Hysterie und Massenwahn – struktureller Rassismus am #Breitscheidplatz

Kaum mehr als 24 Stunden ist es her. Eigentlich die Zeit, um zu trauern. Doch ich bin kein Angehöriger. Keine Person aus dem nächsten oder übernächsten Kontaktkreis der Getöteten Menschen vom Breitscheidplatz. Als Journalist habe ich auf die Dinge zu blicken, die passieren und nicht Teil davon zu sein.

Kaum eine Stunde ist am 19.12. vergangen, als ein quantitativ maßgeblicher Chefredakteur in einem quantitativ reichweitenstarken internationalen Fernsehsender mit absoluten Aussagen zementiert, was Apokalyptiker lange herbeisehnen. DEN ANSCHLAG, der in Deutschland passiert. „Endlich auch“, so wirkt es.

Weniger als eine Stunde dauert es und eine (britische) Augenzeugin verneint vor einem internationalen Publikum, dass auch nur die Möglichkeit bestehe, es habe sich um einen Unfall gehandelt. Man mag ihr mangelnde Ortskenntnis und Schock zu Gute halten – aber spätestens das Fact-Checking hätte ergeben müssen, dass ihre Aussage, es gäbe keine andere Erklärung für einen LKW an dieser Stelle des Weihnachtsmarktes, unhaltbar ist. Ein wenig Ortskenntnis genügt und schon ist klar, dass mindestens zwei Straßen eine weniger als 3 bis 4 Meter große Chance bieten, dass ein Lastwagen schlicht von der Fahrbahn abkommt und auf dem Gehsteig landet.

Doch nicht genug. Binnen weniger als drei Stunden verbreiten maßgebliche Medien, ein Verdächtiger sei von der Polizei geschnappt worden. Lange bevor valide Ermittlungserkenntnisse vorliegen, um wen genau es sich bei dem Verdächtigen handelt, drücken lokale und überregionale Medien eine inoffizielle Information aus nicht näher benannten „Sicherheitskreisen“ in die Öffentlichkeit.

Genannt: zwei Herkunftsländer, die den rechten Hass anschwellen lassen. Ungesichert: die Erkenntnis, woher dieser Mensch wirklich stammt. Seine Muttersprache ist nicht präzise nur einer Nation zuzuordnen. Egal – dann werden eben zwei mögliche Herkunftsländer in die Presse übernommen. Peinlich aber dann, dass binnen weniger als 24 Stunden sich die Person nicht mit der Tat in Verbindung bringen lässt und freigelassen wird.

All das hält – von der ersten Minute – den rechten Mob nicht davon ab, Fakten zu schaffen. Und auch in den Köpfen zahlreicher Menschen ist verankert „War doch klar, dass irgendein Ausländer so etwas tun würde“. Allein ein Gerücht reicht, um Ängste und den strukturellen Rassismus zu aktivieren.

Und kaum 24 Stunden später fehlt der Täter. Kaum 24 Stunden später tappen die Ermittler im Dunkeln. Kaum 24 Stunden später gibt es nur noch die Annahme, aufgrund der Ähnlichkeit zum Nizza-Attentat könnte ein ideologisch verknüpfbarer Hintergrund bei diesem schrecklichen Ereignis zugrunde liegen. Das Wort „Amokfahrt“ kommt in der Berichterstattung nicht und folglich in den Köpfen der Menschen nur sporadisch vor.

Doch weniger als 12 Stunden nach dem schrecklichen Vorfall sind aus Kreisen der Innnenminister der Länder Worte wie „Kriegszustand“ zu hören. Deutschland sei im Kriegszustand und zum Trotz wird die Freiheit auf dem Weihnachtsmarkt bewiesen ist das zugespitzte Medienecho der Berichterstattung aus Pressekonferenzen. Wenn da nicht mal ein Innenminister seine Kompetenz weit überschritten hat – wem obliegt noch gleich eine solche Einordnung oder gar eine Kriegserklärung, Herr Bouillon ? Sicher nicht dem Saarland – soviel dürfte die Skala hergeben.

Derweil tobt unbeirrt der Mob aus der „Wir haben gewusst, dass es passieren wird“- Fraktion, die nicht ausnahmslos rechtsextrem ist, sondern sich aus Rechten, bekennend Konservativen bis hin zu politisch Unentschlossenen zusammensetzt.

Der rechte Pöbel diffamiert online sogleich diejenigen, die kritisieren, dass trotz erkennbar schwacher Faktenlage meinungsprägende Informationen verteilt werden. Kritikern wird empfohlen, sich nach Afghanistan zu verziehen, denn dort würden sie schließlich hingehören.

Fakt bleibt (36 Stunden nach dem Vorfall (Artikel um 04:21 Uhr geschrieben, geplant für 08:00 Uhr)

1. Die Ermittlungsbehörden tappen im Dunkeln
2. Die Politik hat keine seriöse Grundlage um Entscheidungen zu treffen.
3. Relevante Medien verbreiten pseudolegitimierte Informationen, deren Aussagekraft schnell überholt ist als absolute Wahrheiten.
4. Der rechte Mob geifert, sobald es nur den kleinsten Hinweis auf nicht vorhandene Fakten gibt.

Was bleibt ist abzuwarten. Abwarten, bis Ermittler ermittelt haben. Akzeptieren, dass es nur wenige valide Informationen gibt. Und letztlich hinzunehmen, dass in allerletzter Konsequenz auch die Möglichkeit besteht, dass kein Täter je ermittelt werden kann.

All diese Darstellungen sind natürlich unter dem Vorbehalt getätigt, dass der IS nicht noch einen validen Beweis liefert, dass die Bekennung zum Attentat authentisch ist. CNN wusste schon weniger als zwei Stunden nach dem Attentat zu berichten, der IS sei involviert.

Doch leider lässt die Bereitschaft zur Faktentreue weder bei Medien, noch bei der Bevölkerung messen. Manche Teile werden immer dazu neigen, eigene Wahrheiten zu fabrizieren, statt auszuhalten, dass Fragen erst einmal nicht zu beantworten sind. Hysterie und Massenwahn sind die Folge.

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