Wo ist meine G-Akte?

Ja, das hätte fast ein halbes Jahr ohne besondere Vorkommnisse werden können. Doch heute klingelt zur Nachmittagszeit das Telefon. Derzeit sucht die Koordinierungsstelle Einsatzgeschädigte oder eine andere personalbearbeitende Stelle meine Gesundheitsakte – kurz G-Akte. Keine Angabe zum Anlass der Suche – ich vermute irgendeine Routine.

Anders, als zunächst vermutet, befindet sich die Akte nicht im SanBereich der Julius-Leber-Kaserne. Nach dem unangenehmen Zusammentreffen im November hatte ich auf anraten meines betreuenden Arztes im Psychotraumazentrum veranlasst, dass meine Akte an den SanBereich Mitte übersendet wird. Damit hätte ich für alle Arztbesuche nur noch das Bundeswehrkrankenhaus als Anlaufstelle.

Laut eMail-Verkehr sollte die Akte auf dem Weg sein. Doch die Aussage des SanBereiches Julius-Leber ist,ich hätte die Akte „am Mann“.Um nachvollziehbar zu machen, dass das nicht der Fall ist, habe ich nun gewühlt und eMails kopiert, die Auskunft zum Anlass des Aktentransfers geben.

Dabei stieß ich auf die mir kürzlich zugesandte Kopie meiner Akte. Ich hatte im Mai darum gebeten und im Juni ging mir die Akte auch zu. Darin auch das Schreiben zum Arztbesuch um 15.11.2016, bei dem ich massiv unter Druck gesetzt wurde. Das Schreiben ist – wie erwartet – gespickt mit Formulierungen, die mich als „therapieunwillig“ und „ärztlich nicht führbar“ erscheinen lassen.

Status: der Soldat ist freigestellt zum Studium, gibt an „… ich kann mir nicht vorstellen, jemals wieder für die Bundeswehr
tätig zu werden…“

Immerhin treffend, denn ich bin nur noch Teil des Regulierungsapparates der Bundeswehr, weil ich durch den Dienst eine gesundheitliche Schädigung erlitten habe, die ich jetzt aufarbeite.

Herr Oberleutnant Lücking ist als Patient nicht führbar. Er macht die Vorgabe, dass bei ihm ine „moralische Verletzung“ anzuerkennen ist.

Interessante Auslegung meiner Antwort auf die Frage, ob ich weiteren Behandlungsbedarf sehe. Ich beschrieb, dass ich gewisse Aspekte auf Stress zurückführe, andere aber wohl eher in den Bereich einer moralischen Verletzung liegen. Eine Einschätzung, die einer der behandelnden Ärzte auch 2013 schon äußerte.

Die in …Berlin und Hamburg angebotenen Therapien der Fachärzte lehnte er ab.

Auch das entspricht nicht der Wahrheit. Seit der Diagnose im April 2013 habe ich

– einen vierwöchigen Stationären Aufenthalt in Berlin und
– eine einjährige ambulante Therapie

absolviert. Ich lehnte lediglich die medikamentöse Behandlung ab und entschied mich für einen verhaltenstherapeutischen Ansatz.

Abgelehnt habe ich lediglich die „Trauma-Release-Exercise“-Methode, die mir die Bundeswehr nur beim „Standortpfarrer“ genehmigen wollte. Zuvor hatte ich über ein halbes Jahr eine sehr gute zivile Therapeutin, die dann aber nicht mehr von der Bundeswehr bezahlt wurde. Begründung: nicht erstattungsfähig. Seltsam nur, dass die Methode vom „Standortpfarrer“ angeboten wird – also durchaus im Repertoire des Dienstherrn eine Bedeutung hat. Dass ich mit einem neuen Therapeuten quasi wieder bei Null hätte anfangen müssen – kümmert offenbar niemanden. Dass ich damit auch Kapazitäten belegen würde, von denen die Bundeswehr, wie an vielen Stellen nachlesbar, schlichtweg zu wenige hat: kümmert offenbar auch niemanden.

Einlassen würde er sich eventuell auf eine … Online-Therapie.

Im Gespräch am 15.11.2016 versuchte ich dem Arzt klar zu machen, dass ich mit dem Psychotraumazentrum in Verbindung stehe und ein geeigneter Termin für die Teilnahme an der Onlineschreibtherapie-Studie gesucht wird. Auf der fachlichen Ebene liefen also Absprachen. Meine ausdrückliche Bereitschaft zur Teilnahme habe ich ebenfalls deutlich gemacht. Quittiert wurde es Seiten des Arztes mit: „Onlineschreibtherapie? Das ist doch nur eine weitere Möglichkeit sich dem Dienstherrn zu entziehen.“

Eine Behandlungsmethode, die vom Dienstherrn angeboten wird und bei der der Soldat die Option hat – vom Dienstherrn ausdrücklich gewährt – selbst zu entscheiden, ob der Befund hinterher in der G-Akte landet. Eingerichtet wurde diese Wahloption, damit mehr Soldaten Hilfe in Anspruch nehmen, ohne Auswirkungen auf ihre Karriere zu fürchten.

Da für mich ohnehin keine Karriere in Frage kommt, gebe ich eine Kopie des Abschlussbefundes, auf den ich derzeit warte, sehr gerne auch in die Akte.

Als Truppenarzt habe ich den Eindruck einer Vermeidungsstrategie, sehe keine Motivation zu einer Behandlung.

Nachdem ich im Sommer letzten Jahres wieder mit deutlichen Stressreaktionen zu kämpfen hatte, stand ich im regelmäßigen Kontakt zu Sozialdienst, Berufsförderungsdienst und Psychotraumazentrum der Bundeswehr. Ein Truppenarzt, der meinen Fall nicht kennt überfliegt meine Akte binnen 5 Minuten, macht mich danach 15 Minuten fertig und stempelt mich als „nicht führbar“ ab.

Eröffnung der Truppenärztlichen Stellungnahme

Der wirklich unverschämte Aspekt ist, dass mir dieses Schreiben nie zur Kenntnis gegeben wurde. Es nahm vom SanBereich Wedding direkt den Weg zum Sanitätskommando nach Diez. Das Schreiben ist voll von nachteiligen Behauptungen gegen mich, die nicht zutreffend sind. Ich kann nicht beweisen, was der Truppenarzt gesagt hat – der Truppenarzt aber kann in seinem Schreiben alles behaupten, was mir zum Nachteil gereicht.

Seltsam ist, dass bis zu diesem Zeitpunkt JEDER Befund des Bundeswehrkrankenhauses in Berlin und in Hamburg selbstverständlich in Kopie auch an mich gegangen ist. Auch normale ärztliche Begutachtungen – sogenannte BA 90/5 – bei denen es um dienstlich angeordnete Untersuchungen für z.B. Einsatztauglichkeit geht, haben ein vorgesehenes Feld, in dem der Soldat quittieren muss, den Befund erhalten und erklärt bekommen zu haben. Zusätzlich erhält der Soldat die Möglichkeit eine Stellungnahme abzugeben.

Nun stehe ich ob der derzeit nicht (sofort) auffindbaren Akte sogleich im Verdacht, diese im Besitz zu haben, weil nicht ordnungsgemäß im Verantwortungsbereich desselben Truppenarztes nachgehalten wurde, dass meine Akte von Postleitzahl 13405 nach Postleitzahl 10115 transferiert wurde.

Wegen der Art der Aktenführung („Truppenärztliche Stellungnahme) sowie dem derzeit nicht nachvollziehbaren Verbleib meiner G-Akte habe ich heute Beschwerde beim Wehrbeauftragen eingereicht.

Ich will erreichen, dass alle betroffenen Soldaten, die in einem Versorgungsverfahren der Bundeswehr hängen mit einer 100%-Kopie ihrer Akte ausgestattet werden und jeden Befund verpflichtend auch als Kopie erhalten müssen.

Ich erlebte bereits im Juni 2014, dass keine der beteiligten Bundeswehrstellen etwas zum Verbleib von Akten aus meinem Versorgungsverfahren sagen konnten. Meinem Anwalt wurde damals am Telefon gesagt „Wir wissen nicht, wo die Akte ist. Wenn Sie hier anrufen machen Sie es nicht besser – eher schlimmer.“ Zum Zeitpunkt des Anrufes hatte es seit einem Jahr keine Benachrichtigung zum Stand des Verfahrens gegeben.

Es ist übel, dass Ärzte das Vertrauensverhältnis, das Patienten immer annehmen derartig ausnutzen. Logische Konsequenz aus diesem Verhalten wäre, zu jedem Arztbesuch entweder eine_n Zeug_in mitzunehmen oder alles im Video oder Audio festzuhalten, was gesprochen wird.

Mich halten diese Erfahrungen derzeit davon ab, Vorsorge- und Routineuntersuchungen anzugehen, die in meinem Alter angemessen werden. Ich kann mir nicht sicher sein, dass nicht erneut Druck ausgeübt wird. Bei meiner Bänderverletzung im Januar überlegte ich sogar vor dem Besuch der Notaufnahme, ob ich nicht besser darauf verzichte.

Ich hoffe darauf, dass der Wehrbeauftragte in diesem Fall Abhilfe schaffen kann. Verpflichtende Kopien über alle Befunde und Stellungnahmen für die betroffenen Soldaten sollten eine Bundeswehr vor keine unüberwindbare Herausforderung stellen, die ansonsten jeden Vorgang routinemäßig in mindestens 3 bis 6 Ausfertigungen dokumentiert, bei dem sich die Möglichkeit ergibt, einem Soldaten hinterher ein Fehlverhalten anzulasten. Bloß umgekehrt wollen es manche Stellen wohl nicht haben. Soviel zum Thema „Tapferkeit“ und „Fürsorgepflicht“ des Dienstherren.

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