Befund – lesen bei Strafe verboten!

Am Mittwoch fand einer erneute Begutachtung statt. Angekündigter Zweck war, über die Kostenübernahme der Trauma-Release-Exercise (TRE) Klarheit zu bekommen. Diese Klarheit ist nun da. Nichts wird übernommen.

Zunächst ging es in ein kurzes Arztgespräch. Ich schilderte, wie ich über die Kombination aus Coaching und TRE-Methode zu einer besseren Stresswahrnehmung und einem besseren Stressmanagement gekommen bin und das in der Lage war, zu Coach und Therapeutin ein Vertrauensverhältnis aufzubauen. Autoritätspersonen waren nach den Erfahrungen im zweiten Einsatz ein wesentliches Problem für mich, da ich durch die Einspannung in die Hierarchie in mindestens zwei Fällen in ziemlich gefährliche Situationen geraten bin.

Mein kleines Problem mit Hierarchie

Zunächst war es schlechte Kommunikation zwischen meinem Vorgesetzten und dem Herrn vom Auswärtigen Amt dazu gekommen, dass ich zu einer Tagestour aufbrach, die als „Hilfsgüterübergabe“ in der Nähe des Camps angekündigt wurde. Ich rechnete nicht damit, mich ohne Kommunikationsmittel im Laufe des Tages rund 180 Kilometer vom Lager zu entfernen.

Unterwegs, ohne die vorgeschriebene Sicherungskomponente von mehreren Soldaten und Fahrzeugen – quasi auf dem Präsentierteller als einziger Uniformträger. Mitten in einer Hilfsgüterübergabe an mehrere hundert Menschen und später dann zu einem TV-Termin des ZDF, ungesichert zu Fuß über die Trampelpfade in einer afghanischen Ortschaft.

Nicht nur mir hat dieser Tag zugesetzt. Ich sprach meinen damaligen Vorgesetzten kurz beim „Tag der offenen Tür des Bundeswehr“ im August in Berlin. Er beschrieb, dass auch bei ihm der Eindruck entstanden war, die Hilfsgüterübergabe würde in der Nähe vom Camp stattfinden.

Ich bemerkte zu spät – an einem Punkt, wo umkehren keine Option mehr war – dass wir uns mehrere Stunden weit entfernt vom Lager aufhalten würden. Das Problem daran: verwaltungstechnisch wäre mir das als Verstoß gegen die Vorschriften, als Dienstvergehen oder ähnliches ausgelegt worden. Für meine Familie hätte das bedeutet, dass keine Absicherung da gewesen wäre.

Das ich auf Basis der Erfahrungen massive Probleme mit Studenten und Dozenten im Studium Onlinejournalismus, sowie auch Vorgesetzten in einer Redaktion hatte, kann ich beim Doc kaum erläutern. Letztlich ging es soweit, dass ich über fast zwei Jahre nicht in der Lage war in die Bachelorarbeit einzusteigen, um nicht einem Professor – Autoritätsperson – ausgeliefert zu sein.

Der Doc macht im Oktober 2015 daraus, es gäbe „Hinweise auf eine formale Denkstörung in Form eines Haftens an vermeintlichen Fehlern anderer“. Nein, lieber Doc – ich halte nur kein unkooperatives, autoritäres Verhalten mehr aus, was mich dazu bewegen soll Dinge zu tun, von denen ich weiß, sie sind falsch.

In der Wahrnehmung des Docs hatte ich während der Phase der Depression „wohl so eine Art Schreibblockade“. Autorität ist für mich noch heute ein Problem – insbesondere, wenn sich inkompetente Menschen über ihre höhere Position in der Hierarchie definieren und nicht mehr auf Augenhöhe reden wollen.

Das war wohl mit ein Grund dafür, warum ich in den Schritten der Behandlung außerhalb der Bundeswehr überhaupt wieder in der Lage war, Vertrauen zu Menschen aufzubauen. Nicht nur in Coaching und TRE-Therapie, die mich wesentlich entlastet haben. Auch im Umgang mit Kollegen entlang des Untersuchungsausschusses, den ich seit anderthalb Jahren begleite klappt konstruktives Arbeiten auf Augenhöhe. Dünkelbehaftete Divas (jederlei Geschlechts) ausgenommen, die es auch dort gibt…

Der Doc interpretiert es als „rücksichtsloses Verhalten“, wie dem Befund zu entnehmen ist, den ich selbstverständlich wider der Androhung auf dem Kuvert:

„Arztsache – Nur durch den Arzt oder sein beauftragtes Hilfspersonal zu öffnen. Unbefugtes Öffnen kann strafrechtlich verfolgt werden (§§ 020 StGB)“

geöffnet und gelesen habe. Es geht um mich. Und Vertrauen in das, was in Bundeswehreinrichtungen passiert, kann ich nach den Erfahrungen der letzten Jahre nicht mehr aufbauen. Punkt.


„Ich würde mich ja stundenlang mit ihnen über Politik unterhalten, aber ….“

Über die Erlebnisse rund um den Angriff auf das Camp Marmal und die Falschmeldungen an das Parlament, in denen vor allem Angaben über Festnahme und Verbleib der Kriegsgefangenen fehlen, mag auch er nicht reden. Genau das erlebe ich nun zum wiederholten mal. Im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg war das anders.

Zum Aspekt, dass ich am Abend des 27.09.2008 die Personendurchsuchung auf der Fahrbahn am Lagereingang sah, den Gefangenen sah und wenige Tage später erfahren musste, dass dieser nach Übergabe an die afghanischen Polizei getötet wurde, kommen wir im Gespräch nicht. Weder inhaltlich, noch, was das emotional mit mir gemacht hat. Immerhin: die Gefangennahmen können seit der Veröffentlichung von „Afghanistan-Connection“ nicht mehr geleugnet werden.

Testung, Timing und Fragenbatterie

Schon im Vorgespräch wurde mir angekündigt, das die TRE-Methode nicht finanziert werden würde. Nicht möglich nach den gängigen Vorschriften und Vergütungsregeln. Danach erfolgte eine erneute Testung über rund 300 Fragen zum aktuellen Befinden. Tolles Timing. Im Abschlussgespräch erhielt ich noch einmal den Hinweis, die Methode wäre nicht anerkannt und könne daher nicht bezahlt werden.


Soweit, so gut – und dann wirds schräg

TRE als Methode ist nicht erstattungsfähig. Machen Sie doch TRE. Ja, wer an dieser Stelle nun einen Knoten in den Kopf bekommt – ich löse den nun gleich auf.

Der Doc bot mir an, ich könne ab Dezember bei einem Pfarrer, der im Trauamzentrum tätig werden wird dann auch TRE machen. Das die Methode kurz vor der Einführung in das Traumazentrum steht ist begrüßenswert. Ich habe sie als sehr hilfreich empfunden und würde auch gern noch mindestens ein weiteres Jahr unter Anleitung diese Übungen machen, bei denen ich auch mit der Therapeutin gezielt in den Austausch über Stressoren und mein Stressmangement gehen kann.

Doch das sieht das Konzept der Bundeswehr nicht vor. Ich gelte entweder als gesund und darf zur beruflichen Rehabilitation (Studium Kulturjournalismus) schreiten. Oder ich bin „krank“ und darf TRE und anderes in Anspruch nehmen.

Am Ende des Termins erhalte ich erneut das „TRE mit Pfarrer-In-House-Angebot“. Ich erkläre ruhig und bestimmt, dass ich ein Vertrauensverhältnis zur Therapeutin aufgebaut habe, über Monate gute Erfolge in der Therapie hatte und – vor die Wahl gestellt – lieber gänzlich auf TRE und Therapeutin zu verzichten, als mit einem neuen Therapeuten bei Null anzufangen und wieder über wesentliche Aspekte, die in den letzten Monaten mehr und mehr in den Hintergrund rücken konnten auf ein Neues reden muss.

Aber sicher war auch das wieder rücksichtslos von mir.

Finanzierung

TRE- und Coaching schlugen mit rund 400 Euro im Monat zu buche. Mit dem Coaching war ich nach 11 von geplanten 10 Sitzungen gut aufgebaut. Mittlerweile habe ich – wenn auch etwas holperig – die Bachelorarbeit abgeschlossen (und hoffentlich auch bestanden). Dennoch: der Aspekt der Reflexion mit einer Therapeutin, ob ich genug tue, wenn es um Stressmangement geht, wäre immernoch hilfreich. Mehr, als zwei Sitzungen pro Monat würde ich nicht mehr in Anspruch nehmen.

Ja, ich habe zwar die Phase der Bachelorarbeit seit Juni 2015 ohne TRE-Begleitung absolviert – gut hat es sich aber nicht angefühlt. Aber besser weiterhin keine begleitete TRE, als umgeben von Uniformträgern in den Einrichtungen der Bundeswehr.

Dran wäre auch, dass ich den Studienkredit abbaue, der dafür gesorgt hat, dass ich in der Phase der „Anerkennung und Feststellung der Wehrdienstbeschädigung“ nicht in HARTZ4 und damit ohne Abschluss aus dem Studium gekickt wurde.Der Teilzeitjob in einem Callcenter konnte zusammen mit dem Kredit gewährleisten, dass ich auch nicht vom Unterhaltssicherungsamt zum Abbruch des Studiums genötigt wurde. Es ist ein Wunder, dass ich diese Phase ausgehalten und regelmäßig die Unterhaltszahlungen für meine Kinder zusammengebracht habe.

Mit zusätzlichen 250 Euro Therapiekosten kann ich nicht beginnen, den Studienkredit abzutragen und werde nach Ende des Studiums Kulturjournalismus wohl als „gesund“ mit Schulden starten. Schulden aus dem Wehrdienstbeschädigungsverfahren, denn eigentlich hatte ich den Studienkredit 2012 aufgenommen mit der Absicht nur 6 Monate in Anspruch zu nehmen. Dank der langen Verfahrensdauer wurden nun aber 24 Monate daraus.

Anyway: es ist nur Geld.

Diagnose

Immerhin: es sind im Profil „keine klinisch relevanten Dysfunktionalitäten abgebildet“.

Noch dazu sei ich „vorsichtig, kritisch, misstrauisch,nachtragend“. Ja, liebe Bundeswehr, wenn das mal nicht an euch und eurem Therapiekonzept liegt. Und hey: nur, weil ihr das als Paranoia verstanden wissen wollt, heißt das eindeutig NICHT, das sie NICHT hinter mir her sind ( <- ich sollte solche Witze echt nicht machen - die verstehen eh nur Twitterer.) Und danke auch für "energisch, zielstrebig, ehrgeizig" - das mochtet ihr ja laut meinen Beurteilungen schon während meiner Dienstzeit und habt es immer positiv hervorgehoben. Interessant, dass das Adjektiv "gewissenhaft" bei euch in psychometrischen Befunden auftaucht. Erhöhte Werte auf einer Subskala legen nahe, ich sei "eigenwillig bis unkonventionell, originell und exzentrisch". BÄMM!!!! Danke dafür, aber interpretiert es doch nicht in Richtung Shizophrenie. Gute Basis für den Journalismus. Und hey: wenn mir nach tanzen durch Berlin ist, dann tue ich das. Lachflash galore – Funfact am Rande

Ich zitiere den ersten Satz aus dem Abschnitt „Befund“:

„Sportliche, trendbewusste Person, schwarz gehaltene legere Freizeitbekleidung, Gepflegter, mittellanger Haarschnitt.“

Ich lache hart und bin zugleich froh, dass ein Mensch, der während seiner Arbeitszeit zu 70 bis 80 Prozent von Personen in jeglicher Art von Uniform und Jogginganzugkombination umgeben ist mich trendbewusst nennt.

„Wiedervorstellung bei Bedarf“ – danke, ich hatte reichlich!

Ich lege weiterhin keinen Wert auf die Institution Bundeswehr. Dennoch bin ich auf den Ausgleich der Nachteile angewiesen, die durch zu wenig Qualifikation und zu viele Einsätze in zu kurzer Zeit enstanden sind. Die Wehrdienstbeschädigung ist anerkannt und ich werde es nicht hinnehmen schlechter qualifiziert auszuscheiden, als das zu Beginn meiner Bundeswehrzeit mal vorgesehen war.

Deutlich aber wird wiedereinmal, dass das Nachsorgekonzept in wesentlichen Punkten weiterhin hakt. Dazu zählt auch, dass die Behandlung im Rahmen der „Freien Heilfürsorge“ – also quasi bundeswehrintern erfolgt. Der „Geschädigte“ muss sich also mit dem „Schädiger“ auseinandersetzen, wenn es um die Genesung geht.

Das ist ein Abhängigkeits- und Zwangverhältnis, das die Therapie immer wieder bremst und so nur noch mehr Kosten über eine längere Zeit entstehen lässt. Warum wird die Schutzzeit nicht in ein zivil-beamtliches Verhältsnis eingegliedert, bei dem der Geschädigte die Wahl hat, sich rein zivil behandeln zu lassen? Ja, auch dort würde die TRE-Methode derzeit nicht bezahlt. Aber es gäbe wenigstens Ärzte ohne die Bundeswehr-Schere im Kopf.

Die „Geschädigten“ sind übrigens Menschen, wie ich. Menschen, die unter psychischen, seelischen oder moralischen Nachwirkungen der Dienstzeit leiden. Den Menschen wurde Fürsorge als selbstverständlich zugesichert, und als es darauf ankam, mussten sie sich diese Fürsorge erstreiten oder erhielten sie schlichtweg nicht.

Es sind Menschen, die teilweise bei Eintritt in ihren Beruf über wesentliche Aspekte des Dienstes überhaupt nicht oder nur unzureichend informiert wurden und mangels Erfahrung im und mit dem System nicht absehen konnten, welche Konsequenzen das haben würde.

Menschen, die auf seelischer und moralischer Ebene damit zu kämpfen haben, dass die Genfer Konvention für den Umgang mit Kriegsgefangenen zwar als wesentliche Leitlinie in allen Ausbildungen geschildert wird, aber letztendlich in den rechtlichen Konstrukten der internationalen Einsätze bis zur Unkenntlichkeit gebeugt wird. Wie erklärt ihr es mir sonst, dass aus Unterlagen an den Verteidigungsausschuss die Angaben zu Gefangennahmen verschwinden ?

Viele Menschen draußen haben die Taktik der Anwerber längst durchschaut, protestieren gegen den Einsatz von Jugendoffizieren an Schulen und gegen die Praxis, das die Notlage von Menschen ausgenutzt wird und berufliche Versprechungen, wie „Bundeswehr – nicht jeder bei uns trägt Uniform“ gemacht werden. Formal ist der Spruch korrekt – aber sagt bitte auch dazu: „Bundeswehr – mit der Genfer Konvention nehmen wir es auch nicht immer so genau“.

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