2016

Der Dezember ist traditionell die Zeit der Jahresrückblicke. Nun ist es bereits September 2017 und damit ist dieser Jahresrückblick wirklich spät dran. Hat seine Gründe, die hier später auch Thema werden.

Wie schon im Jahr 2014 und 2015 fällt dieser Rückblick sehr frei aus und soll vor allem der Transparenz dienen. Wer dieses Blog verfolgt erkennt mitunter nicht sofort einen roten Faden in meinem journalistischen oder privaten Handeln. Manche Kategorien bedürfen der Überarbeitung. Doch das Blog bleibt im Kern über das Jahr ein Sammelbecken aller Aktivitäten und wird zum Jahresabschluss dann kurz sortiert.

NSAUA

2016 habe ich im dritten Jahr den NSA-Untersuchungsausschuss begleitet. Das Thema selbst wurde immer mehr zum Geheimdienstuntersuchungsauschuss, in dem es mehr um die deutschen Dienste Bundesnachrichtendienst (Ausland) und Bundesamt für Verfassungsschutz (Inland) ging. Deutlich wurde, wie die parlamentarische Kontrolle dieser Dienste vom Bundeskanzleramt einerseits blockiert wurde, indem Akten geschwärzt oder nur in unzureichendem Umfang zur Verfügung gestellt wurden. Andererseits scheinen weite Bereiche der Geheimdienstkontrolle für das Bundeskanzleramt so komfortabel organisiert zu sein, dass zu jeder Zeit nur minimale Verantwortung dort übernommen werden muss. Ein Leben hinter der Firewall, wo eigentlich richtungweisend entschieden und kritisch hinterfragt werden müsste.

In 2016 lag der Schwerpunkt meiner Berichterstattung weiterhin auf der Teilnahme an den Sitzungen als Journalist. Vereinzelt gingen Menschen davon aus, ich sei angestellt und wäre Teil des Parlamentsbetriebs. Wo immer mir diese Einschätzung begegnete stellte ich klar, dass ich als freier Journalist berichte.

Das Medium meiner Wahl war zum einen Twitter. Zu den Sitzungstagen band ich die Tweets hier im Blog ein. Zweiter Dreh- und Angelpunkt der Berichterstattung war die Mitarbeit im Podcast „Technische Aufklärung“. Zum Kern des Podcastteams rund um die Macher Jonas Schönfelder und Felix Betzin zählten die Redakteure von Netzpolitik.org (Anna Biselli und André Meister), die in den Sitzungen ein Liveprotokoll führten und die Grafikerin Stella Schiffczyk, die auch in diesem Jahr viele der Zeugen porträtierte und ihnen ein Gesicht gab.

Unsere Arbeit fand Anklang. Nicht nur in Form von Spenden, die uns die Verpflegung an Sitzungstagen im Bundestag sicherten, sondern auch in Form der Nominierung für den Grimme-Online-Award in der Kategorie Information.

Die Jahreszusammenfassung unseres Themas gab es anlässlich des Chaos Communication Congress 2016 in Hamburg:

Chaos Computer Club

2016 war ich kein Mitglied im Chaos Computer Club und das sollte ich definitiv irgendwann ändern. Zum einen, weil ein Großteil meines sozialen Umfeldes aus der Szene kommt. Zum anderen, weil viele meiner Themen eine Schnittmenge mit den Betätigungsfeldern des Clubs haben.

Ich kann damit leben, dass mich der Deutschlandfunk als „Internet-Aktivist“ labelt. Vielleicht ist das auch die Rolle, die ich zumindest auf Veranstaltungen, wie dem 33c3 ausfülle. Nun in die generelle Diskussion einzusteigen, wie weit Journalisten auch Aktivisten sein dürfen, sprengt den Rahmen dieses Jahresrückblicks. Ich kann nur versichern, dass ich meine Haltung zu Themen auch weiterhin transparent machen werde. Wer mir auch Twitter folgt erhält einen guten Eindruck, wie ich mir eine Meinung zu Themen bilde. Dass ich dabei nach journalistischen Grundsätzen vorgehe gebietet mein Berufverständnis.

Journalismus mit Haltung

Zu einzelnen Themen eine Bühne zu betreten ist für Journalisten nicht unüblich. Immer wieder treten Journalisten als „Experten“ im Fernsehen oder Radio auf und werden als kompetente Instanz präsentiert, sofern sich das aus ihrer Arbeit ableiten lässt. Fehlt es der Redaktion hingegen an Vertrauen, dann ist die Bezeichnung „Aktivist“ wohl eine gängige Abstufung von Experte.

Beim Thema Bundeswehr leitet sich meine Haltung längst nicht mehr nur aus meiner aktiven Dienstzeit zwischen 1998 und 2008 ab. Diese Zeit hat mich zum Kritiker vieler Vorgänge werden lassen, die sich heute in der Bundeswehr abspielen. Dabei weiterhin von der Institution, die ich kritisiere bezahlt zu werden, mache ich so deutlich, wie nur irgend möglich. Das die Bezahlung auch 2016 andauerte ist weiterhin der Einsatzschädigung geschuldet.

Die Bezeichnung „ehemaliger Bundeswehrsoldat“ ist korrekt, wenn es um meine journalistische Arbeit geht. Im Mai 2016 ermöglichte das Büro von Heike Hänsel (DIE LINKE) mir die Teilnahme an einer Demonstration in Stuttgart gegen das dort ansässige US-Kommando, das abseits einer parlamentarischen Kontrolle aus Deutschland agiert.

Als Redner sprach ich aus der Haltung als ehemaliger Soldat heraus, der mittlerweile als Journalist mit dem Thema Drohnen in Berührung kam und Whistleblower des US-Drohnenprogramms und Whistleblower aus US-Geheimdiensten getroffen hat.
Meine Unterstützung der US-Whistleblowerin Chelsea Manning ist dabei nicht nur Aktivismus, sondern auch Teil der Verantwortung, die ich als Journalist empfinde, wenn es um Quellen- und Informantenschutz geht.

Faktisch führt mich die Bundeswehr jedoch auch mit der Einsatzschädigung als “Soldat”. Das hat den negativen Effekt, dass ich auch den Regelungen des Soldatengesetzes unterworfen werden kann, wenn es denn irgendjemandem beliebt mich sanktionieren zu wollen. Bisher war das nicht der Fall. Jedoch versicherte mir im persönlichen Gespräch einer meiner verwaltenden Militärs, es habe 2015 und 2016 Anrufe in der Dienststelle gegeben und belehrte mich, ich möge keine Dienstgeheimnisse kundtun. Da ich keinen Zugang zu Dienstgeheimnissen habe, ist leicht sicherzustellen.

Die Anrufenden zeigten sich offenbar unzufrieden mit dem Ton meiner Berichte und verlangten ein eingreifen meines Vorgesetzten. Tenor: “Er bekommt Geld von der Bundeswehr – wie kann er da so kritisch über das Thema Y berichten?”

Nochmals in aller Deutlichkeit: Ich absolviere ein journalistisches Studium und bin kein verlängerter Arm der Bundeswehr-Pressestelle. Nehmt es hin oder schreibt mir – mal Rückgrat zeigend – doch Leserbriefe und eMails. Mit Klarnamen wegen dem offenen Visier statt hintenherum mit einem Anruf beim verwaltenden Vorgesetzten.

Redaktionen 2016

Im Rahmen des Masterstudiums Kulturjournalismus standen 2016 auch Praktika und Hospitanzen in Redaktionen an. Die Mitwirkung im Podcast „Technische Aufklärung“ konnte ich mir als Hospitanz anrechnen lassen.

Im März 2016 war ich Teil der Redaktion von netzpolitik.org und berichtete auch dort über Themen, zu denen ich einen Bezug habe z.B. das Thema Cyberwar.

Alle Artikel sowie auch die redaktionelle Routineaufgabe „Linkschleuder“ sind unter meinem Autorenprofil zu finden.

Den Oktober 2016 verbrachte ich dann in der Medienredaktion von „DER TAGESSPIEGEL“. Der Kontakt kam über den Reaktionsleiter zustande, der im Sommersemester 2016 zu Gast in einem unserer Studienkurse war.

Die Redaktion macht in erster Linie Medienkritik („Polizeiruf 110 in Rostock: Karriere, Koks, Korruption“). Auch hier gab es wieder technische Themen, die ich gerne aufgriff („Alles Darknet oder was?“), Themen mit Bezug zu Medienethik („Eine Provokation zu viel“) und auch ein Bundeswehrbezug ergab sich entlang der Webserie „Die Rekruten“ („Die Rekruten – Bundeswehrimagekampagne auf Youtube“).

Es ergab sich auch die Gelegenheit Einblick in die Welt der Medienpublicrelations zu nehmen. Exklusivinterviews machen sich immer gut für eine Tageszeitung und es gibt Agenturen, die viel Zeit und Geld dafür ausgeben, damit die Inhalte in die Wahrnehmung der Leser gelangen. Das geht mitunter soweit, dass sogar Reisen für Journalisten bezahlt werden, um Produkte, wie Autos in einem tollen Umfeld zu testen. Es macht sicherlich auch mehr Spaß ein Auto entlang sonniger spanischer Küstenstraßen zu bewegen, als durch den verregneten einheimischen Stadtverkehr.

Im Fall der Medienredaktion ging es nicht ganz so opulent zu. Auf Einladung und Flugkosten einer PR-Agentur konnte ich nach London reisen, um den Hauptdarsteller einer Amazon-Serie Craig Roberts in einem Hotel für ein gut 20 minütiges Interview zu treffen. Ein Horror auf mehreren Ebene. Einerseits für den Schauspieler selbst, der als Teil seines Berufes nun aktiv in die Vermarktung eingebunden war und im Halbstundentakt die Fragen von verschiedenen Journalisten zu beantworten hatte. Andererseits der Aufwand für die Flüge Berlin-London-Berlin. Der ökologische Fußabdruck hätte sich sicherlich deutlich verbessern lassen, wenn es „nur“ ein Videochatinterview gegeben hätte.

Well – Einen Tag in London zu verbringen war nett, doch es machte auch etwas mit meiner Arbeit, denn ich fühlte mich genötigt, mindestens die erste Staffel der Serie anzuschauen, deren zweite Staffel der Grund für die Einladung war. Auch wäre diese Serie nicht ohne den Anruf der PR-Agentur auf meinem persönlichen oder dem Reaktionsradar gelandet. Doch für welchen Film oder welche Serie gilt das schon in einer Redaktion von drei fest angestellten Redakteuren plus einem wechselnd besetzten Praktikantenplatz?

Und von wie vielen Filmen würde die Redaktion überhaupt erfahren, gäbe es nicht Promotion der Macher, kostenlose Pressevorführungen oder Filmfestivals, wie die Berlinale, die mit ebenfalls sehr hohem PR-Aufwand aufgezogen werden? Da es in diesem Fall außer der Übernahme der Flugkosten keinerlei Einflussnahme auf den Inhalt des Artikels gab, konnte ich mit der Teilnahme an einem sogenannten „Pressjunket“ auch ohne gesonderte Erwähnung der Reiseumstände im Artikel leben („Red Oaks auf Amazon-Prime „Alter Ego“).

Persönlich Grenzen und das Studium

Das Masterstudium begann im Oktober 2015 gewohnt optimistisch, wie das bei neuen Aufgaben und Herausforderungen so ist. Das erste Semester endete dann im Februar 2016 . Die Semesterferien waren mit dem Netzpolitik.org-Praktikum gefüllt. Etwa im Juni 2016 bemerkte ich, dass die letzten Monate jedoch ihren Tribut gefordert hatten. Seit Beginn der Bachelorarbeit im Juli 2015 gab es für mich bestenfalls tageweise Auszeiten um Weihnachten und Ostern, jedoch keinen wirklichen Urlaub. Etwas, das mir über die Jahre zuvor viel zu selten bewusst geworden ist.

Das Sommersemester zeichnete sich dann auch noch dadurch aus, dass die Inhalte statt in 5 Monaten nun in höherer Dichte in nur 4 Monaten abzuarbeiten waren. Etwa gegen Ende Mai / Anfang Juni wurde deutlich, dass ich das Pensum so nicht bewältige.

Mein Grad der Schädigung ist mit 30 % angegeben. Das hält mich jedoch nicht davon ab so funktionieren zu wollen, wie das Umfeld, in dem ich studiere und in dem gut 90 % der Menschen gerne mal 8 bis 12 Jahre jünger sind , als ich.

Nach einigen Wochen der Rücksprache und Prüfung gab es dann grünes Licht seitens meines “Sponsors”, der es auch relativ logisch fand, dass ich nicht im vorgesehen Rahmen von vier Semestern bleiben werde.

Fun-Fact am Rande: zahlreiche Kommilitoninnen haben sich mittlerweile dazu entschlossen, zusätzliche Semester in Anspruch zu nehmen und selbst die Studiengangsleitung überdenkt nun die viersemestrige Planung zugunsten eines Modells mit fünf Semestern. Liegt also wohl doch nicht nur an mir.

An sich eine gute Ausgangsbasis für das Wintersemester 2016, in dass ich optimistisch mit dem Tagesspiegelpraktikum startet. Kurz nach Beginn der Vorlesungszeit und des Printprojektes dann aber eine erneute Irritation. Die schon anfangs erwähnten “Gründe” für die deutliche Verspätung dieses Jahresrückblicks lieferte der Truppenarzt, der aufgrund der Einsatzschädigung für mich zuständig ist.

Besagter Arzt agiert auf der Ebene “Allgemeinmediziner” und erhielt von einer vorgesetzten Dienststelle den Auftrag mich nach weiterem Behandlungsbedarf zu befragen. Den Ablauf dieses Termins habe ich im Blog “Wir-Dienten-Deutschland.de” festgehalten, in dem ich aufarbeite, was mir seit der Diagnose “Anpassungsstörung, Depression, PTBS (?)” so alles passiert.

Die Kurzfassung: aus einem mit der fachlichen Ebene abgeklärten Therapiezeitraum zu einem sinnvollen Zeitpunkt im Jahr wurde nach dem Termin quasi der “hastige Soforteinstieg”. Statt mit Studium und Weihnachtsvorbereitung verbrachte ich die letzten Wochen des Jahres mit Therapie, Studium und allerhand Kraftanstrengung, um nicht ob der Depression im ohnehin schon düsteren Winter gänzlich handlungsunfähig zu werden.

Mit dem Chaos Communication Congress endete dann mein Jahr 2016 mit dem Gefühl von normalen, verständnisvollen und sozialen Menschen umgeben zu sein. Diesen Trick werde ich auch 2017 wieder beherzigen!

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