Postfaktisch – in neuen Kleidern weiter, wie gehabt

Januar 2017 – ein bisschen spät dran, etwas über„postfaktisch“, das Wort des Jahres 2016 zu schreiben, denn die Diskussion wurde doch schon im Dezember geführt. Doch was kümmern mich als Autor journalistische Standards, wie Aktualität, wenn postfaktisch selbst Fakten den Bach runter gehen?

Die Definition von „postfaktisch“ wirkt schlicht: „auf Gefühlen – nicht auf Tatsachen beruhend“. Nun sind Gefühle an sich erst einmal nichts schlechtes und überhaupt sollten wir Gefühle viel öfter zulassen. Das Problem bei diesem postfaktischen sind die Tatsachen, die dieser Art von Berichterstattung, Wahlkampfreden und den Entscheidungen, die daraus resultieren scheinbar völlig abgehen.

Spätestens seit der Wahl von Donald Trump zum nächsten Lenker der Weltgeschicke, ist die Sorge groß. Was – wie ? Sie sagen, Donald Trump sei nur der Präsident der Vereinigten Staaten? Aber ich bitte sie: wir sind hier postfaktisch unterwegs. So, wie die US-Regierung die Rolle der Vereinten Nationen oder internationaler Übereinkünfte in Sachen Umwelt oder Rüstungsvereinbarungen postfaktisch handhabt, ihren eigenen Weg geht und damit Handels- und Bündnispartner lenkt, regiert Trump künftig die Welt. Und auch dieses Mal machen viele begeistert mit. Postfaktisch kommt an!

So wie schon zuvor bei Barack Obama, der gefühlt die große Wende nach George W. Bush bringen sollte. Sie erinnern sich doch noch, wie Obama Friedensnobelpreisträger wurde, weil da das Versprechen im Raum stand, er würde das Folterlager Guantanamo schließen? Noch bevor die Lobpreisungen des Nobelpreiskomitees verklungen waren, war klar, dass unter Obama mehr Soldaten in die gleichen Kriege ziehen würden, die Bush in die Kritik brachten. Ein postfaktischer Friedensnobelpreis. Beklatscht und umjubelt.

Nicht nur ein US-Problem

Auch in Deutschland kümmern Fakten immer seltener. Während der deutsche Michel kein Auto akzeptiert, das nach dem Kauf nur die Hälfte der Zeit fahren würde, wählt sich die Masse des Wahlvolkes eine Regierungspartei, die am Ende der Legislatur gerade mal 45 % der Wahlversprechen ganz, und weitere 15 % nur teilweise erfüllt hat. Gut, faktisch sind das die Zahlen von 2002 bis 2009 – aber auch für die laufende Legislatur sieht es nicht gerade gut aus.

Nicht nur ein Politiker-Problem

Und was ist mit den 4 Jahren dazwischen? Zeit ist Geld und Recherche wird schlecht oder gar nicht bezahlt. Und wenn die gefühlte Wahrheit geklickt wird, warum noch recherchieren? Postfaktisch kann nämlich auch praktisch sein. Sie als Leser werden in dem bestätigt, was sie ohnehin schon zu wissen glauben und dem Journalisten sind die Klicks gewiss, da keine komplizierten, unangenehmen Wahrheiten die Leser aufwühlen. Ihre Nachfrage von heute bestimmt das Angebot von morgen. Hauptsache, die Journalistenschreibe ist suchmaschinengerecht formuliert.

Wie nun? Sie fühlen sich mit diesem postfaktischen nun doch unbehaglich? Fein – willkommen auf dem Weg zum selbständigen Denken, statt in der Schlange der Gewohnheitswähler und Werbegläubigen zu stehen. Und für alle die, die schon in der Vergangenheit nicht auf Wahl- und Werbeversprechen oder Stammtischparolen hereinfielen: bleiben Sie wie Sie sind. Kritisch und nachdenklich.

Speichere in deinen Favoriten diesen permalink.

Kommentare sind geschlossen