(Update) #b1908 – #Spandau & “Shadowbanned”

Nazis und Technik – normalerweise reicht schon eines dieser Probleme alleine aus, um einen Tag so richtig zu versauen. Anlässlich der Nazi-Demo in Berlin-Spandau war ich mal wieder als Liveberichterstatter auf Twitter unterwegs. Irgendwann im Laufe des Demogeschehens meldeten sich mehrere Nutzer bei mir und beschrieben, ich sei von einem sogenannten Shadowban betroffen.

Shadowban bezeichnet eine Maßnahme, bei der z.B. in Internetforen Nutzerinhalte ausgeblendet werden, ohne das der Nutzer davon erfährt. Diese Methode geht soweit, dass die Nutzerkommentare für den Nutzer selbst noch sichtbar sind, als wären diese normal getätigt.

Erstmalig fiel mir so etwas entlang der Berichterstattung zum NSA-Ausschuss unter dem Hashtag #NSAUA auf. In der Timeline zu einem Hashtag schien ich mitunter nicht zu existieren. Es ist unklar, nach welchen Regeln der Twitteralgorithmus hier verfährt und wie lange diese Probleme anhalten. Twitter beteuerte zuletzt im Juni, es handele sich schlicht um ein Problem mit den Suchalgorithmen und Spamfiltern.

In der journalistischen Arbeit sorgt das allerdings für handfeste Probleme:

Derzeit ist keine meiner Tweetsammlungen zu den einzelnen Sitzungstagen des NSA-Untersuchungsausschusses mehr zugänglich. Ein Aushängeschild meiner Arbeit der letzten 3 Jahre an dem Thema.

Derzeit heißt das auch, dass ich interessante politische Entwicklungen – oh hey, es ist ja Wahlkampf – nicht mehr begleiten bzw. nur noch innerhalb der bestehenden Followergruppe (immerhin rund 3450) diskutieren kann.

Derzeit kann ich entlang von Hashtags keine neuen Follower generieren oder entlang neuer Themen, die unter Hashtags kommuniziert werden wahrgenommen werden.

Derzeit heißt das, dass ich von aktuellen Ereignissen und der Berichterstattung darüber ausgenommen bin. Für einen freien Journalisten ohne feste Redaktion ein Graus.

Persönliche Dimension

Ich habe im Bachelor Online-Journalismus studiert und schnell meinen guten Zugang zu Twitter gefunden. Nicht nur als Recherchetool, sondern auch als Ausspielkanal. Gerne habe ich in den letzten Jahren unter verschiedensten Hashtags über Veranstaltungen berichtet – etwas, das früher “tickern” genannt wurde. Nicht zu wissen, warum ich nun der Möglichkeit beraubt werde, mehr Publikum zu generieren ist belastend. Zu wissen, dass ich im nächsten Jahr komplett als freier Journalist Einnahmen generieren muss, die für Kids, Schulden und Lebensführung ausreichen, ist noch einmal eine andere Dimension.
Jobs, wie Manager einer Social-Media-Community kann ich nahezu vergessen, wenn ein Arbeitgeber z.B. Routinemäßig fragt, ob ich einen eigenen Account erfolgreich betreiben kann oder mich gleich mal auf einen Shadowban hin überprüft.

Ich habe mich mehrfach bei Twitter um die Verifizierung meines Accounts als Journalist bemüht. So etwas bekommen z.B. Moderatoren beim ZDF nahezu automatisch, ohne, dass sie jemals eine nennenswerte Anzahl von Followern oder Tweets vorzuweisen hätten. Wie soll es mir bei solchen Hemmnissen gelingen eine Reichweite zu generieren, die zum Leben reicht?

Immerhin können noch die bestehenden Follower meine Tweets verfolgen.

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Update 20.08.2017 – 15:00 Uhr

Offenbar ist mein Account nun wieder über die Suchfunktion von Twitter auffindbar. Wie sich dieses technische Problem ergibt, bleibt weiterhin ein Geheimnis von Twitter.

Die Liste möglicher Erklärungsversuche reicht vom durchgeknallten Bild-Filter, der auf die Bilder von der NAZI-Demo mit Reichkriegsflagge reagiert hat über ein System das mich als SPAM-er klassifiziert hat, bis hin zu automatisierten Meldungen meiner Tweets als unerwünschtem Content von wem auch immer.

Wenn Unternehmen nicht in der Lage sind, Algorithmen diskriminierungsfrei einzusetzen, dann dürfen die nicht ausgerollt werden – in der Praxis sieht das jedoch anders aus.

Der Effekt, den die Platform hervorgerufen hat ist eindeutig: vom virtuellen Demogeschehen und der Möglichkeit der journalistischen Berichterstattung war ich teilweise ausgeschlossen. Das solche Dinge seit 2017 häufiger dokumentiert werden fällt nicht nur mir auf.

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