Transparenz, Journalismus & Ich

Im Jahr 2010 habe ich begonnen das fortzusetzen, was ich in Anteilen schon zu Bundeswehrzeiten (zw. 2002 und 2008) getan habe. Die Arbeit in den Medien war aber dort bestenfalls PR-Arbeit und auf jeden Fall nur selten eine kritische Auseinandersetzung mit den Inhalten, die der Dienstherr sich wünschte.

Mein Schritt in den Journalismus und die Entscheidung Onlinejournalismus zu studieren war davon geprägt, dass ich im September 2008 zum Schweigen verdonnert worden bin – ein Schweigen, das ich erst im Mai 2013 gänzlich brach. Der Bruch war ein Teil der Aufarbeitung, die ich in den letzten zwei Jahren ein gutes Stück voran gebracht habe.

150609_FreischreiberNaiv – anders kann ich meinen Glauben daran nicht nennen, dass eine effektive Kontrolle des Parlamentes verhindert, dass die Bundeswehr ihr Handeln im Ausland vertuschen kann. In den Dienst eines Kämpferkultes habe ich mich nie gestellt. Auch nicht „Ja“ dazu gesagt über den Umgang mit Kriegsgefangenen zu schweigen oder mich der kritischen Frage nach ihrem Verbleib willentlich zu verschließen.

Diese Dinge dennoch erleben und durchleben zu müssen hat mich – neben einigen anderen Erfahrungen – geschädigt, traumatisiert und erkranken lassen. Der Friedensaktivist und Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann hat in seinem Buch „Niemals gegen das Gewissen“ eindrucksvoll beschrieben, welchen inneren Kampf, welche Zerrissenheit die Folgen eines aufgezwungenen Handelns gegen das Gewissen bedeuten.

De facto wurde mit dem Grundgesetz bei der Gründung der Bundesrepublik und der späteren Neuaufstellung einer Deutschen Armee ein Anspruch formuliert, dass solches Handeln gegen das Gewissen nie wieder vom Staat auferlegt werden darf. Doch es ist viel grau zwischen dem eindeutigen Schwarz und dem eindeutigen Weiß. Mich selbst darin wiederzufinden, damit auseinander setzen und mich letztlich neu vor mir selbst rechtfertigen zu müssen hat viel Kraft gekostet.

Es wäre unnötig gewesen, hätte es diese Lügen nicht gegeben.

Zum 16.03.2015 trete ich in eine sogenannte Schutzzeit ein. Ein Bundesdienstverhältnis, finanziert aus dem Einzelplan 14 – also dem Wehretat. Ziel dieser Schutzzeit ist es, mir Raum für gesundheitliche Rehabilitation und berufliche Eingliederung zu geben. An meinem Berufsziel hat sich nichts geändert.

Im Rahmen dieser Schutzzeit ist die Bundeswehr in der Pflicht, die beruflichen Qualifikationsmaßnahmen zu finanzieren und für meinen Lebensunterhalt zu sorgen, damit mir im Gegenzug Zeit und Raum bleibt, die gesundheitlichen Folgen aufzuarbeiten, die die letzten Jahre hinterlassen haben.

Formal jedoch gibt es ein Problem: ich unterliege dem Soldatengesetz, gelte als militärischer Vorgesetzter, denn ich bin in eine Hierarchie eingegliedert, die Dienstgrade definiert. Dazu zählen dann gewisse Verschwiegenheits- und Zurückhaltungspflichten in dienstlichen Belangen. Formal-korrekt ist jede Äußerung, die ich zu Bundeswehrthemen ab dem 16.03.2015 mache angreifbar.

Ich muss davon ausgehen, dass es Kräfte in den Reihen der Armee gibt, die darauf setzen werden oder durch „dezente Hinweise“ darauf drängen könnten, ich solle mich zu gewissen Themen nicht äußern.

Nun denn – ich werde es darauf ankommen lassen, denn ich bin nicht Teil des militärischen Apparates und nur zum Zwecke der beruflichen Qualifikation und gesundheitlichen Rehabilitation auf der Payroll.

Die Sorge der letzten Jahre um Genesung und darum, wie ich meine Familie ernähren kann weicht nun der Sorge, welche Repressalien mit der „Schutzzeit“ einher gehen. Wird versucht werden, auf meine laufende Therapie Einfluss zu nehmen? Werde ich – wie schon 2013 geschehen – zur Einnahme von Medikamenten gedrängt oder durch bewusste Falschinformationen über Art und Ablauf von Therapiemaßnahmen getäuscht?

Ich bin entschlossen, positiv und optimistisch zu bleiben. Doch letztlich werde ich keine Eingriffe in meine Autonomie mehr dulden, die politisch oder durch Militärinteressen motiviert sind.

Nötigen Falles erstreite ich mir das Recht auf eine Krankenversicherungslösung, die ohne die militärisch geprägte „Freie Heilfürsorge“ auskommt oder werde mich gänzlich frei finanzieren, wenn es um gesundheitliche Belange geht.

In den letzten zwei Jahren habe ich aufgrund der Kosten für Lebensführung, Therapie und Unterhaltsverpflichtungen Schulden aufgebaut, die ohne die Erkrankung und die damit einhergehenden Einschränkungen nicht entstanden werden. Diese werde ich im Laufe der Schutzzeit auch abbauen können.

Journalistisch werde ich in Bezug auf den Umgang mit mir weiter so öffentlich Verfahren, wie ich das im Blog „Wir-Dienten-Deutschland.de“ bisher getan habe. Demokratie und das Recht auf freie Meinungsäußerung dürften damit kein Problem haben – wenn sich die Bundeswehr dazu als inkompatibel beweisen will, bin ich der Institution dabei gerne behilflich.

Journalistisch werde ich weiterhin die Öffentlichkeitsarbeit der Bundeswehr, die Rüstungs- und Verteidigungspolitik sowie die damit verknüpften Auswüchse im Blick haben, begleiten und mich kritisch betätigen. Wenn es mir da mit unter an Sachlichkeit mangelt oder die Wut ein schlechter Berater sein möchte, gibt es immer noch das Mittel der Satire – so denn es bei den Entwicklungen entlang der Baustellen der Truppe überhaupt noch Bedarf an Überzeichnung gibt.

Journalistisch wird mein Engagement weiterhin antifaschistisch sein und wie in den Jahren zuvor ohne Gewalt gegen Personen oder Sachen auskommen.

Friedenspolitisch lehne ich Drohnen ebenso ab, wie die derzeitige deutsche Einbindung in das NATO-Bündnis, in dem nationale Alleingänge, die in Afghanistan und Pakistan für mich jegliches Maß verloren haben – so denn unter amerikanischer Führung jemals maßvoll gehandelt wurde.

Der Apparat wird damit leben müssen einen scharfen Gegner auf der eigenen Payroll zu haben, ohne Einfluss ausüben zu können – es wird eine spannende Schutzzeit.