Das „Adlon“-Gespräch – warum die Pause nötig war

Nach nur wenigen Artikeln über den Fortgang der Therapie greife ich das Thema Trauma nun wieder auf. Die Aufarbeitung läuft anders, als 2013 – aber nicht weniger intensiv. Kritikern, die mir vorhalten: „Geh studieren und such dir eine Arbeit!“ kann ich derzeit nur mit meinem Assistenten begegnen. Manche habe ich auch schlichtweg aus dem Freundeskreis entfernt.

Kritik aus Reihen der Einsatzgeschädigten

Die Schlagzahl der Artikel hier hat sich ein wenig reduziert. Vereinzelt kam Kritik auf „Ja, Ja, die finanzielle Situation ist gesichert – schon hast du kein Interesse mehr am Thema!“ Diese Einschätzung ist schlichtweg falsch. Die Aufarbeitung der Erlebnisse kostet Kraft und Energie, die nicht immer gleichmäßig vorhanden ist – nicht zuletzt, wenn Druck auf mich ausgeübt wird.

Meine Konzentrationsfähigkeit schwankt sehr stark und die Rahmenbedingungen, um zu schreiben und Texte zu entwickeln sind nicht immer vorhanden. Schreiben – noch dazu wenn es einen Menschen selbst betrifft – ist kein Wasserhahn, den man aufdreht und schon fließen die Worte.

Das Thema verliere ich aber nicht aus den Augen. Weder für mich, noch für andere.

Adlon-Gespräch: Die eigene Strategie: „Ich mache weiter!“

In einem Phoenix-Interview habe ich thematisiert, wie ich derzeit meine Arbeit schützen muss. Über den Ablauf des „Adlon-Gespräch“ gebe ich im Text dann Auskunft.

Im Dezember griff mich ein „Regierungsmitarbeiter“ während meines Protests auf der Straße vor der britischen Botschaft ab und lud mich ein: „Da kann ja mal der eine Reservist dem anderen einen Kaffee ausgeben.“

In dem rund dreistündigen Kaffeegespräch drehte er mit mir eine kleine Runde durch die politischen Strukturen Berlins und gab mir einen intimen Einblick in die Arbeitsabläufe und mit welchen Kräften ich mich da derzeit anlegen würde.

Er riet mir, Facebook, Twitter und Blogaktivitäten einzustellen und war auch der Auffassung, dass das Thema meiner Bachelorarbeit nicht von allgemeinem öffentlichen Interesse sei.

Er: „Sie wollen doch keine „Kaderakte“ haben.“
Ich: „Was ist denn eine Kaderakte?
Er: „Da steht alles drin, was sie online so machen. Und noch das, was man so dazu erfinden kann.“

Schon zum Selbstschutz kündigte ich an, dass ich nicht etwa Islamkarrikaturen, Trauma oder Menschenrechtsverletzungen im Auslandseinsatz thematisieren würde, sondern Journalisten einen Überblick über notwendige Schutzmaßnahmen für die redaktionelle Arbeit geben will.

Im Gespräch zückte der Regierungsmitarbeiter irgendwann seinen Truppenausweis und meinte:

„Das Ziel muss doch sein, dass sie wieder so etwas bekommen.“ Ich entgegnete, dass er sich gar nicht vorstellen könne, wie sehr ich NICHT mehr Teil der militärischen Hierarchie sein will:

„Das einzige, was ich mir in Bezug auf eine Tätigkeit beim Bund noch vorstellen könnte wäre, im Büro des Wehrbeauftragten die Verfehlungen der Truppe zu verfolgen.“

Ein Widerspruch in sich

Wo genau der „Regierungsmitarbeiter“ mit mir hin wollte kann ich nur mutmaßen. Zunächst bescheinigte er mir, dass ich zu intelligent für eine normale Bundeswehrlaufbahn sei :
„Sie nehmen zu viel wahr und hinterfragen das dann. Das hätte die Offizierbewerberprüfzentrale feststellen müssen und sie gar nicht zum Offizier zulassen sollen. Solche Leute sucht man dort eigentlich nicht.“

So recht passt es nicht zu seiner Aussage, ich müsse doch wieder einen Truppenausweis bekommen.

Ich nahm prompt die Auswahlkommission in Schutz. Mein Abiturzeugnis legt mit einem Durchschnitt von 3,5 in der Tat nahe, dass ich nicht das hellste Birnchen am Weihnachtsbaum wäre.

Trauma-Exkurs

Der Regierungsmitarbeiter war bereit, mir ein paar hilfreiche Hinweise zu geben, was meine Traumatisierung angeht. Offenbar geschichtlich bewandert begann er seine Trauma-Deutung mit den Kriegszitterern im ersten Weltkrieg und der Feststellung, das im zweiten Weltkrieg das Phänomen seltener aufgetreten ist.

Der Aspekt (Todes-)Angst und Lebensgefahr über einen längeren Zeitraum ausgesetzt zu sein spielt offenbar eine wichtige Rolle für das Trauma. In meinen Einsatzerlebnissen ist dies häufiger zu finden. Insbesondere die Lager-Situation habe ich nach den Erlebnissen in Tetovo als belastend empfunden.

Ein Camp in der Innenstadt – im Wissen, wo das in Tetovo geendet ist, war schon die Einfahrt in das alte Camp in Kunduz eine Einstimmung auf die bedrückenden Gefühle, die ich aus dem März 2001 kannte. Eine ehemalige Gärtnerei mit Lehmmauern im Bereich der Stadt – die Parallelen waren eindeutig und stießen mir sofort unangenehm auf.

Mit der Verschärfung im Januar 2006 wurde das Camp dann im Februar 2006 zum Präsentierteller, der wohl nur durch Glück nicht zum Mittelpunkt einer gewalttätigen Demonstration wurde, wie das Camp in Meymaneh, Frayab.

Kein Ausweichen möglich

Auch in den späteren Einsätzen waren die Situationen belastend, in denen es keine Möglichkeit gab, mich in Sicherheit zu bringen. Die beiden Fahrten zu denen ich mit wenig oder schlicht falschen Informationen aufgebrochen bin waren dabei ebenso belastend, wie die Einbindung in die militärische Hierarchie.

Wenn eine fachlich korrekte Entscheidung auf Basis von „Eichenlaub auf der Schulter“ negiert wird, dann nimmt es gleichermaßen den Raum, das Richtige zu tun, wie das Festsitzen in einem Jeep, der ungeschützt in eine nicht angekündigte Tagesfahrt unterwegs ist.

Provokation am laufenden Band

Der „Regierungsmitarbeiter“ unternahm immer wieder Versuche mich zu provozieren. Konservative Ansichten ertrage ich in der Regel – über schwulenfeindliche oder antisemitische Äußerungen, wie sie in dem Gespräch passierten kann ich nicht hinweg sehen.

Als sich der Mitarbeiter am Ende des Gespräch vor der US-Botschaft von mir verabschiedete, stand am Pariser Platz gerade der achtarmige Leuchter – ein jüdisches Symbol.

Regierungsmitarbeiter: „Das Ding kennen Sie, oder?“

Worauf er mit der Frage hinaus wollte, war mir zunächst nicht klar, aber ich sollte die Information gleich erhalten:

„Dieses Facebook – das ist auch von so einem Juden gemacht.“

In einem späteren Mailkontakt ergänzte der Regierungsmitarbeiter sein Profil noch um einige weitere Einschätzungen. Passend zu einer „Tornisterkarte“ von 1941 ( heute heißen solche Karten für Soldaten „Taschenkarten“) ordnete er in der Mail ein, dass er die Einwanderungspolitik der letzten 30 bis 40 Jahre für verfehlt halte.

140126-Mail_1

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Ich habe mich nach über einem Monat jetzt dazu entschlossen, diese Dinge öffentlich zu machen. Eigentlich kein guter Stil für einen Journalisten private Nachrichten zu veröffentlichen – aber wie bereits erwähnt: die antisemitischen Äußerungen aus dem Gespräch, wie auch die weiteren Provokationen nehme ich nicht hin.

Ich habe weitestgehend anonymisiert – Rückschlüsse auf die Person sollten nicht möglich sein. Dienstliche Nachteile dürften sich auch nicht ergeben – nach eigenem Bekunden ist der Verfasser der eMail kurz vor Ende seiner Dienstzeit und denkt auf einem Buch herum, dass weitere intime Blicke in die Berliner Regierungsarbeit gibt.

Na, da kann ja mal der eine „Noch-Reservist“ dem anderen „Reservisten“ doch einmal Starthilfe geben und Werbung machen für das, was da irgendwann kommt.

Trennen? Nicht möglich.

Immer wieder wurde ich auch von Kommentatoren aufgefordert, das Traumathema aus meiner Arbeit heraus zu nehmen. Ich denke, mit der Erfahrung, die ich gesammelt habe, ist das nicht möglich.

Ich muss davon ausgehen, dass Kritiker mir in Zukunft bei jeder möglichen Gelegenheit das Trauma vorhalten und Recherchen, Artikel und Äußerungen damit entkräften wollen. Diverse Facebook-Diskussionen nahmen bereits diesen Verlauf.

Das, was ich erlebt habe hat – neben all den belastenden Aspekten, die mein Leben stark beeinträchtigen (Depression, erhöhte Wachsamkeit, Unfähigkeit zu Vertrauen) auch ein paar Vorteile, die ich hoffentlich bald für mich nutzen kann.

Bis ich dazu in der Lage bin, bitte ich mein Umfeld um folgendes:

1. Wenn weitere Regierungsmitarbeiter mit mir Kontakt aufnehmen wollen dürfen Sie es gern tun. Ich unterhalte mich gern über die Traumaaspekte und über Missstände in der Bundeswehr – wir können Stunden damit verbringen, ohne dass später Details veröffentlich werden, wie ich es heute tat. Nehmen die Gespräche allerdings den Verlauf des Adlon-Gesprächs, dann ladet euren Mist bitte anderswo ab.

2. Freunde und Kollegen: redet mit mir. Zahlreiche Diskussionen finden statt. Die Anzeichen dafür sind da, werden mir teils absichtlich, teils unabsichtlich mitgeteilt. Mit mir selbst reden tun jedoch die wenigstens. Über mich reden: offenbar einige.

3. Vorgesetzte und Arbeitgeber
In diesem Bereich kann ich mir nur wünschen, dass Anrufe und Beeinflussungen der redaktionellen Arbeit öffentlich gemacht werden, wenn sie kommen.

Ich mache mir keine Illusionen, dass es viele Möglichkeiten gibt, mir das Leben schwer zu machen. Besonders im finanziellen Bereich bin ich weiterhin nicht stabil – werde es wohl auch mit der schwankenden Leistungsfähigkeit nicht immer sein.

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5 Kommentare

  1. Ich war zwar nicht beim Bund, bin aber ebenfalls durch einen Einsatz im Jahre 2006 traumatisiert!
    Ich kann nur jedem traumatisiertem Veteranen raten, sich Hilfe jeglicher Art zu suchen.
    Ich hatte es versäumt, als die Symptome bei mir auftraten.
    Das nennt man auch Betriebsblindheit!
    Das traurige ist, man selber erkennt es erst nach Jahren, der Arbeitgeber (Dienststelle) nie!
    Ich habe aktuell nur den Vorteil das der Amtsarzt, bei diesem Einsatz ebenfalls dabei war und mir klipp und klar sagte:
    Du hast 2 Möglichkeiten, Pension oder aber in eine ander Position (Amt) wechseln.
    Ihr glaubt nicht wie schwer einem das fällt und ich bin auch heute noch in Behandlung!
    Das Krankheitsbild nennt sich Großspurig posttraumatische Störung und jeder meint man hätte einen an der Waffel.
    Ich kann sagen, das dieses mit Sicherheit nicht der Fall ist.
    Warum ist meine Blutprobe, denn noch heute nach 8 Jahren noch eingefroren und ein sogenanntes Kompetenzzentrum hat da die Finger drauf?
    Ich bin da auch nicht ruhig und ddarum kann ich Daniel vielleicht besser verstehen, wie viele andere.
    Da wird von der Obrigkeit alles schön und kleingeredet usw.
    Diesen Streifen mache ich bereits seit 8 Jahren mit!
    Die Wahrheit interessiert keinen, solange es sich nicht im politischen alkül befindet.
    Die USA ist da durch Vietnam viel weiter, aber das wird genauso totgeschwiegen.
    mfg
    csmulo

  2. Das was ich da geschrieben habe fiel mir unheimlich schwer, da ich am 01.04.14 auch noch mein 25-jähriges Dienstjubiläum begehen durfte!

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