2017 – Leben mit Depression

Ein bisschen Reflexion – ein bisschen Zwischenbilanz. Der Anlass war ein guter Artikel und ein gutes Gespräch in dieser Woche.

Im November wurde durch ein übergriffiges Arztgespräch der vorzeitige Schritt in die Onlineschreibtherapie nötig. Der Arzt unterstellte, ich wäre ärztlich nicht führbar und würde ohnehin nur simulieren. Zwischen Dezember und Anfang Februar fand dann die Schreibtherapie statt, die mich weiter brachte, aber auch massiv Kraft kostete.

Worte finden

Via Twitter stieß ich heute auf einen Text in The Independent, den ich hier einfüge (please do not blame me for copyrights & understand this as a comment on the text).

In dieser Woche kam es wieder zu einem Gespräch mit jemanden, der auch von Trauma und Depression betroffen ist. Mittlerweile habe ich genug Worte, um zu beschreiben, was passiert und wie ich es verstehe. Oft kann ich aber nicht beschreiben, wie es sich anfühlt. Aber der Text am Ende trifft es sehr gut.

Ich denke, dass die Analogie zu einem Beinbruch, die ich in Bezug auf Trauma schon verwendet habe auch ziemlich treffend das Leben mit Depressionen beschreiben kann. Eine leichte Depression ist vielleicht ein blauer Fleck oder eine Prellung am Schienenbein. Lästig. Dauert auch eine Weile – geht aber wieder weg.

Ein Beinbruch kann glatt laufen und geht auch nach einigen Wochen wieder weg. Manche Menschen neigen dazu, sich öfter mal etwas zu brechen. Doch es gibt auch schwere Unfälle, bei denen ein Bein kompliziert bricht oder zerschmettert wird. Das, was mir passiert ist – und sich seit Jahren mal stärker, mal weniger stark bemerkbar gemacht hat, wird wohl bleiben. Ich rechne nicht mehr damit, dass ich Marathon laufen werde oder Wettkämpfe gewinnen kann. Im Alltag muss ich planen und im Auge behalten, was ich mir zugemutet habe und wann Belastungen zu viel waren.

Stressphase

Neben dem Ende des Studiums und dem Ende der Berichterstattung aus dem NSA-Untersuchungsausschuss kam noch ein Therapiegespräch in der letzten Woche hinzu. Diese Gespräche sind immer so, wie bei einer verkrusteten Wunde, an der rumgekratzt wird oder wo jemand den Schorf mal eben anhebt, um zu sehen, ob sich darunter wieder Haut gebildet hat. Immerhin: im Therapiegespräch läuft das behutsam ab und nicht, wie beim Arztgespräch im November, so einfach mal an einem verkrusteten Pflaster gerissen wurde.

Der Start ins Praktikum lief gut und die Aufgaben und der Kontakt zum Team machen Spaß. Für manches im Haushalt fehlt die Kraft. Noch immer sind Leistungen für dieses Semester offen, die ich gerne abschließen würde. Doch Priorität hat nun erst einmal das Praktikum, das ich diese Woche begonnen habe. Ich fühle mich wohl in dem Umfeld.

Prioritäten

Alles erfüllen zu wollen, ist utopisch. Der Haushalt muss hinten anstehen. Solange die Wäsche regelmäßig in sauberem Zustand da ist, ist genug erreicht. Ob das Geschirr 3 oder 5 Tage ungespült bleibt, macht im 1-Personen Haushalt wenig aus. Doch Menschen in die Wohnung einladen wäre derzeit nicht angebracht. Aber Berlin hält da ja Möglichkeiten vor.

Wichtiger ist, neben dem Praktikum nun anderes nicht aus den Augen zu verlieren. Freunde und Menschen außerhalb der Arbeit treffen. Leider zählt das immer noch zu den Dingen, die ich aktiv einplanen muss. Das Bedürfnis sollte einfach da sein – ist es aber nur selten. Ich sollte nicht auf einem Level kalkulieren müssen, das mit „ohne soziale Kontakte fühlst du dich irgendwann mies – geh raus!“ beschrieben werden kann.

Mitunter fehlt die Konzentration. Ein abgesprochenes Treffen oder etwas zeitlich fest geplantes vergessen – so etwas kommt derzeit wieder vor, aber nimmt keine Überhand.

Trigger

Belastend ist derzeit das Thema „Abschiebungen nach Afghanistan“. Die Ignoranz von Innenminister „Terrorthomas“ de Maizière gegenüber Journalisten, Menschenrechtsorganisationen und gesundem Menschenverstand ist unerträglich.

Auch die Aussagen von Peter Altmaier und Kanzlerin Angela Merkel im NSA-Untersuchungsausschuss zum Thema Drohnensteuerung via Rammstein waren an Zynismus nicht zu überbieten. Menschen würden aus so vielen Gründen sterben, da müsse man bei Drohnen nicht unbedingt handeln. Sinngemäß war die Haltung sehr nah an den Äußerungen von de Maizière in dieser Woche, die 11.000 getöteten afghanischen Zivilisten seien ja nicht direktes Ziel der Taliban gewesen.

Ein paar technische Auffälligkeiten, die meine Kommunikationswege betreffen sorgten ebenfalls für „Anspannung“. Zwar ist der Effekt, den ich beobachten konnte relativ logisch zu erklären. Doch sorgt das wieder für eine unangenehme Präsenz der Erfahrung „Adlongespräch“, bei der mir ein Beamter mit Reservistenausweis den warnenden Hinweis gab, ich solle aufhören zu publizieren, denn schließlich wolle ich ja keine Kaderakte haben, die all das enthielte, was ich online so täte, plus das, was man hinzu erfinden könne.

Auf ein privates und persönliches Telefonat ohne jeden dienstlichen Bezug folgte in engem zeitlichen Zusammenhang ein Twitterecho, das wieder einmal Zufall sein kann. Vermutlich hat ein Algorithmus das Speichern der Telefonnummer auf meinem Handy zum Anlass genommen mal einen Tweet in die Timeline von Person 2 zu spülen.

Was im nächsten Tweet scherzhaft wirkt, wird mir immer mehr zum Bedürfnis. Rückzug, Kontaktabbruch. Neuanfang. Ich kann mir weiterhin nicht sicher sein, dass die Drohung „Kaderakte“ nicht wahr gemacht wurde. Twitter bleibt leider – wie einst mein Facebook-Account – Einfallstor für Manipulation und Mobbing. Doch mich von dort zurückzuziehen hieße, erneut ein Stück Teilnahme am öffentlichen Leben aufzugeben und einen Publikationskanal zu verlieren. Letztlich auch ein beruflicher Rückschritt.

Entlastung

Für das dritte Quartal versuche ich einen Kuraufenthalt bewilligt zu bekommen. Leider heißt das, dass ich ich unweigerlich wohl wieder auf den Arzt vom November treffen werde. Freie Arztwahl habe ich nicht. Seitens des leitenden Psychologen des Psychotraumazentrums ist zwar Unterstützung zugesagt. Doch was hilft das, wenn im Arzt-Patienten-Gespräch wieder allerhand Drohungen und Demütigungen ausgesprochen werden können.

Absehbar werde ich in den Osterferien Zeit mit einem meiner Söhne verbringen können. Auch das baut auf, denn das ist viel zu selten der Fall.

Um Abstand zu gewinnen hatte ich ja bereits in 2014 die verbliebenen Ausrüstungsgegenstände und Uniformen „umgewidmet“. Sie rotten seit bald 3 Jahren in der Blumenerde und in diesem Jahr werden dann auch wieder Tomatenpflanzen darauf wachsen.

2015: Wachstum

Näher zu planen ist noch ein Ziel, dass ich in einer der letzten Onlineschreibtherapie-Sitzungen zum Ausdruck gebracht habe. In einem Brief an mich selbst sollte ich reflektieren, in welchem Ausmaß ich das Erlebte und die Konsequenzen für mein weiteres Leben daraus akzeptiert habe. Ich schrieb:

Die Zeit in Uniform ist vorbei – das ziehst du seit einigen Jahren sehr konsequent durch. Sei es die Einsatzkiste mit den letzten Uniformresten, die jetzt auf der Terrasse steht und mit genügend Blumenerde gefüllt ist, um auch im nächsten Jahr wieder Tomaten darauf wachsen zu lassen. Lass dir für die Ausgehuniformen, die noch im Keller liegen etwas ähnliches einfallen. Sie brennen bestimmt sehr gut oder ergeben mit ein paar Modifikationen eine nette Weste.

Eine Unterstützerin, die mit traumatisierten US-Veteranen in Karlsruhe arbeitet berichtete mir davon, dass die Veteranen ihre Uniformen geschreddert und eine Leinwand daraus gemacht haben, auf der sie dann Bilder malten. Mir erscheint der Aspekt „Feuer“ sehr geeignet, aber ich habe derzeit weder den geeigneten Platz, noch die Vorstellung, wer alles mit dabei sein sollte.

Ich gehe davon aus, dass eine Verbrennung der Uniformen vor dem Reichstag nicht akzeptiert würde – angesichts meiner Erfahrungen rund um den 27.09.2008 und die fragwürdige parlamentarische Kontrolle der Einsätze wäre das allerdings mein Wunschort für diese Aktion.

Was erhalten bleibt, ist der Helm. Den Helm kaufte ich im August 2013 und er begleitete mich durch den 100-Tage-Protest vor der US- und GB-Botschaft hier in Berlin.

Unschlüssig bin ich, was ich mit dem verbliebenen Paar Einsatzstiefel und den Einsatzmedaillen mache, die immernoch hier liegen. Sie stammen aus einem der Pakete, die ich im Mai 2014 an den damaligen Bundespräsidenten Gauck, Kanzlerin Merkel, IBUK von der Leyen und das Haus der Geschichte in Bonn sendete. Meiner expliziten Bitte, mir das Paket nicht zurückzusenden kam das Büro Gauck nur bedingt nach. Die DVD mit meinem Video und Unterlagen zum 27.09.2008 behielt das Büro. Stiefel und Medaillen kamen zurück.

Was bleibt

Die Worte in dem Independent-Artikel sind nicht meine – aber die Beschreibungen von Lucia beschreiben treffend, wie mein Alltag sehr häufig aussieht.

Full-Text in The Independent

Lucia* is 26. She grew up in London and works as a freelance copywriter. She was diagnosed with depression aged 21, but had suffered for years prior.

„I find a good metaphor for depression that I have used to explain to people close to me, is kind of like being permanently hungover. You get up and feel like crap, you can’t be bothered to do your make up or find clean clothes because it takes all the effort you are physically capable of just to force yourself to leave the house. You consider calling in sick, but you need the money and you agreed to work this shift and you can’t let your workplace down.

You get to work, and people ask if you’re ok. “I’m fine.” You say. “I’m kind tired. Maybe I’m getting sick.”

You can’t tell them you’re hungover, because being hungover is not a valid excuse in the workplace. Being depressed is not a valid excuse in the workplace.

„The hangover comes in waves. At some points your fine and think great, the alcohol is out of my system. I’ll be fine now. But then half an hour later your feel ill again, your head hurts, your body is moving slowly, and you can’t concentrate on the task you’re doing.

“Maybe you should eat something?” someone suggests, but the canteen is too far away and you’re behind on your work, you need to catch up with everyone else so you don’t get fired. Like when people tell you to try exercise to help with depression, but the gym is too much effort, there’s no way you can make it there and still have enough willpower to do something as simple shower, or do food shopping, or pay your phone bill.

„Besides, eating something might well make you feel better, but it might just make you throw up. The gym might well make you feel better, or your substandard attempt at exercise might just end in abject failure and you’ll just hate yourself for not being able to do what everyone else seems to do with no problem.

„You go through the day, avoiding talking to people more than strictly necessary because oh god, your head hurts, and trying to pretend you’re not hungover – trying to pretend you’re not depressed – hiding it from your colleagues, is exhausting. You can’t wait to be finished with the day, to go home, to your bed and not have to act like you’re ok anymore, but the day is dragging. And you still haven’t done enough work. You’re definitely going to get fired if you keep on like this but you wonder “is that so bad? At Least I wouldn’t have to pretend I’m OK.”

„Eventually, the day is over and you’re in bed, ready to sleep, but all that coffee you had trying to keep yourself functional all day decides now is the time to kick in, and sleep isn’t coming. Where was this burst of mental energy all day when you needed it?! You toss and turn and try to numb your racing mind with Netflix and a cheeky bottle of something, and eventually, you start to nod off. You hope, as you begin to drift into a restless sleep, that you’ll wake up feeling better tomorrow, but you’re scared that you won’t. You’re beginning to think you’ll feel like this forever, and you’re not sure you want to keep trying. But you’re falling asleep now, so you don’t bother worrying. You’ll deal with the worry tomorrow. Once you’ve made it through the day again.“

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