rechtschreibung, mal auf Inhalt, mal auf Zeichensetzung achte. Das erfordert viel Zeit und führt zu einer intensiveren Auseinandersetzung.
Die meisten Texte hier im Blog sind mit der Intention „Fire and Forget“ geschrieben. Wenn ich nachträglich Änderungen vornehme oder Fehler korrigiere, dann, weil es eine Rückmeldung gab, die ich nicht unbeachtet lassen will („Das Wort schreibt man so …“ … „Schau mal auf das Komma“). Für mich persönlich macht es aber keinen Unterschied – es zählt nur, dass das, was ich schreibe im Blog landet und dann nicht mehr bzw. etwas weniger in meinem Kopf ist.

Viele Aspekte der Auseinandersetzung sind auch gar nicht im Blog festgehalten. Die vielen Gespräche mit Freunden und Bekannten beispielsweise oder die Gespräche mit Journalisten und Medienmachern – all das wirkt auf eine andere Weise. Dazu ist eine Großstadt, wie Berlin ideal und ich wüsste nicht an welchem Punkt der Aufarbeitung ich stehen würde, würde ich versuchen die in der ostwestfälischen Provinz zu betreiben, wo tendenziell weniger zugehört und mehr gesoffen wird (Sorry).

Das ich so hart mit meiner „Heimat“ ins Gericht gehe, hängt auch mit der Familie zusammen, die verständlicherweise mit der Haltung „Die Einsätze sind vorbei. Du bist wieder zu Hause“ einen berechtigten Anspruch an mich stellte. Eine Erfahrung, die sicher viele Einsatzheimkehrer machen. Doch vorbei sind die Einsätze nicht, weil sie immer noch in mir wirken und insbesondere die ISAF-Einsätze auch 12,5 bis 9,5 Jahre später noch so präsent sind, als wäre ich erst gestern aus dem Land zurückgekommen.

Eine Erfahrung, die sicher auch viele Familien machen ist, dass sie gar nicht kompetent im Umgang mit der Erkrankung sind. Wie sollten sie es auch sein? Einen studierten Psychologen in der Familie zu haben, ist kein Standard und auch Angehörige mit Therapieerfahrungen, die halbwegs sinnvoll zur Situation der Einsatzheimkehrenden passen, sind sicher eher Zufall und Ausnahme, statt die Regel.

Wichtig aber ist, dass sich beide Seiten bewusst sind, dass sie erst lernen müssen miteinander umzugehen. Das gelingt – so zeigen die Zahlen von Scheidungen und Trennungen – nur in den seltensten Fällen. Das macht es aber auch schwierig, neue Beziehungen aufzubauen. Denn auch dort versuchen neue Partner_innen zu verstehen oder scheitern daran. Meine Konsequenz daraus ist eine deutliche Abgrenzung. Ja, ich bin bereit zu erzählen. Nein, ich habe nicht den Anspruch, dass meine Partnerin eine Lösung herbei führt. Und ganz ausdrücklich: kein_e Partner_in sollte sich verantwortlich dafür fühlen eine Lösung zu finden. Wenn eine Begleitung stattfindet, dann ist schon das Maximum erreicht. Und begleiten heißt auch klar zu sagen, wenn Überforderung passiert oder die Grenze des leistbaren erreicht ist.

Auch das betrifft wieder beide Seiten. Nicht immer kann ein_e Partner_in eine Therapiestunde im Nachhinein aufarbeiten. Nicht immer will die betroffen_e Soldat_in danach erneut über das gerade in der Therapiestunde besprochene reden.

Ansätze finden

Im Therapeutengespräch wird immer wieder auch die Biografie thematisiert. Ein Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen und Erlebnisse und oft verbergen sich auch in der Kindheit oder in der Teenagerzeit unverarbeitet und belastende Erlebnisse.

Ich habe diese biografischen Rundreisen bereits mehrfach absolviert. Am deutlichsten fiel mir das in der Onlineschreibtherapie auf. Um über die Kindheit oder die Teenagerzeit zu schreiben, musste ich aktiv nachdenken. Mich erinnern: „Wie war das?“. Immer wieder gab es aber auch Ereignisse, aus denen ich etwas gelernt habe, so im Sinne von „Das macht man nur einmal“ oder „Das passiert mir nie wieder“. Zu recht vermutet der Therapeut hinter den beiden Selbstmorden von einem Mitschüler und einer Mitschülerin, dass sich dort Unaufgearbeitetes oder Belastendes verbirgt. Auch die Arbeitslosigkeit, die mein Vater während meiner Teenagerzeit erlebte, war immer wieder ein Thema.

Doch es gibt einen Unterschied zwischen diesen Erlebnissen und den Einsatzerlebnissen. Denke ich an die Selbstmorde von J. und E. zurück, dann bin ich natürlich traurig, weil ich mir denke, dass es Hilfe gegeben hätte, dass es anders hätte laufen können. Aber ich kann akzeptieren, dass all das nicht mehr zu ändern ist und auch damals in der Situation nicht zu ändern war. Nicht für die beiden selbst – sonst hätten sie sich anders entschieden. Nicht für ihr Umfeld – sonst hätten es ihre Angehörigen und Freunde verhindern können.

Der Therapeut bohrte auch mehrfach danach, ob sich hinter er Arbeitslosigkeit meines Vaters eine größere Belastung verbirgt, unterstellte, es könne mir als Teenager ja keinen Spaß gemacht haben Zeitungen auszutragen und an der Tankstelle zu arbeiten, statt mit Freunden um die Häuser zu ziehen. Und ich kann nur sagen: sorry, aber für mich war das in Ordnung, wie es lief. Nicht schön, dass mein Vater und unsere Familie die Phase der Unsicherheit und Arbeitslosigkeit aushalten mussten. Aber es war eben so. Es war damals nicht zu ändern und es ist auch kein Grund für Vorwürfe an meinen Vater, der alles Tat, um wieder eine Arbeit zu finden und schlussendlich in die Selbständigkeit ging. Ein Grund für Vorwürfe wäre gewesen, hätte er nichts unternommen.

Und auch der frühe Tod meines Vaters (er starb mit 41 an Bronchialkrebs – ich war 21 und kam gerade aus dem KFOR-Einsatz zurück) war natürlich ein Thema.

Doch egal, ob die Selbstmorde von J. und E., die Arbeitslosigkeit und der Tod meines Vaters: all das sind Narben von Wunden, die einmal geblutet haben, die vielleicht auch erst einmal entzündet und eiterig waren, aber mittlerweile verblasst sind. Die ISAF-Einsätze hingegen, sind immernoch präsent und ich schaue in eine offene, entzündete und eiternde Wunde.

Das bemerke ich, wenn ich darüber schreibe. Ich muss mich nicht erinnern – es ist, als würde ich eine Sendung beschreiben, die gerade im Fernsehen läuft. Als Reporter, der das gerade erlebt.

Manche Aspekte dieser Sendung kann ich mittlerweile kommentieren, weil ich eine Distanz aufbauen konnte, Erfahrungen gemacht und verarbeitet habe. Andere Aspekte sind immernoch so, als erlebe ich sie als Reporter zum ersten Mal. Ich kann sie nur beschreiben, aber nicht einordnen.

Dazu zählt mein Verhalten, wenn ich mit Chefs aneinander gerate, mich wieder hilflos und ausgeliefert fühle, wie im Einsatz 2007/2008 und eine Lebensgefahr spüre, weil ich sie im Einsatz 2005/2006 erlebt habe. Eine Situation, die sich anfühlt, als könne ich nicht aus ihr heraus und anders handeln. Weil mein Major es mir letztlich befiehlt, denn ich war nur (Ober-)Leutnant und sah keine Handlungsoption.

Eine These, die der Therapeut auch verfolgte war, dass mein Streben nach nach Autonomie der Grund sei, dass ich in diesen Chefsituationen schlecht funktioniere und dass das schon immer in meiner Person begründet gewesen sei.

Doch etwa ist anders geworden seit diesem Einsatz, der im November 2007 begann und der mit mindestens 2 lebensgefährlichen Situationen einher ging, in die mein Chef mich brachte. Es war der Einsatz, in dem ich realisierte, wie gefährlich der ISAF-Einsatz 2005/2006 war. Das hatte ich nach dem Einsatz nicht aufarbeiten können und es wurde mir erst dadurch bewusst, dass ich durch diesen Vorgesetzten, der mit Befehl führte, weil er den Auftrag nicht durchblickte, vielen Handlungsoptionen beraubt wurde, die ich im ersten ISAF-Einsatz noch hatte.

In den Jahren davor war Autorität für mich selten ein Problem. Ich musste im einfachen Dienst als Mannschaftssoldat viele Vorgesetzte aushalten. Es gab auch da immer mal Reibereien und Konfrontationen. Aber nichts davon setzte mich unter einen vergleichbaren Druck, wie der Einsatz 2007/2008. Nichts davon sorgte dafür, dass ich mich ausgeliefert und hilflos fühlte und nichts davon wirkt heute auf mich so, als wäre es erst gestern passiert.

Diese Erlebnisse wieder hervor zu kramen bedeutet Aufwand. Ich muss mich erinnern und nachdenken. Doch erlebe ich die Chefsituationen, dann ist alles wieder da. Alles ist, wie damals im Einsatz 2007 / 2008. Das Bedrohungsgefühl. Die Hilflosigkeit. So, als schneidet mir jemand direkt ins Fleisch. Kein Blick auf eine alte Narbe, die dort schon seit Jahren ist.

Müde

Ich habe mittlerweile Verständnis dafür, wie Therapeuten sich einen Überblick verschaffen. In vielerlei Hinsicht läuft das mit dem Therapeuten hier in der Klinik nicht nur gut, sondern auch viel besser, als mit den Bundeswehrtherapeuten zuvor. Es ist eine andere Atmosphäre – zivil. Ein anderer Ort – Urlaubsort, fern ab vom Alltag.

Doch da ist auch der Druck. Druck, weil ich weiß, dass ich mit bestehen des Studiums zum Jahresende aus der Bundeswehr ausgesteuert werde. Ich habe kein Vertrauen darin, dass die von meinem Bundeswehrpsychologen angedachte „Übergangs- und Einarbeitungszeit“ auch so mit der Verwaltung umsetzbar ist.

Gleichzeitig weiß ich, dass ich für das „Chefproblem“ weiterhin keine Lösung habe und wohl bei der nächsten Konfrontation mit Autorität gefühlsmäßig in Afghanistan und Lebensgefahr lande. Weil es seither immer so lief. Oft unbemerkt, so dass ich nicht verstand, warum es mir schlecht ging. Heute weiß ich immerhin, warum es mir schlecht geht und ich mich wieder fühle, wie im Einsatz und unter Lebensgefahr.

Müde – das trifft die Situation im Moment insofern, als dass ich weiß, dass die Zeit hier in der Kur enden wird und dass ich im Anschluss einen neuen Therapeuten erhalten werde.

Jemand, der wieder damit anfangen muss, sich einen Eindruck zu verschaffen. Jemand, der wieder sucht, pruckelt, wertet. Jemand, der wieder an allen möglichen Narben kratzt. Narben, die in den letzten fünf Jahren nicht wieder aufgegangen sind, während die offene Wunde vor sich hin eitert.

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