#PTBSKur: Ein Sack Mehl und eine Autofahrt

Heute ist wieder dieser Tag. Dieser Tag in der Woche vor dem Rosenmontag 2008 an dem bei ZDFheute der Bericht von Uli Gack läuft. Ein Bericht über einen Sack Mehl, den ein Mitarbeiter vom Auswärtigen Amt und der Welthungerhilfe an eine afghanische Witwe mit vielen Kindern übergibt. Irgendwo im Nordwesten Afghanistans. Knöcheltief in Matsch und Ziegendreck macht Uli Gack seinen Aufsager vor der Kamera.

Währenddessen stehen zwei Autos unbewacht einige Hundert Meter entfernt an der Straße. Kein Soldat wacht am Fahrzeug. Was tue ich hier nur. Ich bin der einzige Mensch in Uniform. Irgendwo im nirgendwo. Es ist längst nicht mehr der Verantwortungsbereich der Deutschen. Die letzten Militärfahrzeuge, die uns entgegen kamen waren schwedische oder norwegische Geländewagen. Nur minimal besser geschützt, als die zivilen Toyota, mit denen wir unterwegs sind.

Wir: das Team vom ZDF. Der Herr vom Auswärtigen Amt. Der Vertreter der Welthungerhilfe. Mein Redakteur. Und eben ich, der hier nicht sein sollte.

Warum? Weil das Minimum an Begletitung für einen Soldaten drei weitere Soldaten sind. Mindestens zu viert müssen Soldaten sein, um die drei oder vier Kilometer vom Camp nach Masar-e-Sharif allein zurücklegen zu dürfen. Ich hingegen bin gerade gut 180 Kilometer vom Camp entfernt. Irgendwo südlich von mir beginnt Faryab. Die Provinz, in deren Hauptstadt Meymaneh zwei Jahre zuvor während der Zeit der Mohammed-Karrikaturen das Camp der Norweger angegriffen und beinahe niedergebrannt wurde. Es blieb ein Wunder, dass sich die handvoll an Soldaten damals über acht und mehr Stunden bis zum eintreffen der Quick Reaction Force verteidigen konnten.
Die Quick Reaction Force könnte ich heute nicht einmal zur Hilfe rufen. Ich bin irgendwo in diesem nirgendwo. Keine Kommunikationsmittel, außer einem Handy, das gerade kein Netz hat.

Mir blieben nur gut 45 Minuten Zeit an diesem Morgen, an dem mein Chef völlig überraschend meint, er habe eine Möglichkeit für die Berichterstattung über eine Hilfsgüterübergabe im Stab abgesprochen. Ich schaffe es gerade so meine Sachen zu packen, den Tag zu organisieren um dann mit einem meiner Redakteure zum Stab zu eilen. Die telefonische Abmeldung bei der Operationszentrale schlug fehl. Der Soldat am Telefon meint, es gäbe keinen Convoi zu einer Hilfsgüterübergabe. Ich sage meinem Chef bescheid, dass die Abmeldung nicht geklappt hat, weil der Soldat offenbar die Eintragung für den Convoi nicht finden kann. Mein Chef sichert mir zu, mich ordnungsgemäß abzumelden. Aus meinem ersten Einsatz in Kunduz kenne ich die Sicherheitsvorschriften und gehe davon aus, dass diese auch hier in Masar-e-Sharif so bestehen. Damals in Kunduz war der „zivile Leiter des Wiederaufbaus“ – ein Beamter des höheren Dienstes aus dem Auswärtigen Amt – in der selben Schutzkategorie angesiedelt, wie der militärische Kommandeur. Um auch nur einen Meter außerhalb des Lagers zurückzulegen sind mehrere Begleit- und Sicherungsfahrzeuge nötig. Ich gehe von so einer Konstellation aus, als ich auf dem Weg zum Stab. Dort aber stehen nur zwei zivile Toyota. Vermutlich fährt der Convoi in einem anderen Bereich auf. Als wir wenig später das Lager verlassen, ohne dass weitere Fahrzeuge zu unserem Schutz mitfahren, erkläre ich mir das damit, dass die Hilfsübergabe in der Nähe des Camps stattfinden soll. So zumindest war es von meinem Chef angekündigt. Ich bin darauf eingestellt, dass wir in die sogenannten „Blue Box“ fahren, einen Bereich in der Nähe unseres Camps, in dem sich auch eine Ortschaft befindet. Ich gehe davon aus, dass die Hilfsgüterübergabe unter entsprechendem Begleitschutz stattfindet und spätestens dort die geforderten Sicherungssoldaten vor Ort sind.

Nachdem wir in Masar-e-Sharif die Kameraleute von Uli Gack abgeholt haben verlassen wir die Stadt in Richtung Westen. Auf der zweispurigen, teils mit Eis überzogenen Straße rasen wir mit 120 , teils 140 Kilometer pro Stunde nach Westen. Als der Herr vom Auswärtigen Amt mir sagt, dass wir schon gut zwei bis drei Stunden brauchen werden, wird mir klar, dass hier etwas schief läuft. Während Uli Gack mir von hinten irgendwelche Dinge über den ZDF-Fuhrpark erzählt, der dem Bundeswehrfuhrpark entweder verdächtig ähnlich ist (Fahrzeugmangel, Defekte, übermäßiger Verwaltungswirrwarr) oder einfach nur ein mehr als plumper Versuch mich zu Aussagen zu verleiten, wird mir Stück für Stück klar, dass ich hier nicht sein sollte. Ich habe weder eine Ausnahmegenehmigung, noch Kommunikationsmittel, um eine Verbindung zum Camp herzustellen. Meine Waffe – ein G36 – ist mit ihren 120 Schuss so sperrig, wie nutzlos. Auch die wenigen Schuss Pistolenmunition bringen mich im Fall, dass ich mich verteidigen müsste, irgendwie nicht weiter.
Doch ich kann aus dieser Situation nicht raus. Sitze in diesem Fahrzeug und kann nur hoffen, dass der Herr vom Auswärtigen Amt Hinweise hinterlassen hat, wo die Tour hingeht. Beim Sonntagscafé und der Nachbesprechung des Tages aber werde ich erfahren, was ich in diesem Moment nicht ansatzweise ahne: „Ausfahrregelungen? Ja, in Kabul waren die total streng. Da durfte ich nirgendswo hin, ohne dass mich ein Trupp Soldaten begleitet hat. Hier in Masar scheint das niemanden zu kümmern. Ich hänge einfach ein Schild an meine Bürotür im Stab. Irgendjemand wird mich schon finden, wenn etwas passiert.“

Nach gut 3 Stunden fahren wir mit den Fahrzeugen in einen Compound – ein mit Mauern gesichertes Grundstück – irgendwo im Nichts. Ein Mitarbeiter der Welthungerhilfe ist vor Ort und verteilt einige Säcke mit Mehl an die gut 200 Afghanen, die hier auf dem Gelände sind. Bei Schnee und Minusgraden stehen Menschen in Kleidung an, die kaum gegen die Kälte schützt. Vor mir stapft ein Mann durch den Schnee, dessen Füße in Sandalen stecken.

Ich fühle mich mit Uniform und dem Gewehr, das ich mitführen muss, wie auf dem Präsentierteller, weiß, dass die Waffe nutzlos wäre. Ich erinnere mich an die Bilder vom Angriff auf das norwegische Camp im Februar 2006 zu den Zeiten der Mohammed-Karrikaturen. An das Video der angreifenden Demonstranten, die erst Steine, dann Brandsätze und Handgranaten in das Camp warfen. Eine Menge von kaum 150 Menschen, denen es beinahe gelungen ist, dass Lager zu überrennen.

All diese Bilder sind präsent, als wir uns dann mit einem Sack Mehl auf den Weg in das afghanische Dorf machen, wo ein Bericht über deutsche Helfer in Afghanistan und die Winterhilfe entstehen soll. Ein Tag, an dem ich wegen schlechter Absprachen und Informationen meines Chefs mein Leben riskiere. An dem ich mir bewusst werde, dass mich im Falle eines Unfalls oder Angriffs wohl ersteinmal lange Zeit niemand finden wird und dass das Fehlverhalten, in das ich da geraten bin dazu führen wird, dass die deutsche Verwaltung die Versorgung meiner Familie ablehnen wird. So, wie es in anderen Fällen bereits geschehen ist, als einem Bundeswehrarzt ein Fehlverhalten nachgewiesen wurde und sich die Verwaltung weigerte für die Versorgung der Witwe aufzukommen. Ich denke an meine Söhne. Der älteste gerade drei Jahre alt. Der jüngste nicht einmal ein Jahr alt.

2018

All das ist vorbei. Zehn Jahre her. Aber immer wieder holt mich diese Zeit ein. In Situationen, in denen ich die Abhängigkeit von Vorgesetzten spüre. Das Gefühl, nicht selbstbestimmt handeln zu dürfen. Das Gefühl, wieder mit einem Chef zu tun zu haben, der nachlässig arbeitet. Absprachen nur unzureichend trifft. So, wie ich das über mehrere Monate in diesem Einsatz 2007/2008 aushalten musste. Im Kopf die Erfahrungen aus dem Einsatz 2005/2006, als die Mohammed-Karrikaturen dazu führten, dass die zuvor positive Stimmung gegenüber den deutschen Soldaten immer mehr kippte. Zu lange habe ich in diesem Einsatz 2007/2008 „Befehl und Gehorsam“ walten lassen, weil ein Major mir als Leutnant Befehle erteilte, deren Tragweite er sich nicht bewusst sein konnte, weil er das Einsatzland nur unzureichend kannte, kein Englisch sprach und für seinen ersten Afghanistaneinsatz ebenso dürftig ausgebildet war, wie ich für meinen. Das war weder seine Schuld, noch meine.
Doch für mich ist dieses Gefühl des „ausgeliefert sein“ immer wieder präsent, wenn es zu Konfrontation mit Vorgesetzten kommt. Im Studium. In Redaktionen. Immer dann, wenn mir Nachlässigkeiten auffallen oder Leute qua ihrer Position Diskussionen beenden wollen, weil sie keine Lust haben, sich tiefergehend auseinander zu setzen. Situationen, die sich für mich so lebensgefährlich anfühlen, wie damals vor 10 Jahren, wie damals vor 12 Jahren.

„Sie müssen hier in der Therapie einen Weg finden, sich in solchen Situationen bewusst zu machen, dass keine Lebensgefahr existiert.“, sagt mein Therapeut, der auch in der dritten Woche der PTBSKur nach einer Möglichkeit sucht, wie eine Therapie gestaltet werden kann. Konfrontation sei nicht mehr zielführend, da ich mich mit „Major Lebensgefahr“ ja bereits ausgesprochen habe, als ich ihn vor wenigen Jahren (2014 oder 2015) in Berlin beim Tag der offenen Tür im Verteidigungsministerium getroffen habe.

Es gab Zeiten, da habe ich innerhalb der militärischen Hierarchie funktioniert. Ich konnte selbst die dümmsten Vorgesetzten aushalten und sogar von einer untergeordneten Position aus ertragen, wenn Entscheidungen unsinnig und falsch waren. Sobald ich Möglichkeiten sah, Missstände auf meiner Ebene aufzufangen, tat ich das. Konnte ich das nicht, versuchte ich zumindest die Diskussion so lange am Leben zu halten, bis andere eingreifen konnten.

Nie war das mit Albträumen verbunden. Oder mit körperlichen Symptomen. Heute verließ ich nach dem Gespräch über diesen Tag das Therapeutenzimmer zitternd und aufgewühlt. Mein Zimmer erreichte ich erst nach einem Umweg, weil ich mich im Stockwerk vertan habe. 2018 – 2008 – gerade besteht wiedereinmal kein Unterschied, denn die Gefühle aus diesem Tag sind wieder so präsent, als wäre ich immer noch vor Ort. Es wieder einmal aufzuschreiben ist der Versuch, die Hoffnung, dass es irgendwann in diesem Text, in diesen Zeilen bleibt, statt in meinem Körper. Statt immer wieder dann hoch zu kommen, wenn ich Konfrontation und Vorgesetzte aushalten muss. Es mag für Außenstehende banal erscheinen. Aber ihr sitzt auch nicht in Uniform in diesem Wagen.

Kommentare:

Ihr Name :
Ihre E-Mail-Adresse :
Ihre Mitteilung :


Bild neu laden
Geben Sie die Zeichen ein:

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen