Bis es wieder anklopft #PTBSKur

Mittlerweile ist es acht Jahre her. Ich kannte keinen der drei Soldaten. Doch an diesem Karfreitag 2010 und wenige Tage später am 15. April, als weitere vier Soldaten in Afghanistan getötet wurden, holte mich meine Vergangenheit ein. Ich habe nicht verstanden, warum mich diese Vorfälle gut anderhalb Jahre nach Ende meiner Zeit in Uniform immer wieder traurig, depressiv und irgendwann auch handlungsunfähig machten, wie nach dem Anschlag in Taloquan, bei der eine Person, die ich sehr schätze und aus meinen Einsätzen kannte schwerstverletzt wurde.

Es dauerte 3 Jahre, bis ich verstand, dass ich Hilfe brauchte. Konfrontiert mit einer Diagnose dauerte es dann nur noch wenige Wochen, bis ich verstand, warum es mir so ging.
Doch verstehen heißt nicht unbedingt, dass danach die Erkrankung verschwunden ist. Falls es überhaupt eine „Erkrankung“ genannt werden sollte. Viele Erlebnisse aus meinen Einsätzen waren damals nicht oder nicht richtig verarbeitet. Ich fühlte mich verantwortlich, weil irgendwann irgendjemand mal zu mir sagte „Machen Sie Radio so, dass hier keine Soldaten sterben.“ Dieser Anspruch war damals, 2006 während der Mohammed-Karrikaturen so unmöglich zu erfüllen, wie auch in den Jahren danach. Doch die Zeit und die Lebensgefahr prägten mich.

Mit einigen Erlebnissen habe ich bis heute noch zu tun und bisher keine Lösung. Immer wieder habe ich in der Arbeit als Journalist und bei der Konfrontation mit Vorgesetzten das Gefühl, es gehe darum mit meiner Arbeit eine Lebensgefahr abzuwenden. Auch wenn ich mittlerweile weiß, dass es nicht mehr so ist: die Anspannung aus dem Februar 2006 ist dann wieder da. Das Wissen darum, wie über Medien Menschen angestachelt werden können. Wie plötzlich Demonstrationen beginnen. Gewalttätig werden. Und wie dann auch Menschen sterben, weil Lager angegriffen werden.

Die Erinnerungen an 2006 holten mich im Einsatz 2007/2008 das erste Mal ein, als mir mein nächster Vorgesetzter durch „Befehle“ den Handlungsspielraum nahm. Als ich zwei Mal außerhalb des Camps unterwegs war und durch mangelnde Organisation und Absprachen in Lebensgefahr geriet. Nein – ich wurde nicht beschossen. Ich war lediglich in dem Bewusstsein unterwegs, dass es gerade keinerlei Schutz gibt. Keine Möglichkeit, mich zu verteidigen. Schließlich wusste ich, wie schnell Gewalt in Afghanistan eskaliert. Wie hinterhältig Angriffe sind. Und was das in der letzten Konsequenz bedeutet.

Sie begleiteten mich in den Einsatz 2008, als unser Camp angegriffen wurde und man später von mir verlangte, ich solle doch das Wissen um die geschönte Darstellung des Vorfalls und über das Schicksal der Angreifer für mich behalten. Und bloß keine Fragen stellen.

Sie waren da, als wenige Wochen nach Ende meiner Zeit in Uniform im Oktober 2008 zwei Soldaten starben. Ich wollte nicht, dass mich diese Erinnerungen und Erlebnisse einholen. Also verdrängte ich all das im drauf folgenden Jahr. Doch an Karfreitag 2010 war all das wieder präsent.

Mir ist es egal, ob Ärzte all dies als Anpassungsstörung, als Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) oder neuerdings auch als Verbitterungsstörung beschreiben. Ich kann nur beschreiben, was es mit mir macht. Ich kann mir selbst nur Verständnis für mich abringen und versuchen, diese Erinnerungen zuzulassen und dabei zu hoffen, dass sie schnell wieder vorbei ziehen und sich nicht wieder für Wochen oder Monate einnisten.

Immer wieder hilft es mir, darüber zu schreiben. So als könne ich all das in diesen Text bannen und danach weiter ziehen. So sehr ich es mir auch wünsche, so oft mir auch Menschen immer gesagt haben, dass all das „vorbei“ ist und ich damit endlich abschließen soll – es ändert sich nicht, dass diese Erfahrungen teil meines Lebens sind und immer wieder so nah bei mir stehen, als wäre all das erst gestern passiert.

Für diesen Moment jetzt aber verpacke ich es in diesen Text. Damit es ein Stück weit aus meinem Kopf und aus meiner Gefühlswelt verschwindet. Bis es dann irgendwann wieder anklopft.

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