Der Rechenfehler mit den 11.480.000 Leben

Die Würde des Menschen ist unantastbar. So schreibt es das Grundgesetz. Verfassungsrichter entscheiden, dass Leben nicht gegeneinander aufgerechnet werden dürfen. Wenn jedes Leben gleichrangig neben dem anderen steht, dann verbietet sich die Rechnung mit 164 geopferten Leben, um 70.000 andere Leben gerettet zu haben.
Jedem einzelnen dieser Überlebenden sollte sich dann die Frage stellen:

„Wie rechtfertige ich mein Überleben vor mir selbst, wenn doch 164 andere dafür sterben mussten?“

Für jeden einzelnen der 70.000 Menschen starben im Szenario von Schirach 164 Menschen. Wie wäre das Urteil ausgefallen, wenn also 11.480.000 Leben geopfert worden wären, damit 70.000 andere weiter leben können? Schuld hat nicht nur der Pilot auf sich geladen, der das Passagierflugzeug abgeschossen hat. Jeder einzelne überlebende Mensch steht in der Schuld der 164, die dafür das Leben ließen. Möchten Sie mit dieser Bürde weiterleben?

Und was ist überhaupt mit den Kindern ? Im Flugzeug, wie im Stadion? Was, wenn eines ihrer Kinder im Stadion und eines im Flugzeug gesessen hätte? Welchen Platz hätten Sie bevorzugt und wie hätte ihr Leben ausgesehen, wenn sie überlebt hätten?

In einer Woche, die von Behördenversagen nur so überquoll, verleitet uns das Schauspiel zur Milchmädchenrechnung. Zur Annahme, Behörden oder einzelne Soldaten würden richtige Entscheidungen fällen, weil uns doch das Endergebnis in diesem Fall so einfach verständlich erscheint. Es wird gar von Soldaten eine Grundgesetzänderung gefordert, damit es gar nicht erst zur Schuldfrage kommt.

Doch dass wir uns damit auf die gleiche Stufe des respektlosen Umgangs mit dem einzelnen Menschenleben begeben, wie die Terroristen selbst, die unsere Werte verachten, bemerken die 87 % der Dafür-Fraktion nicht. Wie zynisch, mit nur einem Attentäter 164 Leben zu vernichten – und dass auch noch nicht einmal selbst, sondern durch den Feind, der seine eigenen Leute aus Angst auch noch selbst tötet.

87% erhielten heute den Eindruck mit ihrer Entscheidung richtig gehandelt zu haben. Diese Mehrheitsillusion wurde auch noch durch die Redaktion von “Hart aber fair” dahingehend gefördert, dass nicht noch einmal abschließend das Urteil schuldig – so, wie es verfassungsgerichtskonform hätte gefällt werden müssen – gezeigt wird.

Für einen Abend hat der Wahnsinn des Krieges Einzug in ihre Wohnzimmer gehalten. Lassen Sie sich bloß nicht darauf ein.

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